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Noam Chomsky: Requiem für den amerikanischen Traum

Cover Noam Chomsky: Requiem für den amerikanischen Traum. Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2017. 200 Seiten. ISBN 978-3-95614-201-7. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Der amerikanische Traum, dass jede/r es mit Fleiß und harter Arbeit zu etwas bringen kann, wird hier destruiert. Aber auch wer von den USA als dem Musterland der Demokratie träumt, wird vom Autor daraus aufgestört.

Autor

Noam Chomsky braucht man den mit Sprache befassten oder politisch interessierten Zeitgenossen kaum vorzustellen. Der Sprachwissenschaftler hat mit seiner Theorie der generativen Grammatik für seine Disziplin ein neues Paradigma gesetzt. Aber Chomsky ist nicht nur extrem produktiv in seinem Fach gewesen, sondern hat sich seit dem Vietnam-Krieg immer wieder kritisch in die Politik eingemischt. Er „gilt als der einflussreichste Intellektuelle der Vereinigten Staaten“ (Klappentext).

Inhalt

„Zehn Strategien der Manipulation“, der Titel einer Schrift, mit der Chomsky vor Jahren in Verbindung gebracht wurde, würde für das vorliegende Buch auch passen. Er legt hier mit ironischer Wendung zehn Prinzipien offen, nach denen die Herrschenden ihren Reichtum und ihre Macht absichern. In jedem Kapitel führt er zunächst aus, wie dem jeweiligen Prinzip Rechnung getragen wird. Danach belegt er seine Ausführungen mit entsprechend affirmativen oder auch kritischen Texten.

  • Die zehn „Prinzipien“ oder Strategien lauten:
  • Demokratie einschränken!
  • Ideologie bestimmen!
  • Wirtschaft umgestalten!
  • Andere die Last tragen lassen!
  • Solidarität bekämpfen!
  • Regulierungsbehörden regulieren!
  • Wahlen manipulieren!
  • Den Pöbel im Zaum halten!
  • Zustimmung konstruieren!
  • Die Bevölkerung an den Rand drängen!

Die Formulierungen sind vermutlich zum Teil bewusst so gewählt, dass sie irritieren, zum Beispiel „Wirtschaft umgestalten“. Chomsky nimmt dort die Finanzierung der Wirtschaft und die Offshore-Praktiken der Konzerne aufs Korn. Unter „Regulierungsbehörden regulieren“ werden die staatlichen Rettungsaktionen für insolvente Unternehmen angeprangert. Seit vor allem Finanzinstitute heute kaum noch ein Risiko tragen, haben wir für Chomsky „keine kapitalistische Wirtschaft“ mehr (104). Die Vergesellschaftung externer Kosten vervollständigt die Privilegierung der Unternehmen. Im letzten Kapitel „Die Bevölkerung an den Rand drängen“ macht Chomsky auf den Rechtstrend unter der Bevölkerung aufmerksam, die sich von den Eliten hintergangen fühlt.

Insgesamt werden alle Prinzipien neoliberaler Politik mit ihren Folgen kritisch beleuchtet wie die Privatisierung mit der Einschränkung staatlicher Leistungen für die breite Mehrheit oder Steuererleichterungen für Vermögende. Die letzten vier Kapitel zielen speziell auf den Demokratieabbau in den USA. Aber manches wird auch dem deutschen Leser oder der Leserin bekannt vorkommen, zum Beispiel die Drehtür zwischen Wirtschaft und Politik, oder dass die Bürger*innen mit nebensächlichen Themen in Atem gehalten werden und oder dass Wörter wie „Klasse“ oder gar „Klassenkampf“ zu dirty words geworden sind.

Am Schluss drückt Chomsky sein Entsetzen über die Ignoranz gegenüber der Umweltkatastrophe aus, die eigentlich Weltkatastrophe genannt werden müsste. „Zum ersten Mal in der Geschichte geht es darum, ob unsere Gattung überleben wird“ (166).

Diskussion und Fazit

Noam Chomsky ist ein Radikaldemokrat, und zwar ein unbestechlicher, der seine Aufgabe darin sieht, die Missstände und die Verlogenheit der eigenen Gesellschaft aufzudecken. Er ließ sich nie außenpolitisch instrumentalisieren, was ihn für das Establishment besonders verdächtig macht. Was er in dieser Streitschrift an Strategien der Reichen und Mächtigen erhellt, wird Lesern, die das politische Geschehen wachsam verfolgen, nicht ganz neu sein, wenn man von einigen fast unvorstellbaren Zuständen in den USA absieht. Aber von einem Intellektuellen wie Chomsky den ganzen Wahnsinn in diesem System bestätigt zu bekommen, kann auch zum Lesevergnügen werden. Außerdem mag die Schrift im politischen Disput eine Argumentationshilfe bieten. Lesenswert sind auch die Quellen, die der Autor beigefügt hat. Dass auch jemand wie Chomsky irren kann, sei am Schluss angemerkt, so wenn er Deutschland im Gegensatz zu den USA „mit einem ziemlich erfolgreichen Bildungssystem“ ausgestattet wähnt (93).


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 20.12.2017 zu: Noam Chomsky: Requiem für den amerikanischen Traum. Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2017. ISBN 978-3-95614-201-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23647.php, Datum des Zugriffs 21.01.2018.


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