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Fethi Benslama: Psychoanalyse des Islam

Cover Fethi Benslama: Psychoanalyse des Islam. Wie der Islam die Psychoanalyse auf die Probe stellt. Matthes & Seitz (Berlin) 2017. 351 Seiten. ISBN 978-3-95757-338-4. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Autor

Fethi Benslama wurde 1951 in Tunis geboren. Er ist Psychoanalytiker und Professor für Psychoanalyse an der Université Paris-Diderot und Mitglied der tunesischen Akademie der Wissenschaften. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema, u.a. bei Matthes & Seitz „Der Übermuslim. Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt“.

Thema

Untersuchung über die Krise des Islam und der islamischen Kultur innerhalb der Moderne aus psychoanalytischer Perspektive.

Entstehungshintergrund

Die fundamentalistischen Strömungen und die weltweite Konjunktur des islamischen Extremismus werden als Zeichen der Krise des Islam verstanden. Der Leidensdruck durch das Verbot der Lust provoziert Ambivalenzen, weckt Aggression – bis hin zum Terror. Unter Bezugnahme auf die Gründungsmythen und Glaubenspraktiken sieht der Autor die Stellung der Frau als eine Quelle der Angst vor Veränderung.

Aufbau und Vorwort

Nach dem Vorwort (4 Seiten) folgen vier große Abschnitte:

  1. Die Qual der Quelle (103 Seiten),
  2. Die Verstoßung vom Ursprung (57 Seiten),
  3. Lebensschicksale der anderen Frau (76 Seiten),
  4. Vom Er zum Er (74 Seiten).

Nachwort (5 Seiten)und Anmerkungen ergänzen diesen Aufbau.

Zum Vorwort. Überlegungen zu Freuds Arbeiten zum Monotheismus, insbesondere „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ und den Grundlagen der menschlichen Gesellschaft, insbesondere bezogen auf den Vater und der Gegensatz des Judentums zu den Ursprungsmythen des Islam.

Zu I. Die Qual der Quelle

Benslama beginnt mit der Erinnerung an die Grenzüberschreitung des Habib Bourguiba, indem dieser zu Beginn der 60er Jahre mitten im Ramadam vor laufender Kamera auf die Gesundheit des Volkes trank. Die Handlung habe eine Generation veranlasst, sich entweder einem in sich abgeschlossenen oder einem unendlich offenen Islam zu widmen. Es entwickelte sich der Wunsch nach einer Rückkehr zum Goldenen Zeitalter der Gründung und gleichzeitig die Verzweiflung, in der Gegenwart leben zu wollen.

Der Widerstand gegen ein Verstehen des Islam im Westen beruhe auf vier Unterschieden: 1. Die muslimische Religion als Glaube, Dogma, Ritual. 2. Die kulturellen Verschiedenheiten (Art zu leben), 3. Der normale Fundamentalismus unter Berufung auf die strikte Anwendung der islamischen Vorschriften, 4. Der Islam als Ideologie und Regierungssystem. Als Psychoanalytiker nimmt Benslama an der „Revolution der modernen Interpreten“ teil und bemerkt gleichzeitig, dass diese im Islam nicht stattgefunden hat. Die Moderne sei im Islam nur eine Nachahmung (Kulisse), was sich insbesondere in der Rushdie-Affäre (1989) gezeigt habe. Den Wunsch, zu den Ursprüngen zurückzukehren, verbindet der Analytiker deutend mit der inneren Leere des mit 4 J. vaterlos und bald darauf völlig verwaisten Kindes Mohammed (Traum von drei Männern, die ihm das Herz herausnehmen). In Zukunft erlangt er das Eigene nur über das Fremde, über die Entzifferung von Texten (Geschichte von Hagar und Ismael), die eine genealogische Kette zu Abraham herstellen, aber in der Weitergabe auch der Diskontinuität der Geschichte ausgeliefert sind. Es kommt zu einem Bruch zwischen der Logik der Wissenschaft und der Logik des Glaubens, kontrovers dargestellt in den ‚Satanischen Versen‘. In der Tradition erscheint Satan als der Versucher, der das männliche Eine mit einem weiblichen Einen teilen möchte.

