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Barbara Menke, Wibke Riekmann (Hrsg.): Politische Grundbildung

Cover Barbara Menke, Wibke Riekmann (Hrsg.): Politische Grundbildung. Inhalte – Zielgruppen – Herausforderungen. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2017. 160 Seiten. ISBN 978-3-7344-0540-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Non-formale politische Bildung, Band 12.
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Thema

Die beiden Herausgeberinnen Barbara Menke und Wibke Riekmannwidmen sich einem relativ neuem Thema, nämlich dem Zusammenhang von politischer Grundbildung als Bestandteil von Grundbildung – sowohl aus theoretischer Perspektive als auch im Hinblick auf die praktische Bildungsarbeit. Mit ihrem Sammelband wollen sie diese Diskussion forcieren und zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Inhalten, Begriffen, Konzepten und Zielgruppen von politsicher Grundbildung einladen und auch Beispiele für die praktische Umsetzung politischer Grundbildung präsentieren.

Politische Grundbildung verfolgt nach Auffassung der Autorinnen das Ziel, „Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen von politischer Teilhabe ausgeschlossen sind oder ausgeschlossen werden, eine bessere politische Partizipation zu ermöglichen.“ Die Beiträge wollen dazu anregen, Grundbildung kritisch zu reflektieren und zu hinterfragen, wer mit welchen Interessen (politische) Grundbildung definiert, fördert und ausgestaltet.

Herausgeberinnen

Barbara Menke hat ihr Studium der Geschichte und kath. Theologie mit dem Staatsexamen Sek. II abgeschlossen. Sie ist Bundesgeschäftsführerin von ARBEIT UND LEBEN und Vorsitzende des Bundesausschuss Politische Bildung e.V. (bap). Zu ihren Arbeitsschwerpunkten zählen Grundsatzfragen der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, Professionsentwicklung sowie Entwicklung von Projekten im Weiterbildungsbereich.

Wibke Riekmann ist Professorin für Theorie und Praxis in der Sozialpädagogik an der MSH Medical School Hamburg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die demokratische und die politische Bildung, Jugend- und Jugendverbandsarbeit, Engagement und Ehrenamt sowie die Literalitätsforschung.

AutorInnen

Weitere Autor*innen sind: Uwe H. Bittlingmayer, Anke Frey, Helmut Bremer, Caroline Duncker-Euringer, Jürgen Gerdes, Anke Grotlüschen, Christina Herrmann, Barbara Menke, Natalie Pape, Sonja Puchelski, Wibke Riekmann, Ahmet Sinoplu, Christine Zeuner.

Aufbau

Die Herausgeberinnen haben ihr Buch in zwei große Teile gegliedert:

    Theoretische Diskussionen“
  1. Was ist Grundbildung? (Caroline Duncker-Euringer)
  2. Was ist/was gehört zur politischen Grundbildung? (Christine Zeuner)
  3. Literalität und Partizipation als milieuspezifische soziale Praxis (Helmut Bremer, Natalie Pape)
  4. Politische Grundbildung und Globalisierung: Das OECD-Konzept „Global Competence“.
    Eine kritische Würdigung (Anke Grotlüschen)
  5. Menschenrechtsbildung als Thema politischer Grundbildung. (Jürgen Gerdes, Uwe H. Bittlingmayer)Praxiserfahrungen“
  6. Potenziale wertschätzen, freilegen und transformieren: Politische Grundbildung bei ARBEIT UND LEBEN (Sonja Puchelski)
  7. Politische Grundbildung mit Menschen in prekären Lebenslagen (Christina Herrmann)
  8. „Dass man Teil der Gesellschaft ist und mitwirken und mitgestalten kann“ – Erfahrungen zu politischer Grundbildung in der interkulturellen Jugendarbeit (Anke Frey, Ahmet Sinoplu)

Hinzu kommen das Vorwort der Herausgeberinnen und die Informationen zu Autorinnen und Autoren.

