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Stephanie Kuhnen (Hrsg.): Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit

Cover Stephanie Kuhnen (Hrsg.): Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit. Querverlag (Berlin) 2017. 293 Seiten. ISBN 978-3-89656-257-9. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Anders als der Obertitel „Lesben raus!“ erwarten lässt, wendet sich das vorliegende Buch nicht gegen Lesben, sondern thematisiert, wie sie in der lesbisch-schwulen Community unsichtbar sind und unsichtbar gemacht werden. An materielle Analysen zur geringen Förderung von lesbischen Projekten und ihrer Verdrängung schließen sich Betrachtungen zu den Auswirkungen dieser Unsichtbarkeit und Unsichtbarmachung an.

Herausgeber*innen und Entstehungshintergrund

Die Herausgeberin Stephanie Kuhnen ist aus der lesbischen und queeren Publikationslandschaft bekannt. So schreibt sie im lesbischen Magazin L-MAG, in „Siegessäule – das queere Onlinemagazin aus Berlin“ und auf Queer.de. Geboren 1969, lebt und engagiert sie sich seit 20 Jahren in Berlin.

Der Band ist der dritte in einer Abfolge von Büchern gleichen Erscheinungsbildes des Querverlags. In einer grellbunten, fast schon „kreischenden“ Retroaufmachung und mit aggressiven Titeln versucht der Querverlag, Debatten anzuregen – so die Selbstaussage des Verlags. Allerdings führten die beiden Vorgängerbände „Selbsthass & Emanzipation – Das Andere in der heterosexuellen Normalität“ und insbesondere „Beißreflexe – Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten“, beide von Patsy l´Amour laLove herausgegeben, zu mitunter harschen Auseinandersetzungen aufgrund einer polemischen und Aktivist*innen herabwürdigenden Argumentationsweise in zahlreichen der Beiträge. Der Band „Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit“ geriet schon kurz nach Erscheinen in dieses Fahrwasser, als sich Stephanie Kuhnen mit dem Band „Beißreflexe“ solidarisierte, nachdem er von der Berliner LSBTTIQ*-Buchmesse „Queeres Verlegen“ ausgeschlossen worden war. In der „Kreischreihe“ des Querverlags erschienen zu sein, wird aller Voraussicht nach auch Auswirkung auf die Rezeptionsmöglichkeiten des hier vorliegenden Bandes haben.

Mit dem Titel „Lesben raus!“, der sehr groß und sichtbar auf dem Cover steht und dem sehr klein geschrieben der Untertitel „Für mehr lesbische Sichtbarkeit“ folgt, spielen Herausgeberin und Verlag mit Bedeutungszuschreibungen an den Begriff „raus“, wie sie in diesem Kontext möglich sind. Einerseits wird „raus“ im Sinne eines „Rauswurfs“ angelegt, andererseits mit der Möglichkeit des „Coming-outs“ positiv belegt – Lesben sollten endlich rauskommen und sichtbar werden. Dass es in die zweite Richtung gehen soll, wird aus dem klein gedruckten Untertitel und dem Klappentext ersichtlich, hingegen nicht, wenn man das Buch im Schaufenster einer Buchhandlung oder als Reiselektüre im Zug sieht. Stephanie Kuhnen und der Verlag schließen mit dem Titel an das verunglückte Cover der Novemberausgabe 2003 des queeren Magazins Siegessäule „Türken raus!“ an. Dieser Titel war groß vor einer türkischen Fahne aufgespannt, ihm folgte klein geschrieben der Untertitel „Vom Coming-out in zwei Kulturen“. Damals weigerten sich zahlreiche queere Institutionen, die Siegessäule, die kostenlos über Beratungsstellen, Vereine und Clubs vertrieben wird, weiterhin zur Mitnahme auszulegen; die Siegessäule hatte viel zu tun, um das verlorengegangene Vertrauen wiederaufzubauen – sie hat sich mittlerweile deutlich weiterentwickelt, was auch den beiden Besitzerinnen zu danken ist. In „Lesben raus!“ schreiben nun vorwiegend Cis-Lesben über sich, sodass diese Form der Selbstkasteiung akzeptabler sein kann; dennoch ist sie – gerade in der sich aktuell nach rechts verschiebenden gesellschaftlichen Gemengelage – für Nicht-Eingeweihte nicht auf Anhieb verständlich.

