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Frank Früchtel, Erzsébet Roth: Familienrat und inklusive, versammelnde Methoden des Helfens

Cover Frank Früchtel, Erzsébet Roth: Familienrat und inklusive, versammelnde Methoden des Helfens. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 256 Seiten. ISBN 978-3-8497-0185-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Autoren

Prof. Dr. Frank Früchtel ist Professor für Soziale Arbeit an der Fachhochschule Potsdam und an der Universität Bamberg für Ethik und Theorie-/Praxisentwicklung der Sozialen Arbeit.

Erzsébet Roth ist Sozialpädagogin B.A. und Pädagogin M.A. und als Koordinatorin für Familienräte tätig.

Aufbau

Das Buch stellt in 14 Kapiteln die Arbeit und die Bedeutung des Familienrates dar. Jedem Kapitel ist ein Fallbeispiel vorgeschaltet oder zugeordnet, an dem sowohl der theoretische Hintergrund als auch methodische Vertiefungen ausgebreitet werden. „Da fachliches Handeln in unterschiedlichen Fallkonstellationen variiert, haben wir wichtige fachliche ‹Essentials› wiederholt dargestellt, um verschiedene Facetten ihres Einsatzes zu zeigen.“ (S. 15)

Inhalt

Im zweiten Kapitel werden am Fall eines alleinerziehenden Vaters die Grundlagen für den „Familienrat“ vorgestellt. Dabei wird ein Schwerpunkt darauf gelegt, welche Aufgaben der/die Koordinator*in in diesem Prozess übernimmt. Sie wird vom Jugendamt beauftragt, nimmt eine neutrale Position zwischen den Betroffenen und den Fachkräften ein und steuert den Prozess des Familienrates eigenverantwortlich.

Das dritte Kapitel befasst sich mit den Ursprüngen des Familienrates, der Family Group Conference in Neuseeland. Kultureller Hintergrund ist die familiäre Gemeinschaft und die Dorfgemeinschaft im Verständnis der Ureinwohner, der Maori. Die Identität der/des Maori ist stark mit seinem Stamm und seiner Abstammung verknüpft. „Die Gruppe, die Familie, die Vorfahren, der Herkunftsort und die Dorfgemeinschaft geben dem individuellen Leben Sinn und orientieren die persönlichen Pläne und Ziele.“ (S. 47)

Kapitel vier befasst sich mit den Kolonialisierungrisiken im Sinne von Habermas. Einerseits die Exklusion in der Form, dass professionelle Hilfe vorhandene lebensweltliche Bindungen kappt. Andrerseits die Standardisierung von Hilfe, die eine individuell passgenaue Hilfe erschwert bzw. verhindern.

Im Kapitel fünf wird gezeigt, wie man mit Vorbehalten umgeht. Sie zeigen sich in Aussagen wie „Ich habe schon alle gefragt und es hat nichts genutzt“ oder „Ich will nicht, dass andere Leute davon erfahren“.

In Kapitel sechs werden, unter Berücksichtigung von Theorien des sozialen Selbst, die Versammlungsmethoden vorgestellt. Unter den Theorien des sozialen Selbst wird sehr kurz auf sozialökologische Modelle, die Theorie des sozialen Kapitals von Bourdieu und auf den kommunitaristischen Diskurs eingegangen. Als Versammlungsmethoden werden vorgestellt: Kreisfragen, die Methode der „Mannschaftsaufstellung“, die Versammlungsimmagination, die Neutralitätsdeklaration, das Commitment, die Verheißung mit Forderung, das Durchhangeln und das Metaphorische Modell. Sie dienen alle dazu, die Rahmenbedingungen für den Familienrat zu strukturieren und ihn vorzubereiten. Zum Schluss wird auf das sogenannte „Eco-Mapping“ eingegangen, das das Netzwerk und die Schlüsselpersonen festhält.

