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Oliver Schröm, Niklas Schenck: Die Krebsmafia

Cover Oliver Schröm, Niklas Schenck: Die Krebsmafia. Kriminelle Milliardengeschäfte und das skrupellose Spiel mit dem Leben von Patienten. Lübbe (Köln) 2017. 288 Seiten. ISBN 978-3-7857-2607-5. 20,00 EUR.
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Thema

500.000 Menschen erkranken jährlich an Krebs. Jahrestherapiekosten von über 100.000 € je Patient sind keine Seltenheit. Den Zytostatikamarkt teilen sich die pharmazeutische Industrie, rund ein Dutzend Herstellbetriebe, 250 Zytostatika-Apotheker und kaum 1.500 auf die Behandlung von Krebs spezialisierte Ärzte – Onkologen, Hämatologen, Gynäkologen, Gastroenterologen und Internisten.

Hohe Gewinnmargen fördern die Korruption zulasten der Solidargemeinschaft und der Patientengesundheit. Ärzte gefährden Krebspatienten, indem sie ihnen unnötige, aber lukrative Chemotherapien verordnen. Apotheker handeln mit Medikamenten, die gepanscht sind oder keinen Wirkstoff mehr enthalten. Und durch Abrechnungsbetrug entsteht jährlich ein Milliardenschaden zulasten der Krankenkassen und Versicherten. Staatsanwaltschaften, Aufsichtsbehörden und Krankenkassen verhalten sich passiv.

Krebspatienten sind Ärzten und Apotheken bedingungslos ausgeliefert. Doch statt Vertrauen ist Vorsicht angebracht.

Autoren

Oliver Schröm, geb. 1964, ist einer der renommiertesten investigativen Journalisten Deutschlands. Er ist Autor und Koautor von zehn Enthüllungsbüchern über Terrorismus, Geheimdienste, Politik- und Medizinskandale, darunter etliche Bestseller. Seine Bücher wurden in sechs Sprachen übersetzt. Für seine Recherchen erhielt er mehrere Auszeichnungen. 

Niklas Schenck ist ein mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilmer und investigativer Reporter. Er erhielt unter anderem den Axel-Springer-Preis (2010), den Wächterpreis (2012) und wurde für einen Grimme-Preis (2013) nominiert. Zuletzt hat Schenck ein Jahr in Kabul gelebt und den 2017 erscheinenden Kino-Dokumentarfilm True Warriors produziert.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an die interessierte Öffentlichkeit, Krebspatienten und deren Angehörige. Es dient der Sensibilisierung von Gesundheitspolitikern, Krankenkassenfunktionären, Ärzten, Apothekern und deren Standesvertretern.

Aufbau und Inhalt

Ein Hinweis zur Unzeit. Ein eng befreundeter, geschätzter Kollege des Autors erkrankt an Lungenkrebs und stirbt. Zeitgleich berichtet ein Zytostatika herstellender Apotheker von dem Geschäftsmodell eines pharmazeutischen Großhandels für onkologische Präparate. Hier werden systematisch Steuern hinterzogen und Gewinne nach Luxemburg und Panama verschoben. Ärzte und Apotheker sind beteiligt. Die Recherche beginnt.

Werden Profite aus Krebsmedikamenten in Steueroasen ausgezahlt? Das Geschäftsmodell des „Panama-Konstrukts“ wird beschrieben. Es ermöglicht pharmazeutischen Herstellern den Absatz ihrer Zytostatika durch eine illegale Ausschüttung von Rabatten an Ärzte und Apotheker sicherzustellen. Systematisch werden Steuern hinterzogen. Der Warenfluss wird von pharmazeutischen Großhändlern in Luxemburg und Deutschland organisiert. Die Gewinne werden in Steueroasen deponiert. Die Solidargemeinschaft zahlt.

Niedergelasse Ärzte dürfen bestochen werden – und unsere Quelle taucht ab. Die Akteure und die juristischen Rahmenbedingungen des Zytostatikamarktes werden näher beleuchtet. Bis zum Juni 2016 war die Bestechung von Ärzten straffrei. Apotheker konnten für die Zuweisung von Rezepten durch korrupte Ärzte dies direkt Entlohnen und solche Zahlungen als Betriebsausgaben beim Finanzamt geltend machen. Staatsanwaltschaften, Aufsichtsbehörden und Krankenkassen verhalten sich passiv.

