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Annette Streeck-Fischer (Hrsg.): Die frühe Entwicklung – Psychodynamische Entwicklungs­psychologien (...)

Cover Annette Streeck-Fischer (Hrsg.): Die frühe Entwicklung – Psychodynamische Entwicklungspsychologien von Freud bis heute. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 272 Seiten. ISBN 978-3-525-45138-0. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 44,90 sFr.
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Thema, Entstehungshintergrund und Anliegen

Die psychoanalytische Entwicklungstheorie kann auf einen Fundus von Konzepten, Überlegungen und Befunden zurückgreifen, deren Entstehung mittlerweile einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren umfasst. Thematisch geht es hier um Entwicklungsmodelle, die aufeinander aufbauende Veränderungen menschlichen Verhaltens und Erlebens über die gesamte Lebensspanne zu beschreiben und zu erklären suchen, um die Erfassung zentraler Entwicklungsaufgaben und -konflikte wie um die Frage, wie sich z.B. konkrete Interaktionserfahrungen auf die psychosoziale Entwicklung auswirken oder welche Zusammenhänge es zwischen dysfunktionalen Beziehungserfahrungen in der frühen Kindheit und der Entstehung späterer Entwicklungsprobleme und -pathologien gibt.

Weiterhin geht es aber auch um Fragen, die sich mit der Entwicklung einzelner Teilbereiche der menschlichen Psyche befassen (Wie entsteht das Selbst? Welche Bedeutung kommt den Gefühlen und Affekten hierbei zu? Wie erlangen wir die Fähigkeit, die Perspektive eines Anderen einzunehmen usw.?).

Verschiedene Konzepte und Begriffe aus dem breiten Repertoire psychoanalytischer Entwicklungstheorie sind – wenn mitunter auch verkürzt – in die Alltagssprache eingegangen („Urvertrauen“) und/oder haben große Popularität erworben (die Bedeutung einer „sicheren Bindung“). Andere Konzepte sind außerhalb der psychoanalytischen Community kaum bekannt geworden oder drohen im naturwissenschaftlichen Mainstream der Psychologie in Vergessenheit zu geraten.

Auch in dieser Hinsicht leistet das vorliegende Buch, das zentrale Beiträge psychoanalytischer Entwicklungstheorien zusammenführt, einen wichtigen Beitrag. Das von der renommierten Kinder- und Jugendpsychiaterin Annette Streeck-Fischer herausgegebene Buch „Die frühe Entwicklung“ portraitiert Werk und Denken von fünfzehn EntwicklungspsychologInnen, die sich aus einer tiefenpsychologisch orientierten Perspektive mit unterschiedlichen Aspekten und Teilbereichen der menschlichen Entwicklung befasst haben. Interessant ist die Lektüre u.a. auch deshalb, weil sich vorrangig mit innerseelischen Prozessen auseinandergesetzt wird, deren Verständnis einen tieferen Zugang zum Seelenleben des Kindes ermöglicht.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch gliedert sich in drei Teile:

Im 1. Teil („Psychoanalytische Entwicklungstheorien“) werden in sechs Beiträgen Klassiker der psychoanalytischen Entwicklungstheorie dargelegt:

Samuel Bayer, Annette Streeck-Fischer, Lucie Loycke-Willerding, Charline Logé, Nikolas Heim und Lydia Kruska stellen hier folgende Modelle und Überlegungen vor:

  • Sigmund Freud,
  • René A. Spitz,
  • Margaret Mahler,
  • Anna Freud,
  • Melanie Klein und
  • Donald W. Winnicott vor.

Vermisst habe ich hier das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung von Erik H. Erikson.

Teil 2 des Buches heißt: „Säuglingsbeobachtung und daraus folgende Entwicklungstheorien“ und umfasst fünf Beiträge folgender AutorInnen: Anna da Coll, Lucia Röder, Anikó Zeisler, Adrian Kind, Nora Martinkat, Ulrike Mensen und Ricarda Ostermann. Sie zeichnen in diesem Buchabschnitt die zentralen Befunde und Überlegungen folgender AutorInnen nach:

  • Daniel N. Stern,
  • Robert N. Emde,
  • Joseph D. Lichtenberg,
  • Louis Wilson Sander,
  • John Bowlby und
  • Mary Ainsworth.

Im 3. Teil („Neuere Entwicklungstheorien“) werden abschließend von Jenny Kaiser, Julius Kohlhoff, Peter Nyssen, Tobias Becker und Annette Streeck-Fischer vier psychoanalytische Entwicklungskonzepte vorgestellt, die an Erkenntnisse der Bindungsforschung und Neurobiologie anknüpfen:

  • Rainer Krause,
  • György Gergely,
  • Peter Fonagy und Mary Target sowievon
  • Allan N. Schore.

Die einzelnen Beiträge folgen einem ähnlichen Aufbau:

  • Sie beginnen mit einer kurzen Einführung, in der es um Leben und Werk der jeweiligen EntwicklungspsychologInnen geht.
  • Es folgt die Darlegung zentraler Aspekte der entsprechenden Entwicklungstheorie, der sich
  • ein Fazit anschließt, das die Relevanz und Reichweite der Theorie/des Konzeptes diskutiert und eine kritische Einschätzung unternimmt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Fazit

Im Internet findet sich auf der Seite eines populären Online-Versandhändlers eine kritische Kundenrezension zu dem Buch: Das Buch würde leider nichts Neues verraten; es würden lediglich Analytiker aufgezählt und beschrieben, die für die Entwicklungspsychologie zu einer bestimmten Zeit eine Rolle gespielt hätten. Dies gäbe es so bzw. in ähnlicher Form schon. Dieser Einschätzung kann ich nicht folgen; sie wird dem Buch nicht gerecht.

„Die frühe Entwicklung“ führt auf gelungene Weise fünfzehn bedeutende Entwicklungskonzepte zusammen. Es gelingt, die zentralen Gedanken der mitunter sehr komplexen Ansätze pointiert und zugleich gut lesbar nachzuzeichnen. Gerade in ihrer Zusammenschau wird der Reichtum dieser Ansätze deutlich, die vielerlei Anknüpfungspunkte für ein tieferes Verständnis innerseelischer Prozesse von Kindern und Heranwachsenden bieten.

Die Autorinnen des Buches sind Masterstudierende der International Psychoanalytic University Berlin. Es ist davon auszugehen, dass sie bei der Erstellung der einzelnen Beiträge gut durch die Herausgeberin begleitet wurden. Dies relativiert den möglichen Einwand, dass eine fundierte Einschätzung der Reichweite/Relevanz einer Theorie doch einer ausgewiesen wissenschaftlichen und klinischen Erfahrung bedarf.

Zu empfehlen ist das Buch Studierenden der Psychologie, der (Früh-, Kindheits- und Heil-)Pädagogik, der Erziehungswissenschaft sowie der Sozialen Arbeit. Zu empfehlen ist es weiterhin pädagogischen Fachkräften, Kinder- und JugendpsychotherapeutInnen wie auch interessierten Laien, die sich für die Entstehung und das Wirken innerseelischer Kräfte interessieren.


Rezensentin
Prof. Dr. Ariane Schorn
Fachhochschule Kiel, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Entwicklungspsychologie, Qualitative Sozialforschung, Psychosoziale Beratung, Supervision
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Zitiervorschlag
Ariane Schorn. Rezension vom 21.11.2018 zu: Annette Streeck-Fischer (Hrsg.): Die frühe Entwicklung – Psychodynamische Entwicklungspsychologien von Freud bis heute. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-45138-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23672.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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