Anders als die anderen beiden Bände der „Reihe“ hat der vorliegende Band bezeichnenderweise nicht von Förderungen durch Stiftungen profitiert.

Aufbau

„Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit“ versammelt 32 Beiträge, die fast ausnahmslos jeweils von unterschiedlichen Autor*innen stammen, lediglich die Herausgeberin hat selbst sechs Aufsätze zum Sammelband beigesteuert, sodass sie in gewisser Weise seine Richtung prägt.

Die Beiträge stammen von cisgeschlechtlichen Lesben, einem cisgeschlechtlichen schwulen Mann und einem Transmann, der sich seit 25 Jahren aktiv im „Lesbenleben“ engagiert und langjährig mit seiner Partnerin zusammenlebt (wie er schreibt). Der Hintergrund der Autor*innen und damit auch des Bandes selbst wird zu Beginn angenehm deutlich gemacht: „Alle Autor*innen, inklusive mir als Herausgeberin, haben für das vorliegende Buch ohne Honorar außerhalb der hauptberuflichen Arbeitszeit recherchiert und geschrieben. Nicht alle Autor*innen sind im Schreiben geübt, einige verfassten für dieses ihnen wichtige Thema ihren ersten Text.“ (S. 15) Zugleich habe sich Zeitmangel ergeben, da der Band zur Frankfurter Buchmesse fertig sein sollte. Deshalb fehlten diesem Band „Texte zur Lebenssituation lesbisch lebender inter*geschlechtlicher Personen, passdeutscher Musliminnen und schwarzer Lesben“ (S. 16).

Das Inhaltsverzeichnis führt folgende Beiträge auf:

  • Schrödingers Lesbe (Stephanie Kuhnen)
  • Doppeläxte raus! (Birgit Bosold)
  • Vom Verschwinden einer Identität (Stephanie Kuhnen)
  • Mit einem starken Netzwerk sichtbar sein (Gabriele Bischoff)
  • Lesbische Sichtbarkeit sichern (Monika Barz, Angela Jäger)
  • Alt, sichtbar, autonom? (Carolina Brauckmann)
  • Jung, lesbisch, unsichtbar? Nö! (Christoph R. Alms)
  • Allen Schwestern gute Pflege! (Gabi Stummer)
  • selbstbestimmt + selbstverständlich (Traude Bührmann)
  • Unerhört wichtig (Corinne Rufli)
  • Die prekäre Sichtbarmachung von Lesben in der Geschichtsschreibung und die Chancen lesbischer Oral History (Babette Reicherdt)
  • „Lesbe, Lesbe, Lesbe. Ein Wort mit Kampfpotential, mit Stachel, mit Courage“ (Maria Bühner)
  • Lesbisches Sehen (Eva von Redecker)
  • Sichtbarkeit ohne Baedeker (Stephanie Kuhnen)
  • Lesbische Regenbogenfamilien (Stephanie Gerlach)
  • Die Lesbe mit acht Armen (Gwendolin Altenhöfer)
  • Bis zur Unkenntlichkeit normal (Manuela Kay)
  • Unsichtbarkeit ist keine Option (Juliane Kronen)
  • Und es gibt sie doch … (Maria Braig)
  • Die feministische Orange (Lili Sommerfeld)
  • Das geht nun wirklich nicht (Max Helmich)
  • Wie ich als Unsichtbare in einen Schrank stieg, als Lesbe wieder herauskam und endgültig verschwand (Ria Klug)
  • Butches sind sichtbar (Pia Thilmann)
  • „Don´t be a salmon!“ (Simone Tichter)
  • Die Repräsentation der LSBT*IQ-Community im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (Jenny Renner)
  • „Gibt es ein Leben nach dem Frauenbuchladen?“ (Doris Hermanns)
  • Schwuler Sexismus – Es reicht! (Lovis Cassaris)
  • Der bizarre Elefant im Raum (Stephanie Kuhnen)
  • Die Fußstapfen einer Dinosaurierin (Judith Völkel)
  • Mit Lesben wäre der historische Erfolg noch viel größer (Stephanie Kuhnen)
  • Back to the Roots (Mariella Müller)
  • Ihr seid meine Ahninnen, meine Heldinnen und Helden (Stephanie Kuhnen)

Inhalte und Diskussion

Im Folgenden gebe ich einen Überblick über den Band, ohne auf jeden Beitrag in gleicher Detailliertheit eingehen zu können, einige bleiben gänzlich außen vor.

