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Thomas Kühn, Robert Troschitz (Hrsg.): Populärkultur. Perspektiven und Analysen

Cover Thomas Kühn, Robert Troschitz (Hrsg.): Populärkultur. Perspektiven und Analysen. transcript (Bielefeld) 2017. 200 Seiten. ISBN 978-3-8376-3999-5. 29,99 EUR.

Edition Kulturwissenschaft, Band 144.
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Thema und Überblick

Warum sollte sich Wissenschaft mit populärkulturellen Phänomenen wie Kinofilmen, Werbung oder Popmusik beschäftigen, und was vermag die Auseinandersetzung mit solchen Forschungsgegenständen zu leisten? Diesen Fragen geht der vorliegende Band nach, indem er neun Beiträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus unterschiedlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen versammelt. Dabei zeigt er nicht nur die große Bedeutung von Populärkultur auf, sondern fördert zugleich den Dialog zwischen Wissenschaft und einer breiten Öffentlichkeit.

Aufbau und Inhalt

In ihrem Eröffnungsbeitrag Populärkultur und Wissenschaft umkreisen die beiden Herausgeber Thomas Kühn und Robert Troschitz einige zentrale Aspekte des Sammelbandes. Essenz ihrer Bestandsaufnahme ist die Feststellung, die Etablierung von Populärkultur als Forschungsgegenstand sei während der zurückliegenden Jahrzehnte mit einer zunehmend unscharf gewordenen Trennlinie zwischen den beiden Bereichen „Hochkultur“ und „Populärkultur“ einher gegangen, weshalb sich die lange Zeit prägende Ansicht, die Populärkultur erscheine „als das Andere zur Hochkultur“ (S. 11), heute nicht mehr aufrecht erhalten lasse. Da Populärkultur inzwischen zu einem zentralen Ausdruck unserer Zeit sowie zu einem „Verhandlungsort von Werten und Bedeutungen“ (S. 12) geworden sei, biete die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr eine Chance, Wissenschaft selbst populär zu machen und damit auch die gesellschaftliche Relevanz von Geistes- und Sozialwissenschaften zu verdeutlichen.

Die ersten drei Beiträge des Bandes befassen sich mit den theoretischen Perspektiven der Problematik und widmen sich unter Einbeziehung unterschiedlicher theoretischer Ansätze dem Versuch einer näheren Bestimmung und Eingrenzung des Begriff „Populärkultur“:

  • In der Tradition der British Cultural Studies stehend, arbeitet John Storey in seinem Aufsatz Was ist Populärkultur? sechs Ansätze zum Verständnis von Populärkultur heraus und erläutert zugleich ihre Abhängigkeit von ideologischen Positionen: So lässt sich Populärkultur erstens schlichtweg als Kultur betrachten, „die sehr beliebt ist und von vielen Menschen gemocht wird“ (S. 24), sie kann zweitens im Sinn einer „minderwertigen Kultur“ eine „Restkategorie“ sein, der all jenes zugeordnet wird, was „die notwendigen Standards der Hochkultur“ (S. 25) verfehlt, oder sie kann drittens als eine auf Profitmaximierung und Konsumismus gerichtete „Massenkultur“ (S. 28) angesehen werden. Sie kann aber viertens auch als „die Kultur, die ihren Ursprung vom ‚Volk‘ nimmt“ (S. 30) oder fünftens als „Feld des Austauschs und der Verhandlung“ (S. 31) zwischen untergeordneten und dominanten Gruppen innerhalb einer Gesellschaft aufgefasst werden. Sechstens schließlich wird der Begriff „Populärkultur“ aus Sicht der Postmoderne gar als obsolet bewertet, weil die postmoderne Kultur ohnehin „die Unterscheidung zwischen Hoch- und Populärkultur nicht mehr anerkennt“ (S. 33).
  • In seinem Beitrag Populärkultur – Popular Culture knüpft Thomas Kühn an John Storeys Überlegungen an, differenziert sie jedoch, indem er die Bedeutungsverschiebungen in den Blick rückt, die zwischen den Begriffen „Populärkultur“ und „Popular Culture“ aufgrund ihrer Verknüpfung mit den unterschiedlichen semantischen Feldern von englischer und deutscher Sprache bestehen. Hiervon ausgehend sensibilisiert er für den Umstand, dass sich folglich auch die jeweilige kulturelle Einbettung der Begriffe und die daraus erwachsenden akademischen Diskurse samt dem hierin verwendeten Vokabular stark voneinander unterscheiden.
  • Dominik Schrage wiederum nimmt in seinem Aufsatz Zwischen Kulturindustrie und Subkultur eine dezidiert soziologische Sichtweise ein, indem er die Beziehung des Populären zum Phänomen der „Massenkultur“ als jener „flächendeckend [sich] etablierende[n] Kultur der hochmodernen Gesellschaft“ herausarbeit, die durch „ökonomische Verwendungsinteressen“, durch „ein großes, kulturell und sozial heterogenes Publikum“ sowie durch Verwendung „technischer Reproduktions-, Speicher und Verbreitungsmittel (Massenmedien)“ (S. 63) charakterisiert ist. Dabei stellt er mit Blick auf den Kontrastbegriff der „Hochkultur“ heraus, dass es sich bei der Massenkultur um „ein eigenes Orientierungsgefüge“ handelt, „das gerade nicht auf gegebenen, tradierten und deshalb unverfügbaren Stilen oder Gewohnheiten basiert“ und sich auch nicht an der „Angemessenheit von Inhalt und Form“ orientiert, sondern das demgegenüber „an der Normalität des Gebrauchs“ interessiert ist, die „aktuelle[n] Nutzungen und Akzeptanzen eines großen Publikums“ repräsentiert und daher auch „kein ‚inhaltliches‘ Urteil über Kulturgüter“ (S. 70) fällt.

