socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Monika Alisch, Michael May (Hrsg.): Methoden der Praxisforschung im Sozialraum

Cover Monika Alisch, Michael May (Hrsg.): Methoden der Praxisforschung im Sozialraum. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 219 Seiten. ISBN 978-3-8474-2079-8. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.

Beiträge zur Sozialraumforschung, Band 15.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die Autorin und der Autor dieses Sammelbands sind verantwortlich für die 15 Bände der „Beiträge zur Sozialraumforschung“ des Verlags Barbara Budrich. Der Sammelband wird mit fünf forschungsmethodischen und sozialraumtheoretischen Beiträgen wesentlich vom Herausgeberteam Alisch und May konturiert. Sie haben sich als Team langjährig wissenschaftlich an der Theoriedebatte um Sozialraum beteiligt, diese geprägt und etliche Studien der partizipativen Praxisforschung durchgeführt, dokumentiert und zu beiden Themenbereichen eigene Theoriekonzepte vorgelegt.

Herausgeberin und Herausgeber

Monika Alisch ist Professorin für Soziologie in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Fulda und Michael May ist Professor für Theorie und Empirie Sozialer Arbeit, Schwerpunkt Gemeinwesenarbeit und apl. Prof. an der Uni Frankfurt/Main. Beide leiten Forschungsinstitute ihrer Hochschulen.

Autorinnen und Autoren

Die beiden Professorinnen der Hochschule Fulda Ritter und Buchner-Fuhs sowie zehn Studierende und AbsolventInnen des Masterstudiengangs stellen ebenfalls Forschungsberichte vor. Eine Besonderheit des Sammelbandes ist die Kommentierung der in drei Kapiteln geordneten Beiträge durch jeweils einen erziehungswissenschaftlichen Fachkollegen (Kessl, Reutlinger und Deinet).

Aufbau

Das Buch umfasst neben der Einleitung drei Teile.

Zur Einleitung

In der Einleitung (S. 7-30) stellt das Autorenteam sein sozialraumorientiertes Praxisforschungskonzept und den Theorierahmen vor, diese gelten auch als Grundlage für die Bände der „Beiträge zur Sozialraumforschung“. Der Soziale Raum wird als „Spannungsfeld zwischen mit dem Raum beschäftigten wissenschaftlichen Disziplinen und raumbezogenen Praxen“ (S. 7) verstanden. Es wird Bezug auf eigene Forschungsarbeiten zur „Praxis forschende(r) Annäherung an den Sozialen Raum“ (Alisch; May 2008) und Studien der Pädagogik zur „Raumstruktur eines pädagogischen Ortes“ (Löw; Sturm 2016) und zum „sozialpädagogischen Ortshandeln“ und die Soziologie zum „relationalen Raum“ (Martina Löw) genommen (S. 8).

Die „Einordnung in Forschungstraditionen (nicht nur) der Sozialen Arbeit“ erfolgt kurz mit Bezug auf Sekundärliteratur. Ein historischer Bezug zur Aktions- und Feldforschung seit den Anfängen in Chicago erfolgt in Auszügen. Die „Ansätze Partizipativer Forschung“ werden allgemein benannt.

Maja Heiners Konzept der Praxisforschung (1998), das sich deutlich von der Aktionsforschung distanzierte und eine Rollenklarheit verlangte, wird als zu wenig beteiligungsorientiert für Fachleute und Bevölkerung kritisiert.

Mit einem dualistischen Erkenntnismodell, einem „Praxispfad“ und einem „Wissenschaftspfad“ (vgl. S. 11) werden subjekttheoretische Ansätze und Transdisziplinarität als Grundlage der Forschung ausgewiesen.