Zentral für die Analyse der Situation von Lesben ist der von Birgit Bosold verfasste Aufsatz „Doppeläxte raus! Warum die schwul-lesbischen Bündnisse der 1990er Jahre vielleicht doch nicht eine so gute Idee waren“ (S. 18). Bosold stellt darin die finanzielle Förderung im Land Berlin für LSBTTIQ*-Projekte vor: Im Jahr 2016 gingen demnach von 3,7 Millionen Euro 1,7 Millionen (46 %) an zwei Träger, die sich insbesondere um Belange schwuler Männer kümmern. Lediglich 18 % (677.000 Euro) gingen an lesbische Projekte. Für den Zeitraum von 2009 bis 2015 stellt Bosold eine ähnliche Ungleichheit fest. Als zweites Beispiel führt Bosold die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld an, die im Jahr 2013 insgesamt 24 Projekte förderte, darunter war nur ein einziges explizit lesbisches Projekt. Schon ökonomisch entstehe damit eine Situation, in der lesbische Projekte kaum überleben könnten. Im Weiteren zeigt Bosold auf, dass Lesben auch in der einschlägigen Geschichtsschreibung zu Homosexualität unterrepräsentiert sind – obwohl Bände übergreifend als „homosexuell“ bezeichnet werden – und nicht etwa als „schwul“ –, kämen Frauen darin kaum vor. Die „Unsichtbarmachung“ betreffe Lesben auch in der Erinnerungskultur, wo Schwule mit Macht durchgesetzt hatten, dass am NS-Mahnmal ausschließlich Männern gedacht werden sollte. Auch die abschließend gefundene Kompromisslösung setze Lesben nur hinzu, während die schwulen Männer dominant blieben. Bosold schlägt entsprechend, im Anschluss an Sabine Hark, mehr Eigenständigkeit für lesbische Forderungen vor, und es gelte sich vor Augen zu führen, wie die „Differenzen ineinander verwoben sind und hierarchisch organisiert wurden“ (S. 24, nach Hark, Hervorhebung im Original). Und weiter: „Es wäre viel gewonnen, wenn ‚wir‘ mehr Sorgfalt darauf verwenden würden. Präzise herauszuarbeiten, was wir jeweils Unterschiedliches wollen, statt dies mit dickem rosa Zuckerguss zu bemänteln.“ (Ebd.)

Die Herausgeberin Stephanie Kuhnen schließt in ihren Beiträgen an einige der Perspektiven von Bosold an. So betont sie die Bedeutung von Alexander Zinn, der sich gegen die Forderungen der Lesben stark gemacht hatte, am „Homo-Mahnmal“ auch der im NS ermordeten lesbischen bzw. frauenliebenden Frauen zu gedenken (S. 134). Kuhnen betont in den Aufsätzen „Sichtbarkeit ohne Baedeker“ und „Vom Verschwinden einer Identität“ die wichtige Bedeutung von lesbischer Sichtbarkeit und die Notwendigkeit eigenständiger Demonstrationsformen, wie der Dyke*Marches. Sie stellt fest, dass in der Community Lesbenprojekte zunehmend verdrängt wurden und werden. Auch heute, nach „Homo-Ehe“ und schließlich Öffnung der Ehe, gelte: „Die Verliererinnen sind wieder einmal die Lesben, die mit der Normalisierung in den 2000ern auf die billigen Plätze verwiesen wurden und jetzt allmählich aus der Legende der erfolgreichen Emanzipation geschrieben werden. […] Die Marginalisierung von Lesben hat Methode.“ (S. 27) Am Beispiel des einmaligen und gescheiterten Versuchs in München, den CSD des Jahres 2011 als „Christina-Street-Day“ zu benennen, um auf die besondere Diskriminierung von Lesben hinzuweisen, macht Kuhnen deutlich, wie die Forderungen der Lesben in der Community marginalisiert werden. Auch für die schwul dominierte Geschichtsschreibung findet sie kritische Worte, wenn sie problematisiert, wie die Kämpfe in der New Yorker Christopher Street für die Belange deutscher Schwuler angeeignet werden – die Argumentation der Aneignung (engl. appropriation) entspreche einer „abstrusen weißen Maskulinisierung, ein männliches Heldenepos“ (S. 28). Sie stellt gegen eine solche Heldengeschichtsschreibung für die BRD fest: „In Deutschland fanden keine Ausschreitungen statt, obwohl es genügend Anlass dazu gegeben hätte.“ (S. 29) Die Aktivitäten einer homosexuellen – schwulen und lesbischen – Emanzipation seien in der BRD nur zusammen mit der Frauenbewegung, der sexuellen Revolution, der Anti-Kriegsbewegung verständlich.

