Johannes Lindenmeyer: [...] Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit
Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 15.03.2005
Johannes Lindenmeyer:Lieber schlau als blau. Entstehung und Behandlung von Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 7., überarbeitete und erweiterte Auflage. 260 Seiten. ISBN 978-3-621-27562-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,50 sFr.
Mit CD-ROM.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-621-27695-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Zur Zielgruppe
Dieses nun in der 7., erweiterten Auflage erschienene Buch des Klinikdirektors Johannes Lindenmeyer wendet sich sowohl an alkoholabhängige Menschen selbst, als auch an Angehörige und Helfer und leistet mit gut verständlicher, ansprechend gestalteter Aufklärung über Abhängigkeitserkrankungen einen wichtigen Beitrag im Prozess der Auseinandersetzung mit einer Alkoholabhängigkeit. Es lässt sich als Begleitlektüre bei einer Entwöhnungsbehandlung, in Beratungsstellen und in Selbsthilfegruppen sehr gut einsetzen; einzelne Kapitel des Buches sind meiner Meinung nach wegen ihrer anschaulichen, fachlich sehr fundierten und aktuellen Darstellung aber auch in anderen Bildungskontexten (z.B. in Schulen und Volkshochschulen) sehr gut verwendbar.
Zum Aufbau und Inhalt
In der neuen Auflage wird das Buch erstmals durch eine CD-ROM ergänzt, in der drei sehr ansprechend animierte, jedoch für mein Empfinden etwas zu langsam gesprochene, inhaltlich aber interessante Vorträge des Autors zu den im Buch behandelten Themen enthalten sind. Auf der CD-ROM und im Anhang des Buches finden sich zahlreiche Fragebögen, die jeweils nach der Lektüre eines Kapitels von Betroffenen ausgefüllt werden sollen. Die Einleitungen zu den Fragebögen greifen noch einmal wichtige Aspekte der Kapitel auf und ermutigen dann zum Transfer auf die eigene Lebenssituation.
Das Buch selbst beginnt empathisch mit typischen Schwierigkeiten, mit denen Patienten in Entwöhnungsbehandlungen besonders in der ersten Zeit der Therapie zu kämpfen haben und spannt dann einen weiten Bogen, der zunächst mit den gesellschaftlichen Bedingungen des Trinkens und einem sehr interessanten Abriss zur Geschichte des Alkohols und seiner gesellschaftlichen Bedeutung beginnt. Das gesamte Buch ist sehr kreativ animiert, Cartoons begleiten den Text, und die Inhalte werden immer wieder durch Metaphern und Sinnbilder nahe gebracht. So wird z.B. die Entwicklung einer Abhängigkeit mit dem Untergang der Titanic verglichen, die auf einen Eisberg auflief, der sich zum großen Teil nicht sichtbar unter der Wasseroberfläche befand. Die Kapitel 3 und 4 widmen sich den körperlichen Vorgängen beim Trinken von Alkohol und den daraus resultierenden Folgeerkrankungen. Als besonders gelungen hervorheben möchte ich hierbei die Darstellung der Zweiphasenwirkung des Alkohols mit seiner angenehmen Hauptwirkung und einer langanhaltenden, bei einer Abhängigkeitsentwicklung noch verstärkten unerwünschten Nachwirkung. Im fünften Kapitel wird die Entwicklung einer Abhängigkeit erläutert. Auch hier wird ein sehr interessanter Vergleich eingeführt, der später mehrfach aufgegriffen wird: Dargestellt wird eine Eisenbahn, die so oft eine Abkürzung durch ein Tunnelgleis mit der Aufschrift "angenehmes Gefühl" wählt, bis schließlich die Hauptstrecke weniger und weniger vertraut wird und schließlich gar nicht mehr sichtbar ist. Nach einem Kapitel über Parallelen und Unterschiede zwischen Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit wird im 7. Kapitel das Eisenbahnmodell wieder aufgegriffen, um darzulegen, wie der Abkürzungstunnel zugemauert werden kann und welcher Anstrengungen es bedarf, die Weiche wieder zu finden und das inzwischen ganz zugewucherte Alternativgleis wieder befahrbar zu machen. In den folgenden beiden Kapiteln werden mit Hilfe der eingeführten Modelle Aspekte von persönlichen Trinkmotiven, Erwartungshaltungen und Abwehrmechanismen weiter vertieft, hierbei wird auch der Führerscheinverlust thematisiert. Je ein Kapitel widmet sich nun dem oft tabuisierten Thema Alkohol und Sexualität und dem Umgang mit Schmerzen. Natürlich fehlen auch zeitgemäße Ausführungen zur Rückfallprävention nicht. Ein eigenes Kapitel ist weiterhin der Nikotinabhängigkeit gewidmet. Ergänzt wurde die neue Auflage nun noch durch ein Kapitel, das sich mit Alkohol, Familie und Partnerschaft befasst, wobei hier besonders betont wird, dass Partner und Angehörige in der Regel keine Schuld an einer Suchtentwicklung trifft.
Kritische Würdigung
Man merkt, dass der Autor über jahrelange Erfahrungen mit alkoholabhängigen Menschen verfügt und ganz im Thema steht. Er stellt die Ergebnisse moderner Suchtforschung ansprechend, kreativ und getragen von einer nicht wertenden, verhaltenstherapeutisch geprägten und lösungsorientierten Grundhaltung dar. Das Buch ist für Betroffene gut verständlich geschrieben. Auch Therapeuten finden an einigen Stellen sicherlich interessante, neue Details, wie z.B. die Antwort auf die Frage, woher eigentlich der Begriff "blau machen" kommt.
Lediglich einen Kritikpunkt möchte ich anfügen: Bei der Darstellung der möglichen Schäden durch Alkohol in der Schwangerschaft hätte das Buch durchaus noch ausführlicher werden können, insbesondere halte ich den Satz "besonders kritisch: das letzte Schwangerschaftsdrittel." in dieser Kürze für irreführend, da fatalerweise Alkohol schon im ersten Trimenon, wo die Schwangerschaft manchen alkoholkranken Frauen vielleicht noch gar nicht sicher bekannt ist, und insbesondere auch im 2. Trimenon, wo maßgebliche Gehirnentwicklungschritte stattfinden, erhebliche Schäden verursachen kann. Ob man insgesamt das Thema "Alkohol und Elternschaft" im Buch noch mehr hätte aufgreifen sollen, ist vielleicht Ansichtssache, kein Buch kann alle Aspekte des Themas abdecken.
Fazit
Ich bin sehr beeindruckt von der kreativen Darstellung des Themas für Betroffene und Angehörige und halte das Buch für sehr empfehlenswert. Auch mir hat die Lektüre Spaß gemacht.
Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Website
Mailformular
Es gibt 150 Rezensionen von Annemarie Jost.




