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Patsy l´Amour laLove: Selbsthass & Emanzipation

Cover Patsy l´Amour laLove: Selbsthass & Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität. Querverlag (Berlin) 2016. 260 Seiten. ISBN 978-3-89656-246-3. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

„Selbsthass & Emanzipation“ befasst sich mit der Herstellung „des Subjekts“ – bzw. der Subjektwerdung – in der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Es geht also darum, wie Menschen in der Gesellschaft regierbar gemacht werden. In der bürgerlichen Subjektbildung, wie sie mit der europäischen Moderne aufkommt, komme der Konstituierung des (bürgerlichen) Mannes besondere Bedeutung zu: Die Konstituierung vollziehe sich in Abgrenzung gegen „die Anderen“ – in der Analyse fokussiert der vorliegende Band insbesondere auf die geschlechtlichen und sexuellen Zurichtungen. Insbesondere gelte es für den bürgerlichen Mann als wichtig, in seiner Erscheinung und seinem Begehren als nicht zu weiblich zu gelten; auch besonders große „Triebhaftigkeit“ und „Promiskuität“, die anderen nicht-bürgerlichen Männern zugeschrieben werden, erweisen sich für ihn als bedrohlich. Werden im Sammelband die Bezüge zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung in einzelnen Beiträgen aufgezeigt, beziehen zahlreiche der Beiträge eine psychologische und psychoanalytische Ebene ein, mit der sie (a) den Hass auf „den Homosexuellen“ in der Gesellschaft und (b) die Ablehnung von weiblichem Verhalten unter Schwulen (Stichwort: „die Tunte“) erhellen wollen. Zentral ist im Band die Perspektive auf Cis-Schwule, mehrere Beiträge wenden sich Cis-Lesben zu, weitere Trans*-Personen

Herausgeberin und Entstehungshintergrund

Patsy l´Amour laLove bezeichnet sich im Band als Polit-Tunte und organisiert in Berlin unter anderem die Show „Polymorphia“, bei der sie selbst auftritt und darüber hinaus Gäste für Show Acts und Vorträge einlädt. Sie hat an der HU Berlin Gender Studies studiert, arbeitet im LGBTI-Referat des dortigen AStA mit und verfolgt seit dem Jahr 2013 ein Promotionsprojekt.

Der Druck des Buches wurde durch eine Förderung durch die Hannchen-Mehrzweck-Stiftung und den Verein Homosexuelle Selbsthilfe e.V. ermöglicht.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist als Sammelband angelegt. Es konnten insgesamt 18 Beiträge von zumeist unterschiedlichen Autor*innen sowie einem Künstler-Duo gewonnen werden. Einzig die Herausgeberin ist mit drei Aufsätzen und einem Interview in größerem Maße im Band vertreten. Einzelne Beiträge wurden als Zweitabdruck in das Buch aufgenommen. Die folgenden Beiträge sind enthalten:

  • Selbsthass & Emanzipation: Das Andere in der heterosexuellen Normalität (Patsy l´Amour laLove)
  • Die Schamgrenzen überwinden: Ein Gespräch über Lust, Sex, Scham und Hass (Patsy l´Amour laLove im Gespräch mit Martin Dannecker)
  • Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes: Zur Subjektivierung der Geschlechtscharaktere (Andrea Trumann)
  • Heterosexueller Selbsthass? (Benedikt Wolf)
  • Fotoserie „72 Names of God“ (Dragan Simicevic & Rahada)
  • Männlichkeit als Negation: Schwulsein, Selbsthass und Schwulenfeindlichkeit in der Konstitution von Männlichkeit (Patsy l´Amour laLove)
  • Freiheit und Herrschaft: Zur desexualisierten Sexualität am Beispiel von GayRomeo (Marco Ebert)
  • Keine Sorge, ich bin bi! (Polly Puller [Lukas Winkler])
  • Selbstbildnis im Fummel (unvollendet) (fink)
  • Birds of a Feather (Don´t) Flock Together: Weibliche Promiskuität und der damit verbundene Selbsthass (Panne Pepper)
  • Lesbisch? Das sind immer die anderen! (Manuela Kay)
  • „Ich will mich nicht freiwillig in eine Randgruppe begeben.“: Lesbischer Selbsthass im Spiegel der Zeit (Antonia Netzer)
  • Angeboren oder sozial konstruiert? Transgeschlechtlichkeit zwischen neurowissenschaftlichem Determinismus und queertheoretischem Dekonstruktivismus (Till Amelung)
  • „Dreckshomo“ und „Queerikone“: Transsein zwischen Selbsthass und Polit-Hype (Daria Majewski)
  • „Damit habe ich nichts zu tun.“ Über das Phänomen der internalisierten Trans*feindlichkeit (Erik Meyer)
  • Bewegung für Gesundheit! Was beeinflusst die Gesundheitsprofile sexueller Minderheiten und was muss getan werden? (Dirk Sander)
  • Warum wir glauben – und es nicht wissen (Sama Maani)
  • Hass auf Homosexuelle: Warum der Anschlag auf das Pulse in Orlando nicht auf schwulen Selbsthass zurückzuführen ist (Patsy l´Amour laLove)