Für die 1970er Jahre hält Kuhnen weiter fest: „Die überwiegende Zahl an Schwulen, die Anfang der 1970er Jahre als politische Akteure sichtbar wurden, waren links, nannten sich stolz Tunten und sympathisierten mit den Feministinnen. Sie bekämpften und dekonstruierten tradierte Männlichkeitsbilder, anstatt diese zu idealisieren.“ (S. 29) Erst später seien die „angepassten und genderkonservativen Schwulen“ (ebd.) hinzugekommen. Ist die Intention hier ersichtlich, sich gerade mit der Dekonstruktion von Männlichkeit_en zu solidarisieren, so greift der knappe „Schulterschluss“ mit „der Tunte“ historisch zu kurz und macht gerade wieder lesbische Positionierungen unsichtbar: So gab es aus der Frauengruppe der „Homosexuellen Aktion Westberlin“ (HAW) gerade Kritik an „der Tunte“, wie sie von den schwulen Männern entwickelt wurde, da sie sich am abzulehnenden gesellschaftlichen Frauenbild der bürgerlichen „Grande Dame“ orientiere. Auch hier ist mehr lesbische Geschichtsschreibung wünschenswert, die nicht die neueren schwulen Erzählungen einfach fortsetzt. Denn ganz zu Recht hält Kuhnen schon in der Einleitung (Titel: „Schrödingers Lesbe“) fest: „Selbstverständlich spiegeln sich im Verhältnis Schwule zu Lesben auch die Machtverhältnisse einer männerdominierten Gesellschaft.“ (S. 13)

