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Martin Verlinden, Anke Külbel: Väter im Kindergarten

Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 19.04.2005

Cover Martin Verlinden, Anke Külbel: Väter im Kindergarten ISBN 978-3-407-56296-8

Martin Verlinden, Anke Külbel: Väter im Kindergarten. Anregungen für die Zusammenarbeit mit Vätern in Tageseinrichtungen für Kinder. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 96 Seiten. ISBN 978-3-407-56296-8. 14,90 EUR.
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Thema

Elternarbeit in Kindertageseinrichtungen ist weitgehend Mütterarbeit; rund 80% der Teilnehmer/innen an Elternveranstaltungen, der Mitglieder des Elternbeirats und der Ansprechpartner bei Tür- und Angelgesprächen sowie in Entwicklungs- und Beratungsgesprächen sind Mütter. Martin Verlinden, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialpädagogischen Institut NRW, und Anke Külbel, Familien- und Fortbildnerin, bedauern dies: Väter nähmen einen wichtigen Platz im Leben von Kleinkindern ein; viele würden sich immer mehr bei deren Pflege, Erziehung und Bildung engagieren. So sollten sie nicht länger "Zaungäste" im Kindergarten sein: "Die familienergänzende Aufgabe des Kindergartens lässt zu, dass den Vätern Impulse und Räume angeboten werden, in denen sie eine 'neue Väterlichkeit' ausprobieren, anderen Vätern begegnen und sich spielerisch den Kindern widmen können" (S. 10).

Eine realistische Sicht von Vätern entwickeln

Das setzt allerdings ein Umdenken seitens der Erzieher/innen voraus, für die Väter oft noch die "großen Unbekannten" sind. So sollten sie im Team die Ursachen für die "Unterväterung" im Kindergarten analysieren: traditionelle Rollenvorstellungen, Vorurteile, Hemmungen, von Müttern beanspruchte Dominanz in der Kleinkinderziehung usw. Ferner sollten sie sich mit relevanten Ergebnissen der Väterforschung befassen, die von Vierlinden und Külbel knapp zusammengefasst werden: Diese verdeutlichen die große Bedeutung von Vätern für ihre Kinder, insbesondere für die Entwicklung kognitiver Kompetenzen, sozialer Fertigkeiten, der Geschlechtsrollenidentität und des Selbstwertgefühls. Auch könnten Väter wie Mütter eine Bindungsbeziehung zum Baby bzw. Kleinkind aufbauen. So sind sie wichtige Miterzieher, die von den Fachkräften nicht ignoriert werden dürfen.

Wurde auf diese Weise eine väterfreundliche Wahrnehmung erreicht, ist schon die Motivation gegeben, nach Wegen zu suchen, wie man mehr Väter in den Kindergarten hineinholen könnte - zum einen, weil sie letztlich im gleichen Maße wie Mütter Zielgruppe der Elternarbeit sind, zum anderen aber auch aus einer väterbildenden Motivation heraus: "Der Kindergarten kann Vätern einen pädagogisch gestalteten Raum bieten, in dem sie ihr wachsendes Verständnis von Vatersein gemeinsam entwickeln können" (S. 41).

Angebote für Väter

Verlinden und Külbel beschreiben, wie die Fachkräfte vom ersten Kontakt an "väterfreundliche Signale" aussenden können, z.B. indem im Schriftverkehr, im Informationsmaterial über den Kindergarten und in Elternbriefen die Anrede "Liebe Mütter, liebe Väter" (anstatt von "Liebe Eltern") verwendet wird, indem ausdrücklich auch der Vater zum Anmeldegespräch gebeten wird und er zusammen mit seiner Frau zum Einführungselternabend eingeladen wird. Ja, Väter könnten sogar schon direkt nach der Geburt eines Kindes durch die Öffnung des Kindergartens zum Gemeinwesen hin erreicht werden: "Fachkräfte können sich Vätern und Müttern mit 'Noch-Nicht-Kindergartenkindern' bereits sehr früh öffnen, indem sie vor allem Angebote von Familienbildungsstätten innerhalb der Kindergartenräume zulassen. Umfangreichere Feste und Feiern eines oder mehrerer Kindergärten wie Erntedankfest, Laternenumzug, Basare, Karneval, Aufführungen und Sommerfest würden so für mehr Familien im umgebenden Sozialraum zugänglich gemacht. ... In Angeboten, die für das Gemeinwesen offen sind, liegt die besondere Chance, dass werdende und frischgebackene Väter frühzeitig 'ihresgleichen" begegnen, deswegen wäre es sinnvoll, dort Väterbegegnungen (Väterstammtisch, Väterinfowand, Väterbefragung durch Väter des Kindergartens) zu organisieren und bestehende Väterangebote und -initiativen bekannt zu machen" (S. 52).