Im Kapitel sieben geht es darum, wie es gelingt, eine Familienversammlung zu Stande zu bringen. Ein wesentliches Element ist dabei die Sorgeerklärung, die die Einschätzung des Jugendamtes enthält. Sie wirkt am besten, wenn Sie folgende Elemente enthält: Fakten, Betroffenheit, Verständnis für die Situation der Betroffenen, eine Erfolgserwartung, Lösungsabstinenz der Fachkräfte und eine knappe und übersichtliche Darlegung der Anliegen des Jugendamtes (Sorgeerklärung). Ein weiteres wichtiges Element ist die Stärkerunde, die die Ressourcen der Beteiligten erfasst. Der Abschnitt endet mit der Erläuterung der restaurativen Sozialen Arbeit, die das staatliche Handeln für bürgerschaftliches Engagement öffnet.

Das achte Kapitel hat interkulturelle Unterschiede zum Thema. Am Fall einer Libanesin wird deutlich, wie der Familienrat zwischen Tradition und Moderne vermitteln kann, wie er zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft eine Brücke baut und so das traditionelle/kulturelle Handicap der Familie zur Stärke werden lässt.

Wie sich der Familienrat auch bei Klienten mit extremen psychischen Beeinträchtigungen als hilfreich erweist wird im neunten Kapitel ausgeführt. Hier wird auf die Bedeutung von Ritualen eingegangen. „Vielleicht ist die Hauptwirkung des Familienrates, ein soziales Gemeinschaftsgefühl zu ermöglichen, dessen … Nebenwirkungen konkrete Hilfeleistungen sein können“ (S. 140).

Der Kinderschutz ist Thema im zehnten Kapitel. Hier wird das Spannungsverhältnis zwischen der Administration der Jugendhilfe und dem lebensweltlichen Unterstützungssystem besonders deutlich. Letzteres ist für die Professionellen, die den gesetzlichen Schutzauftrag garantieren sollen, nicht kalkulierbar. Deshalb geht der Kinderschutzauftrag in diesem Bereich auf die Experten über. Dagegen wird argumentiert, dass auch bei einer Inobhutnahme eines Kindes ein Familienrat einberufen werden kann. Denn, so die Idee, je kleiner das Netzwerk um die Familie, umso weniger können sich auch um den Kinderschutz kümmern. „Durch die emotionale Verbundenheit der Teilnehmenden mit den Kindern wird der Kinderschutz von vielen mitgetragen und ausgeübt …“ (S. 156).

Kapitel elf erörtert den Familienrat anhand eines Kindes mit geistig behinderten Eltern die Notwendigkeit der leichten Sprache. Sie ist „nicht einfach die Übersetzung der Standardsprache in simpleres Deutsch. Zu einem echten Gewinn wird sie erst, wenn man komplizierte Sachverhalte durch Sachverhalte … und Geschichten zu erklären vermag“ (S. 168). Ein wichtiges Element dafür sind bildgeführte Texte und Moderation.

Das zwölfte Kapitel befasst sich mit einer internationalen Studie zum Familienrat. Die meisten Daten gibt es aus den Vereinigten Staaten, Kanada und aus Großbritannien. Zusätzlich wird die Entwicklung in ausgewählten Staaten vorgestellt (Neuseeland, Großbritannien, Australien, Kanada, USA, Niederlande, Skandinavien, Österreich und Deutschland).

Nach dem Blick auf die Welt stellt das Kapitel 13 statistische Daten zum Familienrat in Deutschland vor. Die meisten Daten kommen aus Berlin und Baden-Württemberg. Keine Zahlen liefern z.B. Bremen oder Thüringen. Auch die bevölkerungsreichsten Bundesstaaten Bayern und NRW sind mit sehr wenig Rückmeldungen vertreten. Die häufigsten Gründe für die Einberufung eines Familienrates sind Verhaltens- und psychische Probleme, Schulprobleme und Erziehungsprobleme (in 73 % als Multiproblemkonstellation) (S. 207).