Inhalte und Einordnung in den wissenschaftlichen Sachstand

Gesellschaftskritisches Fundament

Der Aufsatz von Andrea Trumann „Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes: Zur Subjektivierung der Geschlechtscharaktere“, der zuerst 2004 veröffentlicht wurde, legt die herrschaftskritische Basis für den Band. Trumann führt dort aus, wie das bürgerliche Subjekt in der europäischen Moderne konstituiert wird. Der bürgerliche Mann sei seit dem 18. Jahrhundert mit gesellschaftlichen Vorrechten, aber auch konkreten Anforderungen belegt worden; auf diese Weise wurde er von „Frauen, Arbeiter[n] und Schwarze[n]“ (S. 49) abgegrenzt, die von den Rechten (u.a. Wahlrecht, Zugang zu prestigeträchtigen und lukrativen Positionen in der Gesellschaft) ausgeschlossen wurden. An weiße, bürgerliche Männer richteten sich somit Anforderungen – unter anderem nicht als weiblich zu erscheinen und zu begehren und nicht „triebhaft sexuell“ zu sein. Je nach Abweichung von dem Idealbild von Männlichkeit drohte ihnen der Ausschluss von Vorrechten. Mit Michel Foucault leitet Trumann schließlich her, wie bei diesen Anforderungen gleichgeschlechtliche sexuelle Betätigung eine Rolle spielt: Sie wurde bürgerlich gerade im Sinne einer solchen aufscheinenden Weiblichkeit etabliert, von der es sich abzugrenzen gelte (und die – also Homosexualität – schließlich in einigen deutschen Staaten, im Deutschen Reich, in der Weimarer Republik, im "Dritten Reich" sowie in der Bundesrepublik Deutschland auch strafrechtlich geahndet wurde).

Diese präzise Fokussierung auf die Aktualisierungen, die sich mit der europäischen Moderne ergeben (egal ob man sie ab dem 16. oder ab dem 18. Jahrhundert ansetzt), unterläuft Trumann, wenn sie die bürgerlichen Strukturen mit denen der griechischen Antike homogenisiert. Für die griechische Antike führt Trumann in einem kurzen Zwischenspiel aus: „Dass gerade das Verhältnis von Aktivität und Passivität im Verhältnis des Mannes zur Homosexualität eine große Rolle spielt, hat Michel Foucault für die griechische Antike herausgearbeitet. Er hat hier aufgezeigt, wie sehr es im Verhältnis zur Homosexualität auch in einer Gesellschaft, in der Homosexualität teilweise akzeptiert wird, darum geht, dass die Kontrolle über das eigene Selbst bewahrt wird.“ (S. 50f) Und weiter: „Hier [in der griechischen Antike] ist eigentlich schon alles angelegt, was in der bürgerlichen Gesellschaft mit Homosexualität verknüpft ist.“ (S. 51) Dieser knappe Bezug zur Antike und die Rückübertragung des (Homo-)Sexualitätskonzeptes konterkariert Trumanns übrige Argumentationsführung – und ist wissenschaftlich widerlegt.

Im Hinblick auf die psychologisch und psychoanalytische Schwerpunktsetzung des Sammelbandes ist bei Andrea Trumann der Blick auf die moderne „Gender-Ideologie“ – also die in der Gesellschaft wirkenden Geschlechterstereotype – erhellend. Die „Geschlechtsidentität“, die ein Mensch innerhalb einer solchen Gesellschaft entwickelt, bedeute eine „Zwangsidentifizierung“ (S. 53) mit dominant vertretenen Identitäten: „[D]ie normative Kraft des Gesetzes […] verlangt die Annahme eines Geschlechts, aus dem es dann kein Entkommen gibt.“ (S. 53) Damit verbunden seien auch Anforderungen an sexuelle Verhaltensweisen, die sich andersgeschlechtlich orientieren sollten. Die gesellschaftlichen Normen, die gegen gleichgeschlechtlichen Sex wirkten, würden von den Menschen verinnerlicht: „Das Homosexuelle wird gehasst, weil es nicht das Andere ist, sondern alle latent homosexuell sind. Ein Bedürfnis, das jedoch permanent verdrängt werden muss, um weiterhin eine einheitliche Identität bilden zu können.“ (S. 53)

Die Schwerpunktbeiträge zu Selbsthass – Fokus Schwule

An die von Andrea Trumann gelegte gesellschaftskritische Schwerpunktsetzung schließen die weiteren Beiträge an. So nimmt etwa Patsy l´Amour laLove in ihren Beiträgen hier ihren Ausgangspunkt und spürt den Mechanismen nach, mit denen die Menschen – die zu Subjekten geworden sind und auf diese Weise regiert werden – mit den gesellschaftlichen Normierungen umgehen. Sie führt in ihrem zentralen ersten Beitrag „Selbsthass & Emanzipation: Das Andere in der heterosexuellen Normalität“ klar aus, wie die Abgrenzung gegen Weiblichkeit(en) auch unter Männern insgesamt und unter schwulen Männern verbreitet ist und unter anderem „die Tunte“ abgelehnt werde. Ebenso problematisch setzten sich die Cis-Schwulen mit der ihnen zugeschriebenen Promiskuität auseinander – sie wollten ebenso „normal“ sein wie die heterosexuellen Männer. Das könne ihnen aber nicht gelingen, da ihnen ein gleichgeschlechtliches Begehren innewohne, was diesem Einschluss widerspreche. Entsprechend würden sie – und hier lehnt sich laLove an psychoanalytische Ansätze an – letztlich ein unlösbares Unterfangen verfolgen. Als „Selbsthass“ bezeichnet laLove dabei die Vorstellung, ebenso „normal“ wie die heterosexuellen Männer sein zu wollen, was beinhalte, als Mann als typisch betrachtetes schwules Leben und zum Beispiel „passive“ Rollen abzulehnen bzw. sich dagegen abzugrenzen. Als sinnvoller betrachtet es laLove, „stattdessen zu betonen, dass Homosexuelle anders als Heterosexuelle“ seien (S. 13).

