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Anita Plattner (Hrsg.): Erziehungsfähigkeit psychisch kranker Eltern (...)

Cover Anita Plattner (Hrsg.): Erziehungsfähigkeit psychisch kranker Eltern richtig einschätzen und fördern. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. 175 Seiten. ISBN 978-3-497-02713-2. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
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Thema

In diesem Buch wird die Erziehungsfähigkeit von Eltern mit psychischer Beeinträchtigung behandelt. Bei der Einschätzung der Erziehungsfähigkeit von Eltern geht es im Wesentlichen um die Einschätzung der elterlichen Kompetenzen als auch den Risiken, die durch eine psychische Beeinträchtigung oder innerfamiliäre Konfliktsituation (z.B. Sorgerechtsstreit) entstehen können. Im Vordergrund stehen das Kindeswohl sowie die kompetenz- und lösungsorientierte Zusammenarbeit mit Eltern. Sowohl die Einschätzung der familiären Situation sowie die Begleitung von Eltern und Kindern gestalten sich interdisziplinär, sodass, neben Therapeut*innen und Pädagog*innen, Sachverständige des Familiengerichts sowie das Familiengericht selbst an dem Prozess und den Konsequenzen in Form von installierten Hilfen oder gar Inobhutnahme beteiligt sind.

Der Herausgeberin zufolge können hierbei Unsicherheiten auf verschiedenen Seiten entstehen: auf Seiten der Expert*innen, Eltern sowie Kindern. Daher solle dieses Buch eine Hilfestellung dafür sein, „lösungsorientiertes Arbeiten“ (Plattner 2017, S. 10) möglich zu machen.

Herausgeberin und Autor*innen

  • Dr. rer. biol. hum. Anita Plattner, Dipl.-Psych., Öffentlich bestellte und beeidigte Sachverständige zu Fragen des Sorge- und Umgangsrechts, Herausgeberin.
  • Joachim Heilman, Dipl.-Päd., Psychoanalytischer Pädagoge, Kinder- und Jugendpsychotherapeut.
  • Christiane Hertkorn, Dipl.-Psych., Öffentlich bestellte und beeidigte Sachverständige zu Fragen des Sorge- und Umgangsrechts, Psychologische Psychotherapeutin.
  • Dr. rer. biol. hum. Beatrice Kraemer, Dipl.-Psych.
  • Elisabeth Mach-Hour, Rechtsanwältin und Verfahrensbeistand.
  • Dr. phil. Frank W. Paulus, Dipl.-Psych., Kinder- und Jugendpsychotherapeut, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor, Systemischer Therapeut.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeberin veröffentlichte ihr Werk vor dem Hintergrund ihrer praktischen Tätigkeit als Sachverständige für das Familiengericht sowie ihren Erfahrungen im Bereich der Erwachsenen- und Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Teile unterteilt, welche jeweils unterschiedlich viele Kapitel umfassen. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Teil I „Grundlagen der Erziehungsfähigkeit“ beschreibt den bereits im Titel vordergründigen Fachbegriff der „Erziehungsfähigkeit“ aus juristischer und psychologischer Sicht. Die Kriterien der juristischen Sichtweise werden dabei klar definiert und durch die dementsprechenden Gesetzestexte vertieft. Auf diese Weise verdeutlicht die Herausgeberin die Mehrdimensionalität der Begriffe „Kindeswohl“ bzw. „Kindeswohlgefährdung“ in Zusammenhang mit der sogenannten „Erziehungsfähigkeit“ sowie die psychosozialen und somatischen Folgen von Übergriffen an Kindern.

Die psychologische Perspektive auf die sogenannte „Erziehungsfähigkeit“ stellt die Eltern-Kind-Beziehung sowie Methoden (u.a. testpsychologisch) zur Einschätzung dieser Beziehung in den Fokus. Daran anknüpfend erarbeitete die Herausgeberin eine Übersicht von Kriterien zur Überprüfung der Erziehungsfähigkeit psychisch beeinträchtigter Eltern. Hierbei verweist sie darauf, dass eine „psychische Erkrankung“ allein noch kein Anlass für die Feststellung einer Erziehungsunfähigkeit sei und Diagnosen noch keine sichere Auskunft über den Verlauf der Situation vergeben, da diese individuell zu betrachten seien (Plattner 2017, S. 30).