Die Beiträge von Kuhnen sind auch im Hinblick auf die Funktion Kuhnens als Herausgeberin zu thematisieren. So wird beginnend bei der Einleitung ein Bild „der Lesbe“ als cisgeschlechtlich und weiß gezeichnet. Wird zumindest die Abgrenzung gegenüber den Positionen von Lesben of Color kurz thematisiert, so wird von Kuhnen nicht angesprochen, warum trans* Lesben, trans*-lesbische Erfahrungen und trans*lesbische (Un-)Sichtbarkeiten im Band fast nicht thematisiert werden. Hier ist eine bedeutende Leerstelle und gleitet der Band hinter aktuelle Diskussionsstände in lesbischen Kontexten zurück. Diese Auslassung gelingt auch deshalb, weil „die Lesbe“ und ihre (Un-)Sichtbarkeit relativ starr gesetzt und gegen neuere Selbstpräsentationen junger Lesben abgegrenzt wird. Kuhnen schreibt: „Die sozialen Medien, die vor allem von jungen Lesben selbst gestaltet werden, ergeben ein anderes Bild [als die Printmedien, Anm. HV]: Eine Vielfalt, die man sich von der ‚LGBT-Community‘ wünscht. Dazu müsste diese aber weniger auf ihrer Misogynie beharren. Viele Lesben sind heute ‚Queers‘ oder queer-feministisch, solidarisieren sich in ihrer politischen Arbeit mit Flüchtlingen, Transgendern, internationalen Befreiungsbewegungen, kämpfen gegen Rassismus, Lookism, Faschismus, Gentrifizierung sowie gegen viele andere soziale Ungerechtigkeiten, die im großen Überbau der Homosexuellenbewegung ausgeblendet oder gar bedient werden. […] Sichtbar wird diese Vielfalt an Identität nicht mehr bei den großen lesbisch-schwulen Szeneevents, sondern bei den überall entstehenden Frauen-Festivals, wo, da bleiben Lesben ihrer Geschichte treu, immer auch politisch diskutiert wird, Kulturveranstaltungen stattfinden und Netzwerke gegründet werden. Der Preis dafür: ‚Lesbe‘ geht dabei als Selbstbezeichnung unter.“ (S. 30 f.) Kuhnen befürchtet, dass auf diese Weise der „Kampf um tatsächliche Emanzipation im Ansatz bereits erstickt wird“ (S. 31). Gleichzeitig scheint die Herausgeberin aber auch alle unter den jüngeren Lesben vertretenen – und über längere Zeit erkämpften – Selbstverständlichkeiten auszuschütten und nicht in die eigene Reflexion einzubeziehen: Das gilt etwa hinsichtlich aktueller Diskussionen zum Einschluss (lesbischer) Trans*-Weiblichkeiten in Kämpfe, aber auch hinsichtlich der in den 1980er und 1990er Jahren geführten Debatten, nachdem weiße Frauen/Lesben durch Schwarze Frauen und Frauen of Color auf weiße Privilegien hingewiesen wurden (vgl. etwa die Bände „Sind wir uns denn so fremd?“ [1984], „Geteilter Feminismus: Rassismus, Antisemitismus, Fremdenhaß“ [1991]). Dass Beiträge „passdeutscher Musliminnen und schwarzer Lesben“, wie Kuhnen schreibt (S. 16), für den Band nicht gewonnen werden konnten, ist ein deutliches Zurück hinter das, was gerade Frauen/Lesben of Color seinerzeit errungen hatten. Zugleich lässt Kuhnen mit dem Begriff „passdeutsche Musliminnen“ jegliche sprachliche Sensibilität vermissen. Sie deutet mit dieser Aussage dreierlei an: (a) ein weißes Herausgeber*innenteam hätte das behördliche Recht, Pässe zu kontrollieren; (b) Beiträge von Musliminnen wären nur relevant, wenn sie einen deutschen Pass hätten; (c) Musliminnen könnten per se keine „Deutschen“ sein, sondern höchstens „Passdeutsche“. Hier könnte mehr Bereitschaft hilfreich sein, auch von den Frauen und Lesben (of Color) zu lernen, die sich bereits tiefer in die Auswirkungen von Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus eingearbeitet haben – bzw. selbst davon betroffen sind und Kämpfe geführt haben und führen –, anstatt ihre Erkenntnisse sogleich in die Nähe von Misogynie zu rücken und sich von ihnen abzugrenzen (vgl. S. 30 f.).

Die weiteren Beiträge geben facettenreich Perspektiven auf Sichtbarkeiten und loten Strategien für lesbische Sichtbarkeit in der Community aus. Gabriele Bischoff stellt in ihrem Beitrag „Mit einem starken Netzwerk sichtbar sein“ den Werdegang und die Aktivitäten der Landesarbeitsgemeinschaft Lesben in Nordrhein-Westfalen vor. Im Beitrag wird der Wert der Eigenständigkeit hervorgehoben – aber, anders als Bosold analysiert, die gerade in solcher Eigenständigkeit auch Kampfkraft sieht, stellt Bischoff abschließend den Zusammenschluss der LAG Lesben mit der LAG Schwule in Aussicht. Die Verhandlungen liefen. Monika Barz und Angela Jäger stellen im Anschluss erfolgversprechende Bündnispolitik vor. In ihrem Aufsatz „Lesbische Sichtbarkeit sichern: Strukturqualität in der LSBTTIQ-Bündnispolitik“ erläutern sie, wie im landesweiten LSBTTIQ*-Bündnis Baden-Württembergs Zusammenarbeit und Sichtbarkeit gleichermaßen gesichert würden. Unter anderem sei jeder Buchstabe der Vielfalts-Reihung durch zwei Personen repräsentiert, sodass hier einem Übergewicht einer Gruppe entgegengewirkt werde. Hier scheint ein Versuch von Zusammenarbeit auf, in der cis-schwuler Dominanz im Ansatz entgegengewirkt wird.