Hier nimmt laLove eine interessante Einordnung vor, die sich grundsätzlich von derjenigen Andrea Trumanns unterscheidet – was allerdings nicht artikuliert wird. Trumann führt den „Hass“ auf Homosexualität und Homosexuelles darauf zurück, dass „alle [modernen Subjekte] latent homosexuell sind“ (S. 53) und beschreibt keine scharfe Grenze zwischen heterosexueller und homosexueller Identität. Ihre Sichtweise wird auch durch die neueren YouGov-Studien gedeckt, in denen sich, bezogen auf die BRD, nur 52 % der Befragten als „ausschließlich heterosexuell“ bezeichneten (vgl. Drösser, 2017, „Wir Deutschen & die Liebe“, S. 190).

Dass es in Bezug auf Homosexualität und die aktuelle schwule Community insbesondere darum gehe, sich selbst als „normal“ zu präsentieren, begründet laLove entlang der Arbeit ehrenamtlicher LSBTI-Aufklärungsprojekte: „Heute begegnet man Feindseligkeit häufig damit, die Vorurteile der Feindseligen abbauen zu wollen. In einigen Schulaufklärungsprojekten treten daher Homosexuelle und Transmenschen vor die Schüler_innen und versuchen ungefähr Folgendes zu vermitteln: ‚Schaut her, wir sind normal – genauso wie ihr!‘“ (S. 11) Eine solche Aufklärungsarbeit entspreche einer „Unterwerfungsgeste“ (ebd.) und müsse notwendig scheitern, wenn die Schüler_innen dann doch auf eine „Klischee-Lesbe“ (S. 14) oder einen weiblicheren Schwulen träfen, die eben nicht der von den Projekten postulierten Normalität entsprächen. Statt einer Aufklärungsarbeit, die „Normalität“ darstellen wolle, plädiert laLove für eine der Konfrontation: „Indem Homosexuelle und Transmenschen in Schulaufklärungsprojekten als Vorbilder dafür auftreten, wie normal und brav wir doch seien, verleugnen sie nicht bloß einen Teil ihrer selbst, sondern diskreditieren unweigerlich all jene, die aus ihrer besonders faden Fantasie einer Normalität der Anderen herausfallen. Gerade vor dem Hintergrund der andauernden, rechten Anfeindungen der letzten Jahre gegenüber Schulaufklärungsprojekten, die sich gegen Homo- und Transfeindlichkeit einsetzen, sollte man sich in einer sinnvollen Aufklärungsarbeit davor hüten, eine Unterwerfungsgeste an die Normalität zu inszenieren“ (S. 14f), stattdessen das eigene „Anderssein“ und „die eigene Differenz“ (S. 15) stark machen.

Warum die Autorin gerade die Arbeit ehrenamtlicher LSBTI-Schulaufklärungsprojekte in das Zentrum der Kritik stellt und ihr mehrere Seiten widmet, ist aus den Ausführungen nicht ersichtlich. Erst im Anschluss finden sich auch Erläuterungen zu einer „Scheintoleranz“ (S. 15), die sich in den aktuellen gesellschaftlichen Änderungen zeigten. Zu erwartende Ausführungen zur Arbeit großer lesbisch-schwuler Organisationen, zu Behördenvertreter_innen und zu neueren gesetzlichen Regelungen (zum Beispiel [Homo-]Ehe) schließen sich allerdings nicht an. Stattdessen vollzieht laLove einen Schwenk in der Argumentation, indem sie Schwule, Lesben und Transmenschen von der Kritik entlastet: Es gelte nicht, „dass all jene Lesben, Schwulen und Transmenschen, die etwa ein bürgerliches Erscheinungsbild bevorzugen und mehr oder weniger abgesichert leben (wollen), die Feinde der Emanzipation seien. Dass einer solchen Vorstellung eine Verkürzung zugrunde liegt, sollte nicht weiter erklärungsbedürftig sein. Die ‚radikale‘ Vorstellung, dass ‚die‘ als bürgerlich wahrgenommenen Homosexuellen und Transmenschen allesamt gegen das Andere hetzen, ist das Ergebnis ressentimenthaften Denkens. […] In nicht wenigen queerfeministischen Politgruppen wird der weiße bürgerliche Schwule in aller Regelmäßigkeit zum schlimmsten Feind erkoren.“ (S. 18) Hier wäre tatsächlich eine Erklärung angebracht, da sich an dieser Stelle ein deutlicher Bruch zeigt: Wurde von der Autorin zuvor gerade die „Normalisierung“ problematisiert, die sich seit der Moderne in der „Subjektivierung“ der Menschen zeigt, und kritisierte sie ebenso die Abgrenzung in der europäischen Moderne gegen gleichgeschlechtliches Begehren und gleichgeschlechtlichen Sex, so steht dies diametral der Sichtweise entgegen, diese „Normalisierung“ nun im Hinblick auf bürgerliche Schwule nicht auch als problematisch zu beschreiben. Es entsteht der Eindruck, dass der Schwule durch seine sexuelle Orientierung der „Normalisierung“ entgehe – was die Autorin in Bezug auf die Schulaufklärungsprojekte allerdings anders sieht und ausführt. Und auch für queere Projekte ordnet sie dies anders ein: Sie werden von laLove nicht für ihre Kritik an „Normalisierungen“ und ihr Einstehen für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt gewürdigt, sondern in einer Weise vorgestellt, dass sie durch ihre Kritik auch an normativen Vorstellungen in Konzepten der Homosexualität und in der schwulen Community homofeindlich seien. Es breche sich bei ihnen „eine Mischung aus uneingestandenem Neid und schwulenfeindlicher Verachtung Bahn“ (S. 18); hingegen sei „das weiße schwule Paar mit Vorgarten im Reihenhaus erst einmal […] eher zu beglückwünschen“ (ebd.).

