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Britta Matthes, Eckart Severing (Hrsg.): Berufsbildung für Geringqualifizierte

Cover Britta Matthes, Eckart Severing (Hrsg.): Berufsbildung für Geringqualifizierte. Barrieren und Erträge. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. 154 Seiten. ISBN 978-3-7639-1190-5. D: 27,90 EUR, A: 28,70 EUR.
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Thema

Vor dem Hintergrund von demografischem Wandel und den strukturellen Veränderungen des Arbeitsmarktes tritt mit zunehmender Deutlichkeit hervor, dass über die gewohnten Rekrutierungs- und Qualifizierungswege in der Berufsbildung der Fachkräftebedarf nicht hinreichend gedeckt werden kann. Trotz des offenkundigen Versagens in den Steuerungs- und Selektionsmechanismen wird bislang an gewohnten Routinen des „Exportschlagers“ festgehalten. Beobachtbar sind drei strategische Ansätze kompensatorischer Rekrutierungen. So ist seit einiger Zeit festzustellen, dass verdeckt über „Noteninflation“ und heimliche Absenkungen bei Zugangsvoraussetzungen ebenso wie bei Prüfungsleistungen Rekrutierungsbarrieren erodieren, die mit Argumentationen der Qualitätssicherung zu Zeiten von Bewerbungsüberhängen eingeführt worden waren. Als zweite Richtung sind Ansätze der Erhöhung von Status und Attraktivität Beruflicher Bildung auszumachen.

Neben Revitalisierungen von Motivfiguren, die atavistisch das Studium als Feindbild der Berufspädagogik stilisieren, zeichnen sich vorausschauend in den Landschaften der Studien- und Berufsbildungsangebote auch zunehmend neue Schnittstellen- und Hybridarchitekturen für Akademisierungen von Berufsbildung bzw. für berufspädagogisierte Akademisierungen ab. Mit Jahrzehnten der Verzögerung versprechen diese Modelle Anschlussfähigkeit für die umworbenen Zielpersonenkreise, die sich bisher oftmals von der „Sackgasse dualer Berufsausbildung“ abgeschreckt sahen und darum ein Studium einer Berufsausbildung vorzogen. Eine dritte Richtung für Strategien der Nachrekrutierung verweist auf die Reichweite erkennbarer Schieflagen.

Zielpersonenkreise, die über lange Zeiten „abseits“ (Bojanowski) des Interesses lagen, die von Berufsbildung als „Überflüssige“ behandelt wurden, als, „Abgehängte“ galten (so Bezeichnungen vergangener Jahrzehnte) und deren Förderbedarf mit Amortisationsfragen konfrontierte, werden zur Standortsicherung in den Blick genommen. Berufspädagogische Versäumnisse, die weit in die Professionalisierungsgeschichte von Berufsbildung rückverweisen, so etwa die „Jungarbeiterfrage“ oder die „Berufsnot der weiblichen Jugend“, zeigen Wirkungen darin, dass dem berufspädagogischen Kerngeschäft diese Zielpersonenkreise weitgehend fremd sind und etablierte didaktische Strukturen sich eben nicht einfach auf diese terra incognita ausweiten lassen. Wenn Personen zudem Exklusionserfahrungen haben durchlaufen müssen, werfen ihre Lern- und Lebenserfahrungen Legitimationsprobleme für die Struktur- und Personalfelder auf, von denen Exkludierungen transportiert wurden.

Nüchtern, kompakt und fundiert werden die Herausforderungen umrissen, die bildungspolitisch und berufspädagogisch mit den Herausforderungen verbunden sind, individuell, sozial und ökonomisch anschlussfähige Konzepte der Berufsbildung für bislang „übersehene“ bzw. „ausgesonderte“ Zielpersonenkreise zu entwickeln. Der Ausrichtung ist ebenso wie den Einzelbeiträgen die Vertrautheit mit den Aufgaben der Bildungsberichterstattung anzumerken.

Herausgeberin und Herausgeber

  • Britta Matthes leitet die Forschungsgruppe Berufliche Arbeitsmärkte und ist am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg tätig.
  • Eckart Severing lehrt als Professor am Institut für Pädagogik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Beide sind durch Fachpublikationen mit grundlegender Bedeutung für den Fachdiskurs ausgewiesen. Ihnen gelang es sechzehn weitere, zumeist auch über Fachkreise hinaus bekannte Autorinnen und Autoren zu gewinnen und durch gemeinsame kompakte Koordination eine besonders in Stringenz und Aussageführung überzeugende Publikation vorzulegen.

Entstehungshintergrund

Die Schrift ging aus Arbeitszusammenhängen der Arbeitsgemeinschaft Berufsbildungsforschungsnetz hervor. Über diesen freiwilligen Zusammenschluss von Einrichtungen, die aus Blickwinkeln unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen über Brennpunkte in der Arbeitsmarkt- und Berufsbildungsentwicklung berichten, wird am Ende der Schrift kurz informiert. Ausgewiesen ist auch eine Übersicht weiterer vorliegender Publikationen.