Drei Beiträge wenden sich der Situation von lesbischen Seniorinnen zu bzw. von Lesben mit Pflegebedarfen. Carolina Brauckmann in „Alt, sichtbar, autonom?“, Gabi Stummer in „Allen Schwestern gute Pflege!“ und Corinne Rufli in „Unerhört wichtig: Lebensgeschichten älterer, frauenliebender Frauen“ zeigen in ihren Beiträgen die institutionellen Leerstellen auf und fordern mehr entsprechende Strukturen ein. Bisher gebe es gerade für Lesben keine Einrichtungen, die auch den spezifischen Diskriminierungserfahrungen Rechnung tragen; ein wertschätzender Umgang mit den Lebensgeschichten finde nicht statt. Die Beiträge stellen damit ein Plädoyer dar, dass hier Strukturen entstehen – entsprechend wäre notwendig, dass sich aktuell zum Beispiel der Berliner Senat für das „Haus Ruth“ ausspricht, anstatt erneut ein schwules Projekt gegenüber den Lesben zu bevorzugen, indem der „Meistbietende“ den Zuschlag erhält – denn das werden bei den bestehenden ökonomischen Ungleichheitsverhältnissen im Zweifel immer die Männer sein. Wertschätzung als Lesbe und lesbische Community solle auch über den Tod hinaus wirken können: So stellt Traude Bührmann in ihrem Aufsatz „selbstbestimmt + selbstverständlich: über den Tod hinaus“ die Arbeit der Friedhofsgruppe des SAFIA-Vereins vor, die es erreichen konnte, eine Gräbergruppe für 80 Urnen und Särge explizit für Lesben auszuweisen. Damit entstehe ein Angebot für all diejenigen, die den Wunsch hätten, lesbische Identität auch im Tod sichtbar nach außen zu repräsentieren bzw. unter Gleichgesinnten zu liegen.

Mit der (Un-)Sichtbarkeit von Lesben in der DDR setzt sich Maria Bühner in ihrem Beitrag „Lesbe, Lesbe, Lesbe. Ein Wort mit Kampfpotential, mit Stachel, mit Courage“ auseinander. Auch in der DDR seien Lesben weitgehend unsichtbar gewesen. Es sei schwer gewesen, konkrete Netzwerke aufzubauen – im ländlichen Raum noch schwieriger als in Berlin oder anderen Städten. Hier geht Bühner auch, unter Bezug auf die Schwarze Aktivistin Peggy Piesche – die leider zum Band nicht selbst beigetragen hat –, auf Problematiken der Sichtbarkeit ein: „Lesbische Sichtbarkeit in einer weißen Gesellschaft kann ohne die Thematisierung von Rassismus nicht wirklich erreicht werden, denn: Sichtbarkeit kann nie nur die eigene sein.“ (S. 113) Auch der Beitrag „Die prekäre Sichtbarmachung von Lesben in der Geschichtsschreibung und die Chancen lesbischer Oral History“ von Babette Reicherdt ist historisch ausgerichtet und ebenfalls sehr versiert. Reicherdt zeigt hier auf, wie Lesben in der Geschichtsschreibung unsichtbar gemacht werden und plädiert für historisch ausgerichtete Projekte; und insbesondere dafür, Interviews mit „Zeitzeuginnen“ – lesbischen Frauen, frauenliebenden Frauen – zu führen und die Interviews im Sinne der Oral History als Videomaterial zu archivieren und für weitere Forschungen zugänglich zu machen. Reicherdt liefert dabei auch einen begrifflichen Vorschlag für (lesbische) Sichtbarkeit in der historischen Forschung. Die Bedeutung von Sichtbarkeit als Chance, aber auch verbunden mit Risiken, macht Stephanie Kuhnen im Beitrag „Sichtbarkeit ohne Baedeker“ deutlich. Dabei geht sie auch darauf ein, dass Gruppen von Menschen und Menschen selbst unterschiedlich sichtbar werden (können), dass Sichtbarkeit von materiellen Bedingungen abhängt und Menschen unterschiedlich nützt. Abschließend hält sie zur Frage, ob alle Lesben sichtbar sein sollten, fest: „Angesichts eines massiven gesellschaftlichen Rechtsrucks und immer noch existierender homophober und sexistischer Gewalt muss mit der ‚Ressource Sichtbarkeit‘ behutsam umgegangen werden. Selbst wenn Sichtbarkeit nur noch Vorteile bringen würde, ist dies eine schwierige Aufgabe, die Achtsamkeit, Empathie, gegenseitige Wertschätzung und Solidarität mit allen von Mehrfachdiskriminierung betroffenen lesbischen Frauen und Trans*-Personen erfordert.“ (S. 138)

