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Heike Schnoor (Hrsg.): Psychosoziale Entwicklung in der Postmoderne

Cover Heike Schnoor (Hrsg.): Psychosoziale Entwicklung in der Postmoderne. Psychoanalytische Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. 257 Seiten. ISBN 978-3-8379-2724-5. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR.

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Thema

Psychosoziale Entwicklungsprozesse verweisen immer auch auf gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen, die diese mitbestimmen. Rahmt man die aktuelle Zeit als Postmoderne, so stellt sich die Frage, wie sich deren Merkmale auf psychische Strukturbildung, Identitätsbildungsprozesse sowie auf die damit verbundenen intra- und interpersonellen Konfliktdynamiken auswirken. In den Beiträgen des Buches beleuchten dreizehn AutorInnen in einer psychoanalytischen Perspektive unterschiedliche Lebensphasen des Menschen wie Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter, Alter und Ende des Lebens und skizzieren die spezifischen Entwicklungsaufgaben und -themen, die Menschen in einer als postmodern gefassten gesellschaftlichen Rahmung herausfordern.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch umfasst insgesamt vierzehn Beiträge:

  1. Psychosoziale Entwicklung in der Postmoderne“ eröffnet den Band. Heike Schnoor arbeitet hier einführend Kennzeichen der Postmoderne sowie Entwicklungsbedingungen in der Postmoderne heraus.
  2. Jörg Gogoll („Übergänge und Wandlungen. Zur Psychoanalyse von Veränderungsprozessen“) fragt nach Möglichkeiten und Grenzen für individuelle Veränderungsprozesse einer im Digitalisierungs- und Ökonomisierungsfuror aller Lebensbereiche befangenen Postmoderne.
  3. Jürgen Hardt benennt seinen Aufsatz: „Zweite Postmoderne: Eine vorläufige Mitteilung“. Er vertritt hier die These, dass unsere Lebenswelt in einen Zustand der Zweiten Postmoderne getreten sei; die er als ein Ensemble von kulturellen Phänomenen bestimmt, die sich durch eine Ambivalenz von Fortschrittseuphorie und tiefem Unbehagen auszeichnet.
  4. Sabine Hufendiek setzt sich in ihrem Beitrag „Wer passt in die Welt und bekommt die Chance zum Leben?“ mit der Heraus- und Überforderung auseinander, die pränatale Diagnostik für werdende Eltern bedeutet.
  5. Der fünfte Beitrag des Buches – „Früh betreut – spät bereut? Was wird aus der Fähigkeit zum Alleinsein in Zeiten außerfamiliärer Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern?“ – stammt von Inken Seifert-Karb. Sie fragt nach den Folgen einer an den Erfordernissen der Arbeitswelt orientierten außerfamilialen Betreuung und verdeutlicht, warum es dringend geboten wäre, eine Betreuungsqualität zu etablieren, die sich primär an den entwicklungspsychologischen und physiologischen Grundbedürfnissen von Säuglingen und Kleinkindern orientiert.
  6. Forcierte Autonomie und keine Zeit zum Trauern. Transnationale Kindheiten in Ecuador“ lautet der darauf folgende Artikel von Elisabeth Rohr. Ausgehend von der These, dass postmoderne Gesellschaftsanalysen ohne die Berücksichtigung von Migration und Flucht nicht mehr denkbar sind, untersucht sie am Beispiel von Ecuador die psychosozialen Folgen, die elterliche Migration für die zurückgelassenen Kinder haben.
  7. Der siebte Beitrag „Psychische Konflikte bei Postmigranten-Jugendlichen“ von Mahrokh Charlier wendet sich der Problematik von Jugendlichen zu, die über zwei kulturelle Identitäten verfügen. Er beschreibt, wie psychotherapeutische Unterstützung einen triangulären Raum eröffnet, der die Entwicklung einer bikulturellen Identität ermöglicht.
  8. Um die psychotherapeutische Arbeit mit Jugendlichen geht es auch bei Thomas Pehl. Sein Artikel („Im Sturm der Gefühle – Über Chancen und Risiken der Adoleszenz. Zur Psychotherapie von Jugendlichen mit Persönlichkeitsentwicklungsstörungen“) verdeutlicht, warum insbesondere entwicklungstraumatisierte Jugendliche, die in einer zerfallenen, übergriffigen oder auch destruktiven frühen Umwelt aufgewachsen sind, Halt, Struktur, Kontinuität und Beruhigung eines psychotherapeutischen Settings benötigen.
  9. In „Veränderung der Identitätsbildung und Sexualität im Zeitalter des Internets. Überlegungen und Gedanken aus der therapeutischen Praxis“ geht Bernd Keuerleber der Frage nach, wie sich durch die alltägliche Präsenz des Internets und der mit diesem Medium verbundenen Möglichkeiten sexuelle Identitätsbildungsprozesse verändern.
  10. In „Ansehen und Aussehen – Kultur und Körper“ beleuchtet Jörg Gogoll den Trend zur Selbst- und Körperoptimierung angesichts eines Marktes, der ein stetig wachsendes Repertoire an Modellierungsmöglichkeiten anbietet.
  11. Der elfte Beitrag des Buches „Vater postmodern“ von Peter Möhring. setzt sich mit dem Schwund des Väterlichen, der Sehnsucht nach eben diesem – wie er sich als Subtext beispielsweise in der Romanreihe „Harry Potter“ offenbart – sowie einer möglichen neuen Tradition des Väterlichen auseinander.
  12. In „Elternschaft als gender trouble. Herausforderungen an mütterliche und väterliche Identitätsentwürfe“ verdeutlicht Helga Krüger-Kirn, dass die Verwirklichung geteilter Elternschaft nicht zuletzt an der strukturellen gesellschaftlichen Geringschätzung reproduktiver fürsorglicher Tätigkeit scheitert.
  13. Meinolf Peters kritisiert in „Zur Ambivalenz des Alterns in der Postmoderne“ den einseitigen Positivdiskurs des Alters, der die Schattenseiten des Alters verleugnet.
  14. Das Buch schließt mit einem Beitrag von Heike Schnoor („‚Si vis vitam, para mortem‘ (Freud). Psychosoziale Entwicklung in der Postmoderne angesichts von Grenzsituationen des Lebens“). Sie diskutiert die Folgen, wenn Leben vornehmlich als ein progressiv verlaufender Prozess gedacht wird. Da sich Entwicklung jedoch zwischen den Polen Werden und Vergehen bewege, verleite eine Ausblendung letzteres dazu, sich nicht mit der Vergänglichkeit auseinander zu setzen.