Im letzten Kapitel wird noch einmal deutlich gemacht, was relationale Hilfe bedeutet und mit welchen Theorien sie begründet werden kann. Es zeichnet nach, wie der Humanismus mit seinem personenzentrierten Ansatz zu kurz greift. Er betont Autonomie und Selbstverwirklichung und lässt die Brüderlichkeit außer Acht. Dabei zeigen biologische Forschungen, dass Kooperation dem Wettbewerbsgedanken überlegen ist. „Auf Dauer geht es uns zusammen gut oder gar keinem.“ (S. 220) Herbert Mead hat herausgearbeitet, dass der Mensch ein resonanzfähiges Wesen und das Ich ein Produkt sozialer Interaktion ist (S. 225). Bandura verweist auf die Bedeutung der Selbstwirksamkeit, d.h. der Fähigkeit, aus eigener Kraft Anliegen (zusammen mit anderen) zu bearbeiten. Zum Schluss werden noch einmal die wesentlichen Merkmale der relationalen Hilfe zusammengestellt: Probleme sind Potenziale, Erweiterung des (Hilfe)Kreises, Vergemeinschaftung des Problems, Gemeinsamkeit vor Wirksamkeit.

Diskussion

Eine zentrale Frage, die in Kapitel fünf behandelt wird, stellt sich dem Praktiker: Wie lässt sich das Klientel motivieren selbstverantwortlich in einen Problemlöseprozess einzusteigen, der bisher nicht geübt und damit gelernt wurde? Die in den Fällen vorgestellten Menschen kennen ehe ihre erlernte Hilflosigkeit, als eine fundierte Problemlösekompetenz. Hier wirkt die kulturelle Tradition in Neuseeland hilfreicher. Es hat den Anschein, dass dort eine gewachsene Kultur der gegenseitigen Unterstützung existiert, die unserer Gesellschaft zunehmend abhanden gekommen ist.

Die Soziale Arbeit hat sich in ihrer Geschichte von der Fürsorge zum Empowerment und zur Berücksichtigung lebensweltlicher Ressourcen weiterentwickelt. Das kulturelle Element des Gehorsams wirkte in Deutschland weit über das Dritte Reich hinein und war noch eine Tugend in den Aufbaujahren nach dem Krieg. Ein Verständnis für Zusammenarbeit konnte so, im Gegensatz zu Neuseeland, gesellschaftlich nicht wirklich entwickelt werden.

Thematisiert wird leider auch nicht, inwieweit innerfamiliäre Machtstrukturen den Familienrat und seine Suche nach Problemlösung beeinträchtigen. Wer setzt sich mit seiner Lösungsstrategie durch und wer stimmt aus Not zu?

Darüber hinaus bleibt eine vertiefte Diskussion der Rolle der Sozialen Arbeit und ihrer Fachkräfte aus. Reicht die ihnen zugeschriebene Rolle als „Versammler und Vermittler“ (S. 238) aus? Oder bedarf es weitergehender Interventionen der Hilfe auf individueller und/oder auf der Ebene des Gemeinwesens. Vor diesem Hintergrund sortiert sich der Familienrat als ein zusätzliches Element in das Methodenrepertoire der Sozialen Arbeit ein. Was das Buch auf alle Fälle leistet, ist ein Sensibilisieren für die Bedeutung und die Stärke von Netzwerken in der Lebenswelt des Klientels.

Fazit

Der Band ist sehr praxisorientiert aufgebaut und geschrieben. Damit profitieren vom Inhalt sowohl Studierende als auch die Fachkräfte in der Sozialen Arbeit. Ein erfreuliches Buch, dem es gelingt, Theorie für die Praxis zugänglich zu machen.


Rezensent
Dr. Winfried Leisgang
Dipl. Soz.-Päd., Master of Social Work (M.S.W.)
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Zitiervorschlag
Winfried Leisgang. Rezension vom 27.03.2018 zu: Frank Früchtel, Erzsébet Roth: Familienrat und inklusive, versammelnde Methoden des Helfens. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-8497-0185-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23616.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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