Zu I. Partizipative Sozialraumforschung und sozialpädagogisches Ortshandeln

Der Theorierahmen „sozialpädagogisches Ortshandeln und räumliche Aspekte zur Vergesellschaftung“ folgt im ersten Kapitel (S. 31-40). Lorenzer und Winkler werden als Ideengeber für eine Auseinandersetzung über Soziale Räume zitiert und mit soziologischen Stadttheorien von Lefèbvre erweitert. Danach werden Räume auf drei Beziehungskonstellationen hin analysiert, zwischen „den Interagierenden, der präsentativen Symbolik des Ortes, … sowie den primär emotionalen Bedeutungsgehalten, …“ (S. 34). May sieht die Notwendigkeit einer Erweiterung um „die Dimension der Aneignung bzw. Verwirklichung der Subjektivität“ (S. 34) als „Verwirklichung menschlichen Gemeinwesens“ (S. 35). Die Verknüpfung von pädagogischen und stadtsoziologischen Theorien bildet einen roten Faden in den weiteren Kapiteln.

In zwei Kapiteln beziehen Michael May und Christian Herzog partizipative Sozialraumforschung auf Praxisbeispiele.

  • Unter dem Titel „Tiefenhermeneutik mittels Boals Statuentheater kreierter sozialraumbezogener Szenen: ein Beispiel aus der Heimerziehung“ (S. 41-54) wird ein Forschungsprojekt von Masterstudierenden reflektiert. Sie haben mit männlichen Jugendlichen im Rahmen der stationären Jugendhilfe ein Statuentheater inszeniert, um raumbezogene Lebenswirklichkeiten der Jugendlichen bildhaft zum Ausdruck zu bringen und über szenisches Verstehen zu erschließen.
  • Der Beitrag „Partizipative Sozialraumforschung und das Prinzip Kodierung/Dekodierung: Ein Beispiel aus der Offenen Jugendarbeit“ (S. 55-72) dokumentiert ein Master-Praxisprojekt in einem Jugendzentrum. Jugendliche fotografieren Räume, Gegenstände und Personen sowie deren Tätigkeiten die ihnen bedeutsam vorkommen. In anschließenden Gesprächen mit den Jugendlichen werden die Bedeutungsgehalte entschlüsselt. Die Reflexionen sollen Nutzungsgewohnheiten des Alltags, deren Ordnungen, Prozesse und Legitimationen und Grenzsetzungen bewusst machen. Rückkopplungen an die Mitarbeiterschaft fordern professionelle Reflexion heraus. Ein ausdifferenzierter wissenschaftlicher Theorierahmen des Sozialpädagogischen Ortshandelns nach Winkler und des Kodierens/Dekodierens nach Freire und Boal wird über das Praxisprojekt gelegt. Anm.: Befremdend wirkt die Dominanz der Wissenschaftssprache gegenüber der Alltags- und Professionssprache.

Fabian Kessl würdigt im Artikel „Perspektiven einer bildungs- und alltagstheoretisch inspirierten Praxisanalyse. Ein Kommentar“ (S. 73-80) die drei von Michael May u.a. verfassten Fachbeiträge zur Erforschung sozialpädagogischen sozialräumlichen Handelns unter Einbezug von Gesellschafts- und Subjekttheorien. Kessl wiederholt und erweitert die Literaturbezüge. Statt „Partizipative Praxisforschung“ wählt er den Begriff „Partizipative Praxisanalyse“, mit der ein Anstoß zur „Erkenntnisproduktion für alle Beteiligten“ angeregt wird. Dieser methodologische Hinweis trifft auf eine grundsätzliche Frage, ob und wie Erkenntnis gewonnen und gleichzeitig Praxis verändert werden kann. Kritisiert werden die mit Theorien durchgeplanten und „einer tendenziellen Subjektüberhöhung“ versehenen studentischen Projekte, die Situationen und Lebensbedingungen der Menschen vor Ort trotz anderer Ansprüche übergehen können. Die von May gewählte gesellschaftstheoretisch-psychoanalytische Ausrichtung fordert zum wissenschaftlichen Diskurs heraus. Nutzen und Vorgehen solcher Analysen sollten im Hinblick auf professionelles Handeln genauer gefasst werden.