Am Beispiel der ‚Satanischen Verse‘ zeigt Benslama, dass die Fiktionalisierung der religiösen Wahrheit nicht nur zu einer verrückten Profanisierung führt, sondern zu einer Überhöhung des Propheten und damit zu „einer Erschütterung der Beziehungen zwischen Wahrheit, Sprache und Subjekt“. Die literarische Fiktion inszeniert die Wahrheit der Quelle i.S. einer Wiederkehr des inzwischen kollektiv Verdrängten, die zeitlich in den Prozess der Moderne fällt. Es geht nicht um Blasphemie, sondern eine Interpretation der kollektiven Ursprungsszenen in der Sprache der Metaphysik. Die Religion ist aber nach Freud nicht einfach eine Fiktion, sondern eine Illusion, die Kraft gibt und ihren Ursprung in der infantilen Not des Verlassenseins hat: Man wünscht sich den allmächtigen Vater, der über einem wacht. Sie knüpft also an etwas Reales an, die historische Erfahrung absoluter Hilflosigkeit: Das Unmögliche (Hilflosigkeit) wird mit Unmöglichem beantwortet, oder mit der „Wirklichkeit des Imaginären“.

Das Konzept der Rückkehr zu den Quellen ist das Herzstück der islamischen Hermeneutik, des weiteren die Autorität der Exegeten und die Deutung, die das Tote lebendig macht, eine Rückkehr von wahnhaftem Charakter zur Religion Abrahams: Mohammed ist das letzte Glied einer Kette, die bei Adam beginnt, den Ursprung verewigt und spirituell Melancholie und Zuversicht (Messianismus) vereinigt.

Der Körper der Frau stellt diese spirituelle Wahrheit und das daraus abgeleitete Gesetz des ursprünglich göttlichen und allmächtigen Vaters infrage. Die Frau zieht mit ihrem Körper die Blicke – phallisch obszön – auf sich und verbreitet eine krankhaft ansteckende Epidemie, die den Ursprung aus dem Einen/Göttlichen/Männlichen (obgleich Gott ohne Geschlecht gedacht wird!) leugnet; daraus ergibt sich die Verschleierung. Das Heilige und Verbote (haram) werden im Arabischen mit demselben Begriff bezeichnet und haben gleiche Wurzeln wie Wohnung und Ehefrau; während ‚Islam‘ u.a. gesund, unberührbar und unversehrt bedeutet und die Pflicht zum Entzug, da jedes Lebewesen ein Spiegel Gottes ist. Der Entzug wird zum Genuss in Form von Gehorsam und Unterwerfung und unter Ausschluss des weiblichen Genießens. Bis 1960 basierte das Bekenntnis eines Gläubigen auf dem Koran und der rituellen Tradition. Inzwischen haben sich wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Argumente mit theologischen Gedanken vermischt, indem z.B. die rituellen Waschungen mit Hygiene begründet werden; der Szientismus hat den religiösen Diskurs infiltriert. Die theologisch-politische Konzeption verbietet aber jede ethische, rassische oder regionale Unterscheidung und ist deshalb kaum von einem islamistischen Nationalismus zu unterscheiden, der den im Kampf Gefallenen den Status eines Märtyrers verleiht. Die Religion hat Einzug in die Politik genommen, verstärkt durch die Anziehungskraft einer Perspektive des Weiterlebens nach dem Tod: eine Mixtur aus Theologie, Szientismus und Populismus. Gleichzeitig verändert sich das Religionsverständnis, da in Teilbereichen eine Rückkehr zur Buchstäblichkeit des Textes und des Ritus stattfindet.

In der infantilen Erfahrung wird eine narzisstische Wunde geheilt durch das Festhalten am idealisierten Objekt des Ursprungs, vergleichbar mit der Rückkehr des Religiösen. Geistliche Aussagen werden – modernisiert – in Wissenschaft übersetzt (Inzestverbot und Gentechnik); anstelle des Verbots tritt die Anerkennung der biologischen Ursache. Die notwendige „Kulturarbeit“, eine kritische Aufarbeitung der Überlieferung findet nicht statt. Religiös kehrt der Mensch als Spiegel Gottes in der Liebe und im Tod zu Gott zurück, während die Welt ohne das Spiegelbild Gottes sinnentleert ist und auch der Tod seinen Sinn verliert.