Anliegen beiden Herausgeberinnen ist es, die Leerstelle, die bislang in Bezug auf die politische Grundbildung besteht, definitorisch zu füllen und eine Debatte über Inhalte, den Begriff, seine Implikationen, die Zielgruppen etc. zu füllen. Ausgangspunkt waren für sie unter anderem die LEO-studie zu funktionalem Analphabetismus von 2011, in deren Folge sich die Frage ergeben hat, „ wie es verhindert werden kann, dass unsere parlamentarische Demokratie und zivilgesellschaftliche Beteiligung allein zu einer Sache gut situierter, sprach mächtiger beziehungsweise akademisch gebildete Schichten wird und wie es gelingen kann, den Teil der Bevölkerung wieder näher an die politische Partizipation heranzuführen, der von politischer Teilhabe ausgeschlossen ist oder sich dazu nicht berechtigt fühlt.“ (7).

Zu „Theoretische Diskussionen“

Caroline Duncker-Euringer untersucht in ihrem Beitrag „Was ist Grundbildung?“ diesen genauer und kommt dabei u.a. zum Schluß, dass die Definition von Grundbildung vor allem auch abhängig ist von den Interessen der beteiligten Akteuren sowie den Machtverhältnissen (28). Sie geht davon aus, dass in der Regel Grundbildung im Kontext von Integration und Anpassung an bestehende gesellschaftliche Anforderungen und Erwartungen verstanden wird, und fragt danach, „ob eine auf den Erwerb und die affirmativer Anwendung von Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen limitierte Grundbildung Erwachsener angemessen ist. oder ob es nicht vielmehr weitere Fähigkeiten und Kompetenzen zu fördern wären, die zu mehr politischer Mitsprache Mitgestaltung befähigen. Politische Grundbildung wäre folglich aus dem Grundbildungsbegriff nicht auszuklammern oder auf das Lesen und Schreiben politischer Texte zu reduzieren, sondern an Modelle zu knüpfen, die politische Grundbildung umfassender kollektiver Verantwortlicher konzipieren.“(29).

Christine Zeuner widmet sich in ihrem Artikel der Frage, „Was ist/was gehört zur politischen Grundbildung?“ und spricht sich in Bezug auf Zielsetzung und Ausrichtung für eine Orientierung an den „klassischen“ Prinzipien der politischen Bildung, z.B. in Anlehnung an Hufer, aus. Sie regt an, diese sozialraumorientiert anzulegen und an konkreten Fragen, die die Bewohner*innen eines bestimmten Sozialraums haben, auszurichten. Darüber hinaus solle sich: „politische Grundbildung beziehen auf reale politische Verhältnisse, geprägt sind von Interessen und Machtverhältnissen, die teilweise schwer zu durchschauen sind; von gesellschaftlicher und ökonomischer Ungleichheit; von abstrakten Aufforderungen zu politischen Handeln, das aber häufig als wirkungslos erfahren wird; von raschem gesellschaftlichen, ökonomischen und sozialen Wandel, der bedrohlich wirkt usw;“ (48). In diesem Sinne ist politische Grundbildung nach ihrer Auffassung sogar „eine Notwendigkeit, um den Fortbestand der Demokratie zu sichern.“ (50). Weiterhin: „politische Bildung im Sinne politischer Grundbildung könnte ein Weg sein, über den sich alle Menschen die für Mündigkeit, Autonomie, Selbstbestimmung, Emanzipation notwendigen gesellschaftlichen Kompetenzen aneignen können, um ihre eigene (politische) Identität weiter zu entwickeln und sich selbst als Mitglied eines demokratischen Staates zu begreifen, den es zu gestalten gilt.“ (51).

Helmut Bremer und Natalie Pape fragen danach, inwieweit sich Literalität und Partizipation als milieuspezifische soziale Praxis darstellen. Sie beleuchten in diesem Zusammenhang u.a. die Ergebnisse der LEO-Studie aus der Milieu- und Habitus-Theorie-Perspektive. Sie kommen dabei aufgrund eigener empirischer Untersuchungen zum Schluß, dass „Literalität sowie politische Parizipationsformen eng mit dem Habitus verbunden sind und ‚milieuspezifisch gefärbt‘ sind.“ (65). Sie identifizieren dabei 4 Formen der Literalität

  • angestrengt-ambitionierte Literalität
  • sachbezogen-pragmatische Literalität
  • prätentiös-elaborierte Literalität und
  • eine gelegenheitsorientierte Literalität.