Die sechs Textbeiträge des zweiten Teils vertiefen dieses theoretische Fundament durch analytische Betrachtungen zu unterschiedlichen Phänomenen. Auswahl und methodische Ansätze exemplifizieren, auf welche Weise sich die jeweils zu Wort kommenden Disziplinen mit Populärkultur auseinandersetzen und sie wissenschaftlich problematisieren lässt:

  • Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht diskutiert Olaf Sanders in seinem Aufsatz Bildung und populäre Kultur Möglichkeiten, das traditionelle Verständnis von Bildung als „Bildung zur (Hoch)kultur“ (S. 14) zugunsten einer Orientierung an popkulturellen Strömungen zu durchbrechen.
  • Im Beitrag Populärkultur und Politik verweist Mark Arenhövel auf die „Transformation der Demokratie im Kontext popkultureller Allgegenwart“ (S. 98), die mittlerweile zu einer starken Durchdringung beider Felder geführt hat. Dies hat erhebliche Folgen für die Formen der politischen Kommunikation, da es einerseits zur „Trivialisierung der Politik“ (S. 14) führen kann, andererseits aber auch die Chance birgt, im politischen Diskurs auf neue Wirklichkeitserfahren und -deutungen zurückzugreifen.
  • Eine Kulturgeschichte des misogynen Stereotyps ‚Dumb Blonde‘ zeichnet Ralf Junkerjürgen in seinem gleichnamigen Text, indem er die Entwicklung dieser populärkulturellen Figur von einer vormaligen „Signatur des Idealen“ (S. 122) über die Etablierung der ‚Dumb Blonde‘ im Hollywood-Kino bis hin zu Strategien der Unterwanderung des Stereotyps durch (Selbst-)Ironie betrachtet.
  • Birgitte Georgi-Findlay untersucht im Aufsatz Populärkultur als Verhandlungsort das Genre des amerikanischen Westernfilms auf die darin enthaltenen Geschichts- und Gesellschaftsentwürfe und beschreibt die entsprechenden filmischen Diskurse als „popkulturelle Verhandlungsinstanzen“ (S. 153), die sensibel auf historische Wandlungen reagieren.
  • Der Beitrag Krieg, Kommerz und Kreml-Konzerte von Marina Scharlaj wiederum analysiert die Strategien der „ritualisierte[n] mediekulturelle[n] Praxis“ (S. 158), mit denen die gegenwärtige russische Regierung „eine positiv konnotierte, populäre wie populistische, militärisch dominierte Erinnerungskultur“ (S. 15) samt dazugehöriger Geschichtsdeutung heraufbeschwört.
  • Im Aufsatz Der Star als Plattform wenden sich Yasuko Nunokawa und Joachim Scharloth schließlich dem Medienwandel innerhalb der Populärkultur zu, indem sie die Geschichte des Cyber-Stars Hatsune Miku und damit die Verlagerung des Starkults auf eine digital erzeugte Figur betrachten.

Diskussion

Anhand methodologisch teils stark differierender Ansätze gibt der Sammelband Einblicke in die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Phänomenen der Populärkultur. Dabei verweisen gerade die drei einleitenden Beiträge mit ihren differenzierten Ausführungen zur Begriffsgeschichte darauf, wie kompliziert die genauere inhaltliche Bestimmung des Terminus „Populärkultur“ in der Praxis ist und wie stark sie zudem von der Semantik des Mediums Sprache – insbesondere in den unterschiedlichen kulturgeschichtlichen, akademischen und ideologischen Diskursen des englisch- und deutschsprachigen Raums – beeinflusst ist. Die Autoren machen damit auf ein Grundproblem aufmerksam, das jede Art der Auseinandersetzung mit Populärkultur berücksichtigen muss. Die in den übrigen sechs Aufsätzen präsentierten Beispiele stehen stellvertretend für unterschiedliche populärkulturelle Phänomene und zeigen Möglichkeiten und Methoden der Auseinandersetzung mit ihnen auf. Hier wird einerseits sichtbar, wie stark gegenwärtig einzelne Bereiche des öffentliches Leben – beispielsweise Bildung und Politik – von popkulturellen Einflüssen durchdrungen oder ihnen zumindest dauerhaft ausgesetzt sind, wodurch die alleinige Orientierung an den Werten eines von der „Hochkultur“ abgeleiteten Bildungskanons mehr als fragwürdig geworden ist. Andererseits illustrieren die Texte aber auch, wie die sorgfältige Durchleuchtung historischer und gesellschaftlicher Kontexte von popkulturellen Produkten zu einer kritisch geschärften Lesart von Populärkultur führen oder im besten Falle als Hilfsmittel zur Aufdeckung von ideologischem Gedankengut genutzt werden kann.

Fazit

Der Sammelband erweist sich als starkes Plädoyer für die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit Populärkultur im Rahmen der kultur-, sozial- und bildungswissenschaftlichen Forschung und kann als Einführung in die gesamte Problematik dienen. Als solche sensibilisiert er dafür, wie wichtig eine auch ideengeschichtlich adäquate Annäherung an popkulturelle Phänomene ist und welche fruchtbaren Ergebnisse sich durch adäquate – das heißt dem jeweiligen Gegenstand angemessene – Anwendung analytischer Blickwinkel erzielen lassen. Insofern bietet die Veröffentlichung eine Fülle von Anregungen, die sich auch auf andere Beispiele übertragen lassen.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Drees
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Zitiervorschlag
Stefan Drees. Rezension vom 28.02.2018 zu: Thomas Kühn, Robert Troschitz (Hrsg.): Populärkultur. Perspektiven und Analysen. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3999-5. Edition Kulturwissenschaft, Band 144. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23641.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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