Zu II. Werkstatt-Methoden: Partizipationsverfahren als Forschungsmethoden

Alisch, Ritter, Glaser und Rubin stellen in ihrem Beitrag „Partizipative Sozialraumforschung und das Verhältnis von Wissenschaft und Praxis in der Forschung mit freiwillig Engagierten“ (S. 81-102) vor. Damit nehmen sie Bezug auf das Forschungsprojekt BUSLAR der Hochschulen Fulda und München, bei dem zivilgesellschaftlich selbstorganisierte Unterstützung für ältere Menschen durch Bürgerhilfevereine untersucht wurde. Mit dem „Ansatz transdiziplinärer partizipativer Praxisforschung im Sozialraum“ und der Unterscheidung in „Praxispfad“ und „Wissenschaftspfad“ (Bergmann 2010) wird die Erkenntnissuche geleitet. Dabei sollte eine „wechselseitige Anschlussfähigkeit von Wissenschaftlichkeit und Praxis“ gewährleistet sein (vgl. S. 83), um die „Rekonstruktion … raumbezogener Interessensorientierungen“ zu erreichen. Erst danach, so das AutorInnenteam, ließen sich Handlungsstrategien gezielt entwickeln. Mit zwei zentralen Methoden wurde begleitend gearbeitet: Forschungsnotizen wurden in einem (a) Projekttagebuch festgehalten und in (b) Gruppendiskussionen mit den Beforschten geteilt. Ergänzend wurde eine (c) strukturorientierte Sozialraumanalyse und (d) Experteninterviews mit Engagierten durchgeführt. Die Bedürfnisse und Wünsche der Älteren wurden in einer Methodenkombination aus (e) Zukunftswerkstatt und World Café gesammelt. Ein Ziel dieses Forschungsprojektes ist „die Organisationsentwicklung der beteiligten Bürgerhilfevereine … (und) … eine veränderte Praxis der im Verein organisierten Engagierten hinsichtlich der Wahrnehmung von und der Ausrichtung ihrer Hilfeleistungen an den Bedürfnissen älterer Menschen in den beteiligten ländlichen Gemeinden …“ (S. 93). Die Suche nach partizipativen Methoden, die zugleich Forschungsmethoden sein können, ist ein zentraler Gesichtspunkt. Es folgt eine ausführliche Darstellung des Forschungsdesigns und der wissenschaftlichen Reflexion der Methoden, Funktionen, Rollen und möglichen Lernprozesse.

Alisch und May präsentieren eine Forschungsmethode aus ihrem Projekt der Handlungsforschung AMIQUS; „Sozialraum/Netzwerk – Tagebücher als Methode ethnographisch/ethnologisch ausgerichteter partizipativer Sozialraumforschung“ (S. 103-122). In dem Forschungsprojekt mit älteren Zugewanderten aus vier Quartieren sollte die soziale Vernetzung und Raumaneignung in vier Fokusgruppen forschend rekonstruiert werden. Die Tagebücher dienten zur „Selbstvergewisserung in den Fokusgruppen zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden“ (S. 103). Die jeweils ausgewählten zwanzig Zugewanderten sollten die Zugewanderten des Quartiers insgesamt repräsentieren. Zuvor fanden eine Aktivierende Befragung und eine repräsentative Befragung statt. Die Forschungsmethode wird über Fachliteratur methodologisch eingeordnet. Die Begriffsklärung von Ethnologie und Ethnographie erfolgt in einem dialektischem Rahmen unter Bewahrung von „je eigenen … Erfahrungsräumen“, kritischer Betrachtung der „inhärenten Voraussetzungen“ und kritische Sicht auf „Irritation durch fremde Praxen“ „der ‚anderen‘ “, die durch „Fremdverstehen“ aufgelöst werden sollen (vgl. S. 109). Detailliert wird das Auswertungskonzept der Typenbildung vorgestellt und die Ergebnisse und methodischen Grenzen diskutiert. Die Untersuchung der Netzwerke erfolgte als eine „intersektionalitätssensible kategoriale Gemeinwesenarbeit“ (May 2016). Forschungsprozess und die Erarbeitung geteilter Interessenslagen mit demokratischer Aushandlung wurden verbunden. Ergebnis ist ein empirisch und theoretisch begründetes Netzwerkverständnis für ältere Zugewanderte. Die Kombination der Methoden Sozialraum/Netzwerk-Tagebuch und Fokusgruppen hat sich dabei bewährt.

