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Andreas Thiesen (Hrsg.): Flexible Sozialräume

Cover Andreas Thiesen (Hrsg.): Flexible Sozialräume. Der Fall im Feld der Frühen Hilfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 135 Seiten. ISBN 978-3-7799-3736-4. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Das Buch stellt theoretische Basis, methodische Anlage sowie Ergebnisse einer vier Jahre dauernden, Prozess-begleitenden Evaluation eines Modellprojekts des Caritasverbandes der Diözese Hildesheim im Bereich Frühe Hilfen vor. Sowohl das Praxisprojekt als auch die wissenschaftliche Begleitung orientierten sich dabei an dem Konzept der Sozialraumorientierung.

Autor

Prof. Dr. Andreas Thiesen lehrt an der Hochschule für Wirtschaft, Technik und Kultur (HWTK) in Leipzig in der Fakultät für Architektur und Sozialwissenschaften. Er ist Professor für Sozialarbeitswissenschaft mit Schwerpunkt Sozialer Raum, den er vor allem mit Methoden der qualitativen Sozialforschung (insbesondere Ethnographie) untersucht.

Entstehungshintergrund

Der Caritasverband der Diözese Hildesheim führte zwischen 2012 und 2017 ein regionales, multizentrisches Praxisprojekt im Bereich Frühe Hilfen durch, an dem sich vier weitere Caritasverbände aus Bremerhaven/Landkreis Cuxhaven, Bremen-Nord, Hannover und Braunschweig sowie teilweise auch der jeweils ansässige Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) beteiligten. Der Herausgeber und Autor leitete die wissenschaftliche Begleitung des Projektes, die auf einem ausgesprochen partizipativen Forschungsansatz beruhte.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Hauptkapitel „Theoretische Perspektiven“ wird der Begriff der Sozialraumorientierung einerseits aus der Sicht des aktuellen wissenschaftlichen Diskurses, andererseits auch aus der Sicht der praktischen Umsetzung erläutert.

Andreas Thiesen führt zunächst kurz in das Konzept der Sozialraumorientierung und die Kritik daran ein, um es anschließend zu erweitern bzw. zu modifizieren. Seine Kernthese lautet, dass es aufgrund der fortschreitenden Diversifizierung und Fragmentierung von Gesellschaft keine homogenen Sozialräume mehr geben kann, sondern viele Sozialräume parallel in einem Raum von den unterschiedlichsten Bewohner*innen aktiv konstruiert und genutzt werden. Darauf muss sich soziale Arbeit einstellen, will sie nicht den Bezug zu ihren KlientInnen verfehlen. Thiesen kritisiert auch die vorherrschende Hilfe- und Einzelfallorientierung in der Programmatik der Frühen Hilfen, die wenig Spielraum für Eigeninitiative und Beteiligung der anvisierten Zielgruppen sowie Eigenlogiken der „versorgten“ Sozialräume lässt und im Sinne eines „Frühwarnsystems“ eher kontrollierende Züge trägt. Als handlungsleitendes Modell für das wissenschaftlich begleitete Praxisvorhaben entwirft er das Konstrukt eines „flexiblen Sozialraums“, das es ermöglichen soll, ganz unterschiedlich ausgestaltete und von ganz unterschiedlichen Bewohner*innen belebte Sozialräume in ihrer Einzigartigkeit einzubeziehen und im Rahmen der Evaluation vergleichend zu untersuchen.

Angelika Kleideiter beschreibt als Gesamtkoordinatorin des Praxisprojektes verbandliche Hintergründe und Zielsetzungen des Projekts: Insbesondere Schwangerschaftsberatungsstellen und Kindertageseinrichtungen der Träger sollten sich lokal intensiver vernetzen und ihre Arbeit sozialräumlich ausrichten, um auf diese Weise vor allem Familien in Armutslagen und/oder mit Migrationshintergrund besser zu erreichen. Sie verweist dabei auf ein Positionspapier des Deutschen Caritasverbandes, in welchem Sozialraumorientierung als Haltung und Mittel zur Förderung einer gerechteren, solidarischen und inklusiven Gesellschaft postuliert wird. Auch sie sieht die (durch Förderlogiken induzierte) Einzelfallorientierung in den Frühen Hilfen als problematisch an, da sie durch die Fokussierung auf Defizite von Individuen präventive und sozialräumliche Ansätze, die auch eine Veränderung der Verhältnisse anstreben, geradezu konterkariere.

Das zweite Hauptkapitel „Empirische Perspektiven“ beginnt mit einer Vorstellung des Forschungsdesigns, das einen mehrstufigen, partizipativen und dialogischen Ansatz verfolgt, durch Andreas Thiesen. Bei der Auswertung wurde eine Triangulation verschiedener qualitativer und quantitativer Datenbestände angestrebt, um der Komplexität des Gegenstandes gerecht zu werden.

