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Manal Alchoubassy, Afamia Alkassab u.a.: Wörterbuch der Pädagogik Arabisch - Deutsch

Cover Manal Alchoubassy, Afamia Alkassab, Sonja Fares, Hamad Nasser: Wörterbuch der Pädagogik Arabisch - Deutsch. Ein Wörterbuch für Kindergarten und Schule. Dohrmann Verlag (Berlin) 2017. 176 Seiten. ISBN 978-3-938620-41-0. 11,80 EUR.

Herausgeber: Wolfgang Dohrmann. Umschrift: Simone Britz.
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Thema

Wie können wir mit Arabisch sprechenden Familien in den Dialog kommen und sie mit uns? Diese Frage bewegt viele Menschen in sozialen Berufen und insbesondere pädagogische Fachkräfte in Kitas und Grundschulen, besonders seit sie in den letzten Monaten und Jahren Kinder mit Fluchterfahrung aufgenommen haben. Kann das vorliegende Wörterbuch dabei unterstützen?

Autor*innen

Das Team der Autor*innen setzt sich aus Sozialpädagog*innen arabischer Herkunft mit Berufserfahrungen in ihrem Herkunftsland und in Deutschland zusammen. Zudem kommen sie aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern: von Mehrgenerationenhaus, Kita und Grundschule bis psychologische Beratung. So konnte gewährleistet werden, dass relevante Begriffe aufgegriffen und möglichst präzise in die jeweils andere Sprache übertragen wurden.

Entstehungshintergrund

Das Wörterbuch wurde für Situationen in Kindertagesstätten und Grundschulen konzipiert, in denen Eltern, Fachkräfte, Auszubildende oder Ehrenamtliche mit deutscher bzw. arabischer Erstsprache miteinander ins Gespräch kommen möchten. Auch beim Verfassen von Elternbriefen oder Aushängen kann das Buch hilfreich sein.

In der Praxis hat sich vielerorts gezeigt, dass sich für viele pädagogische Begriffe aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Bildungs- und Sozialsysteme keine Übersetzungen in der arabischen Sprache finden lassen. Wer versucht, „Online-Übersetzer“ zu Rate zu ziehen, wird bald merken, dass diese im sozial-pädagogischen Wortfeld überfordert sind und sinnentfernte Übersetzungen liefern. Deshalb war es dem Autor*innenteam ein Anliegen, für im deutschsprachigen Raum gebräuchliche pädagogische, psychologische und juristische Fachbegriffe möglichst präzise arabische Entsprechungen zu finden.

Aufbau und Inhalt

Wer das Wörterbuch von vorne liest, findet nach einer Einleitung und Einführung in die arabische Umschrift auf 115 Seiten alphabetisch geordnet die deutschen Fach- und Alltagsbegriffe und jeweils daneben die arabische Übersetzung zuerst in Umschrift und in der rechten Spalte in arabischer Schrift. Begriffe von Abenteuerspielplatz über Doppelstunde, Öffnungszeiten und Puppenecke bis Zweisprachigkeit wurden ausgewählt und übersetzt.

Von hinten bzw. für arabisch alphabetisierte Menschen: von vorne aufgeschlagen, werden auf Arabisch 13 Themenfelder vorgestellt, Umschrift und deutsche Übersetzung stehen dann ebenfalls in der Mitte und rechts. Die relevanten Begriffe sind thematisch sortiert auf 50 Seiten zu finden. Themen sind z.B.

  • „Kinderkrankheiten“,
  • „Verwaltung“,
  • „Schulfächer“ oder
  • „Feste und Feiertage“.

Arabisch sprechende Menschen, die dieses Wörterbuch nutzen wollen, müssen Hoch-Arabisch beherrschen und alphabetisiert sein. Sie können das Buch weitgehend auf die gewohnte Art von rechts nach links lesen.

Ebenso Voraussetzung für das Nutzen dieses Wörterbuches ist es, die vorgefundenen Worte aussprechen zu können. Wenn Deutsche die arabischen Worte aussprechen wollen, dann können sie sich ausführlich und mit den Ausspracheregeln im Vorspann beschäftigen – die Sprachen kennen eben sehr unterschiedliche Laute. Hilfreich ist dabei die „Umschrift“, die eigens für dieses Buch adaptiert wurde. Für die Arabisch Sprechenden wird davon ausgegangen, dass sie die deutsche Aussprache bereits kennen.