Martina Ritter und Jutta Buchner-Fuhs widmen sich in ihrem Beitrag pädagogischen Methoden, die zugleich als Forschungsmethoden wirken sollen: „Diskursive Zukunftsräume, Fotografie und Photovoice – Werkstattmethoden in der partizipativen Sozialplanung mit Heranwachsenden“ (S. 123-147). Das Forschungs- und Handlungsinteresse richtet sich an Jugendliche einer Kleinstadt mit Ortsteilen. Werkstattmethoden werden modelliert, sodass mit Bezug auf May „Interessen der Betroffenen … hervorgebracht und kommuniziert werden“ (S. 123). Vorbereitete Sozialraumanalysen bieten die Grundlage, um unter Berücksichtigung von Alter und Gender Kinder und Jugendliche an einer Sozialplanung zu beteiligen. Als Methoden wurden für Jugendliche die „Zukunftswerkstatt“ und für Kinder „Fotografie“ und „Photovoice“ ausgewählt. Die Fragen wurden mit Akteuren der Kinder- und Jugendarbeit zu zwei Themenbereichen vorbereitet: (1) Wahrnehmung und Nutzung von Angeboten und (2) Interessen und Wünsche darüber hinaus. Die wesentlichen Erkenntnisse des Forschungsprojektes bestehen aus einer vertieften Fachkenntnis über die Erreichbarkeit von und Zugänge zu nicht organisierten Kindern und Jugendlichen und aus der Diskussion der dokumentierten Anwendung der Methoden. Die Erreichbarkeit von bekannten Cliquen, Gruppen und Vereinen ist erfolgreich. Die Wahl der Methoden scheint für einen Teil der nicht organisierten Jugendlichen nicht geeignet zu sein. Die Autorinnen reflektieren die forschungsmethodische Frage der Erreichbarkeit und Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im Forschungs- und Stadtentwicklungsprozess. Der methodisch reflektierte Einsatz von Fotografie und Photovoice unter Beteiligung von Kindern kann der Sozialplanung wichtige Impulse geben. Stadtteilbegehungen, sozialraumorientierte Arbeitsansätze, Dokumentation von und Kommunikation zu Sozialräumen bieten vielfältige Möglichkeiten, die Lebenswelten von Kindern und deren Interessen besser zu verstehen. Diese „Interessenshervorbringung“ liegt in drei Aspekten: das kritische Potenzial kann von Kindern selbst verstanden werden, es kann für Kinder und Erwachsene verborgen bleiben oder es kann von beiden Gruppen verstanden und geteilt werden (vgl. S. 139).

Reutlinger kommentiert in seinem Beitrag („Gemeinsam) entdecken, reflektieren, lernen, verändern und gestalten – kommentierende Suche nach Motiven partizipativer Sozialraumforschung und ihren (möglichen) Stolpersteinen“ (S. 149-169) die drei voran gestellten Forschungsberichte. Er hebt den Anspruch der AutorInnen hervor, Interessen der Menschen im Untersuchungsfeld aufzudecken und einen Auftrag zur Veränderung der Lebensbedingungen zu sehen. Die Praxisforschungsprojekt wurden nachvollzogen und die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis gewürdigt. Es stellen sich aber Fragen, wie Forschende mit benachteiligenden Lebensverhältnissen umgehen und ob und wie angewandte Forschung den Auftrag zur Veränderung der Alltags- oder Berufspraxis ausfüllen kann. Bei den partnerschaftlichen Kooperationen ist die Reichweite der Beteiligungen oft nicht deutlich genug geworden. Reutlinger bezieht sich auf ein eigenes fünfjähriges Praxisforschungsprojekt in Spanien (1997-2002), bei der die Nähe zum Forschungsfeld, in dem Fall „Jugendliche in benachteiligten Stadtteilen“, erforderlich war und darauf zielte, „eine bestimmte soziale Realität durch teilnehmende und aktive Forschung in einem emanzipatorischen Prozess zu verändern“ (S. 151). Reutlinger erlebte eine „Zerrissenheit“, zwischen der „Forschungshaltung“ und „der Unmöglichkeit, diese Art Forschung umzusetzen zu können“ (ebd.) und definierte den Forschungsansatz um zur „mitagierenden Sozialforschung“ (Reutlinger 2001).