Der Homesland-Prozess: Schlaglicht auf eine verseuchte Branche. Über einen pharmazeutischen Großhändlern im dänischen Homesland wurden nicht in Deutschland zugelassene Zytostatika in den deutschen Markt eingebracht und von kooperierenden, korrumpierten Apotheken verarbeitet. Die Qualität der Medikamente war nicht immer gewährleistet. Patienten wurden gefährdete. Rabatte wurden verteilt. Im Rahmen einer bundesweiten Razzia wurden ca. 80 Apotheken durchsucht. Der Prozess endete 2015 mit Bewährungsstrafen der Angeklagten.

Ein Zytostatika-Apotheker als Heuschrecke. Ein Hamburger Zytostatika Apotheker bringt über einen ärztlichen Strohmann verschiedene Versorgungszentren (MVZ) in seine wirtschaftliche Abhängigkeit. Die dort tätigen Ärzte werden genötigt die ärztlichen Verordnungen den Apotheken des Apothekers zuzuweisen.

Ein Pharmahändler mit Hafterfahrung. Ein dubioser, vorbestrafter Pharmahändler erläutert seine langjährigen Funktionen im Zytostatikamarkt.

Wie ein Hamburger Onkologe anfällig für Bestechung wurde. Exemplarisch wir die Rolle, Funktion und Motivation eines korrumpierten Onkologen bei den Dreiecksgeschäften zwischen Ärzten, Händlern und Apothekern dargestellt.

Die tropischen Tage. Pfusch im Sterillabor. Die Herstellung von Zytostatika muss unter Reinraumbedingungen und definierten Temperaturen erfolgen um die Keimfreiheit und Stabilität der Medikamente zu gewährleisten. Die Dosierung des Wirkstoffs ist unter anderem dem Körpergewicht des Patienten als auch dessen Krankheitsverlauf anzupassen. Trotz ausgefallener Klimaanlage wurde wurden in einer Hamburger Apotheke weiter Zytostatika herstellt und an die verordnenden Ärzte zur Verabreichung an die Patienten abgegeben. Die Aufsichtsbehörden sehen hier keine Probleme.

Praxis Dr. Tod: Darf´s noch ein bisschen Chemotherapie sein? Was passiert wenn die finanziellen Interessen des Arztes die ärztliche Objektivität trübt und das ärztliche Handeln beeinflusst? Kann oder muss der Patient damit rechnen, dass Chemotherapien großzügig verordnet werden um die finanziellen Bedürfnisse von Ärzten und Apothekern zu befriedigen? Eigne Praxisbeispiele werden dargestellt.

Lügen mit der Wahrheit: Die Rolle der Aufsichtsbehörden. Die Hamburger Aufsichtsbehörden kommen ihrer Kontrollfunktion gegenüber einem in der Hansestadt ansässigen Herstellungsbetrieb nicht nach. Die wirtschaftlichen Interessen stehen vor dem Patientenwohl.

Recherche mit versteckter Kamera: Schlupflöcher im neuen Antikorruptionsgesetz. Wie reagieren die Akteure auf das geplant und im Juni 2016 beschlossene Antikorruptionsgesetz. Welche Umgehungstatbestände sind denkbar und möglich um die bestehenden illegalen Einnahmequellen zu schützen?

Ein Kammerspiel der Korruption: Das Buhlen um die lukrativen Rezepte eines Hamburger Onkologen. Zwei Apotheker versuchen vor versteckter Kamera trotz Antikorruptionsgesetz einen Onkologen zu korrumpieren.

Sparen um jeden Preis: Die AOK schreibt ihre Zytostatika Versorgung aus. Immer mehr Krankenkassen suchen im Wege der Ausschreibung Apotheken als Vertragspartner für die Versorgung ihrer ambulant behandelten krebskranken Versicherten. Ziel ist es die Versorgung zu verbessern und Rabatte für die Solidargemeinschaft zu sichern. Nach dem Bericht des ARD-Polit-Magazin Panorama, dass die AOK Rheinland/Hamburg ausgerechnet einem Apotheker einen Zuschlag erteilt hat, gegen den Ermittlungsverfahren laufe, kündigte die AOK kurz vor Vertragsstart den Vertrag. Einsparungspotentiale stehen vor Patienteninteressen.

Ungewissheit, intravenös: wie lange ist eine Infusion für Krebstherapie haltbar? Die meisten Chemotherapie werden individuell hergestellt und verfügen nur über eine begrenzte Haltbarkeit. Der Herstellungsbetrieb darf nicht zu weit von dem behandelnden Onkologen entfernt sein. Die Kühlkette ist einzuhalten. Krankenkassen, Apotheker, Zytostatika-Herstellerbetriebe und Pharmakonzerne streiten über die Haltbarkeit von Chemotherapien und damit indirekt über zulässige Transportzeiten, Rabatte und Marktanteile. Die Deutschen Kontrollbehörden sind uneins. Den Patienten wird derweil Unsicherheit in die Blutbahn injiziert.

