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Caroline Richter: Vertrauen innerhalb von Organisationen

Cover Caroline Richter: Vertrauen innerhalb von Organisationen. Ein soziologisches Modell. transcript (Bielefeld) 2017. 286 Seiten. ISBN 978-3-8376-4116-5. D: 37,99 EUR, A: 39,10 EUR, CH: 46,40 sFr.
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Thema

Vertrauen ist eine der zentralen Grundlagen menschlichen Miteinanders. Schon der schottische Philosoph und Aufklärer Thomas Reid (1710 - 1796) sprach davon, dass es ohne Vertrauen keine menschliche Gesellschaft geben kann. Auch in der Gegenwart ist das Thema Vertrauen in öffentlichen Debatten allgegenwärtig. Zum einen wird die Bedeutung von Vertrauen im zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Miteinander hervorgehoben und vom „Kitt der Gesellschaft“ gesprochen. Zum anderen wird der Verlust von Vertrauen in vielen gesellschaftlichen Feldern beklagt. Dieser fände seinen Ausdruck beispielsweise im Misstrauen der Bürger gegenüber der Politik aber auch gegenüber Institutionen wie beispielsweise den Kirchen.

Wirtschaftliche Organisationen sind von dieser Entwicklung nicht ausgeschlossen. In der deutschsprachigen Managementliteratur hat das Thema Vertrauen längst Eingang in das Grundverständnis von Führung und Leadership gefunden und erlangt dort eine wachsende Bedeutung. Allerdings ist das komplexe Konstrukt Vertrauen in diesem Kontext bisher wenig theoretisch und empirisch untersucht. Diese Lücke will die Untersuchung von Caroline Richter partiell schließen. Ihr Ziel ist es, „die Spezifika der Dar- und Herstellung von Vertrauen [im Kontext von Organisationen – H.-J.P.] möglichst nuanciert offenzulegen und so zu einem organisationspezifischen Verständnis von Vertrauen beizutragen.“ (S. 18) Zentral ist die Frage, wie Vertrauen in Organisationen institutionalisiert wird. Als Scharnier zwischen Organisation und Mitarbeitern wird den Führungskräften eine strategische Filter- und Transformationsrolle zugeschrieben. Somit lassen sich aus den Konstrukten von Vertrauen und den Praktiken der Führungskräfte Rückschlüsse auf die spezifischen Vertrauensprozesse innerhalb von Organisationen ziehen.

Autorin

Caroline Richter forscht und lehrt am Institut für Arbeitswissenschaft und an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Aktuell ist sie dort wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Juniorprofessur von Prof. Dr. Jessica Pflüger.

Entstehungshintergrund

Die Studie wurde 2017 als Dissertation an der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum eingereicht und mit summa cum laude bewertet. Sie ist eingebettet in ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt zum Thema „Vertrauensmanagement in Unternehmen“ am Lehrstuhl für Arbeitsgestaltung und Arbeitsorganisation der Ruhr-Universität Bochum. Die Daten der Studie stammen aus dem Teilprojekt „Vertrauensmanagement“. Sie wurden für die vorliegende Untersuchung einer qualitativen Sekundäranalyse unterzogen.

Aufbau

Das Buch umfasst sieben Kapitel.

Nach einer Einführung in die Fragestellung und die Methodik werden die theoretischen Grundlagen von Vertrauen und Organisation aus soziologischer Sicht vorgestellt. Daran schließen sich Ausführungen zum methodischen Zugang (Grounded Theory) sowie Erläuterungen zur Datenbasis und dem analytischen Vorgehen an. In dem umfangsreichsten sechsten Kapitel werden die Ergebnisse der Untersuchung dargestellt. Fazit und Ausblick bilden den Abschluss der Studie.

Inhalte

In der Einleitung wird in das Thema der Untersuchung eingeführt, die Forschungslücke näher beschrieben, der Zugang zum Forschungsgegenstand begründet, Ziele und Fragestellung vorgestellt sowie der methodologische Zugang kurz umrissen.