Reutlinger führt etliche aktuelle Praxisforschungsprojekte auf, die Interventionen und Forschung verbinden wollen. Über einen Exkurs in die Geschichte der Handlungs- und Aktionsforschung der 1970er Jahre arbeitet er die theoretischen und methodologischen Ambivalenzen heraus und gibt zu bedenken, dass auf dieses Wissen Bezug genommen werden sollte. Als Fazit empfiehlt er für die Transparenz der Praxisforschung Analysen zur Auftrags- und Rollenklärung, wenn Forschungs-, Bildungs- und Politisierungsprozesse verschränkt werden. Die Reichweite der Beteiligung über die Datenerhebung hinaus an Forschungsstrukturen könnte interessant werden. Die Ziele, Methoden, Regeln und Absprachen müssten auch in Forschungsberichten nachvollziehbar sein.

Zu III. Erkundungen im virtuellen Raum

Nadelmethode 2.0 – Möglichkeiten zu sozialräumlicher Partizipation und Vernetzung in virtuellen Räumen“ (S. 171 – 184) ist ein Beitrag von Weck (Studierender) und Malcherowitz (Absolvent) des Masterstudiengangs Soziale Arbeit, Schwerpunkt Sozialraumentwicklung und -organisation der Hochschulen Fulda und RheinMain in Wiesbaden. Sozialraumanalysen sollten digitale Sozialräume einbeziehen, ist eine Forderung. Ein Exkurs in die Nutzung Sozialer Medien von Jugendlichen unterstreicht die Forderung. Nutzungsgewohnheiten im Alltag können von Fachleuten aufgegriffen werden. Eine Gruppe von sieben Jungen und Mädchen im Alter von 14–15 Jahren aus einer Jugendeinrichtung nahm an einem Praxisprojekt zur Sozialraumerkundung über „Orte und Plätze, denen sie eine Bedeutung beimessen“ teil. Durch die Fragestellung der Fachleute, deren „Haltungen und Handlungen“ können vertrauliche Gespräche und Verständnis für Lebenswelten Jugendlicher entstehen, die in „konzeptionelle Überlegungen, Projekte und Aktionen“ (S. 174) einfließen.

Sozialraumanalyse mit Facebook – Zur handlungspraktischen Erschließung virtueller Raumkompetenzen von Jugendlichen“ (S. 185 – 200) ist ein Fachbeitrag von fünf Studierenden des o.g. Masterstudiengangs Hüttinger, Petersen, Jüngst, Schumacher und Siebeneich. Nach kurzer Wiedergabe von Zitaten zum relationalen Raumbegriff wird die Bedeutung virtueller Welten für Jugendliche nachvollzogen. Das Verhältnis von realer und virtueller Welt für Jugendliche sowie die Begriffe Sozialraum- und Lebensweltanalyse bleiben unbestimmt. Die Methoden der Sozialraumerkundung nach Deinet, Krisch und Reutlinger werden vorgestellt. Jugendliche werden aufgefordert, aufgesuchte Orte und Aktivitäten auf Facebook zu posten. Die Umsetzung in Praxisfeldern erfolgt kaum mit den Theoriebezügen der Herausgeber (sozialpädagogisches Ortshandeln, Gesellschafts- und Subjektbezug) und ist damit wenig konsistent reflektiert.

