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Lynn Blattmann: Arbeit für Alle. Das St. Galler Modell für Sozialfirmen

Cover Lynn Blattmann: Arbeit für Alle. Das St. Galler Modell für Sozialfirmen. rüffer & rub Sachbuchverlag (Zürich) 2017. 185 Seiten. ISBN 978-3-906304-26-7. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 19,80 sFr.
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Thema

Das Buch setzt sich mit dem Sozialunternehmertum als Möglichkeit Arbeit zu schaffen auseinander – und zwar für jene, die mit den steigenden Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht mehr gewachsen sind und in der Sozialhilfe versorgt werden, aber keine Arbeit mehr erhalten.

Autorin

Lynn Blattmann ist promovierte Historikerin. Sie hat langjährige Erfahrung im Bereich der politischen Strategien. Gemeinsam mit Daniela Merz hat sie seit 2006 die Sozialfirma Dock Gruppe AG aufgebaut und geführt.

Aufbau

Das Buch folgt einer eher losen Struktur, wobei alle Themen um das zentrale Fallbeispiel der Dock Gruppe, einem St. Galler Sozialunternehmen arrangiert sind. So widmen sich die ersten Kapitel dem Credo der Dock Gruppe, der „Passion“ Sozialunternehmertum, der Rolle der „Unternehmerin“ und schließlich Bilderportraits über „Menschen ohne Arbeit“.

Der zweite Teil hat das Fallbeispiel der Dock Gruppe als Kernthema und erläutert das „St. Galler Modell für Arbeitsintegration“, die „Rahmenbedingungen“ der Dock Gruppe im Speziellen und der Sozialunternehmen im Allgemeinen, sowie die „Geschichte der Arbeit in der Dock Gruppe“.

Das Buch endet mit einem Ausblick auf die „Zukunft der Arbeit“.

Zu Teil I: Sozialunternehmen und Sozialunternehmerinnen

In diesem Abschnitt werden die Charakteristika der Sozialunternehmen dargelegt. Im Unterschied zu öffentlich und/oder spendenfinanzierten sozialen Beschäftigungsprogrammen sind Sozialunternehmen unternehmerisch geführte Firmen, die ihre Betriebskosten auf dem Markt über Kundenaufträge erwirtschaften müssen. Den Unterschied zu ‚normalen‘ Unternehmen macht die soziale Mission aus, die ihnen zugrunde liegt. Für die hier im Mittelpunkt stehende Dock Gruppe lautet die Mission: „Arbeitsplätze zu schaffen für Menschen ohne Arbeit“ (S. 17).

Spezifische Herausforderungen ergeben sich aus dem Umstand, dass die Zielgruppe aus Menschen besteht, die aus individuellen oder strukturellen Gründen bereits seit Längerem nicht mehr Teil des Arbeitsmarktes waren. Innerbetrieblich geht es vor allem um Möglichkeiten für die Motivation der Belegschaft, ohne dabei auf die wirtschaftsüblichen Methoden des Arbeitsplatzverlustes als Druckmittel oder Karriere- oder Gehaltsentwicklungen als positive Motivatoren zurückgreifen zu können. Werte, wie Vertrauen, Respekt und Ehrlichkeit sind daher das Kapital der Sozialfirma, das vor allem im alltäglichen Umgang miteinander aufzubauen und zu pflegen ist, um aus allen Mitarbeitenden eine „gelebte Gemeinschaft“ entstehen zu lassen (S. 22). „Die Wertefokussiertheit von Sozialfirmen dient also nicht nur dem Zweck einer hehren Firmenphilosophie, sie wirkt auch direkt auf die Integrationskraft des Unternehmens. Wer sich in einem Betrieb respektiert fühlt und die Sicherheit hat, dass er oder sie auch in schwierigen Situationen ehrlich sein darf, schöpft wieder Vertrauen in sich und in die eigene Zukunft.“ (S. 25)

Nach außen, ist vor allem der Markt die Instanz, die über Erfolg oder Misserfolg des Sozialunternehmens entscheidet. Auch wenn der zweite Arbeitsmarkt, auf dem Sozialunternehmen meist agieren, anderen Voraussetzungen unterliegt als der erste Arbeitsmarkt, so gilt es im Vorfeld einiges zu bedenken. Zunächst geht es darum geeignete Marktnischen auszumachen, des weiteren muss die Belegschaft in der Lage sein, dass einmal akquirierte Auftragsvolumen gemäß vorgegebener Standards zu erfüllen. Und zu guter Letzt ist die Anpassung der Lohnmodelle an die sich kontinuierlich verändernde Gesetzeslage im Sozialhilfebereich von Nöten.