Im Weiteren spricht sich laLove für eine radikale Sichtbarkeit aus, die auch, aber nicht nur, CSD-Paraden prägen sollte. Zu Recht wendet sie sich gegen Bestrebungen, die in den vergangenen Jahren gefordert hatten, dass Schwule nicht so „schrill“, sondern „normaler“ erscheinen sollten, um auf diese Weise in der breiten Gesellschaft mehr Unterstützung zu erhalten. Solche Kritiken waren gerade aus einigen Teilen der schwulen Community immer wieder zu vernehmen – und sind, mit laLove, als (ggf. uneingestandene) Abgrenzung gegen eigene Weiblichkeit(en) einzuordnen. Hier macht die Autorin wichtige Punkte auf, wenn sie etwa den Umgang auf dem schwulen Portal Gayromeo kritisiert, auf dem „hetero-like“ (S. 27) gerade zur Abgrenzung gegen Weiblichkeit(en) verwendet wird. Mit Martin Dannecker kritisiert sie Rosa von Praunheim, der 1984 – im Zuge der „Aids-Krise“ – von Schwulen ein beständigeres und weniger promiskes Leben gefordert und damit rechten Scharfmachern wie Peter Gauweiler zugearbeitet hatte.

In dem sich an diesen Beitrag anschließenden Interview, das Patsy l´Amour laLove mit Martin Dannecker geführt hat, erläutert Dannecker deutlicher psychologische und psychoanalytische Perspektiven, wie sie an Sigmund Freud anschließen. Dabei lotet er insbesondere Möglichkeitsräume aus, die eine Übertretung von starren Grenzsetzungen und Normen ermöglichen. Etwa „durch Fantasie [gibt es] immer die Potenzialität […], gegen einen normativen Zugriff auf die Sexualität anzugehen“ (S. 36) – und später: „[W]enn wir Klischees zum Tanzen bringen, machen wir Räume auf.“ (S. 39) Diese optimistischen Einordnungen schließen sich an eine Bestandsaufnahme an, in der die Wirkung von Geschlechterklischees auf Kinder dargestellt wird. Dannecker führt aus, dass erst durch den gesellschaftlichen Umgang eine „Andersartigkeit“ entstehe – und eröffnet auch auf diese Weise gesellschaftliche Perspektiven: „Anders wird man nur durch Zuschreibungen. […] Gäbe es kein Außen, das auf dieses Anderssein durch Blicke zugreift […] oder massive Sanktionen, so könnte sich das Anderssein möglicherweise relativ konfliktlos entwickeln.“ (S. 38) Verfolgt man diese Beschreibungen Danneckers konsequent weiter, so würde es, da die „äußere“ Norm entfällt, perspektivisch dieses Anderssein nicht mehr geben. Auch im Hinblick auf Schulaufklärung vermittelt er eine klare und optimistische Position: LSBTI-Aufklärung sollte deutlich früher, bereits ab der Kindertagesstätte, anfangen, damit sich bereits eine an Vielfalt und Toleranz geschulte Geschlechtsidentität der Kinder entwickeln könne. Spätere Schulaufklärungsprojekte könnten dann bereits darauf aufbauen. Die weiteren Darstellungen betreffen Emanzipation – wie sie heute aussehen könnte – und Hass. Zum Titel des Bandes gibt Dannecker zu bedenken: „Die Scham oder den Selbsthass als Vorwurf zu formulieren, führt zu einem schwer lösbaren Clinch über das richtige Schwulsein.“ (S. 42) Er spricht sich dagegen mehr für einladende Angebote aus, um eine Diskussion über Fragen von Hass und „Selbsthass“ zu führen.

