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Winfried Böhm, Sabine Seichter: Wörterbuch der Pädagogik

Cover Winfried Böhm, Sabine Seichter: Wörterbuch der Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2017. 17., aktualisierte und vollständig überarbeitete Auflage. 522 Seiten. ISBN 978-3-8252-8716-0. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Bereits 2005 – damals noch im Kröner-Verlag – hält Winfried Böhm im Vorwort der 16. Auflage des Wörterbuchs der Pädagogik fest, dass ein Buch mit einer so hohen Anzahl an Auflagen und einer zu diesem Zeitpunkt 75jährigen Geschichte „wohl mit Fug und Recht als ein Standardwerk der Disziplin bezeichnet werden“ (Böhm 2005: Vorwort) kann. Ebenfalls im Vorwort von 2005 macht Böhm darauf aufmerksam, dass die Leserin anhand des Vergleichs der aufgeführten Stichwörter und ihrer Ausgestaltung die Geschichte der Pädagogik in ihrer Entwicklung nachvollziehen könne. Dieser Vergleich wird in diesem Text nur für wenige Einträge geschehen, soll aber nicht vernachlässigt werden. Mit Verweisen auf den Begründer des Wörterbuchs Wilhelm Hehlmann 1931, einen Kommentar des Wörterbuchs durch Wilhelm Flitner im Jahr 1982 sowie Friedrich Schleiermacher wird 2005 der Diskussionsraum umrissen, in den das „Wörterbuch der Pädagogik“ zu dieser Zeit eingeordnet wurde. Als umfassendes, alle Themenbereiche und Handlungsfelder der Pädagogik sowohl systematisch als auch historisch umreißendes Medium hatte das „Wörterbuch der Pädagogik“ schon immer einen hohen Anspruch.

Und diesen Anspruch hat das Wörterbuch auch 12 Jahre später im Jahr 2017. Der Wechsel vom Kröner-Verlag zum Schöningh-Verlag und die Aufnahme in das UTB-Programm haben dem Wörterbuch einen neuen, modernen Look verpasst. Das Erscheinungsbild hat sich verändert, das Buch ist nun großformatiger – wobei die Seitenränder vergrößert wurden und das Cover – ein Holzschnitt von Rodericus Zamorensis, Spiegel des menschlichen Lebens, Grammatikunterricht – nun farbig abgebildet wird. Auch im Vorwort der 17. Auflage – gemeinsam verfasst von Winfried Böhm und Sabine Seichter – wird das Wörterbuch in seiner Entwicklungsgeschichte hin zum Standardwerk des Faches dargestellt. Hingewiesen wird auf die „im weiten Sinne geistes- und kulturwissenschaftliche Profilierung“ (Böhm/Seichter 2017: 5) durch die neue Mitautorin (die wohlgemerkt auch schon an der Ausgabe von 2005 beteiligt war). Ebenfalls wird im Vorwort zur Auflage von 2017 darauf hingewiesen, dass die Lemmata „nicht nur den aktuellen Stand der erziehungswissenschaftlichen Forschung und ihre Konsequenzen für die pädagogische Praxis aufzeigen [wollen, S.E.], sondern [..] ausdrücklich auch [beabsichtigen, S.E.], das historische Gedächtnis der Disziplin wachzuhalten.“ (Böhm/Seichter 2017: 5) Mit dieser Aussage ist das „Thema“ des Wörterbuchs ausformuliert: Es soll als Wegweiser, als Erinnerungsstütze und als Integrationsmotor dienen, der sowohl den Stand der wissenschaftlichen Diskussion als auch aktuelle Entwicklungen in der Praxis widerspiegelt. Hierbei können die AutorInnen des Bandes auf einen reichen Erfahrungs- und Wissensschatz zurückgreifen.

Herausgeber und Herausgeberin

Winfried Böhm war von 1974 -2005 Ordinarius an der Universität Würzburg. Zudem war und ist er international aktiv. Bekannt ist er unter anderem für seine Geschichte der Pädagogik, die bei einem großen Online-Versandhandel hoch bewertet wird. Zahlreiche Veröffentlichungen rund um seine „personalistische Pädagogik“ sind national und international anerkannt.

Sabine Seichter ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Theoretische und methodologische Grundlagen der Erziehungswissenschaft“ an der Universität Salzburg. Neben zahlreichen weiteren Publikationen ist sie Herausgeberin der Lehrbuchreihe „Grundstudium Erziehungswissenschaft“ und Mitautorin des Lehrbuchs „Projekt Erziehung“.