Zu Teil II: Die Dock Gruppe und das St. Galler Modell für Arbeitsintegration

Am Beispiel der Dock Gruppe wird der Weg von der Wiege bis zur Reife eines Sozialunternehmens detailreich erläutert. So hatte die Geschäftsführerin der damals noch kleinen St. Galler Dock Gruppe, Daniela Merz, 2002 die Idee, „Arbeit in Form von sicheren und langfristigen Arbeitsplätzen für alle, die arbeiten wollen“ zu schaffen. Der Kern der Idee lag vor allem in der Abkehr von den bis dahin üblichen – und nach wie vor weit verbreiteten – Beschäftigungsprogrammen auf Zeit (Tagelohnarbeit) und der Etablierung langfristiger qualitätsvoller Beschäftigung. Das sogenannte „St. Galler Modell für Arbeitsintegration“ basiert dementsprechend auf einer starken sozialunternehmerisch versierten Führungsperson, die mit dem sozialwirtschaftlichen, betriebswirtschaftlichen und regionalwirtschaftlichen Kontext vertraut ist und daher in der Lage ist beständig neue Wege zu finden, um die soziale Unternehmensmission umzusetzen. Mit Unterstützung der Autorin, Lynn Blattmann, die 2006 in die Leitung der Dock Gruppe miteinstieg, erfolgte ab 2007 die Expansionsphase, in der innert fünf Jahren zehn neue Standorte, sogenannte „Docks“ aufgebaut wurden und das Arbeitsplatzangebot von 150 auf 1.400 anstieg (S. 152).

Im Fall der Dock Gruppe ist die Mission die Schaffung von Arbeit mit „klar strukturierte[n], bewältigbare[n] und überschaubare[n] Vorgaben im Rahmen eines größeren Ganzen (…) mit Aufgaben und Ziele[n], die sie [Anm. die Mitarbeitenden] ohne Stress, aber mit Freude erfüllen können.“ (S. 89) Die Normalarbeitszeit wurde mit 20 Stunden/Woche festgelegt und Möglichkeiten für Wiedereintritte nach Rückschlägen eingeplant, um den Zugang zur Arbeit niederschwellig zu halten. Nicht „Arbeitsproduktivität [ist] entscheidend für eine allfällige Beförderung, sondern die Stundenproduktivität und die Zuverlässigkeit“ (ebd.). Zentral bleibt, dass das Ziel für jene, die leistungsfähig genug sind, der erste Arbeitsmarkt ist. Das Modell basiert auf einer engen Zusammenarbeit mit produzierenden Unternehmen der Umgebung, für die Dienste übernommen werden, die auf dem ersten Arbeitsmarkt zu teuer wären und daher ausgelagert würden. Durch die Nähe zu den Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes ergeben sich Möglichkeiten für einen Wechsel der leistungsfähigen Arbeitsnehmer/innen. Um die Flexibilität hoch zu halten, verfügt die Dock Gruppe über keine eigenen Liegenschaften, sondern mietet sich in leerstehende Gebäude, meist stillgelegte Fabriken, ein oder arbeitet direkt beim Kunden.

Die Nischen, in denen die Dock Gruppe agiert sind zum einen die händische Nachbearbeitung industriell produzierter Ware, die aufgrund der teuren Arbeitskraft in der Schweiz im ersten Arbeitsmarkt zu teuer wäre, und zum anderen Zerlegearbeiten im Recyclingbereich, sowie zunehmend im Bereich der Manufakturarbeit, die von dem Trend zu handwerklich hergestellten Produkten einen Aufwind erfährt. Dabei steht das Sozialunternehmen unter beständigem Innovationsdruck aufgrund unterschiedlicher Herausforderungen – zum einen von Seiten des Marktes, wo es gilt, kontinuierlich produktive Nischen zu finden, in denen qualitätsvolle Arbeit geschaffen werden kann, und zum anderen von Seiten der sich beständig wandelnden Sozialgesetzgebung. Die Mitarbeiter/innen erhalten Sozialhilfe und sind daher den strengen Regelungen für Zuverdienste unterworfen. Hier ist die Entwicklung von sinnvollen und motivierenden Lohnmodellen – und auch deren Weiterentwicklung und Adaption anlässlich von Gesetzesänderungen – eine zentrale Herausforderung, die die Dock AG bspw. in Kooperation mit der Sozialversicherungsanstalt anging.