Diskussion

Das vorliegende Buch knüpft in erfreulicher Weise an eine Tradition psychoanalytisch orientierten (Nach-)Denkens an, die sich mit der Vermittlung von Individuum und Gesellschaft bzw. der Verschränkung gesellschaftlicher und psychodynamischer Prozesse auseinandersetzt. Erfreulich auch, dass hierbei ein gesellschaftskritischer Stachel wahrnehmbar ist. Die verschiedenen Beiträge arbeiten heraus, dass und wie die Postmoderne ein gesellschaftlich-kulturelles Umfeld prägt, welches wiederum Menschen in jedem Lebensalter in spezifischer Weise fordert und so Auswirkungen auf ihr Fühlen, Denken und Handeln hat. Werden seelische Phänomene nur klinisch reflektiert und nicht auch auf ihre gesellschaftlichen Zusammenhänge hin befragt, so droht Leid verkürzt individualisiert und pathologisiert zu werden.

Fazit

Die einzelnen, in sich abgeschlossenen und doch im Gesamt sich gut ergänzenden Beiträge greifen eine Fülle aktuell relevanter Phänomene und Fragestellungen auf. Sie sind informativ im Sinne von aufschlussgebend, regen an, weiter zu denken und weiter zu fragen.

Zu empfehlen ist das Buch Professionellen psycho-sozialer Arbeitsfelder, aber auch interessierten Laien. Wer daran interessiert ist, besser zu verstehen, welche Chancen, Herausforderungen und Zumutungen mit der Postmoderne für den je Einzelnen verbunden sind und wie sich gesellschaftliche Phänomene im Innerpsychischen spiegeln, den wird die Lektüre dieses Buch fachlich und persönlich bereichern.


Rezensentin
Prof. Dr. Ariane Schorn
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Entwicklungspsychologie, Qualitative Sozialforschung, Psychosoziale Beratung, Supervision
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Zitiervorschlag
Ariane Schorn. Rezension vom 25.09.2018 zu: Heike Schnoor (Hrsg.): Psychosoziale Entwicklung in der Postmoderne. Psychoanalytische Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. ISBN 978-3-8379-2724-5. Forum Psychosozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23631.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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