In Bezug auf politische Grundbildung fordern sie Strategien und Konzepte, die den „Umgang mit diesen pluralen politischen Literalitäten (ein)üben muss, um den Selbst- oder Fremdausschluß von politischen Partizipationsprozessen zu verhindern.“

Anke Grotlüschen stellt den Politische Grundbildung in den globalen Zusammenhang und untersucht „Globalisierung: Das OECD-Konzept ‚Global Competence‘“. Sie weist u.a. darauf hin, welchen – kognitiven, intrapersonalen und interpersonalen – Kompetenzbegriff die OECD als wirtschaftsnahe Institution verfolgt und deckt deren starke Defizitorientierung und abwertende Grundhaltung auf (82). Grotlüschen selbst spricht sich für ein Konzept von Grundbildung aus, welches dezidiert „die Interessen marginalisierter Personen zutage fördert.“ (89).

Jürgen Gerdes und Uwe H. Bittlingmayer sehen in der Menschenrechtsbildung das zentrale Thema der politischer Grundbildung. Sie gehen dabei von der Annahme aus, dass sich Strukturen und Institutionen verändern und an Menschen anpassen sollten, für die aufgrund ihrer geringen deutschsprachigen Schriftsprachkenntnisse Hindernisse bestehen, „ihre angestammten Rechte in der Gesellschaft zu verwirklichen und umfassende gesellschaftliche Teilhabe zu realisieren.“ (96). Darüber hinaus beleuchten sie in ihrem Artikel den Zusammenhang zwischen Menschenrechtsbildung und politischer Bildung, und identifizieren die besondere Bedeutung der Menschenrechtsbildung als zentrale Komponente politische Urteilskompetenz und arbeiten die Chancen heraus, die sich aus einer stärker auf Menschenrechtsbildung ausgerichtete politische Bildung ergeben könnten.

Zu „Praxiserfahrungen“

Im Praxisteil werden drei konkrete politische Grundbildungsprojekte genauer in den Blick genommen:

Sonja Puchelski skizziert unter dem Titel „Potenziale wertschätzen, freilegen und transformieren: Politische Grundbildung bei ARBEIT UND LEBEN“ Rahmenbedingungen, Inhalte und Methoden, die in politischen (Grund)bildungsprojekten von ARBEIT UND LEBEN erfolgreich eingesetzt werden.

Christina Herrmann berichtet von ihren Erfahrungen im Kontext der Politischen Grundbildung mit Menschen in prekären Lebenslagen. Dazu stellt sie zwei konkrete Projekte vor und erläutert wichtige Aspekte von Grundhaltung, Voraussetzungen und Gelingensbedingungen.

Anke Frey befragt Ahmet Sinoplu zu seinen Erfahrungen zu politischer Grundbildung in der interkulturellen Jugendarbeit. Er lädt u.a. zu Perspektivwechseln und zu mehr Kooperation mit Migrantenselbstorganisationen, aber auch zu einer deutlich offeneren und ressourcenorientierten Grundhaltung ein.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch ist ein wichtiger und unverzichtbarer Beitrag für eine gerade erst beginnende, aber dringend notwendige Debatte um die politische Grundbildung. Besonders positiv hervorzuheben ist der wertschätzende Blick auf die (potentiellen) Zielgruppe(n), der sensible Umgang mit dem Thema und die vielfältigen Perspektiven, aus denen der Fokus auf die politische Grundbildung gerichtet wird.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 02.07.2018 zu: Barbara Menke, Wibke Riekmann (Hrsg.): Politische Grundbildung. Inhalte – Zielgruppen – Herausforderungen. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2017. ISBN 978-3-7344-0540-2. Non-formale politische Bildung, Band 12. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23608.php, Datum des Zugriffs 26.09.2018.


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