Der letzte Abschnitt widmet sich der Diskussion der „Zukunft der Arbeit“. Die Autorin erläutert die sinnstiftende Funktion die Arbeit erfüllt, insbesondere in Form langfristig sicherer und qualitätsvoller Arbeitsplätze, stellt dabei allerdings auch fest, dass es „kein Patentrezept für die Dämpfung der Auswirkungen der aktuellen Arbeitsmarktentwicklung“ (S. 179) gibt. Doch gerade hier können Sozialunternehmen einen wichtigen Beitrag für die Zukunft liefern, indem sie sich zentral der Zurverfügungstellung von Arbeitsplätzen kümmern, die menschliche Bedürfnisse an eine würdige und lohnenswerte Arbeit befriedigen. Insbesondere die Kombination verschiedener Arbeitsformen, die den zweiten und den ersten Arbeitsmarkt umfassen und hier Durchlässigkeit schaffen bzw. erhöhen, wird die künftige Herausforderung sein, derer sich Sozialunternehmen annehmen müssen.

Diskussion und Fazit

Mit einer stark persönlichen Note startet das Buch und weckt ambivalente Erwartungen. So wichtig das Thema, so ungewöhnlich das vorliegende Format – jedenfalls als Buchpublikation. Die Autorin Lynn Blattmann ist nachweislich eine Kennerin der Schweizer Sozialunternehmen allgemein und ganz besonders freilich der Dock Gruppe und des St. Galler Modells für Arbeitsintegration, der sie seit Längerem als operative Führungskraft (COO) vorsteht. Die Leidenschaft, mit der das marktorientierte Modell des Sozialunternehmens und hier ganz konkret der Dock Gruppe vorgestellt wird, spiegelt jene Werte wider, die die Autorin als Kern des „wertgetriebenen“ Unternehmens in ihrer Arbeit anzutreiben scheinen. Sie dürften auch notwendig dafür sein, den sozialen Zielsetzungen des Unternehmens Tag für Tag gerecht zu werden – und zwar in einem Umfeld, das weniger von der humanistischen Idee eines Rechts auf „Arbeit für Alle“ geleitet ist, als von der knallharten Realität der Arbeits- und Produktionsmärkte in einer global verflochtenen aber dennoch von harter Konkurrenz geprägten globaler Ökonomie. Doch wie die Autorin selbst treffend gegen Ende festhält, wird es künftig unterschiedlichste Lösungen brauchen, um mit der zunehmenden Arbeitsplatzverknappung durch die Wirtschaft umzugehen. Sozialunternehmen sind sicherlich ein wichtiger Pfeiler, wenn es um künftige Formen der Schaffung qualitätsvoller Arbeitsplätze geht. Dass es daneben auch einer fundierten Kritik der zunehmenden Exklusionsdynamiken geht, die sich durch die intensivierte Konkurrenz globaler Märkte verschärfen, steht dabei nicht im Mittelpunkt dieses Buches, genauso wenig Möglichkeiten staatlicher und supranationaler Regulierung, derer es ebenso bedarf, um die zunehmende Technologisierung der Wirtschaft menschenwürdig zu gestalten. Doch dies ist eine andere Geschichte, die im Verlauf des Buches immer wieder kurz thematisiert wird.

Wie bereits im Vorwort anklingt, ist das vorliegende Buch als Motivations- und Handlungsanleitung für „sozialunternehmerische[] Persönlichkeiten in der Arbeitsintegration“ (S. 13) intendiert und entspricht daher weniger einem fundierten Sachbuch, in dem Fakten und Zahlen dominieren. Diese Fakten gibt es freilich ebenso, jedoch verpackt in eine konkrete persönliche Geschichte. Das macht das Buch lesenswert, wenngleich die lose Struktur weniger für jene geeignet ist, die ein nüchtern-sachliches Interesse an der Materie der Sozialunternehmen haben.


Rezensentin
Laura Sturzeis
Sozioökonomin und Programmkoordinatorin des Masterstudiums Sozioökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien
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Zitiervorschlag
Laura Sturzeis. Rezension vom 28.02.2018 zu: Lynn Blattmann: Arbeit für Alle. Das St. Galler Modell für Sozialfirmen. rüffer & rub Sachbuchverlag (Zürich) 2017. ISBN 978-3-906304-26-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23629.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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