socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie?

Cover Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie? Politische Philosophie im Spiegel ihrer Zeit. UTB (Stuttgart) 2017. 401 Seiten. ISBN 978-3-8252-4867-3. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.

UTB, Band Nr. 4867.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autor

Hubertus Niedermaier ist Soziologe. Er wurde 2005 an der Ludwig-Maximilians-Universität, München, promoviert und arbeitet heute als Footprint Manager in der Industrie. Weitere Informationen zu Autor und Werk werden nicht gemacht.

Bauplan des Buches

Vor uns liegt eine politische Philosophie der Demokratie von deren Anfängen im antiken Athen und Rom bis in die Gegenwart. 2500 Jahre ziehen an uns vorüber, eine Galerie prominenter, bis heute unvergessener Denker, von Sokrates, Platon und Cicero bis zu Habermas, Luhmann und Ulrich Beck. Immer wird ein demokratietheoretischer Schlüsselgedanke dieser intellektuellen Koryphäen in die historischen Geschehnisse ihrer Zeit eingebettet und aus diesem Kontext verständlich gemacht. Ciceros Verteidigung der Republik (De re publica) wäre ohne die Zeitgenossenschaft mit Caesar und Augustus schwerlich denkbar. Dieses Muster durchzieht das ganze Buch. Am Ende wird eine Verbindung des atomaren GAU im sowjetischen Tschernobyl mit Ulrich Becks Buch „Risikogesellschaft“ hergestellt: Das Buch erscheint zeitgleich mit der Katastrophe, 1986. In diesem Zusammenhang liest sich das Buch tatsächlich wie eine theoretische Rahmung des Reaktorunfalls. Aber sollen wir deshalb an einen „Weltgeist“ glauben, der hinter unseren Rücken und über unseren Köpfen die Fäden in der Hand hält?

Kerngedanke

Gleich im ersten Kapitel kommt in Gestalt von Sokrates die öffentliche Rede als Lebenselixier der Demokratie zur Sprache. Die Weisheit des Fragens wird über die Klugheit des Antwortens gestellt und damit eine bis heute gültige Aussage zur demokratischen Mentalität gemacht.

Überraschungen

Während die Beiträge von John Locke und Jean-Jacques Rousseau für die Entwicklung von Republik und Demokratie auf der Hand liegen, ist es bei anderen Denkern überraschend, dass sie in dem Buch auftauchen, Niccoló Machiavelli und Thomas Hobbes zum Beispiel.

Der Autor Niedermaier versteht es glänzend, die Demokratie als „öffentliches Machtgerangel“ (S. 113) sowohl mit dem „Machiavellismus“ zusammenzubringen als auch von ihm abzugrenzen. Wir lernen Machiavelli als Zeitgenossen Luthers, Gutenbergs, Columbus' und der militärischen Nutzung des Schwarzpulvers kennen.

Im Zuge dieser Gestalten und Erfindungen löst ein neues Zeitalter das Mittelalter ab. Mit gewaltigen Veränderungen. Ein Zeitalter der Kanonen, des Buchdrucks, der Reformation, der Entdeckungen. Die nun anhebende Neuzeit war nicht mehr von religiöser Schicksalsergebenheit geprägt, sondern von Menschen, die danach strebten, die Grenzen des Möglichen herauszufinden. Nicht mehr Papst und Kirche sollten fortan die Regeln des Zusammenlebens vorgeben, sondern Völker und Tatendurstige nahmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Wer Machiavellis Schrift „Der Fürst“ aus dem Geist dieser Zeit versteht, wird sie nicht länger als exklusiven Ratgeber für tyrannische Herrscher lesen können.

Bei Niedermaier ist Thomas Hobbes nicht allein der Vordenker des Absolutismus, als der er gemeinhin gesehen wird, sondern ebenso sehr der Vordenker demokratischer Rechtsstaatlichkeit. Den Einzelnen und sein Recht auf Schutz und Wohlergehen in den Mittelpunkt zu rücken und den leviathanischen Staat in den Dienst dieser Aufgaben zu stellen, das war für das 17. Jahrhundert revolutionär. Hobbes war Zeitgenosse des 7jährigen englischen Bürgerkrieges und des 30jährigen Krieges in Mitteleuropa. Der Einfluss dieser Ereignisse auf sein Denken wird behauptet, ohne es ausführlich zu exemplifizieren.

Paarläufe

Besonders interessant sind die Paar-Konstellationen einiger Kapitel. So verstrickt der Verfasser Karl Marx und John Stuart Mill in einen Disput über den Begriff der Freiheit, geführt an zwei 1859 erschienen Schriften, „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ einerseits, und „On Liberty“ andererseits. Dabei zieht der Liberale Mill den Kürzeren. Mill ist ein geistiger Schnorchler, Marx ein radikaler Tieftaucher.