Kapitel 2 untersucht den Forschungsgegenstand Vertrauen aus soziologischer Sicht. Nach einem Überblick über die Forschung zu Vertrauen, wird in ausgewählte soziologische Aspekte von Vertrauen eingeführt. Vertrauen wird als „relational-konstruktive Erwartung“ und als „visionäre Strategie im Umgang mit Ungewissheit“ beschrieben und von Misstrauen, Transparenz und Kontrolle abgegrenzt. An Hand der Vertrauenstheorien von Niklas Luhmann, Anthony Giddens, Susan P. Shapiro und James S. Coleman wird das Verhältnis von Person und System analysiert und der eigene, die Dualität von mikro- und makrosoziologischer Perspektive überwindende Zugang (unter Bezug auf die Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour) begründet. Abschließend werden zehn für die Untersuchung relevante Aspekte von Vertrauen zusammengefasst.

Kapitel 3 greift den organisatorischen Kontext der Untersuchung auf und erläutert die zentralen Begriffe Organisation und Führungskraft. Anhand der Befunde zur Organisationsforschung werden die aktuellen Herausforderungen für Führungskräfte (z.B. Subjektivierung und Flexibilisierung von Arbeit) nachgezeichnet und gezeigt, dass Vertrauen in Organisationen einerseits die Ungewissheiten und Verletzbarkeiten sozialer Beziehungen betrifft, andererseits die „Architekturen“ formaler und informaler Strukturen. Damit werden intraorganisatorische Gestaltungsspielräume von Vertrauen sichtbar, die das Verhältnis der Führungskräfte sowohl gegenüber Mitarbeitern aber auch gegenüber dem Topmanagement tangieren. Bedeutsam für die Untersuchung ist damit, wie Führungskräfte die Mikro- und Mesoebene miteinander verbinden und ihre Rolle in Bezug auf Vertrauen in unterschiedlichen Bezügen konstruieren.

Kapitel 4 erläutert die Forschungshaltung und das „Wie“ – also die Methode – der Untersuchung. Für die Studie wurde eine „Semi-Sekundäranalyse“ von bereits bestehenden Interviewtranskripten aus dem Teilprojekt Vertrauensmanagement in Unternehmen (siehe Abschnitt Entstehungshintergrund) gewählt. Die methodische Grundlage dafür bildet die Grounded Theory nach Anselm L. Strauss und Anselm L. Strauss & Juliet M. Corbin. Zunächst werden die theoretischen Wurzeln und die Methodologie der Grounded Theory beschrieben und danach die konkreten Verfahren der Datenanalyse. Abschließend werden konzeptionelle Fragen und praktische Besonderheiten wie beispielsweise Anonymisierung und Transkription konkret erläutert.

Kapitel 5 stellt die Datenbasis der Untersuchung mit Bezug auf das vorangegangene Forschungsprojekt sowie Kurzprofile der beteiligten Unternehmen und der ausgewählten Interviews vor. Schließlich werden der Prozess der Datenauswahl und die Analyse der Daten beschrieben.

Kapitel 6 liefert eine umfassende Darstellung der Forschungsergebnisse, die dann in einem theoretischen Modell der Institutionalisierung von Vertrauen verdichtet werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass Vertrauen in Organisationen unter anderem im Kontext von Veränderungsprozessen eine hohe Relevanz zugeschrieben wird. Dabei wird in der Begründung auf außerorganisationale, d.h. private Analogien Bezug genommen. Dieser Zusammenhang spiegelt sich in der einschlägigen Managementliteratur so nicht wider.

Im Alltag wie auch im organisatorischen Kontext entfaltet Vertrauen seine Bedeutung vor allem im Rahmen von Interaktion und Kommunikation und dies geschieht sowohl in Bezug auf die Interaktionsgeschichte wie zugleich als Vorschuss auf künftige Interaktionen. Dabei ist zu beachten, dass im organisatorischen Kontext Interaktionen eine fachliche und eine persönlichen Dimension besitzen. Am Beispiel des Kodes „miteinander ein Bier trinken“ wird gezeigt, wie persönliche und sachlogisch-instrumentelle Reflexivität in Beziehung zueinander stehen und in die Konstruktion von Vertrauen Eingang finden.