Diskussion

Nach dieser einführenden Rahmung werde ich nun drei ausgewählte Lemmata der Auflagen von 2005 und 2017 miteinander vergleichen – eine tiefer gehende Analyse der unterschiedlichen Auflagen des Wörterbuchs in seiner Geschichte wäre eine lohnenswerte Aufgabe, muss aber in einem anderen Zusammenhang erfolgen. Für den Vergleich habe ich drei Lemmata ausgewählt, die ich in meiner eigenen Nutzung des Wörterbuchs in den letzten Wochen immer wieder angesteuert habe: „Landerziehungsheime“, „Lernen“ und „Reeducation“. Schließlich werde ich noch auf eine (der positionsabhängigen) Leerstelle im Handbuch hinweisen: den „Post- und Transhumanismus“.

Der Eintrag zu „Landerziehungsheimen“ von 2017 unterscheidet sich in seinem Korpus bis auf kleinere Änderungen nicht von dem Eintrag von 2005. Erwähnenswert – und der aktuellen Diskussion in diesem Themenfeld entsprechend – ist die Ergänzung eines eigenständigen Absatzes zu den Fällen sexuellen Missbrauchs in der Odenwaldschule und zu den organisationalen Veränderungen in der „Vereinigung deutscher Landerziehungsheime“ sowie deren Rekonstitution unter dem Namen „Die Internate Vereinigung“. Hingewiesen wird auch auf die aktuelle Bearbeitung des Themas Sexueller Missbrauch in ebendieser Vereinigung. Die Literaturangaben wurden aktualisiert und um die maßgeblichen Texte der wissenschaftlichen Diskussion ergänzt. Die spannende Einzelfallstudie zur Pädagogin Minna Specht, die von Inge Hansen-Schaberg bereits 1992 verfasst wurde, ist nicht mehr aufgeführt. Dafür ist der aktuellere zentrale Text von Hansen-Schaberg erwähnt. Ein weiterer zentraler Text ist dafür nicht aufgeführt. Jens Brachmann hat Ende 2015 mit seiner Studie „Reformpädagogik zwischen Re-Education, Bildungsexpansion und Missbrauchsskandal“ eine Geschichte der Vereinigung deutscher Landerziehungsheime vorgelegt, die als institutionengeschichtliche Studie einen guten Zugang zu ebendieser Geschichte liefert, da sie als Ausprägung der Umgestaltungsprozesse in der Organisation „Die Internate Vereinigung“ verstanden werden kann. Nichtsdestotrotz bietet das Stichwort „Landerziehungsheime“ gerade mit seinen aktualisierten Verweisen Zugang zu den relevanten Texten, um selbst in das Thema einzusteigen. In Kombination mit bspw. einem Handbuchartikel lässt sich so sehr einfach ein großes Feld erschließen.

Lernen“ – wohl einer der zentralsten Begriffe der Pädagogik – ist natürlich ebenfalls als Eintrag im Wörterbuch verzeichnet. Und auch dieser Eintrag wurde im Vergleich der Auflagen von 2005 und 2017 ergänzt und aktualisiert. Ergänzend zu der bereits in der früheren Geschichte des abendländischen Denkens vorhandenen philosophischen Auffassungen zum Lernen bei Platon und Aristoteles und der Diskussion psychologischer Lerntheorien zum Wie des Lernvorgangs, werden nun auch biowissenschaftliche Ansätze kurz erwähnt und pädagogische Ansätze ausgeführt, die nach Inhalten und Gegenständen des Lernens fragen. Die pädagogischen Ansätze werden – im Vergleich zur Ausgabe von 2005 – weiter ausdifferenziert. So wird eine neue Dimension der Diskussion des Lernens abgebildet, die in vorherigen Auflagen nicht in diesem Artikel aufgeführt wurde. Besonders erwähnenswert ist die phänomenologische Lerntheorie, die im Moment Konjunktur zu haben scheint. Zudem erwähnt der Artikel die im Moment viel diskutierte Frage nach den Grenzen und Problemen des Lernens abseits von funktionalistischen Beschreibungen. Auf diese Art steht der aktualisierte Eintrag zu Lernen in Verbindung mit der Fachdiskussion in der Allgemeinen Pädagogik.