Die Auflösung führt dazu, dass sich der Mensch nicht mehr um die Achse eines ewigen vertikalen Ursprungs dreht, sondern horizontal ohne Orientierungshilfen oder in Form einer totalitären Ideologie gegen die Ökonomie des Genießens. Der Kulturwandel betrifft Genießen, Alterität, Tod und Wahrheit und die Arbeit an Bindungen untereinander und zwischen Subjekt und Kollektiv. Diese Arbeit ist erschwert durch den rasanten Wandel, die technisch-ökonomische Entwicklung und den Funktionsverlust des Menschen: Verlust seiner Identität und identifikatorischen Verankerung mit der Folge von Entsubjektivierung und Verzweiflung (in der islamischen Sprache ist das keine Kategorie der Politikwissenschaft). Modernität als entwickelte Kultur ist zu unterscheiden von Modernismus als einer Imitation der Modernität: Nicht mehr das Vergangene und noch nicht das Künftige, ein Nihilismus, der zu einer Logik des Neuanfangs/Geburt führt: Der e i n e Vater qua Abstammung, der natürliche Vermittler der Politik Gottes, ist nach der Befreiung des Subjekts der Moderne auch als stellvertretendes „Vateroberhaupt“ und Ich-Ideal entthront. Die Vielzahl der dann möglichen Identifikationsobjekte lässt das Ich zu einem multiplen Ich werden (James Joyce, Salman Rushdie). Ursprüngliche Zugehörigkeiten (Familie, Clan, Religion, Region usw.) standen für Identität, deren Dekonstruktion führt zu gewaltsamer Desintegration, was Aggression nach Innen und Außen weckt. „Die islamistische Ideologie ist die Antwort auf die Entsubjektivierung in Form eines Gemisches von Illusionen.“

(Es folgt noch ein Postskriptum ‚Nach dem 11. September‘.)

Zu II Die Verstoßung des Ursprungs

Nach Freud hat die Wiedergewinnung des Urvaters, nachdem er durch Juden und Christen in Vergessenheit geraten ist, im Islam eine außerordentliche Hebung des männlichen Selbstbewusstseins bewirkt. Modell ist die patriarchale Familie von Abraham und den beiden Frauen Sarah und Hagar. Der Kampf zwischen dem dunklen (teuflischen) und erhabenen Gott, symbolisch für das menschliche Begehren und die Symbolik des Vaters. Die Genese des Stammvaters läuft im Islam über Abraham, der sich ‚al-muslimin‘ (Unterwerfung) einem einzigen Gott unterworfen hatte. Mohammed stammt in der väterlicher Linie von ihm ab und das Ritual der jährlichen stellvertretenden Sohnesopferung geht auf ihn zurück.

Ismael, als Vater der Araber, ist nach der Verstoßung mit seiner Mutter Hagar dem Tod durch Verdursten nahe, als Gott, nachdem Hagar mit ihm gesprochen hat (bislang ein männliches Privileg!), ihnen eine Quelle zeigt und dem verstoßenen Sohn die Verheißung eines großen Volkes gibt: Eine Dialektik des Verlassenseins und der Rettung. Die Namensgebung, Ismael und Ismaeliten (Araber) gilt als eine Übersetzung des dritten Vaters Mohammed, der – wie Moses nach Freud als Ägypter in den jüdischen – in den arabischen Stammbaum aufgenommen wurde. Der Vater in einer jungfräulichen Beziehung von Identität und Konsubstantialität ist somit gleichzeitig der Vater der Abstammung (Urvater), der Vater-eines-Volkes (der Sohn) und der Vater-der-Übersetzer (Leser), und als solcher eine Einheit von Ungeschlechtlichkeit, Aussschließlichkeit, Einsprachigkeit.