Eine zentrale Kategorie von Vertrauen in Organisationen ist das Steuern von Informationen. So dient beispielsweise die Herstellung von Vertrauen bei den Führungsinstrumenten „Feedback“ und „Rolltreppengespräche“ dazu, Informationen zu operationalisieren, das Miteinander der Mitarbeiter zu harmonisieren und diese auf das Organisationsziel auszurichten. Interpretationsspielräume über Informationen und deren ggf. destruktive Auswirkungen in Organisationen können durch das Steuern von Informationen reduziert werden.

Organisationen sind ein Feld unterschiedlicher Interessen und mikropolitischer Positionierungen. Vertrauen wird hier als ein „Schachspielen im Hintergrund“ strategisch eingesetzt, um die Blockierung oder Weitergabe von vertraulichen Informationen zu legitimieren. So entstehen im sozialen Miteinander empirisch unterschiedliche Grade von Vertrauen, je nachdem wie vertrauenswürdig die jeweiligen Interaktionspartner eingeschätzt werden. Die virtuose Beherrschung dieses Spiels kann selbst wiederum als vertrauensbildend wahrgenommen werden.

Wie lassen sich die hier nur angedeuteten Ergebnisse in einem theoretischen Modell der Institutionalisierung von Vertrauen verdichten? Caroline Richter greift dazu auf das „paradigmatische Modell der Grounded Theory“ (208 ff.) zurück. Es unterscheidet sechs Bestandteile:

  • Die Kernkategorie bzw. das Phänomen (hier: Institutionalisierung von Vertrauen)
  • Ursächliche Bedingungen für die Kernkategorie
  • Intervenierende Bedingungen, die das Phänomen beeinflussen
  • Kontext für spezifische Eigenschaften und Ausprägungen des Phänomens
  • Strategien um Umgang mit dem Phänomen
  • Konsequenzen, die sich aus den Strategien ergeben

Zu den ursächlichen Bedingungen gehören beispielsweise die fehlende Berechenbarkeit von Zukunft und die Relevantsetzung von Vertrauen im Spannungsfeld von divergierenden Erwartungen.

Intervenierende Bedingungen werden über den Wirtschaftskontext, über situative Faktoren außerhalb der Organisation und Veränderungen innerhalb der Organisation erfasst.

Der Kontext erfasst u.a. die Wahrnehmung der eigenen Rolle sowie Spannungen auf der Ebene der Person und Organisation und in der Organisationshistorie.

Strategien zur Institutionalisierung von Vertrauen beinhalten u.a. das Gewähren, Genießen und Nutzen von Freiheiten, Praktiken von Trial & Error und mikropolitische Positionierungen.

Die Konsequenzen, die sich aus den Handlungs- und Interventionsstrategien ergeben und auf die Institutionalisierung von Vertrauen zurückwirken, werden in folgenden Strategien gebündelt: unterschiedliche Vertrauenstypen und unterschiedliche Regeltypen, Ein- und Ausschluss von Mitgliedern, Ex post-Charismatisierung von Verfahren sowie verschiedene Ausprägungen der Institutionalisierung von Vertrauen.

Kapitel 7 gibt ein Fazit der Studie und formuliert einen Ausblick in Bezug auf die künftige Bedeutung des Themas Vertrauen in der Soziologie, thematisiert die Generalisierbarkeit der Befunde und benennt künftige Forschungsbedarfe.

Diskussion

Das Themas Vertrauen hat in der öffentlichen Debatte verschiedene Bezüge: Es wird im Rahmen des gesellschaftlichen Wandels diskutiert, als eine Basis des zwischenmenschlichen Miteinanders im privaten und öffentlichen Raum hervorgehoben und als Vertrauensverlust im Verhältnis zwischen Bürger und Staat diagnostiziert. In der populären Management- und Führungsliteratur findet man das Thema Vertrauen ebenfalls wieder. Allerdings wird das Thema dort oft plakativ formuliert. Dieser oberflächliche Zugang steht im Gegensatz zu einem erforderlichen komplexen Verständnis des Gegenstandes. So ist es ein großes Verdienst von Caroline Richter, dass sie mit ihrer Studie eine Theorie- und Forschungslücke partiell geschlossen hat und dadurch Anregungen für ein vertieftes theoretisches aber auch praktisches Verständnis von Vertrauen im institutionellen Kontext gibt.