Reeducation – die Gesamtheit der Umerziehungspraktiken nach dem Zweiten Weltkrieg und die damit in Verbindung stehenden pädagogischen Versuche – wird ebenfalls in einem Eintrag behandelt. Dieser wurde im Vergleich zur Ausgabe von 2005 in seinem Inhalt nicht verändert und enthält nach wie vor den Verweis auf die Reorientation, die im Eintrag als geschichtlich aus der Reeducation entstandene Praxis beschrieben wird. Interessant sind besonders die aktualisierten Literaturangaben. Statt des grundlegenden Textes von Bungenstab von 1970 werden eine Studie zur Politischen Bildung von Hentges und ein Sammelband von Gerund und Paul angeführt. Beide Publikationen bieten im Vergleich zu den Literaturhinweisen von 2005 einen einfacheren und trotzdem zielführenden Zugang zur Thematik. Gerade die Arbeit von Hentges überzeugt durch die klare und nachvollziehbare Aufarbeitung des Forschungsstandes und enthält in einer Fußnote zusammengefasst zahlreiche relevante Arbeiten. Der Sammelband von Gerund und Paul kann (auch) stellvertretend für die eher in der Disziplin Geschichtswissenschaft geführte Diskussion um einzelne Praktiken der Reeducation gelesen werden. Hier werden zahlreiche Einzelstudien zusammengefasst; der einleitende Artikel von Gerund und Paul ermöglicht aber auch einen systematischen Zugang. Die im Wörterbuch angeführten Literaturverweise sind dementsprechend mehr als nachvollziehbar und ermöglichen eine vertiefte Recherche. Fraglich ist jedoch, ob mit dieser Engführung im Eintrag zu Reeducation nicht die aktuellen Begriffsverwendungen und das Auftauchen im Diskurs verschwiegen werden. Denn möglicherweise finden sich auch heute noch Praktiken, die als Umerziehung verstanden werden können. Eine systematische Bestimmung bleibt aus, wird aber beispielsweise bei Mehring im Band von Gerund und Paul versucht.

Aufgrund meiner eigenen Forschungsinteressen vermisse ich eine stichwortartige Auseinandersetzung mit „Post- und Transhumanismus“. Posthumanismus meint dabei – sehr holzschnittartig – theoretische Positionen, die sich von Mensch als Maß aller Dinge verabschieden. Transhumanismus meint die Gesamtheit an Überlegungen, die auf die Selbstüberschreitung des Menschen abzielen. Gerade in Verknüpfung mit der raschen Digitalisierung und zunehmenden Technisierung der Lebenswelt stellen diese theoretischen Richtungen für die Erziehungswissenschaft sowohl Bereicherung als auch Herausforderung dar, wie jüngst Wimmer festgehalten hat. Leistungssteigernde Medikamente würden beispielsweise aus der Perspektive einer transhumanistischen Pädagogik als „gut“ beurteilt werden und aus posthumanistischer Perspektive würde Objekten und Tieren eine andere Relevanz zugesprochen werden. Zwar werden einige dieser Aspekte im Wörterbuch unter dem Stichwort Postmoderne, postmoderne Pädagogik wieder aufgegriffen, eine direkte Reaktion auf die Herausforderungen durch die theoretischen Strömungen findet sich im „Wörterbuch der Pädagogik“ jedoch nicht

Fazit

Die Zielgruppe der Publikation wird von Böhm und Seichter in ihrem Vorwort klar bestimmt: „Das vorliegende Wörterbuch der Pädagogik ist sowohl für WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen, aber vor allem auch für Studierende der Disziplin Erziehungswissenschaft geschrieben, und zwar im Sinne eines theoretischen Wissens einerseits und einer praktischen Orientierung andererseits.“ (Böhm/Seichter 2017: 5) Für mich als forschend tätige Person ist das „Wörterbuch der Pädagogik“ auch in seiner aktualisierten Version ein großer Gewinn. Viele meiner Vorbereitungen für Seminare, Vorträge oder auch Publikationen werden durch das Wörterbuch mittlerweile unterstützt. Die bisher angesteuerten Lemmata haben mir bis jetzt immer genau die Informationen vermittelt, die ich für den Einstieg benötigt habe. Die Literaturhinweise helfen, die Lektüre zu vertiefen. Auch der eigentlichen Zielgruppe, Studierenden der Erziehungswissenschaft, habe ich das Wörterbuch schon des Öfteren empfehlen können. Die mit dem Wörterbuch als Hilfsmittel oder Wegweiser entstandenen Hausarbeiten und Präsentationen waren stets anschaulich und nachvollziehbar. Das Wörterbuch hilft als Werkzeug, die oftmals im Alltagswissen bereits bekannten Begriffe durch wissenschaftliches Wissen zu ergänzen und so das eigenen Professionswissen zu erweitern. Mit über 1500 Stichworten und einer umfassenden Literaturliste für das Studium der Pädagogik – teilweise korrespondierend zu den „Hauptwerken der Pädagogik“ von Böhm, Fuchs und Seichter – ist das „Wörterbuch der Pädagogik“ es eine Informationsquelle erster Ordnung. Da es auch als eBook verfügbar ist und von zahlreichen Institutionen aus zugänglich ist, eignet es sich besonders dann, wenn schnell wissenschaftlich gesichertes Wissen zu relevanten Themen der Erziehungswissenschaft gesucht wird.


Rezensent
Sebastian Engelmann
Universität Tübingen, Institut für Erziehungswissenschaft, Abteilung Allgemeine Pädagogik
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Zitiervorschlag
Sebastian Engelmann. Rezension vom 27.02.2018 zu: Winfried Böhm, Sabine Seichter: Wörterbuch der Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2017. 17., aktualisierte und vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-8716-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23650.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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