Wenden sich die folgenden Beiträge einzelnen Aspekten der schwulen Community detaillierter zu, so sollen sie hier nur noch kurz angeschnitten werden, um danach noch ausführlicher auf die Beiträge einzugehen, die stärker Cis-Lesben und Trans* thematisieren. Benedikt Wolf führt in seinem Beitrag „Heterosexueller Selbsthass?“ ähnliche Gedanken aus, wie sie Patsy l´Amour laLove zuvor formuliert hatte, wendet sich aber explizit der Frage zu, wie sich der „Selbsthass“ bei Heterosexuellen zeigen könne. Hier könne sich etwa Neid auf eine schwule Lebensweise – die promisken Sex besser ermögliche als heterosexuelle – zeigen. Wolf nimmt dabei eine deutliche Abgrenzung zwischen Homosexualität und Heterosexualität vor und wendet sich gegen Männer, die als Bisexuelle oder Pansexuelle die Nähe zu Schwulen (und Lesben) suchten. Konkret schreibt er: „Ein neues, gerade in linken queeren Kontexten verbreitetes Phänomen sind Männer, die ihre Heterosexualität zugunsten einer Öffnung in Richtung einer wahlweise queeren, ‚nicht festgelegten‘, Bi- oder Pansexualität aufgeben. Ein gewisses Unbehagen an der eigenen Heterosexualität scheint ‚progressive‘ Männer diesen Schlages in die Nähe von Schwulen und Lesben zu rücken, die sich und/oder anderen gegenüber ihre Homosexualität verbergen oder nicht eingestehen.“ (S. 61) Hier wird, noch klarer als bei der Herausgeberin des Sammelbandes, die Diskrepanz zur theoretischen Grundlegung durch Andrea Trumann deutlich. Sie hatte immerhin „Homosexualität“ als Potenzial in allen Menschen verortet – das Zurückdrängen von Ängsten vor dem eigenen gleichgeschlechtlichen Begehren erscheint bei ihr als Möglichkeitsraum, sich selbst auszuprobieren; in Benedikt Wolfs bi-phoben Ausführungen hingegen als „nicht echt“ bzw. gar als Bedrohung für „echte“ Homosexuelle.

Marco Ebert ordnet in seinem Beitrag „Freiheit und Herrschaft: Zur desexualisierten Sexualität am Beispiel von GayRomeo“ erfahrungsbasiert Gayromeo als aktuelles Dating-Portal ein. Dabei verfolgt er den Weg eines Nutzers von der Profilerstellung bis zum Live-Kontakt nach und stellt kritisch heraus, dass über solche Dating-Portale eine Mechanisierung des Kennenlernens und des Sexes erfolge. Über die eingegebenen Körperangaben erfolge eine klare Einsortierung der Nutzer*innen und werde die Auswahl strukturiert. Überraschende Kontakte seien so kaum noch möglich. Ebert schätzt Online-Angebote sehr kritisch ein, wenn er etwa schreibt: „Am Ende bleibt das Gefühl, dass ‚etwas fehlt‘. Das Individuum fällt zurück in ein rastloses Weitersuchen.“ (S. 115) Auch die sexuellen Bedürfnisse, die in dieser Form des Umgangs von Menschen untereinander entstünden, ordnet er als „falsch“ ein – sie seien in ein kapitalistisches Zurichtungsregime integriert: „Die Krux an diesen falschen Bedürfnissen ist, dass sie sich nicht einfach abstreifen lassen. Wer etwa auf vor Arbeitskraft strotzende Männerkörper steht, die mit ihren Schwänzen wie aus Stahl einen Bottom übel zurichten, der steht nun einmal genau darauf, ob es dem Moralisten passt oder nicht. Auch die richtige Einsicht, dass diese Fantasie einer falschen, menschenunwürdigen Gesellschaft entspringt, vermag nichts an diesem von vielen geteilten Traum zu ändern.“ (S. 116) In adornitischer Tradition kommt er zum Ergebnis, dass es diese Zustände auszuhalten gelte und keine Änderung möglich sei: „Es verändert sich nichts.“ (S. 117) Mit Nicola Döring ließen sich positivere Zugänge zu Online-Portalen gewinnen. Sie beschreibt etwa in ihrem Aufsatz im aktuellen „Dritten deutschen Männergesundheitsbericht: Sexualität von Männern“, dass sich mit der digitalen Welt und dem Internet gerade auch Möglichkeiten für Vernetzung und Empowerment Marginalisierter ergeben; Stefan Timmermanns folgt – ebenfalls im Männergesundheitbericht – dieser Einschätzung. Auch im Hinblick auf lesbische, schwule und queere Kapitalismuskritik gibt es Ansätze, die Optionen für gesellschaftliche Veränderungen aufzeigen – Salih Alexander Wolter und ich haben beispielsweise in „Queer und (Anti-)Kapitalismus“ nach einer Analyse aktueller gesellschaftlicher Verhältnisse mögliche Auswege skizziert.