Teil II „Die wichtigsten psychischen Erkrankungen und mögliche Auswirkungen auf die Erziehungsfähigkeit“ umfasst insgesamt fünf Kapitel mit Unterkapiteln, welche eine Auswahl psychischer Beeinträchtigungen darstellen. Der Aufbau ähnelt sich und lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: nach einer Beschreibung der Beeinträchtigung, unter anderem nach den Kriterien der ICD-10, sowie der Prävalenz, den Ursachen, dem Verlauf und der Behandlung dieser Beeinträchtigung, werden die Auswirkungen auf Kinder sowie die Erziehungsfähigkeit betroffener Eltern erläutert. Überdies hinaus werden die Schilderungen durch Fallbeispiele vertieft. Folgende Formen psychischer Beeinträchtigungen werden diskutiert:

  • Kapitel 1 „Affektive Erkrankungen und Angststörungen“: Depression, uni- und bipolaren Störungen, Angststörungen, Panikstörung und Zwangsstörung. Zudem findet eine Vertiefung zur Postpartalen Depression statt.
  • Kapitel 2 „Psychotische Erkrankungen“: Schizophrenie sowie schizophrene Störungen mit einhergehender Halluzination und wahnhaftem Erleben.
  • Kapitel 3 „Suchterkrankungen“
  • Kapitel 4 „Persönlichkeitsstörungen und -akzentuierungen“: Darstellung der Symptomatik der Persönlichkeitsstörungen in Clustern.
  • Kapitel 5 schildert noch einmal detailliert die möglichen Auswirkungen psychischer Beeinträchtigungen von Eltern auf ihre Kinder (bspw. Entwicklungsverzögerungen, herausfordernde Handlungsweisen, introvertiertes Verhalten, Parentifizierung) und geht auf mögliche Ressourcen ein.

Teil III diskutiert abschließend die „Arbeit mit psychisch kranken Eltern und deren Kindern“.

  • Kapitel 1 beginnt mit Ausführungen zur Gesprächsführung mit Kindern und richtet sich somit an Fachleute wie Pädagog*innen und Therapeut*innen und deren Haltung.
  • Der Aufbau lässt sich auf Kapitel 2, in dem es um die Gesprächsführung mit Eltern geht, übertragen.
  • Kapitel 3 geht näher auf die psychotherapeutische Arbeit mit Kindern und Eltern ein, wobei auch hier zunächst die Arbeit mit den Kindern und daraufhin die Elternarbeit erläutert wird. Dieses Kapitel verdeutlicht die Auswirkungen psychischer Beeinträchtigungen auf verschiedene Systeme (sowohl Kind, als auch Partner*in) und die Relevanz einer auf das Individuum angepassten Gesprächstechnik.
  • Kapitel 4 führt verschiedene Unterstützungsangebote für Familien an.
  • Kapitel 5 schildert rechtliche Grundlagen zur elterlichen Sorge, dem Sorgeverfahren sowie Umgang und fundiert diese Aspekte mit Verweisen auf dazugehörige Gesetzestexte.

Diskussion

Dieses Werk behandelt eine Thematik, die für viele Disziplinen eine hohe Relevanz aufweist. Die Relevanz ergibt sich aus dem Kindeswohl, welches unter allen Umständen gesichert werden muss, der Pflicht der Eltern sowie des Staates, über dieses Wohl zu wachen und dem Recht von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, Anerkennung und Unterstützung zu erfahren.