Bezug nehmend auf die „Schlampagne“, die sich gegen die Homo-Ehe ausgesprochen hatte, erläutert Gwendolin Altenhöfer im Aufsatz „Die Lesbe mit acht Armen“ polyamore Lebensweisen; Manuela Kay kritisiert an diesen Beitrag anschließend in „Bis zur Unkenntlichkeit normal“ eine an heteronormativen Vorstellungen orientierte „brave“ Lebensweise und spricht sich dafür aus, auch sexuelle Offenheit zu schätzen und sich nicht gegen „Szenelesben“ abzugrenzen. Über die (Un-)Sichtbarkeit geflüchteter Lesben reflektiert Maria Braig. Sei in Deutschland überhaupt von Homosexualität und Flucht die Rede, sei stets männliche Homosexualität im Blick. Sie plädiert dafür, dass die lesbische Community für die geflüchteten Frauen als Frauen offen sein sollte, egal, ob sie sich als lesbisch positionierten oder nicht. Juliane Kronen blickt schließlich nach Uganda und stellt die schwierige Lesbenssituation der lesbischen Aktivistin Jaqueline Nabagesera vor, die 2015 für ihr Engagement den Alternativen Nobelpreis erhielt. An diesen Beitrag schließt sich der Aufsatz von Lili Sommerfeld „Die feministische Orange: Identität zwischen Judentum, Feminismus und Homosexualität“ an, in dem sie ihre eigene Geschichte zum Inhalt macht. Ausgehend von einer konkreten Begebenheit zu Pessach – die Orange als Zeichen jüdischer Feministinnen gegen die Unterdrückung von Frauen sieht (S. 192) – stellt Sommerfeld ihre eigene lesbische Sozialisation vor.

Fazit

Die Wichtigkeit, sich mit dem Thema Sichtbarkeit von Lesben auseinanderzusetzen und gegen ihre Benachteiligung in einer lesbisch-schwulen Community zu streiten, wird durch das vorliegende Buch unterstrichen. Durch das Buch werden einige Ausschlüsse in den Blickpunkt gerückt – allerdings wird die Intention des Bandes durch die Auswahl der Beiträge des Bandes in größeren Teilen auch unterlaufen. Denn sind die Beiträge in der Regel zwar lesenswert und bringen einige neue Einsichten mit sich, so wird auch augenscheinlich, dass Beiträge von Frauen/Lesben of Color fast vollständig fehlen. Auch wird durch die Gesamtanlage klar, dass Trans*-Weiblichkeiten nicht in die Betrachtungen einbezogen werden. Hier werden lesbische Frauen mit ihren Forderungen unsichtbar gemacht.

In Bezug auf den Umgang mit neueren Frauen-Festivals und queer wird aus den Positionierungen von Stephanie Kuhnen deutlich, dass es hier offenbar mehr um einen Generationenkonflikt geht – wie wird Lesbischsein richtig präsentiert? Hierzu Diskussion anzustoßen, das mag der Band leisten. Auf jeden Fall wirft er einen Scheinwerfer auf die ungleichen Förderungen schwuler und lesbischer Projekte und die Auslöschung von Lesben aus der Geschichtsschreibung. Hier sollte rasch Änderung erreicht werden.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 07.12.2017 zu: Stephanie Kuhnen (Hrsg.): Lesben raus! Für mehr lesbische Sichtbarkeit. Querverlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-89656-257-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23612.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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