Hagar wird biblisch zweimal erwähnt: Einmal auf der Flucht und der Rückkehr auf Befehl des Engels und zweitens anlässlich der Aussetzung mit ihrem Sohn in der Wüste. Sie ist die Frau, die dem Mann von Sarah ein Kind gibt mit dem Namen Isma´El (Gott erhört) und die von Spinoza ‚Prophetin‘ genannt wurde. Im Juden- und Christentum ist Hagar, wenn auch negativ, präsent. Die Unmöglichkeit von Sarah, ein Kind zu bekommen, wird gelöst, indem Gott selbst – durch sein Wort (!) – Sarah schwanger macht (wie auch später Maria) und Isaak somit nicht der Sohn des Stammvaters Abraham ist, sondern des göttlichen Urvaters, zwei verschiedene Prinzipien des Ursprungs: ein auf natürliche und ein kraft des Geistes gezeugter Sohn. Zwei Prinzipien der Vaterschaft, von der Abraham die sexuelle Frau (Hagar) verstößt; damit haben Sexualität und Frauen keinen Platz am Ursprung des Gesetzes und der islamischen Gemeinschaft.

Mohammed sieht die Verbindung zwischen seiner eigenen (idealisierten) monotheistischen Konzeption und dem Glauben Abrahams in einer ‚symbolischen Befruchtung‘ durch den Befehl des ‚lies‘ im biblischen Archiv mit der Folge, dass im Koran Ismael ein Dutzend Mal, Abraham 78 Mal erwähnt wird und Hagar nicht (Ausstoßung aus dem Gründungstext), die als Ahnin – verachtete Frau (Dienerin) – der stolzen Männer auch nicht infrage kam; es wird stattdessen für Sarah Partei ergriffen. Vater und Sohn und ihre Aussöhnung symbolisieren das ‚Haus Abraham‘, und nicht eine ‚heilige Familie‘.

Damit wird das Trauma der Menschheit symbolisiert: Die Verlassenheit, aus der das Heil entsteht, christlich in Gestalt von Tod und Auferstehung. Hagar wird in der Tradition zu der perversen Frau, die sich zwischen Vater und Sohn stellt und die monotheistische patriarchale Familie spaltet, so wie auch Abraham später – in einer Überlieferung (at-Tabari) – die Familie seines Sohnes spaltet.

Zu III Lebensschicksale einer anderen Frau

Die geistliche Marginalisierung von Hagar hat Folgen, ihr Double ist Sarah, die andere Frau. Hagar genießt ihren Körper beim Empfang des Namens Ismael und genießt auch das Fremd- und Anderssein von Abraham. Der Schatz, der Same des Mannes, wird bei ihr zwar hinterlegt, aber: nach dem Gesetz des Vaters. Die Spaltung der Frau in die begehrende, erotische und die, die den Samen empfängt, weckt Eifersucht zwischen den Frauen (obgleich auch gegensätzliche Kräfte in einer Frau (?)).

Welchen Platz hat die Frau in der Gesellschaft des Islam? Die, die den Schleier trägt und dem rechtmäßigen Vater als Gefäß für seinen Samen/Sohn dient, oder die erotisch unverschleierte, die in die Wüste geschickt wird, weil sie aus dem Herrn einen Diener macht, der i h r Begehren erfüllt und gleichzeitig im Orgasmus nicht mehr Herr über sein eigenes Begehren (Herr seiner selbst) ist. Das Kopftuch, äußerlich gesehen eine Banalität, hat wegen der hohen (unbewussten) symbolischen Bedeutung in Frankreich einen heftigen Streit ausgelöst. Die Zurschaustellung des Körpers der Frau, ihre erotisch-sexuelle Ausstrahlung, verführt, die Vaterschaft zu globalisieren und dabei die einfache und geradlinige genealogische Kette aufzufasern. Theologisch muss der Körper der Frau den Blicken entzogen werden, weil er den Blick vom Vater (Ursprung) ablenkt und gleichzeitig den sehenden Blick der Frau fürchtet (die Eifersucht des Mannes auf die Beziehung zwischen Mutter und Sohn). Der Mann verkennt seine eigene Leidenschaft, fühlt sich geblendet von einem Licht (Anziehung), das er projektiv im anderen sieht, nicht aber in sich selbst.