Dann zeigen Verlinden und Külbel auf, wie Erzieher/innen Väter in Tür- und Angelgesprächen verwickeln, zu Hospitationen in den Kindergarten einladen, als Mitglieder des Elternbeirats gewinnen und motivieren können, ihre Perspektiven und Ansichten in Entwicklungsgespräche einzubringen. Ferner stellen sie besondere Angebote wie beispielsweise ein Kennenlernfest für neue Väter, eine Rallye, einen Väterabend, ein Vater-Kind-Frühstück, einen Spieltreff für Väter und ihre Kinder oder einen Waldtag vor. Viele Tipps verdeutlichen, wie Väter für solche Veranstaltungen gewonnen werden können (z.B. indem sie direkt angesprochen werden, indem ihre Kinder Einladungen gestalten oder indem sie den Erzieher/innen Briefe an ihre Väter diktieren und ihn bitten, sie im Kindergarten zu besuchen). Auch die Gestaltung der Angebote für Väter (und Kinder) wird detailliert beschrieben - bis hin zu einem Märchen, das den Waldtag zu einem unvergesslichen Erlebnis machen wird...

Praktische Erfahrungen

Viele der ausführlich und praxisnah beschriebenen Angebote für Väter wurden in einem dreijährigen Forschungsprojekt des Sozialpädagogischen Instituts NRW erprobt, an dem sechs Kindertageseinrichtungen teilnahmen. Hier zeigte sich z.B. Folgendes: "Langsam wird ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Fachkräften und Vätern wachsen und es wird möglich, dass etwa die 'Vater-Kind-Spiel-Treffs' nach einigen Treffen von Vätern selbst organisiert werden. Fachkräfte werden sich dann auf eine unterstützende Rolle zurückziehen und diese Verselbstständigung als bereichernd für ihre pädagogische Arbeit anerkennen. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass Väterarbeit im Kindergarten eine besondere Leitungsaufgabe ist" (S. 55). Auch würde viel Engagement verlangt - und Durchhaltevermögen bei den unvermeidlichen Rückschlägen und Durststrecken.

Kritische Anmerkungen

Negativ zu bewerten ist, dass sich in dem Buch viele Aussagen wiederholen: Beispielsweise werden zunächst verschiedene Formen der Elternarbeit vorgestellt und es wird beklagt, dass durch sie kaum Väter erreicht werden. Dann werden dieselben Formen genannt und beschrieben, wie man mit ihnen theoretisch Väter ansprechen könnte. Und schließlich werden sie erneut aufgelistet - mit praxiserprobten Anregungen. Auch wird leider nicht erwähnt, wie viele Väter in den Modelleinrichtungen durch die beschriebenen Angebote erreicht wurden. Überhaupt wäre eine Väterbefragung im Rahmen des SPI-Projekts sinnvoll gewesen, um die Interessen der Väter auszuloten und ihre im Kindergarten gesammelten Erfahrungen zu ermitteln.

Positiv zu bewerten ist, dass insbesondere der letzte Teil des Buches sehr praxisorientiert ist. Auch ist das Buch gut zu lesen, wozu die detaillierte Gliederung und das Layout beitragen. Es ist allen Fachkräften zu empfehlen - ja, es sollte eigentlich von jedem Kindergartenteam gelesen werden, da bisher wohl keine Kindertageseinrichtung durch Elternarbeit so viele Väter wie Mütter erreicht...

Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Es gibt 72 Rezensionen von Martin R. Textor.

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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 19.04.2005 zu: Martin Verlinden, Anke Külbel: Väter im Kindergarten. Anregungen für die Zusammenarbeit mit Vätern in Tageseinrichtungen für Kinder. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. ISBN 978-3-407-56296-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2362.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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