Caroline Richter verknüpft die Mikroebene (Vertrauen im Rahmen des persönlichen Miteinanders) mit der Mesoebene (funktional spezifisches Vertrauen institutionell vermittelter Interkationen). Dadurch gelingt es ihr, die Wechselwirkungen von institutionellen Rahmenbedingungen bzw. Vorgaben einerseits und den individuell persönlichen Spielräumen der Konstruktion von Vertrauen andererseits klar herauszuarbeiten. Gleichzeitig trägt sie mit diesem Forschungsansatz zu einer Erweiterung der soziologischen Theorien zum Konstrukt Vertrauen bei. Dies gilt auch für die managementbezogenen Führungstheorien, indem sie die Rolle von Führungskräften als Vermittlungsinstanz zwischen Organisation und Mitarbeitern theoretisch und empirisch untermauert.

Caroline Richter betritt mit der qualitativen Methode der Grounded Theory zwar kein methodologisches Neuland, sie wendet diese Methode aber sehr kompetent, kreativ und gewinnbringend in ihrer eigenen Studie an und entwickelt diese Methode dadurch weiter. Dies gilt sowohl für grundsätzliche methodologische Fragen wie auch in Bezug auf Fragen der praktischen Anwendung (z.B.: Anonymisierung von Sekundäranalysen und Arten der Transkription).

Die Forschungsergebnisse der Studie vermitteln einen sehr differenzierten Blick auf die komplexen Grundlagen und die Dynamik von Vertrauen im organisatorischen Kontext. Damit wird deutlich, dass die gerade in der populären Managementliteratur oft bekennerhaft formulierte Bedeutung von Vertrauen an etliche Voraussetzungen geknüpft ist. Diese naiv zu ignorieren oder das Thema Vertrauen instrumentell zu verkürzen tragen nicht dazu bei, die Herausforderungen moderner Organisationen erfolgreich zu bewältigen. In diesem Sinne ist die Studie auch ein Beitrag zur Immunisierung gegen Vereinfachungstendenzen. Dazu trägt auch die Integration der empirischen Ergebnisse in ein theoretisches Modell der Institutionalisierung von Vertrauen bei. Dieses erschließt Zusammenhänge, die für Konzepte der Organisationsentwicklung und der Führung gleichermaßen anregend sind.

Schließlich ist das Buch didaktisch sehr ansprechend gestaltet. Trotz einer komplexen Argumentation und einer theoretischen bzw. methodologischen Tiefe ist das Buch sehr gut lesbar, wenn man sich auf den spezifischen Forschungsansatz einlässt. Der rote Faden der Argumentation wird immer wieder herausgearbeitet und dem Leser dadurch eine sehr gute Orientierung gegeben. Unterstrichen wird dies auch durch einzelne Zwischenfazite in den Kapiteln.

Fazit

Das Buch von Caroline Richter ist eine spannende und erkenntnisreiche Studie zu einem zentralen soziologischen Thema. Verblüffend ist immer wieder der Reichtum an Erkenntnis, der vor dem Leser oder der Leserin ausgebreitet wird. Dabei gelingt es Caroline Richter virtuos, die einzelnen Fäden der Argumentation miteinander zu verknüpfen. So entsteht vor dem inneren Auge des Lesers oder der Leserin ein komplexes Bild zum Gegenstand Institutionalisierung von Vertrauen. Dieses dürfte nicht nur der Soziologie neue Anregungen geben, sondern auch den Führungstheorien und den Konzepten der Organisationsentwicklung. Man darf gespannt sein, welche Folgestudien noch entstehen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 12.01.2018 zu: Caroline Richter: Vertrauen innerhalb von Organisationen. Ein soziologisches Modell. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-4116-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23640.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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