Gut 40 Jahre später, Anfang 1900, da in Russland Wladimir Iljitsch Uljanow sich zum Berufsrevolutionär Lenin entwickelte, studierte in Deutschland Max Weber das Werk von Karl Marx – und misstraute der marxschen Gesellschaftsdiagnose, aus der Lenin die praktischen Konsequenzen für den Umsturz in Russland zog. Lenin strebte eine „Diktatur des Proletariats“ an, die auch „Volksdemokratie“ genannt wurde, während Weber ein Instrumentarium entwickelte, um politische Tatsachen – Macht und Herrschaft, Legalität und Legitimität etc. – auf hohem Abstraktionsgrad analysieren zu können. Mit Weber lässt sich Demokratie als Herrschaft des Rechtsstaates, aber auch als Herrschaft der Skepsis vor dem Volk profilieren. Der Gegensatz zur Volksdemokratie wird offenkundig.

In einem weiteren Kapitel werden die sozialphilosophischen Antipoden der Gegenwart, Jürgen Habermas und Niklas Luhmann ins Feld geführt. Beide sind vom Jahrgang her Angehörige der „Flakhelfer-Generation“ und Nutznießer des „Wirtschaftswunders“ in Deutschland. Doch inwieweit diese Generationslagerung ihren Blick auf die Demokratie geprägt hat, bleibt unbeantwortet. Habermas' moralische Auffassung einer lebensweltlichen und kapitalistisch eingeschränkten Demokratie steht Luhmanns technokratische Auffassung gegenüber, wonach Demokratie ein Verfahren unter vielen ist, um das politische System mit Legitimation zu versorgen.

Dreierkonstellation

In einem Kapitel des Buches werden Carl Schmitt, Theodor W. Adorno und Talcott Parsons miteinander „kombiniert“; aber ein Vierter tritt ins Zentrum des Interesses: Adolf Hitler. Sein von Schmitt geistig flankierter Aufstieg aus einer „Republik ohne Republikaner und Demokratie ohne Demokraten“, wie „Weimar“ genannt wurde, und seine barbarische Hinterlassenschaft 1945 harren der Deutung. Für Adorno liegt der Faschismus nicht allein in der Logik des Kapitalismus, sondern auch in der „Dialektik der Aufklärung“, während Parsons sich in eine „Container-Theorie der Gesellschaft“ flüchtet, die sich an der Aufklärung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen nicht beteiligt. Auf der Strecke bleibt die Wertschätzung der Demokratie, die den Nachweis ihrer angeblichen Stärke, Vielfalt und Unterschiede produktiv zu verkraften, in Weimar schuldig geblieben ist.

Wächst, wo Gefahr ist, das Rettende auch?

Wenn Menschen ihr Zusammenleben selbst, frei und gleichberechtigt gestalten sollen, führt an der Demokratie kein Weg vorbei.

Der aktuelle Zustand unserer Demokratien ist freilich defizitär: „Wir leben als Konsumenten selbstbestimmter denn als Bürger. Im Supermarkt dürfen wir die Inhalte selbst zusammenstellen und nehmen darüber sogar Einfluss auf das zukünftige Angebot. Bei der Wahl bekommt man einige wenige bereits gefüllt Einkaufswagen angeboten, in denen oftmals etwas anderes drin ist als versprochen und sich Unerfreuliches zuweilen ganz unten verbirgt.“ (S. 388 f)

Das digitalisierte Internet unserer Tage bietet allerdings nie dagewesene Voraussetzungen für einen „herrschaftsfreien Diskurs“ im Sinne Habermas' und eine universale Demokratisierung. Jeder kann weltweit über alles öffentlich diskutieren. Jedoch sind die Rezeptionskapazitäten des Menschen nach wie vor beschränkt und hinken weit hinter den neuen Emissionskapazitäten hinterher. Auch scheint vielen der Verständigungswille zu fehlen. Hass und Schadenfreude gehen vor. Viele streben keine Aushandlung widerstrebender Positionen und schon gar keine Konsensfindung an. – „Für eine Demokratie, die auf Diskussion und Vermittlung unterschiedlicher Positionen beruht, ist das eine beunruhigende Botschaft.“ (S. 378)

Fazit

Ist der Mensch aus zu krummem Holz geschnitzt, um für die Demokratie zu taugen? Oder dürfen wir uns mit dem beruhigen, was bereits 450 v.Chr. gegolten hat und 2018 n.Chr. noch immer gilt, hier frei nach Thomas Meyer formuliert: Demokratie ist stets ein Vorgriff auf die Vollendung ihres eigenen Anspruchs? – Fragen bleiben. Sokrates hätte diese Frag-Würdigkeit gefallen. Aber leider sind nur wenige Menschen Sokratiker. Und Demokratie ist und bleibt Mehrheitsherrschaft.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
E-Mail Mailformular


Alle 82 Rezensionen von Klaus Hansen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 28.03.2018 zu: Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie? Politische Philosophie im Spiegel ihrer Zeit. UTB (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-8252-4867-3. UTB, Band Nr. 4867. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23649.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Referent/in Studienorganisation, Mühldorf a. Inn

stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!