Das Format des Buches ist handlich und der Umfang überschaubar, sodass es auch in den Gesprächen zur Hand ist, um kurz Begriffe nachzuschlagen. Sollen Aushänge oder Elternbriefe mit einzelnen arabischen Worten ergänzt werden können diese gezielt nachgeschlagen werden.

Diskussion

Das Wörterbuch stellt ohne Zweifel eine Pionierarbeit dar. Die besondere Herausforderung dabei liegt sowohl in der Auswahl der Begriffe als auch in der Übertragung dieser Begriffe sowohl hinsichtlich der Unterschiede der beiden Sprachen als auch der Kulturen.

Besonderheiten der arabischen Sprache als Herausforderung

Die arabische Sprache hat einen sehr großen Wortschatz, dessen Wortbedeutungen oft lange tradiert sind. Hinzu kommt, dass das Arabische in 27 Ländern Amtssprache ist und damit dort die Bildungssprache, nicht aber unbedingt die Umgangssprache, darstellt. Die Familien im arabischen Sprachraum sprechen überwiegend regional stark variierende Dialekte, sodass das Hoch-Arabisch hauptsächlich in Bildungseinrichtungen, Behörden oder Zeitungen geschrieben und kaum gesprochen wird. Die Medien und sozialen Netzwerke bieten zunehmend Möglichkeiten auch Dialekte zu verschriftlichen bzw. zu lesen. Arabischsprachige Menschen aus verschiedenen Regionen können sich zum Teil untereinander nur schwer verständigen.

Vor dem Hintergrund dieser Vielfalt und dem unterschiedlichen Zugang zu Bildung in den Herkunftsländern ist der erfolgreiche Einsatz des Buches jeweils an das Verständnis der arabischen Hochsprache gekoppelt.

Die Umschrift ist ein Versuch Deutschsprachigen bei der Aussprache arabischer Wörter zu helfen. Dass es ihnen damit gelingt, die Begriffe so auszusprechen, dass sie von Menschen mit arabischer Muttersprache verstanden werden, ist individuell zu erproben. Das Buch sollte beim jeweiligen Gespräch vorliegen, sodass einander das gesuchte Wort gezeigt werden kann.

In diesem Kontext ergibt sich die Frage an wen sich das Autor*innenteam im thematisch sortierten arabisch-deutschen Teil richtet. Die Aufteilung der Spalten ist entgegengesetzt zur arabisch üblichen, dort stünde der Begriff in arabischer Schrift auf der rechten Seite und links die deutsche Übersetzung. So könnte der arabisch geübte Lesende, wie z.B. die Eltern, sich schneller orientieren und die Worte finden, die er für das laufende Gespräch benötigt.

Auswahl und Übersetzung der Begriffe

Viele relevante Wörter sind mit verständlichen arabischen Übersetzungen in das Wörterbuch aufgenommen worden. Allerdings fehlen einige für Aufnahmegespräche wichtige Wörter wie „Vertrag“, „Kündigung“, „Vorsorgeheft“, „Impfpass“ oder „pünktlich“.

Die Sorgfalt der Übersetzer ist zu spüren, wenn z.B. das deutsche Wort „aufpassen“ drei Übersetzungen bekommt, die die drei möglichen Bedeutungen des deutschen Wortes (beaufsichtigen, aufmerksam sein und vorsichtig sein) beschreiben. Der Begriff „Inklusion“, dessen Erklärung auf Deutsch schon schwer fassbar ist, wird mit sechs Worten umschrieben.

Einzelne Übersetzungen jedoch wirken gewollt, z.B. „Hausarbeiten“ im Arabischen als Plural des Wortes für „Hausaufgaben“ auf der Vorseite. Oder die „Schutzimpfung“, die im arabischen Teil mit „لقح“ (Impfung), im deutschen mit „لقح وقائ“ (vorbeugende Impfung) übersetzt wird.

Eine weitere Herausforderung stellt der deutsche Sprachgebrauch muslimischer Begriffe dar: so wird bspw. der Begriff ‚Zuckerfest‘ (in Anlehnung an die Übersetzung aus dem Türkischen) statt des anerkannteren ‚Ramadanfest‘ verwendet. Wobei gleichzeitig zu allen islamischen Festen kurze Erläuterungen der Bedeutung die Übersetzungen wertvoll ergänzen. Der Begriff „Halal“ (rituell geschlachtet) wird im Arabischen mit sich selbst übersetzt, hier sind Vorkenntnisse der deutschsprachigen Person vorausgesetzt. Im deutschen Teil fehlt er. Dabei stellt das Essen für viele Eltern ein Kriterium bei der Kita-Wahl dar und sie möchten häufig fragen, ob vegetarische Verpflegung möglich ist. Im deutschen Teil ist das Nomen „VegetarierIn“ zu finden.