Die weiteren Beiträge – Fokus Lesben und Trans*

Werden in den bisher thematisierten Beiträgen insbesondere Cis-Schwule fokussiert und Cis-Lesben und Trans*-Personen nur mit angeführt, so stehen sie in den weiteren Beiträgen im Mittelpunkt. Als inhaltlich leitend kann der Beitrag „Lesbisch? Das sind immer die anderen!“ eingeordnet werden, in dem Manuela Kay den Erfahrungen von Mädchen und Frauen mit Diskriminierung und daran anschließend den besonderen Diskriminierungserfahrungen lesbischer Frauen nachgeht. Kay ordnet Mädchen und Frauen zunächst vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Geschlechterstereotype ein und erläutert, welche Möglichkeiten Kinder haben, mit diesen Zuschreibungen umzugehen: „Die junge Kampflesbe begehrt auf, widersetzt sich, wird ein sogenannter ‚Wildfang‘, ein ‚Tomboy‘, ein Mädchen, das sich benimmt wie ein Junge, also schlicht wie jemand, der auch Spaß, Bewegungsfreiheit und Abenteuer erleben will. Das nicht so wilde Mädchen lernt dagegen früh, sich anzupassen, verstummt und erfüllt ihre Rolle. Vielleicht wird sie später Feministin und kann die Rolle wieder verlassen. Was beiden Typen von Mädchen gemeinsam ist, ist die frühe Erkenntnis, in dieser Welt ein Mensch zweiter Klasse zu sein.“ (S. 143) Identifiziert sich das Mädchen – oder dann die junge Frau – als Lesbe, so komme eine weitere Diskriminierungserfahrung hinzu: Sie erlebe sich nicht nur aufgrund ihres Geschlechts als ausgegrenzt, sondern werde aufgrund ihrer sexuellen Verortung zu einem „Dritte-Klasse-Menschen“. Als Lesbe komme frau unweigerlich an den Punkt, festzustellen: „Ich bin Teil einer Minderheit. Eine Minderheit, deren Existenz oftmals verschwiegen wird, die – anders als Schwulsein heutzutage in der westlichen Welt – keinerlei Coolnessfaktor beinhaltet, die kaum Vorbilder hat und schlicht ignoriert wird.“ (S. 144f) Umso problematischer sei es dann, wenn Lesben selbst nicht stolz auf sich seien, sondern sich verstecken würden, um damit den Stereotypen auszuweichen: „Noch schlimmer jedoch ist es, dass viele Lesben keine Lesben sein wollen. Auch wenn die Gründe auf der Hand liegen, nicht zu einem als unsexy und uncool empfundenen ‚Verein‘ gehören zu wollen, ist es doch mehr als tragisch, dass ausgerechnet lesbische Frauen am allermeisten andere lesbische Frauen hassen, weil sie sie so sehr an sie selbst erinnern und das verkörpern, wofür sie sich selbst schämen.“ (S. 146) Kay leistet mit ihrem Beitrag eine deutliche Erweiterung des Band-Themas auf lesbische Cis-Frauen und bringt die Gründe vor, die bei ihnen dazu führen könnten, sich in eine „Normalität“ einzufügen und nicht auffallen zu wollen. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass schwules Agieren und lesbisches Agieren eben auf unterschiedlichen Grundfesten stehen – schwul komme eine gewisse „Coolness“ zu, sodass es gesellschaftlich anders gelesen werde als lesbisch.

Der Beitrag „Birds of a Feather (Don´t) Flock Together“ von Panne Pepper wendet sich spezifisch weiblicher Promiskuität zu. Pepper wertet hier eine Studie zu weiblicher Promiskuität aus – und beschreibt darauf und auf eigenen Erfahrungen basierend, wie gesellschaftlich mit weiblicher Promiskuität umgegangen wird. Antonia Netzer wendet sich im Aufsatz „‚Ich will mich nicht freiwillig in eine Randgruppe begeben‘: Lesbischer Selbsthass im Spiegel der Zeit“ hingegen lesbischem Aktivismus durch die Jahrzehnte zu. Nach einer kurzen Hinführung und Einordnung in den Band stellt sie die Bewegungsgeschichte seit den 1960er Jahren gerafft dar und thematisiert spezifisch die 60er, 70er und 80er Jahre sowie die aktuelle Situation. Dabei arbeitet sie für die heutige Situation Spannungen zu Trans*-Personen und queeren Personen heraus; sie schreibt auf „deren“ Position rekurrierend: „Das lesbische ‚Wir‘ sorge für Ausschlüsse, beispielsweise von Transfrauen. Politik, die auf Identitäten beruht, solle stets hinterfragt werden, so eines der queeren Dogmen. Lesbisch müsse als Kategorie dekonstruiert werden. Gegen diese Idee wehrten sich viele politisch engagierte Lesben. Sie fürchteten das Ende des Feminismus, falls soziales und gesellschaftliches Geschlecht dekonstruiert werden würden. Vielmehr forderten sie den Erhalt expliziter Frauenschutzräume. Der Streit darüber, wie Transpersonen in diese einzubeziehen seien, schwelt bis in die Gegenwart weiter. Queere Bewegung und Lesbenbewegung kommen auch heute in einigen Punkten nicht auf einen Nenner.“ (S. 161) Fast schon meint man hier jene Auseinandersetzung vor Augen zu haben, die Simone de Beauvoir mit Blick auf die USA der 1940er Jahr skizzierte; die Arbeiten Judith Butlers sorgten in den 1990er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland für weitreichende Debatten – die sich hier als noch nicht geklärt erweisen. Warum der Titel des Aufsatzes so deutlich „Selbsthass“ benennt, erschließt sich indes nicht, weil es sich tatsächlich eher um einen Umriss der Bewegungsgeschichte handelt, bei einer prononcierten Einordnung.