Die Geschichte des Islam beginnt mit der Entschleierung der Frau und dem Attentat auf die Schamhaftigkeit eines Engels (im Gegensatz zum Dämon), zwei Seiten der gleichen theologischen Medaille: Die Wahrheit wird enthüllt und bekämpft. „Die Frau glaubt, was sie nicht sieht, während der Mann nicht glaubt, was er sieht“ (Freud würde von Kastrationsangst sprechen). Die Frau verfügt über ein Wissen, das dem des Religionsgründers vorausgeht und rettet mit ihrer Entschleierung den Mann, dessen Narzissmus problematischer ist als der der Frau, die die Wahrheit schon kennt (oder keine Angst vor der Wahrheit hat). Der erste Muslim war eine Muslima, Chadidscha, die 20 J. ältere Frau, die an den Propheten glaubte.

Weil sie den Schleier trägt, braucht die Frau (die Wahrheit) nicht verbrannt werden, meint Benslama. Im Alter von ca. fünfzig Jahren nach dem Tod Chadidschas, wurde der Prophet polygam. Die Schwäche des Mannes, die Sicht auf die Frau nicht vermeiden zu können (Verwirrung), wird durch die Verschleierung kompensiert.

Politisch wird im Westen die De-Monstration aber als Monstration verstanden und „das Verbot verboten“, obgleich es eine private und subjektive Angelegenheit des Glaubens ist. Findet eine Entschleierung des Okzidents statt? Die beiden Seiten der Frau: Gehilfe des Engels oder des Dämons. Der Prophet ging von der 20 J. älteren mütterlichen Chadidscha über zu sexuell begehrten und begehrenden Frauen, was der unschuldigen Reinheit (Jungfrau Maria) widerspricht. Theologisch wird die Frau als negative Macht dargestellt, die zwischen Wahrheit und Lüge, Vernunft und Unvernunft unterscheiden kann. Sie vermittelt zwischen dem Mann und dem Engel und hat ein körperliches Wissen, das nicht aus der Sprache kommt, ihre Identität stellt jede andere Identität infrage. Theologisch wird sie zur Lügnerin und Betrügerin gemacht, weil sie symbolisch narzisstische Barrieren zum Einsturz bringt; sie hat über ihren Körper ein Wissen, das dem des Propheten und des Stammvaters Abraham vorausgeht. Ihre – phantasierte – unersättliche Genussfähigkeit erfordert die Kontrolle vonseiten des Mannes, weil sie seine Schwachstelle (Potenz) anspricht. Das Tabu der Virginität soll dem Mann Kontrolle über die Frau geben als ihr Einziger, und Letzter.

Die Geschichten aus ‚Tausenundeiner Nacht‘ lassen sich als ein Ausstreichen des Genießens der Frau verstehen. Eine Frau kann verrückt machen und zur Vernunft bringen, ihre Untreue kann den Mann zum Wahnsinn treiben, da sie sich seiner Kontrolle entzieht (Ohnmacht), und gleichzeitig mit den anonymen Kräften der Sprache, symbolisiert durch ein Kind, die Männer von der Tyrannei des absoluten Genießens befreit, weil die Frau zwischen dem „Anderen“ und dem „ des Anderen“ unterscheiden kann.

Zu IV Vom Er zum Er

Eine Kultur ist nicht nur auf Vernunft gegründet, sondern auch auf Gefühle. In ‚Tausendundeiner Nacht‘ wird die Leidenschaft der Maßlosigkeit und die Befreiung davon inszeniert. Untersuchungen über die Geografie der Metapsychologien sind nach Benslama notwendig, um die irreparable Beleidigung des „Herren-Narzissmus“ zu verstehen, der sich die ewige Jungfrau wünscht ohne die Spur eines anderen, ja selbst wenn die Spur von ihm kommt. Das zielt im Kern auf eine Verleugnung des Begehrens oder einen (unmöglichen) Zugang auf das ewig primäre unbefleckte Objekt. Die Verdrängung des Weiblichen und die Sackgassen des männlichen Narzissmus und dessen Gewalteffekte sind Themen in ‚Tausendundeiner Nacht‘. Die Beziehung von Trennung und Vereinigung, sobald zwei Männer zusammen sind, ist mit Gewalt verknüpft: Die Opferung (Vater und Sohn), die Tötung der Gleichgestellten (die Brüder), die Vernichtung (das Kind), die Deklination der Individualität geht nach dem Muster (eins, zwei, eins): der Gründer und sein Erbe gehen auf in der Gemeinschaft (der Männer).