Auch wenn hervorsticht, dass diese Sichtweise von der Herausgeberin und den Autor*innen, vertreten wird, stoßen Leser*innen auf die Verwendung von Begriffen und Ausführungen psychischer Beeinträchtigungen, die eher einer Auflistung gleichkommen und daher zu kurz greifen. Der Begriff der „psychischen Krankheit“, welcher bereits im Titel aufgegriffen wird, erfährt keine theoretische Fundierung, sodass unklar bleibt, welches Menschenbild bezüglich Behinderung bzw. Beeinträchtigung vertreten wird.

Zudem ist häufig von einer „Erblichkeit“ (Plattner 2017, S. 34, 85) oder „Weitergabe“ (Plattner 2017, S. 90) psychischer Beeinträchtigungen die Rede. Auch hier fehlt das theoretische Fundament einer systemischen, subjektorientierten Sichtweise, die die Ausbildung einer psychischen Beeinträchtigung rehistorisierend betrachtet und dadurch erklärbar macht, dass es sich bei diesen psychiatrischen Diagnosen um keine bloße Vererbung oder Weitergabe handelt (vgl. Jantzen 2005, S. 153-158). Vielmehr steht das sinnhafte Erleben herausfordernder oder normabweichender Handlungsweisen im Vordergrund, dass durch die lebensgeschichtlichen Ereignisse, in diesem Falle durch die Interaktionsgeschichte mit einem psychisch beeinträchtigten Elternteil, in intrapsychische Prozesse übergeht (vgl. Vygotskij 1992, S. 236).

Kinder von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, welche Belastung erfahren, setzen Kompensationsstrategien ein, um diese Belastungen zu bewältigen und für sich sinnvoll zu machen. Diese Kompensationen werden als normabweichend wahrgenommen, sodass es zu einer psychiatrischen Diagnose kommt (vgl. Jantzen 2005, S. 153-158). Daher sind die Hinweise Plattners und der Autor*innen auf die Risiken einer psychiatrischen Diagnose bei Kindern betroffener Eltern zwar legitim und durch diverse Studien gestützt, doch aus pädagogischer Sicht bedarf es eines theoretischen Gerüsts, um den Zugang des Verstehens zu eröffnen.

Hinsichtlich der Erziehungsfähigkeit wird deutlich, dass eine Diagnose noch keinen einschlägigen Grund für eine Überprüfung darstellt. Wann eine Überprüfung notwendig wird und welche Kriterien zu beachten sind, wird von der Herausgeberin und den Autor*innen nachvollziehbar erläutert.

Fazit

Das Buch ist für Fachpersonen aus der Praxis sicherlich hilfreich, wenn es um die rechtlichen Rahmenbedingungen geht. Darüber hinaus werden die psychologischen Kriterien zu den jeweiligen Beeinträchtigungen ausführlich geschildert und mögliche Folgen für die Eltern-Kind-Beziehung werden verständlich dargestellt. Auf diese Weise ist es Fachleuten möglich, Einblicke zu erhalten und sich handlungssicherer im Umgang mit Eltern und Kindern zu fühlen. Dennoch bedarf es der Erweiterung durch eine pädagogische Perspektive und des entsprechenden theoretischen Fundaments, um die Betrachtung von „Behinderung“, „Beeinträchtigung“ und „Krankheit“ zu differenzieren, verallgemeinernden Annahmen entgegenzuwirken und eine subjektorientierte Begleitung für Eltern und Kinder zu gewährleisten.

Literatur

  • Jantzen, W. (2005): »Es kommt darauf an, sich zu verändern…«. Zur Methodologie und Praxis rehistorisierender Diagnostik und Intervention., Psychosozial-Verlag, Gießen.
  • Vygotskij, L. S. (1992): Geschichte der höheren psychischen Funktionen., Lit Verlag, Münster, Hamburg.

Rezensentin
Julia Tierbach
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Zitiervorschlag
Julia Tierbach. Rezension vom 16.08.2018 zu: Anita Plattner (Hrsg.): Erziehungsfähigkeit psychisch kranker Eltern richtig einschätzen und fördern. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-497-02713-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23638.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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