Ulrich Deinet nimmt mit seinem Artikel „Herausforderung an sozialräumliche Analysemethoden vor dem Hintergrund der Flexibilisierung der Räume – am Beispiel der Nadelmethode“ Bezug auf den vorangegangenen Fachbeitrag der Studierenden (S. 201 – 215). Er führt zunächst seine veröffentlichte Methodensammlung auf und stellt die wesentlichen Merkmale, Voraussetzungen und Grenzen der Methoden heraus. Mit den erkundenden Sozialraummethoden ist es möglich, Einblicke in die Lebenswelten der Menschen zu gewinnen. Es besteht allerdings die Gefahr, dass dieses Wissen auch Personen oder Organisationen erhalten, die es zum Nachteil der Betroffenen nutzen. Es folgen weitere kritische Einwände zu Methoden. Grundsätzlich sollten Sozialraumanalysen digitale Sozialräume einbeziehen, wichtig ist „eine ethnografische Haltung der pädagogischen Fachkräfte“ (S. 203). „Der Zusammenhang zwischen der Mobilität von Jugendlichen und der Überlagerung von Orten und Räumen“ führt zur Doppelnutzung von realen und virtuellen Räumen (Tully 2011). Dies stellt neue Herausforderungen an die sozialpädagogische Arbeit. Zum Transfer in die jeweiligen Lebensfelder wird persönliche Kommunikation in jedem Fall notwendig. Diese Prozesse sollten die Fachkräfte begleiten. Eine kritische forschende Begleitung der digitalen Anwendung von Sozialraummethoden in der Praxis ist zu wünschen.

Diskussion

Der äußerst komplexe Theorierahmen zum „sozialpädagogischen Ort“ und zum „Sozialraum“ ist beeindruckend (vgl. S. 31 f.). Damit wird die Praxisforschung hinterlegt. Ein Spannungsfeld kann entstehen, wenn dieser Rahmen die Kontakte und Kommunikation mit den Menschen im Untersuchungsfeld beeinflusst und die Beteiligung durch vorgegebene Settings im Forschungsprozess oder Deutungen einschränkt.

Die dualistische Vorstellung von einem Wissenschafts- und einem Praxispfad stellt eine vereinfachte handlungstheoretische Sicht dar (vgl. Tillmann 2007; Staub-Bernasconi 2016). Der Praxisbegriff ist zumindest kritisch zu sehen. Feth (2004) und Engelke u.a. (2016) haben unter Einbezug der Profession drei Wissens-, Erkenntnis- und Handlungspfade formuliert, die nach Feth um einen Semiprofessions-Praxispfad erweiterbar wären.

Es ist ein hoher Anspruch an Forschungsteams, gemeinsam mit Zielgruppen Sozialer Arbeit neue Erkenntnisse zu gewinnen und Veränderungen für (oder gegen?) sie oder mit Ihnen zu erzielen. Der Kommentator Reutlinger verweist eindrücklich auf die langen wissenschaftlichen Debatten zur Aktions- und Handlungsforschung und schlägt andere Begrifflichkeiten vor: „entdecken, reflektieren, lernen, verändern und gestalten“ (vgl. S. 149). Es besteht die Gefahr, dass engagierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich mit Interventionen in der Praxis auch als Professionelle der Sozialen Arbeit beweisen wollen. Die komplexen Kontexte professionellen Handelns, die dann auch für Forschende gelten würden, sind aber zu wenig beschrieben und reflektiert. Reutlinger empfiehlt dafür methodologische Vertiefung (vgl. S. 149). Inwieweit es ethische gerechtfertigt ist, als Forschende für kurze Zeit in den Lebensalltag von Menschen einzugreifen, ohne angemessene Klärung der Verantwortung für die Folgen, bleibt offen.