Das Opfer wird im Judentum und Christentum nicht realisiert, aber ersetzt. Der Islam lehnt den Wunsch ganz ab. Dennoch wird das Sohnesopfer Abrahams rituell jedes Jahr inszeniert, im Islam interpretiert als ein Rraumwunsch von Abraham, als Befehl Gottes von dem Kind Isaak. Geht es um das Kind im Vater, das meint Träume, auch destruktive, wahr machen zu müssen? Erst diese Deutung führt zum Mord und verhindert das stellvertretende Opfer.

Es folgt eine längere Interpretation der Moseslegende: Moses, nach Freud, ein Ägypter, der zum Führer eines fremden Volkes geworden ist, ist im Koran in väterlicher Linie Jude und ein ‚Gesprächspartner Gottes‘ beim Empfang des Gesetzes und eine Heldenfigur durch seine Taten. Er ist das gefährdete Kind, das sein Überleben einem vorübergehenden Aussetzen des Massakers an den Juden verdankt und dem Wechsel von der leiblichen zur Stiefmutter, der Frau des Pharao, die wiederum seine Mutter als Amme einstellt, eine heilbringende Aufteilung zwischen ‚Gebärerin (?) und Ernährerin‘. Zudem kehrten die reinen Seelen der unschuldig ermordeten jüdischen Kinder zu Moses zurück (göttlicher Gunstbeweis), was Erinnerung, Kraft und Lebendigkeit verheisst, denn das Kind spricht im Mann Moses, der später die Macht der getöteten Kinder übernimmt. Das Kindsein als Macht und Aufbegehren gegen die Knechtschaft: „Das Kind (im) Volk“ ist dieses Kapitel überschrieben.

Es folgt dann der Brudermord von Kain an Abel, der in der islamischen Version den Hass von Kain, der seine Zwillingsschwester heiraten und Inzest begehen will, auf die Unschuld von Abel als Vertreter des Gesetzes enthält, u n d den unbewussten (!) Hass von Abel, den Mord nicht zu verhindern, weil er – selbst im Tod – über den Bruder als Hüter des Gesetzes (Märtyrertum) triumphiert. Der Narzissmus von Kain trifft auf den Narzissmus des Ich-Ideals des Bruders, der Befriedigung, nicht wie Kain in der Sexualität, sondern im Tod/Opfer findet.

Gott wird im Islamischen ‚huwa huwa‘ genannt, ‚Er Er‘ oder ‚Er ist Er‘, Spiegelbild einer absoluten Identität und Einheit, die ein Mensch-Vater auch mit dem Kind-Sohn imitieren kann. Was geschieht, wenn dieses System der Identifizierung mit Gott unwirksam wird? Wenn Gott abwesend ist? Das Personenrecht im Islam ist an der persönliche Würde (Tugend, Ehre, Unantastbarkeit), dem individuellen Wert (erworben oder geerbt) und der Abstammung (familiär- und clanbezogen) orientiert: Leben, Güter, Ehre. Individualität als Identifizierung mit Gott oder dem Kinder-Erzeuger-Gott, aber nicht als persönliche Individualität und absolute Differenz. Stattdessen das Subjekt, das sich unterwirft (den Pflichten, Verboten, Regeln einer theologisch-politischen Organisation). Der Vater sieht im Sohn ein zweites Selbst, bildet eine Einheit mit ihm und schenkt ihm eine ‚Liebe von Sich zu Sich‘: Das eigene Bild steht zwischen dem Selbst und dem Spiegel. Da Gott bei der Zeugung des Sohnes geholfen hat, enthält das Vater-Sohn/Tochter-Verhältnis etwas von dem Göttlichen ‚huwa huwa‘, Er ist Er, nach dem Vorbild der göttlichen Identität, wobei die Mutter nicht ausgeschlossen ist und auch als ‚Vater‘ betrachtet werden kann. Das Vorbild für das Individuum bleibt eine Identität nach dem Vorbild der Identifizierung mit Gott.