David Rüger stellt die Ergebnisse der Vorstudie mit Interviews der Projektverantwortlichen vor Ort vor und Andreas Thiesen referiert die vorwiegend quantitativen Ergebnisse der Zwischen- und Abschlussevaluation. Es wird deutlich, dass sich Sozialraumorientierung nicht „von oben“ verordnen lässt, sondern pragmatisch und mit einiger Mühsal verbunden vor Ort entwickelt werden muss. Obwohl die meisten Standorte in der Projektlaufzeit viele positive Erfahrungen mit dem Konzept sammeln konnten, gelingt es nur teilweise, dieses auch umzusetzen. Zu sehr sind die jeweiligen fachlichen Konzepte auf Angebote für spezifische Zielgruppen ausgerichtet, für die wichtige Netzwerkarbeit sind dagegen kaum Ressourcen vorhanden. Auch gelingt es am Ende nur etwa der Hälfte der Standorte, ihr Projekt zu verstetigen: ein hoher Aufwand im Verhältnis zu den Ergebnissen sowie eher weniger förderliche Rahmenbedingungen scheinen dafür ursächlich zu sein.

Kapitel drei „Methodische Perspektiven“ beinhaltet Exkurse zu einigen zentralen Themenbereichen des Gesamtprojektes:

  • David Rüger ermutigt zu einem Perspektivwechsel bei der Wahrnehmung von Personen aus „fremden“ Kulturkreisen und empfiehlt für die transkulturelle Kommunikation eine explizite Suche nach alltagsbezogenen Gemeinsamkeiten, nach „Schnittmengen …, die sie zu Bekannten werden lassen könnten“.
  • Robert Römer verweist auf Bedingungen für ein erfolgreiches multiprofessionelles Netzwerkmanagement und zeigt dabei die Ambivalenzen in Interessen und Handlungslogiken zwischen Organisationen und Netzwerk auf. Diese können zu Dilemmata für die entsandten Fachkräfte führen, zentral sei daher eine kompetente Moderation in unterschiedlichen Phasen und auf ganz unterschiedlichen Ebenen durch eine hochprofessionelle Netzwerkkoordination. Dann kann an gemeinsamen Zielen und einer Professions- und Disziplinen-übergreifenden Haltung gearbeitet werden.
  • Angelika Kleideiter greift dies auf und stellt die große Bedeutung von gemeinsamen, Einrichtungs-übergreifenden (jedoch trägerspezifischen) Fortbildungen heraus, um fachliche Spezialisierungen wieder zusammenzuführen. Auch nach Abschluss des Projekts soll das Thema Sozialraumorientierung mit Fachtagen/Arbeitstreffen, Fachberatung und einem speziellen Studienkurs lebendig gehalten werden.
  • Andrea Franke und Hanna Zwingmann schildern in ihrem Beitrag ihre ganz konkreten Erfahrungen am Projektstandort Hildesheim: Die Schwangerschaftsberatungsstelle wechselte vom Zentrum ins „Quartier“; es wurden niedrigschwellige Gruppenangebote etabliert; eine Sprechstunde in der trägereigenen Kindertageseinrichtung wurde eingerichtet, darüber hinaus ein Elterncafé, Hausbesuche und Gruppenangebote; gemeinsam wurden auch Veranstaltungen im Quartier durchgeführt. Vor allem aber habe sich der Blick auf den Sozialraum, die AdressatInnen und den Partner Kita verändert. Sozialraumorientierung wird nun nicht mehr nur als „Sahnehäubchen“ sondern als fruchtbare Erweiterung der eigenen Fachlichkeit und dauerhafte Aufgabe angesehen.

Diskussion

Das Buch versucht einen Spagat zu leisten zwischen reflexivem Diskurs eines theoretischen Konzepts inklusive seiner praktischen Implikationen und der Darstellung von Evaluationsergebnissen. Dabei kommen sowohl die Forschenden als auch die in der Praxis Tätigen zu Wort. Dies führt unvermeidlich zu einigen Redundanzen in den Beiträgen, aber auch zu interessanten und vielfältigen Einblicken in die Realität von Praxis und Forschung. Es wäre wünschenswert gewesen, die theoretischen Grundlagen der Sozialraumorientierung klarer und verständlicher darzustellen, um auch „Einsteiger*innen“ einen leichteren Zugang zu diesem Konzept zu ermöglichen. Schade ist auch, dass die Porträts der vier Modellstandorte nicht enthalten sind, sodass die z.T. wohl sehr unterschiedlichen Ausgangslagen nur schwer nachzuvollziehen sind. Alles in allem geht aber das Konzept des Buches auf: die wechselseitige Bereicherung von Theorie, Forschung und Praxis.

Fazit

Die Verknüpfung von Evaluationsbericht mit einer praktisch orientierten Reflexion des Konzepts der Sozialraumorientierung stellt einen anregenden Beitrag zur bislang eher schwach ausgeprägten Theoretisierung sowie zur praktischen Weiterentwicklung der Frühen Hilfen dar.


Rezensentin
Alexandra Sann
Grundsatzreferentin Abteilung Familie und Familienpolitik Fachgruppe Frühe Hilfen Deutsches Jugendinstitut e.V.
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Zitiervorschlag
Alexandra Sann. Rezension vom 28.03.2018 zu: Andreas Thiesen (Hrsg.): Flexible Sozialräume. Der Fall im Feld der Frühen Hilfen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3736-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23669.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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