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Rolf Keicher, Stefan Gillich: Ohne Wohnung in Deutschland

Cover Rolf Keicher, Stefan Gillich: Ohne Wohnung in Deutschland. Armut, Migration und Wohnungslosigkeit. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. 340 Seiten. ISBN 978-3-7841-3016-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Entstehungshintergrund

Das Buch ist ein Sammelband mit 27 Beiträgen von 40 Autor/innen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und Praxisfeldern der Sozialen Arbeit, die mit den Themen Armut und Wohnungsnot zu tun haben. Der Band ist das Ergebnis des Kongresses „Bewegte Zeiten – Existenzsicherung und Teilhabe“ des Evangelischen Bundesfachverbandes Existenzsicherung und Teilhabe 2016 in Erfurt. Die Beiträge bieten allerdings keine reine Tagungsdokumentation, sondern wurden auch teilweise weiterentwickelt. Einige Beiträge wurden von den Herausgebern zusätzlich eingeworben.

Thema

Den thematischen Hintergrund der Beiträge bilden aktuelle soziale und gesellschaftspolitischen Veränderungsprozesse der letzten Jahre insbesondere im Zusammenhang mit den Wanderungsbewegungen seit 2015, die sich u.a. in mangelndem leistbaren Wohnraum und damit verbunden zunehmend schwieriger werdender Wohnraumversorgung für einkommensschwache Menschen niederschlugen und entsprechend neue Herausforderungen an die Mitarbeiter/innen der Wohnungsnotfallhilfe stellen. In diesem Zusammenhang wird vor allem auf den enormen Zuwachses von Immigrant/innen aus den südosteuropäischen EU-Staaten und von geflüchteten Menschen mit positivem Asylbeschied verwiesen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer Einleitung der Herausgeber, in der auf die aktuellen Veränderungen Bezug genommen und die Intention des Buches formuliert wird.

Es folgen vier Kapitel mit jeweils 5- 8 Beiträgen, die sich in unterschiedlicher Weise theoretisch, diskursanalytisch oder auf Basis empirischer Studien mit den Themen Armut und Reichtum, Wohnen, Wohnungsnotfallhilfe und Soziale Arbeit mit besonders verletzlichen Gruppen auseinandersetzen.

Die Beiträge sind größtenteils fokussiert auf die Situation in Deutschland, insbesondere jene, die sich der konkreten Praxis und den gesetzlichen Rahmenbedingungen widmen. Ein Beitrag befasst sich mit Wohnungslosigkeit auf der EU-Ebene. Eher theoretische Beiträge – wie z.B. über Macht und Rassismus und Scham in der Sozialen Arbeit weiten den Blick über die Situation in Deutschland hinaus.

Die Beiträge des ersten Kapitels „Armut und Reichtum“ befassen sich mit den Grenzen sozialer Gerechtigkeit, der „Lebensgefährlichkeit“ von Armut, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Armutsbegriff, dem 5. Armuts- und Reichtumsbericht und Ansätzen der Bundesagentur für Arbeit zur Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit.

Die Beiträge des zweiten Kapitels setzen sich mit Wohnungslosigkeit auf EU-Ebene, dem Menschenrecht Wohnen, dem Wohnungsbau für wohnungslose Menschen und dem Obdachlosenpolizeirecht auseinander.

Das dritte Kapitel befasst sich mit der Wohnungsnotfallhilfe, damit verbundenen gesetzlichen Fragen wie Datenschutz und einem Urteil des EU-Gerichtshofs, dem Umgang mit Gewalt in Einrichtungen und Differenzen mit der Sozialverwaltung

Das letzte Kapitel beleuchtet die Soziale Arbeit mit besonders vulnerablen Gruppen wie EU-Migrant/innen aus Südosteuropa, geflüchtete Menschen, älter werdenden wohnungslosen Männern und psychisch kranken wohnungslosen Frauen und einem Beispiel von Selbstorganisation von Betroffenen, dem Wohnungslosentreffen 2016 in Freistadt.

In diesem Sinne diskutieren die Beiträge die gesellschaftspolitische Bedeutung der Wohnungsfrage, analysieren in unterschiedlicher Herangehensweise die Gründe für die Wohnungsnot und beleuchten Strategien für nicht profitorientierte Wohnraumversorgung und Realisierung von Wohnraum für besonders einkommensschwache Gruppen.

Fazit

Der Sammelband bietet ein anregendes Potpourri unterschiedlichster theoretischer und praxisbezogener Beiträge zur Thematik. Das Buch bietet einen sehr fundierten gut leserlichen Einblick, Anregungen und Denkanstöße für Wissenschaftler/innen, Praktiker/innen und Studierende insbesondere aus dem Feld Sozialer Arbeit, die sich mit der Thematik befassen und vertieft auseinandersetzen wollen. Trotz der Fokussierung auf die Situation in Deutschland vermag es auch Leser/innen aus anderen Ländern herausfordernde Denkanstöße zu geben und Anregungen, um bestimmte Beispiele umzusetzen. Die Beiträge spannen einen breiten Bogen von Berichten aus der niedrigschwelligen Sozialen Arbeit, dem Wohnungslosentreffen bis hin zur kritischen theoretischen Auseinandersetzung mit dem Armutsbegriff oder Macht und Rassismus in der Sozialen Arbeit. Der Band behandelt so ein breites Spektrum von Facetten der Thematik, auch solche, die bislang wissenschaftlich eher stiefmütterlich behandelt wurden.

Anlässlich negativer sozialpolitischer Entwicklungen verbleiben die Autor/innen nicht dabei nur Missstände zu beklagen (Skandalisierung der Verteilungsungerechtigkeit) und Veränderungen und eine Repolitisierung der Sozialen Arbeit einzufordern, sondern entwickeln auch interessante anregende Perspektiven und liefern so anregende Lösungsaspekte für komplexer und schwieriger werdende Hilfesituationen.

Bezugnehmend auf den chinesischen Aphorismus „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die andern Windmühlen“, wollen die Herausgeber mit ihrem Sammelband einen Beitrag dazu leisten Windräder zu errichten, um Mithilfe des Windes Hilfe für Menschen in Not weiterzuentwickeln. Dieser in der Einleitung formulierte Wunsch Impulse für den beruflichen Alltag und die Weiterentwicklung der Hilfen zu geben, darf nach der Lektüre des Sammelbandes mit großen Chancen auf Erfüllung beurteilt werden.


Rezensent
DSA MMag. Dr. Prof (FH) Christian Stark
Professor am Studiengang Soziale Arbeit, Fachhochschule Linz, Österreich Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Geschichte,Theorie und Ethik der Sozialen Arbeit, Wohnungslosigkeit
Homepage www.fh-linz.at
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Zitiervorschlag
Christian Stark. Rezension vom 29.03.2018 zu: Rolf Keicher, Stefan Gillich: Ohne Wohnung in Deutschland. Armut, Migration und Wohnungslosigkeit. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. ISBN 978-3-7841-3016-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23676.php, Datum des Zugriffs 23.09.2018.


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