Ein System, das sich gesellschaftlich und politisch an einer Identifizierung mit Gott ausrichtet, widerspricht dem Grundgedanken einer psychoanalytischen Theorie, der Trennung von Familie (Privatsphäre) und der politischer Gemeinschaft (Zivilgesellschaft). In einem Exkurs über Gemeinschaftsbildung kommt Benslama zu dem Schluss, dass bei der Gemeinschaft bildenden umfassenden Liebe im Islam sowohl das Geheimnis des Anderen wie auch das Geschlechterverhältnis (Intimität) fehlt, sodass „das Gemeinsame der Gemeinschaft von jeher das Unmögliche ist“.

Zum Nachwort

Es geht dem Autor um die Gründe für die aktuelle Krise des Islam, die er mit der psychoanalytischen Methode (unbewusste Mythen und Motive) untersucht. Die Erfahrung von Triebkräften, Schuldgefühl und das Auseinanderfallen festgefügter Bindungen können von der Sprache nur ungenügend erfasst werden. Im Fall eines katastrophalen Versagens von Toleranz wird Wahn und Destruktion freigesetzt. Seit gut zwanzig Jahren erlebt der Islam eine Zäsur, ein hastiges Abschneiden von seiner Geschichte durch eine Elite, die die Moderne nicht in die Sprache des einfachen Menschen übersetzen kann oder will. Die dennoch stattfindende Entlegitimierung der Genealogie und die Identifikation mit der Moderne stellt eine Plünderung von beispielloser Brutalität dar. Die religiös/ideologisch verarmten Menschen wurden in einen Prozess der „Entsubjektivierung“ (Herabsetzung des Selbst) hineingestoßen und einer innersten Bedrohung schutzlos ausgesetzt. Auf der verzweifelten Suche nach Identifikationsmöglichkeiten greift der Islamismus nach dem Schleier des Ursprungs, dem magischen Kern des identitären Mythos. Das Gespenstische taucht im Realen wieder auf: Dem Gesetz wird das Verbot der Interpretation überlassen und das Gemeinsame der Gemeinschaft um den Körper eines Märtyrers angeordnet. Der Islamismus ist nicht der ganze Islam, aber auch keine bloße Abirrung. Benslama versucht, den Ursprung des Islam in die Sprache der Dekonstruktion Freuds zu übersetzen, Traditionen neu zu lesen und aufzuzeigen, wie der Zugang durch Verdrängung beeinflusst und behindert wird. Ein Nervenzentrum der Verdrängung ist die weibliche Alterität, beginnend mit Hagar, und daran anschließend die repressive Verkettung des weiblichen Geniessens mit dem Teuflischen als Geheimnis der islamischen Institution. Das Rätsel des Vaters in seiner Nicht-Beziehung zu Gott, im Gegensatz zu den beiden anderen monotheistischen Religionen: Gott ist keine Repräsentation des Vaters, man darf ihn auch nicht als Vater ansprechen, eine genealogische Wüste breitet sich zwischen Gott und Mensch aus.

Für die Psychoanalyse steht die Beziehung Gott-Vater im Zentrum der Konstruktionen. Ausgehend von dem Umherirren in der Wüste sind die Menschen gezwungen, solidarisch zu sein, Gemeinschaften zu bilden, auf denen das Politische aufbaut. Es gibt entweder den Nihilismus des „Es gibt nichts“ oder das totalitäre religiöse Trugbild. Die Zerstörung dieser Illusion produziert Unsicherheit und einen Zuwachs an Öde (Nietzsche), aus der aber auch der Baum einer anderen Zukunft wachsen kann.

Diskussion

Ein poetisch, weit ausschweifendes Buch mit Bildern, Geschichten, mythischen Erzählungen und rituellen Inszenierungen, die in eine, dem Europäer fremde Welt, die sich inzwischen auch mitten unter uns etabliert hat, führt, mit ihrem Reichtum an Traditionen und Lösungsangeboten der fundamentalen Fragen nach dem Sinn des Lebens des Einzelnen und der Gemeinschaft. Die methodischen Wechsel zwischen Textinterpretation (Hermeneutik), religiöser Dogmatik, soziologischen Gesellschafts- und Politikmodellen und -analysen und tiefenpsychologischen Deutungen (die religiöse narzisstisch begründete Angst des Mannes vor dem weiblichen – fremden – Körper) setzen beim Leser ein hohes Maß an Beweglichkeit voraus, sich dem Fremden – mit nicht ermüdendem Interesse – zu nähern. Ich bin dabei zeitweilig an meine Grenzen gestoßen und habe mit einer gewissen Erleichterung, als ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennen konnte, die Zusammenfassung am Ende gelesen, ein Vorgehen, das ich auch dem mit der Materie nicht vertrauten Leser empfehle.