Die Auswahl des Grundwortschatzes zu Kita und Schule, den Arabisch Alphabetisierte im thematischen Teil finden, ist im Vergleich zum deutsch-arabischen Teil stark verkürzt. Steckt dahinter ein Bild von Eltern, die zuerst an praktischen Dingen (Körper, Krankheiten, Essen und Trinken, Notfall) interessiert sind? Finden sich ausreichend passende Begriffe, um auch über Erziehungsvorstellungen und andere Bedürfnisse ins Gespräch zu kommen?

Struktur und Aufbau des Wörterbuchs

Es erschließt sich nicht, warum für den Teil, der von der deutschen Sprache ausgeht, eine andere (nämlich die alphabetische) Gliederung gewählt wurde als für den arabischen Teil, der nach Themenfeldern strukturiert ist. Es wäre begrüßenswert, wenn beide Teile alphabetisch aufgebaut und in Umfang und Inhalt identisch wären. Damit hätten beide Gesprächsparteien dieselben Möglichkeiten zur Verfügung.

Für Hoch-Arabisch-Sprechende, die schon Deutsch gelernt haben und im Berufsfeld Kita oder Schule (oder allgemein in der sozialen Arbeit) tätig werden möchten bzw. eine Ausbildung anstreben, bietet dieses Wörterbuch viele Anknüpfungspunkte, um sich deutsche Fachbegriffe und Ausdrucksweisen anzueignen.

Menschen, die gelegentlich als Übersetzer in diesen Arbeitsbereichen tätig sind, werden durch die präzisen, fachkundigen Übersetzungen pädagogischer Fachbegriffe enorm unterstützt.

Fazit

Dieses Wörterbuch kann eine zusätzliche Hilfe für Kitas und Schulen mit überwiegend Arabisch sprechendem Klientel sein. Es erfüllt jedoch nur seinen Zweck, wenn beide Gesprächspartner alphabetisiert, daran gewöhnt Wörterbücher zu nutzen und bereit sind, sich in die Grundlagen der anderen Sprache hineinzudenken.

Wenn in Gesprächen einzelne speziellere Begriffe fehlen, können sie schnell und einfach nachgeschlagen werden. Dies wiegt aus unserer Sicht die wenigen fehlenden Begriffe u.a. auf.

In der Praxiserprobung bewährt sich das Wörterbuch z.B. bei Aufnahmegesprächen. Arabischsprachige Familien fühlen sich durch den Einsatz des Wörterbuches in ihrem Interesse am Dialog mit der Kita oder Schule bestätigt. Sehr motivierte Eltern fragen, wo sie es erhalten können. Eine Überarbeitung des arabisch-deutschen Teils in der zweiten Auflage hinsichtlich der angestrebten Erziehungspartnerschaft würde die Einsatzmöglichkeiten dieses Wörterbuches erweitern.

Im Vergleich zur bildgestützten Kommunikation, die in Tür- und Angelgesprächen kurzfristig Klärungen bringen kann, kann das vorliegende Wörterbuch in Aufnahme-, Lern- oder Entwicklungsgesprächen eine Unterstützung sein, soweit sich die Gesprächspartner*innen auf den Einsatz verständigen. Falls nicht, bleibt es hilfreicher, eine/n Dolmetscher*in (deutschsprechende Verwandte, Freunde) hinzuzuziehen.

Ganz gewiss leistet dieses Wörterbuch aktuell einen guten Beitrag für Arabisch sprechende Menschen, die eine pädagogische Ausbildung absolvieren oder anstreben.


Rezensentin
Amna Akeela
Diplom-Pädagogin, Fortbildnerin und Kita-Leitung
Homepage www.amna-akeela.de
E-Mail Mailformular

Rezensentin
Susanne Kühn
freiberufliche Fortbildnerin
Homepage www.susanne-kuehn.de
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Zitiervorschlag
Amna Akeela/Susanne Kühn. Rezension vom 12.03.2018 zu: Manal Alchoubassy, Afamia Alkassab, Sonja Fares, Hamad Nasser: Wörterbuch der Pädagogik Arabisch - Deutsch. Ein Wörterbuch für Kindergarten und Schule. Dohrmann Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-938620-41-0. Herausgeber: Wolfgang Dohrmann. Umschrift: Simone Britz. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23613.php, Datum des Zugriffs 21.07.2018.


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