Aufbau und Einleitung

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Einführend bieten Britta Mattthes und Eckard Svering einen Aufriss zu den Aufgaben des Erkennens und Förderns beruflicher Kompetenzen bei Geringqualifizierten. Auf der Grundlage von Referenzen zur laufenden Bildungsberichterstattung erfolgen quantitative und qualitative Rahmensetzungen mitsamt von Verweisen auf den Neuorientierungsbedarf in Berufsbildungspolitik und Berufspädagogik. Durch Berücksichtigung von Lebensverläufen und implizierte Einbindung von Ansätzen der Erfassung von Lebenslagen erfolgen kritische Vergegenwärtigungen zu faktischen Segregationen und Exkludierungen gegenwärtiger Kurslinien ebenso wie eine konstruktive Neuorientierung, die darauf verweist, dass ein Verhaften an Lebensabschnittsdidaktiken, an Unterbringungskorridoren für Berufsbildungsverlierer und ein weiteres Abfrachten von Strukturproblemen in das System sozialer Sicherungen mit temporären Massnahmeprogrammen weder sozial noch ökonomisch weiter getragen werden können.

Besonders belastbar begründet wird in der Einführung darauf verwiesen, dass die gegenwärtige Bildungsbeschränkung in der Berufsbildung strukturell bedingt ist und die Potenziale sozialer Integration über berufliche Erwerbsarbeit für Bevölkerungsgruppen, deren Kohorten zusammen mehr als vier Millionen ausmachen, innerhalb gegenwärtiger Rahmensetzungen nur eine Ideologie ohne Wirklichkeit darstellen. Das Leitmotiv einer überfälligen Neujustierung wird anschließend in zwei Themenforen konkretisierend verhandelt.

Zum ersten Themenforum

Im ersten Themenforum werden exemplarisch Gestaltungsansätze für Bildungskonzepte vorgestellt, die sich gezielt an Geringqualifizierte richten und berufsbildend auch die Lebenslagen der Zielpersonenkreise konstitutiv bei der Entwicklung von Bildungsangeboten berücksichtigen.

Sozial-rekonstruktiv und ressourcenorientiert wird von Regina Flake, Lydia Malin, Lena Middendorf und Susanne Seyda zunächst über die Lebenssituation und über die Potenziale An- und Ungelernter informiert.

Anschließend erfolgen von Helmut Klein und Sigrid Schöpper-Grabe Standortbestimmungen zur Arbeitsplatzorientierten Grundbildung. Um Zugänge und Anschlussfähigkeiten dieser Voraussetzung für weitere berufliche Qualifizierungen sichern zu können, werden Anforderungskriterien ausgewiesen, die auf die Notwendigkeit verweisen, Balancen zwischen individuellen und betrieblichen Verträglichkeiten zu finden, wofür staatliche Flankierungen in großem Umfang vorzusehen sind.

Der Personenkreis funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten steht im Zentrum eines Modellansatzes der Verzahnung berufsorientierter Alphabetisierung und aktiver Arbeitsförderung über den Dominique Dauser berichtet. Gegenwärtig mehr als 7 Millionen Erwachsene, deren schriftsprachliche Kompetenzen nicht den Anforderungen einer modernen Informations- und Wissensgesellschaft und damit auch nicht gängigen Lernvoraussetzungen moderner Berufsbildung genügen, werfen Fragen der Erreichbarkeit für Maßnahmen der Arbeitsförderung auf. Bisherige Befunde bestätigen zwar die Ausrichtung, verweisen jedoch auch auf weit reichenden Finanzierungs- und Strukturierungsbedarf. Qualitätsentwicklung, Dichte und Erreichbarkeit zielgruppennaher Angebote bedürfen erheblicher Anstrengungen.

Darüber, wie Ansätze niedrigschwelliger und alltagstauglicher betrieblicher Grundbildung aussehen können, referiert Martina Kunzendorf. Sie verweist auf Potenziale die erreichbar werden, wenn das Prinzip Arbeiten und Lernen konsequent für didaktische Grundlegungen herangezogen wird.

Wie weit die gegenwärtige Berufsbildungslandschaft noch von breitenwirksamen Ansätzen entfernt ist und welche Hürden noch zu bewältigen sind, weist der Beitrag von Rosemarie Klein, Gerhard Reutter und Dieter Zisenis aus. Über das Benennen von Erfolgsindikatoren der Implementierung von Bildungsmaßnahmen für formal gering Qualifizierte als Beschäftigte und Arbeitssuchende konkretisieren sie anstehende Entwicklungsaufgaben der Umgestaltung der Berufsbildungslandschaft.

Zum zweiten Themenforum

Faktisch sind bislang Kompetenzen, die jenseits formaler Bildungs- und Ausbildungsgänge erworben wurden, ohne zugestandenen Wert im einseitig formal qualifikatorisch regulierten Prozess des Positionserwerbs im Arbeitsmarkt. Im zweiten Themenforum werden darum strategische Ansätze vorgestellt, wie durch ein besseres Ausweisen der Kompetenzen formal Geringqualifizierter Wege für mehr wertschätzende und anerkannte Teilhabe dem bisherigen berufspädagogischen Mainstream des Ignorierens, Wegschauens und Schweigens entgegengestellt werden können.