Interessant sind die unterschiedlichen Interpretationen von ähnlichen Mythen, wie z.B. der Mythos von Moses oder von Kain und Abel, die Akzentverschiebung des Bruderzwists von Gottvater auf die inzestuös begehrte Frau und die Entdeckung des Destruktiven im absolut Guten, das sich selbst narzisstisch gesetzestreu erhöht, indem es den Anderen der Hölle ausliefert.

Das Ideal scheint mir die Kopfgeburt eines Gottes zu sein, der keine menschlichen Züge trägt und sich allein durch das Wort mitteilt, verkündet von seinen Boten. Einzig allein von einer Frau (Hagar) wird dieser Gott ohne Scheu angesprochen und auf seine Verpflichtung angesprochen (begegnet sie ihm auf Augenhöhe?), einer Frau, die offensichtlich den Neid auf ihre Gebärfähigkeit (das Wort taucht übrigens im Text nicht auf) nicht fürchtet, aber auch nicht die Quelle – den Beitrag des Mannes – verleugnet, aus der alles Leben entspringt. Hagar ist eine erwachsene Frau, die anscheinend auch Abraham erwachsen gemacht hat, obgleich er nicht den Mut hatte, seiner Frau gegenüber dazu zu stehen. Sarah konnte nur mit göttlichem Beistand den Sohn Isaak empfangen, der in der Genealogie, wie Benslama nachweist, das Kind im Vater Abraham vertritt, dessen Mord ihm nicht Gott befiehlt, sondern die Phantasie seines Unbewussten. Dieses Kind als Vertreter des Gesetzes verleitet den Vater zum Mord und korrumpiert ihn damit als Vater, wie Kain durch Abel korrumpiert wird.

Wenn man die Geduld aufbringt, dem Autor in eine teils fremde, teils aber auch wieder vertraute Welt der Gefühle von Neid, der Eifersucht, narzisstischen Enttäuschungen, Kränkungen und Zurücksetzungen, Größenphantasien und des schmerzlichen Abschieds von Illusionen zu folgen, wird selbstkritisch erkennen, dass die Konflikte und die Mythen, auf die man sich stützt, einerseits ein Spezifikum einer bestimmten Kultur oder Religion sind, andererseits im Kern, trotz der verschiedenen Lösungsansätze in anderen monotheistischen Religionen ebenfalls um die Kernthemen von Angst, Ohnmacht, Verlassensein oder Geworfensein ins Nichts kreisen, das unbewusst, scheint mir, der Leben spendenden Frau/Mutter angelastet wird.

Fazit

Fremde Kulturen und Religionen zu verstehen wird in der globalen Welt immer wichtiger. Das setzt Offenheit und Interesse für die Perspektive des Anderen voraus, die geprägt wird durch frühkindliche Erfahrungen der Geschlechter- und genealogischen Verhältnisse und die Gesetze und Rituale die daraus abgeleitet werden. Die überlieferten Traditionen sind der Herausforderung der Beschleunigung durch die technischen Möglichkeiten einer globalen Welt nicht gewachsen und verlieren ihre durch gemeinsame Werte und Hoffnungen begründete Gemeinschaft bildende Kraft. Die Flucht eines ‚Zurück zu den Ursprüngen‘ ist Ausdruck der Angst vor der Heimatlosigkeit in einer Moderne, die zwar technische Möglichkeiten, aber keine Visionen, Vorstellungen und Hoffnungen anbieten kann, die auf einen gemeinsamen Ursprung und eine gemeinsame Zukunft hinweisen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 12.01.2018 zu: Fethi Benslama: Psychoanalyse des Islam. Wie der Islam die Psychoanalyse auf die Probe stellt. Matthes & Seitz (Berlin) 2017. ISBN 978-3-95757-338-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23607.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


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