Till Amelung wendet sich im Aufsatz „Angeboren oder sozial konstruiert?“ „positiven Möglichkeiten“ des Trans*-Aktivismus zu, denen er sich mit einer binären Entgegenstellung von zwei aktuell unter Trans*-Personen verhandelten Diskussionsansätzen zuwendet. Es stünden dabei „biologistische“ und „genderistische“ (queere, dekonstruktivistische) Ansätze gegeneinander. Erstere basierten auf neurobiologischen Erklärungen und verschafften sich einen Überblick über aktuelle Studien, die Trans* biologisch fundieren und die „Ursachen“ im Gehirn verorten. Die „genderistische“ Perspektive setze hingegen Sozialisierungsprozesse zentral, erkläre auf dieser Basis Trans*-Identität und versuche Verbesserungen der gesellschaftlichen Stellung von Trans* zu erreichen. Die letztere Sicht sei nach Amelung dafür zu kritisieren, dass auf diese Weise Körperlichkeit in den Hintergrund trete und in den Konzepten nicht mehr ausreichend bedacht werde – als Beleg für diese These verweist der Autor auf einen Beitrag des Magazins „Blaue Narzisse“, das der „Neuen Rechten“ zuzurechnen ist. Amelung plädiert für zumindest punktuelle Zusammenarbeit unter Trans*, auch über die – ihm unüberwindbar erscheinende – Grenze zwischen den beiden genannten Positionen hinweg. Er fordert: „Mehr Pride, weniger Hipness und ein konstruktiverer Dialog innerhalb der Transbewegung würden die politische Kraft erheblich vergrößern – und das wäre ihr unbedingt zu wünschen.“

Daria Majewski schließt mit ihrem Aufsatz an und skandalisiert, die Inanspruchnahmen, die von außen an Trans* herangetragen würden. Neben der transfeindlichen Gesellschaft würden auch Kontexte, die Offenheit und Emanzipation signalisierten, ausgrenzen: „Die transfeindliche Gesellschaft, welche ihnen suggeriert, falsch, pervers, verrückt zu sein, auf der einen Seite. Subkulturen, welche sich voller Begeisterung auf trans Menschen werfen, auf der anderen Seite. Bei den Letzteren unterscheide ich der Einfachheit halber kaum zwischen der Ikonisierung von trans Menschen einer queeren Subkultur und einer Transfetischisierung durch die Sexindustrie.“ (S. 183) Gerade in Bezug auf queere Räume wird Majewski deutlicher und weist auch sie als gewalttätige Orte aus – sie seien gerade deshalb problematisch, weil sie, anders als schwule Räume, Schutz versprächen: „Vor solchen normativen Zurichtungen versuchen sich viele queere Räume ihrem Anspruch nach zu schützen, wollen Schutzräume sein für ‚Queers‘. Ich habe meine Jugend in schwulen Räumen verbracht. Schwule Sexräume, keine Schutzräume. Und ich muss gestehen, dass all die Erniedrigung, Kränkung, Einsamkeit und der Missbrauch, den ich, wie viele Schwule, in diesen Räumen erfahren habe, stets aufrichtige Formen der Zurichtung waren. Denn niemand versprach mir Schutz, niemand versprach mir Respekt. Das einzige Versprechen, das mir gegeben wurde, war, dass, solange mein Körper nur fickbar genug ist, ich bumsen kann, bis ich zu alt und hässlich bin. Queere Räume hingegen sind meist keine Sexräume, sondern wollen Schutzräume sein. Sie bergen ein hoffnungsvolles Versprechen, einfach man selbst sein zu können. […Die queeren Räume…] sind zutiefst heterosexuelle und gewaltförmige Orte, die trotz permanenter Aufforderung zur Selbstreflexion und Selbstpositionierung blind bleiben für die eigene Zurichtung. Allzu oft wird von der in ihnen ebenso wirksamen gesellschaftlichen Realität abgesehen. […] Trans Frauen werden zu Fetischobjekten, die als verkörperlichter Beweis für die Dekonstruierbarkeit von Geschlecht herhalten und gleichzeitig beweisen müssen, dass sie auch wirklich nicht nur ein cis Mann im Frauenkleid sind. Wehe aber, sie überschreiten die queere Grenze und transitionieren zu binären, heterosexuellen Frauen…“ (S. 187f) Majewski verfolgt eine scharf vorgetragene, aber begründete Argumentation und fordert eine grundlegende Gesellschaftskritik ebenso ein, wie ein freundliches und interessiertes Miteinander unter Trans*-Personen. Sie kritisiert, dass die „Vorstellung der Dekonstruierbarkeit gesellschaftlicher Kategorien wie homo, hetero, weiblich oder männlich […] die Wirksamkeit gesellschaftlicher Machtstrukturen unsichtbar“ mache (S. 191) und zielt mit dieser Kritik gerade auf queere Konzepte, die gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsstrukturen noch nicht ausreichend im Blick hätten. Auch ihr Ansatz verweist wiederum auf Simone de Beauvoir, die bereits in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ eine Doppelstrategie vorgeschlagen hatte: Ihr folgend gelte es, anzuerkennen, dass es in der Gesellschaft Frauen und Männer gebe – heute würden wir hinzufügen Trans*- und Inter*-Personen. Frauen, Trans* und Inter* unterliegen Diskriminierungs- und Gewaltverhältnissen und es würde nichts bringen, die Einordnungen einfach abzuschaffen, da die gewaltförmigen Verhältnisse bestehen blieben. Aber andererseits dürfe man auch nicht zu dem Trugschluss kommen, die heute bestehenden Kategorien für überzeitlich und unveränderbar zu erklären.