Fazit

Monika Alisch und Michael May bieten in ihrem Sammelband einen gut nachvollziehbaren Einblick in ihre Forschungsarbeiten der letzten Jahre. Die Fokussierung auf „Methoden der Praxisforschung im Sozialraum“ erleichtert die Vergleichbarkeit theoretischer und methodologischer Annahmen und forschungsmethodischer Umsetzung der verschiedenen Projekte.

Die drei Kommentatoren Kessl, Reutlinger und Deinet greifen wichtige weiterführende Fragen und Kritikpunkte auf und eröffnen so die Debatte zum Theorie- und Forschungsverständnis. Als ebenfalls erziehungswissenschaftlich orientierte Forscher bleiben besonders Kessl und Deinet ihrer Fachdisziplin treu und nehmen so wie die Herausgebenden des Bandes leider zu wenig Bezug zu Wissensbeständen der Gemeinwesenarbeit und Sozialarbeitswissenschaft.

Der Sammelband bietet wichtige forschungstheoretische Beiträge mit Hinweisen zur notwendigen Weiterentwicklung von Praxisforschung in der Sozialen Arbeit und bereichert die wissenschaftlichen Debatten.

Fachliteratur zur Rezension:

  • Engelke, Ernst; Borrmann, Stefan; Spatscheck, Christian 2016: Die Wissenschaft Soziale Arbeit. Werdegang und Grundlagen. Freiburg
  • Feth, Reiner 2004: Sozialarbeitswissenschaft. Eine Sozialwissenschaft neuer Prägung – Ansätze einer inhaltlichen Konturierung. In: Mühlum, Albert (Hrsg.) Sozialarbeitswissenschaft. Wissenschaft Soziale Arbeit. Freiburg
  • Giesecke Michael; Rappe-Giesecke Kornelia 1997: Supervision als Medium kommunikativer Sozialforschung. Die Integration von Selbsterfahrung und distanzierter Betrachtung in Beratung und Wissenschaft
  • Heiner, Maja (Hrsg.) 1988: Praxisforschung in der sozialen Arbeit. Freiburg
  • Kietzell, Dieter von 1994: Die Praxis der sozialen Arbeit in Lehre und Forschung an Fachhochschulen. In: Schatteburg, Uta (Hrsg.): Aushandeln, entscheiden, Gestalten – Soziale Arbeit, die Wissen schafft. Hannover, 115-150
  • Obrecht, Werner 2001: Das Systemtheoretische Paradigma der Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit. Zürcher Beiträge zur Theorie und Praxis Sozialer Arbeit Nr. 4. Zürich
  • Romppel, Joachim 2015: Praxisforschung in der Sozialen Arbeit – methodische und methodologische Grundlegung eines Forschungsansatzes. Eine Sekundäranalyse von Forschungsprojekten zwischen 2000–2015. Unveröffentlichter Forschungsbericht. Hannover
  • Staub-Bernasconi, Silvia 2018: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Soziale Arbeit auf dem Weg zur kritischen Professionalität.
  • Stövesand, Sabine; Stoik, Christoph; Troxler, Ueli (Hrsg.) 2013: Handbuch Gemeinwesenarbeit. Traditionen und Positionen, Konzepte und Methoden. Deutschland-Schweiz-Österreich. Opladen u.a.
  • Tillmann, Jan 2007: Anstösse für eine Metatheorie der Sozialarbeitswissenschaft. Hannover

Rezensent
Prof. Dr. Joachim Romppel
Diplom-Sozialarbeiter/-pädagoge, Diplom-Ingenieur (Architektur), Professor für Sozialarbeitswissenschaft, Praxisforschung und Gemeinwesenarbeit an der Hochschule Hannover
E-Mail Mailformular


Alle 3 Rezensionen von Joachim Romppel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Joachim Romppel. Rezension vom 21.09.2018 zu: Monika Alisch, Michael May (Hrsg.): Methoden der Praxisforschung im Sozialraum. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2079-8. Beiträge zur Sozialraumforschung, Band 15. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23611.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Erzieher/in für Kindertagesstätte, Jesteburg

Leiter/in für Schulkindbetreuung, Freiburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!