Nicolas Schöpf konkretisiert exemplarisch Dilemmata von Drop-out-Phänomenologien im Berufsbildungssystem und verweist darauf, dass gegenwärtige Regularien formaler Erfassungen informell erworbener Lernerfahrungen letztlich in ihren Denkmustern und Instrumenten nur wieder die Barrieren reproduzieren, die bisherigen Exklusionsprozessen vorangingen.

Martin Fischer, Peter Röben und Cüneyt Sandal veranschaulichen mit AiKomPass Einsatzmöglichkeiten eines Tools, das über konsequente Ausrichtung an Arbeitsaufgaben und so durch mehr Verständlichkeit Abstraktionsverluste in Kompetenzerfassungen erheblich reduziert sowie zudem durch dialogische Gegenüberstellungen von Selbst- und Fremdeinschätzungen belastbare Beurteilungen ermöglicht.

Im letzten Beitrag hebt Dietmar Heisler hervor, dass die Arbeitswelt einen Bildungsraum darstellt, dessen Lerngewinne an informell erworbenen Kompetenzen und an Erfahrungswissen bislang nicht angemessen Abbildung finden, was mit Blick auf Geringqualifizierte, so die These, Zugänge zu Fachkräfteressourcen und Qualifikationsreserven verstellt. Genauere Untersuchungen ergaben, dass bei längerer Betriebszugehörigkeit in Routinebearbeitungen durchaus wertvolle Lernerfahrungen gewonnen werden können, diese jedoch der konsequenten Organisation und der Einbindung in Lernbegleitungen bedürfen, um Qualitäten wie mehr Eigenständigkeit und Transfervermögen zu entwickeln.

Diskussion

In knapper und pointierter Form bietet diese Schrift Konturen und Schlaglichter einer Humanisierung in der Berufsbildung zu einer Zeit, in der die Debatten um die Humanisierung der Arbeitswelt vergessen scheinen. Überzeugend wird ausgewiesen, dass der Abschied von dogmatischen Ausrichtungen an Normalbiografien auch berufspädagogisch notwendig und möglich ist. Wege einer überfälligen Flexibilisierung und konsequenterer Anpassungen an Lebensläufe und Lebenslagen fordert gestalterische Phantasien. Von grundlegender Bedeutung sind neue Architekturen für Schnittstellen unterschiedlicher Bildungsgänge und Strategien für die Sicherung polyvalenter Anschlussfähigkeiten. Exemplarisch werden hierfür Ansätze vorgestellt. Inwieweit sich diese, ebenso wie viele weitere Reformmodelle in der Bildungslandschaft, werden behaupten und weiter entwickeln können, bleibt jedoch fraglich. Und so wie der „Abschied von der Hauptschule“ (Rösner) seit Jahrzehnten kultuspolitisch ausgesessen wird, so dürften massive Zweifel an der Reformwilligkeit in der Berufsbildung angezeigt erscheinen. Wenn es gilt, für Personenkreise, die in bisherigen Professionalisierungsprozessen und der eigenen Gentrifizierung wegen fehlender Profilierungsmöglichkeiten ausgelagert wurden, gegenwärtige Strukturen eines berufsbildenden „Erfolgsmodells“ zu revidieren, sind mögliche Gewinne und Verluste aufzurechnen. Bisherige Rechenwege sind gewohnt und die Berücksichtigung von Variablen erfordert ein Umdenken. Geringqualifizierte einerseits und Leitorientierungen an technologischen Innovationen sowie Drittmittelakquise sind zudem im Rahmen gegenwärtiger Strukturen eben nur unter großen Mühen und auch dann nur in Ausnahmen miteinander vereinbar. Aber Möglichkeiten hierzu zeigt die Schrift auf und verschweigt herbei nicht, welche Widerstände und Barrieren zu bewältigen sind.

Fazit

Eine leicht lesbar und in der Aussageführung überzeugend gehaltene Schrift, die Aufnahme in die Handbibliotheken der Aufgabenfelder von Bildung, Hilfe und Beschäftigung finden sollte.


Rezensent
Prof. Dr. Dirk Plickat
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbuettel Fachbereich Fakultät Handel und Soziale Arbeit. Nach langjähriger eigener pädagogischer Praxis in Jugendhilfe und Schule als Erziehungswissenschaftler in Hochschule in Schnittfeldern von Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie beruflicher Bildung (auch historisch und vergleichend) tätig
Homepage www.fh-wolfenbuettel.de/cms/de/fbs/not_in_menu/pers ...
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Zitiervorschlag
Dirk Plickat. Rezension vom 04.12.2018 zu: Britta Matthes, Eckart Severing (Hrsg.): Berufsbildung für Geringqualifizierte. Barrieren und Erträge. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-7639-1190-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23639.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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