Alle Missstände in einem Fall: Der Panscher von Bottrop. Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er 40.000 Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Die Krankenkassen wurden um mindestens 2,5 Millionen geprellt. Die Aufsichtsbehörden haben über Jahre versagt. Der Apotheker wurde inhaftiert, angeklagt und steht im Januar 2018 vor Gericht.

Dem Betrug den Boden entziehen: Kontrolle ist gut, Reform ist besser. Wie kommt man den illegalen Praktiken des Zytostatika-Marktes bei? Das Antikorruptionsgesetz bleibt zunächst eine stumpfe Waffe. Die ärztliche Vergütung der Onkologen ist unangemessen niedrig und befördert die Korruption. Die Ausschreibungen der Kassen ist ein erster Ansatz aber noch kein Durchbruch. 72 unterschiedliche Aufsichtsbehörden schaffen es nicht 259 Zytostatika-Apotheken stringent zu kontrollieren. Jahrestherapiekosten von 100.000 je Patient sind keine Seltenheit. Abhilfe könne die Erteilung von Zwangslizenzen sein. Diese werden immer dann erteilt, wenn ein alternativer Arzneimittelhersteller im Markt erscheint und mit dem Originalhersteller über den Preis um Marktanteile konkurrieren muss.

Alptraum der Pharmaindustrie: Zwangslizenzen und ein Ersatz für Monopole. Auf dem Höhepunkt der HIV Epidemie beschloss Uganda und Südafrika für ihre HIV Patienten Zwangslizenzen zuzulassen. Alternative, preisgünstige Anbieter wurden aus Indien geliefert. Patienten konnten erfolgreich mit preisgünstigen Arzneimitteln versorgt werden. Der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat ermittelt das Krebs der deutschen Volkswirtschaft 2015 rund 18,5 Milliarden Euro kostet. Hiermit ist die Behandlung doppelt so teuer wie in Großbritannien und deutlich treuer als in Schweden oder Frankreich – bei gleicher Qualität.

Überteuerte Krebsmedikamente: Ein erster Durchbruch bei der WHO. Die Diskussion der Zwangslizenzen ist auf der WHO Ebene angekommen. Er scheint global akzeptiert zu sein, das nur durch diese Maßnahme eine bezahlbare Gesundheitsversorgung aller Menschen des Planten zu realisieren ist. Es bleibt abzuwarten ob der politische Wille und die Weitsicht, der Verantwortlichen dafür recht.

Diskussion

Krebspatienten können in Deutschland nicht per se auf die professionale, nur am Patientenwohl orientierte Arbeit von Ärzten und Apothekern vertrauen.

Weder die politische Verantwortlichen noch die Aufsichtsbehörden sind wirklich willens und in der Lage der grassierenden Korruption mit Zytostatikamarkt effektiv Einhalt zu gebieten. Dieses Verhalten gefährdet nicht nur die Patientengesundheit sondern auch das Vertrauen der Bürgen und Patienten in die Schutzfunktion des States und dessen Institutionen.

Die Autoren stellen einen klugen Ansatz vor, wie durch das Instrument der Zwangslizenzen exorbitante Arzneimittelkosten heute eingedämmt werden können und die Finanzierbarkeit der Arzneimittelversorgung und in Zukunft gewährleistet werden kann.

Aufmacher und Tenor des Buches folgen der Intention die bereite Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. Eine tiefergehende, differenzierende Betrachtung insbesondere der Rolle der in Teilen inkompetenten Aufsichtsbehörden kann hier nicht geleistet werden.

Auch wäre der vergleiche Blick in Gesundheitssysteme anderer Industrienationen hilfreich. Hier sind Parallelen und Lösungsvorschläge für den Deutschen Zytostatikamarkt ableitbar.

Fazit

Eine lesenswerte Darstellung und Anlass zur Reflexion über ein immanentes bisher in der Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommenes Problem über die Korruption im Gesundheitswesen und das Versagen der Aufsichtsbehörden.


Rezensent
Dr. med. Thomas Kerckhoff
MBA
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Zitiervorschlag
Thomas Kerckhoff. Rezension vom 31.01.2018 zu: Oliver Schröm, Niklas Schenck: Die Krebsmafia. Kriminelle Milliardengeschäfte und das skrupellose Spiel mit dem Leben von Patienten. Lübbe (Köln) 2017. ISBN 978-3-7857-2607-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23627.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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