Warum Majewski die Gewalt in den schwulen Räumen als quasi selbstverständlich thematisiert und nur queere (Schutz-)Räume kritisiert, wird in ihrem Beitrag jedoch nicht transparent gemacht.

Abschluss und Fazit

Der Band erhebt den Anspruch, Bewegung in die Debatte zu bringen. Tatsächlich könnte gerade der Hinweis auf „Normalisierungen“, denen Trans*-Personen und schwule und lesbische Cis-Personen unterliegen zu einem Umdenken in politischem Aktivismus führen. Indes zeigen sich größere und im Band nicht bearbeitete Schieflagen: So verfolgt die Mehrzahl der Beiträge eine andere Perspektive als derjenige von Andrea Trumann, die „Homosexualität“ als allen Menschen innewohnend annimmt. Die übrigen Beiträge gehen hingegen klar identitär vor: Ein Mensch sei eindeutig geschlechtlich und sexuell verortet – ihre Ableitungen setzen hier an und versuchen damit zu erreichen, dass auch diese Menschen in der aktuellen Gesellschaftsordnung „klarkommen“. Sie sollten dabei nicht ihre „Eigenart“ verleugnen oder verstecken, sondern sie stolz präsentieren – und sich in dieser Differenz zur gesellschaftlichen Norm selbst definieren. Eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Situation und des Umgangs mit Homosexualität und Trans* scheint der Mehrzahl der Autor_innen unvorstellbar zu sein. Die Diskrepanz zwischen den beiden grundverschiedenen theoretischen Herangehensweisen wird im Band nicht behandelt.

Einige polemische Ausrutscher wären vermeidbar gewesen. So ist es beispielsweise nicht verständlich, dass gerade bi- und pansexuelle Personen von Benedikt Wolf als Problem beschrieben werden – zumindest wäre mehr Begründung erforderlich. In Bezug auf die Beiträge der Herausgeberin ist nicht nachvollziehbar, warum gerade ehrenamtliche Aufklärungsprojekte als Negativfolie verwendet werden, hingegen die größeren lesbischen und schwulen Organisationen, die auch über eine staatliche Co-Finanzierung verfügen, nicht in Bezug auf „Normalisierungen“ benannt werden. Der von Patsy l´Amour laLove verfasste Abschlussaufsatz zum Attentat auf den Club Pulse in Orlando, das von einem offenbar schwulen und muslimischen jungen Mann verübt wurde, entzieht sich jeder Logik des Bandes, da laLove hier die eine Facette der Identität des Attentäters negiert und so zum politischen Ziel gelangt, dass das Attentat nicht etwa „schwuler Selbsthass“ gewesen sei, sondern nun klar „Schwulenfeindlichkeit“. Sie führt weiter aus: „Der islamistische Terror ist ein politischer und lässt sich nicht mit individualpsychologischen Überlegungen zum Täter erklären. Den Anschlag auf schwulen Selbsthass zurückzuführen, ist Hohn gegenüber den Opfern und Hinterbliebenen und eine Farce angesichts der Gewalt.“ (S. 240) Stellt sich die Frage, warum hier nun gerade von einer psychologischen und psychoanalytischen Ebene abgesehen werden soll, die doch sonst den Band prägt. Auch eine gründliche theoretische und historische Herleitung des Begriffs „Selbsthass“ hätte dem Band gutgetan – der für den Band zentrale Begriff wird weitgehend vorausgesetzt, punktuell psychoanalytisch inspiriert untersetzt, aber nicht grundlegend erläutert und hergeleitet. Er verschwimmt umso mehr, da er in zahlreichen Beitragsüberschriften genannt wird, ohne dass es in den Beiträgen dann tatsächlich um „Selbsthass“ ginge.

Hier zeigt sich eine Grundtendenz im Band: Ist er für den facettenreichen, politisch geprägten Charakter durchaus zu lesen, so geht er zwischen den verschiedenen Ebenen immer hin und her. Mal steht eine politische, gesellschaftskritische Ebene im Mittelpunkt, mit der gesellschaftliche Veränderungen eingefordert werden; mal werden psychologische und psychoanalytische Ansätze aufgegriffen und verfolgt. Das kann sein, wäre aber zu Beginn des Bandes zu erläutern. Werden in einzelnen der Beiträge Begriffe der Psychologie und Psychoanalyse bemüht, so fällt auf, dass gerade diejenigen, die diese Perspektive besonders stark machen, über keine psychologische oder psychoanalytische Ausbildung verfügen, die sich in der Regel über viele Jahre hinzieht und im Fall der psychoanalytischen Ausbildung unter anderem beinhaltet, sich zunächst selbst analysieren zu lassen – und damit einen geschulten Blick zu entwickeln. Die eine oder andere fehlgehende Zuspitzung hätte sich vermeiden lassen, wäre einschlägiges wissenschaftliches Fachwissen einbezogen worden.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Forschungsprofessur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung (gefördert im Rahmen der BMBF-Förderlinie Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Einrichtungen) Hochschule Merseburg FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 24.11.2017 zu: Patsy l´Amour laLove: Selbsthass & Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität. Querverlag (Berlin) 2016. ISBN 978-3-89656-246-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23637.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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