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Marion Thuswald, Elisabeth Sattler (Hrsg.): teaching desires

Cover Marion Thuswald, Elisabeth Sattler (Hrsg.): teaching desires. Möglichkeitsräume sexueller Bildung im künstlerisch-gestalterischen Unterricht. Löcker Verlag (Wien) 2017. 100 Seiten. ISBN 978-3-85409-801-0. D: 14,80 EUR, A: 14,80 EUR.
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Thema

Teaching desires widmet sich den Herausforderungen des Spannungsfeldes von Kunst, Sexualität und Begehren, in dem sich (kunst-)pädagogisch Tätige bewegen. Die Herausgeberinnen formulieren die These, dass die Auseinandersetzung mit und im künstlerischen Feld Anlass für (sexuelle) Bildungsprozesse sein kann. Dabei nehmen sie die Perspektive der Lehrenden ein, um das „hidden curriculum“ kritisch in den Blick nehmen zu können (S. 9), welches weit mehr über den Themenbereich von Begehren und Sexualität vermittle, als angenommen werde und als „heteronormativ und eurozentristisch analysiert“ (S. 9 f.) werden könne.

Aus diesem Kontext heraus gehen die Beitragenden der Frage nach, welche Aufgaben und Herausforderungen im Rahmen sexueller Bildung an die Lehrerenden herangetragen werden. Dabei richten sie ihr Augenmerk nicht nur auf als solchen ausgewiesenen Aufklärungsunterricht oder explizit als solche benannte Sexualpädagogik, sondern auch auf die reguläre (Schul-)Lehre. In den Beiträgen soll die Frage nach den Möglichkeitsräumen für sexuelle Bildung (auch provozierend) zum Thema gemacht werden. Dabei geht es den Herausgeberinnen weniger um die systematische Beantwortung der Frage, wie sexuelle Bildung gestaltet werden könne, als vielmehr um eine erste Eröffnung der Schnittstelle von Kunst und sexueller Bildung als Forschungsfeld.

Herausgeberinnen

Elisabeth Sattler ist Bildungswissenschaftlerin und Universitätsprofessorin für Kunst- und Kulturpädagogik an der Akademie der bildenden Künste. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen auf anthropologischen, ethischen und politischen Fragehorizonten von Bildung, Lehren und Lernen, Professionalisierung und Subjektanalyse. Sie forscht an den Überlappungsbereichen zwischen Bildungswissenschaft, Sexualpädagogik, Visueller Kultur und Kunstpädagogik.

Marion Thuswald ist Sozialpädagogin und Bildungswissenschaftlerin und arbeitet als Universitätsassistentin an der Akademie der bildenden Künste. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt bei den Herausforderungen sexualpädagogischer Professionalisierung.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband umfasst sieben Beiträge, welche im Rahmen von Best-Practice-Beispielen unterschiedliche Betätigungsfelder, Herausforderungen und Ansätze zum Umgang mit den Herausforderungen sexueller Bildung aufzeigen. Die Beiträge sind aus dem jeweiligen Forschungskontext der AutorInnen oder aus deren beruflicher Praxis heraus entstanden. Alle Beteiligten sind als KünstlerIn, LehrerIn oder SozialarbeiterIn im künstlerisch-gestalterischem Lehramt bzw. der Erziehungsarbeit beschäftigt.

Die Einleitung spannt den theoretischen Rahmen, in dem sich die anderen sieben Beiträge bewegen. Sexualität, Begehren, Intimität und Erotik, so die These der Herausgeberinnen, zielen auf „bedeutsame Aspekte menschlicher Selbst-, Welt- und Anderenverhältnisse“ (S. 18), die entsprechenden Einfluss auf die Formations- und Transformationsprozesse im Rahmen der Subjektbildung hätten. Im schulischen Kontext würde das bildende Potenzial solcher Verhältnisse jedoch auf die biologische Funktionsweise von Körpern und den korrekten Umgang mit Verhütungsmitteln reduziert. Demgegenüber sei Begehrlichkeit im körperlichen und emotionalen Sinne zu betrachten, um Themen wie Liebe und Erotik auch in ihren sozialen Dimensionen zu erfassen. Auf dieser Basis ließe sich ein bildungsförderlicher Umgang mit den sexuell aufgeladenen Situationen finden, die auch entlang inhaltlicher Kontexte auftauchen.

Angelika Beck beschreibt im Beitrag Let's switch ein Konzept für eine Kunstunterrichtseinheit. Assoziationsgesteuerte Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst sollen als Spielraum dienen, in dem es den SchülerInnen ermöglicht werden soll, ihre individuellen Körper- und Selbst-Konstruktionen gegenüber idealisierten Ansprüchen zu entwickeln, auszubauen und zu verteidigen.

In Über Kunst, Körper, Lust und Sex ins Gespräch kommen moderieren Karla Schmutzer und Marion Thuswald ein Gruppeninterview zwischen Philipp Harder, Mikki Muhr, Anna Scheer, Julia Weidner und Sabine Ziegelwanger über Anlässe und Möglichkeiten sexueller Bildung. Dabei werden z.B. eher als Störungen klassifizierte Ereignisse wie Schimpfen, Fluchen und verbale Tabubrüche von Jugendlichen als Anlass für Gespräche über sexuelle Bildung abseits des Aufklärungsunterrichts diskutiert.

Im Beitrag Für eine sexuelle Bildung der Unbequemlichkeiten stellen Maria Dalkhoff und Sevil Eder die Bildungsarbeit des Vereins Selbstlaut vor, der sich der Prävention von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche widmet. Im Versuch der Zusammenführung von diskriminierungskritischer Diversity Education und Präventionsarbeit setzt das Konzept zur barrierefreien Gestaltung von Präventionsarbeit auf kreative Kommunikationsräume, in denen Sexualität, Lust und die Verschiedenheit von Lebensentwürfen und Körpernormen beiläufig thematisiert werden können.

Angeregt durch die Frage einer Schülerin, wie man denn einen menschlichen Körper „richtig“ zeichne, befragt Karla Schmutzer in Körperbilder und Proportionsregeln im Kunstunterricht durchkreuzen ihre eigene Unterrichtspraxis auf die Reproduktion normierender Körperbilder. Ausgehend von dieser Irritation sucht die Autorin nach Möglichkeiten, um das vermeintlich Richtige von Körperdarstellungen im Unterricht zu hinterfragen. Dabei greift sie unter anderem auf intersektionale Theorieangebote zurück.

Karlheinz Valtl nimmt in seinem Beitrag Konkret, kontrovers, und achtsam den österreichischen Grundsatzerlass zur Sexualerziehung von 2015 zum Anlass, den Blick auf die Ausbildung von Lehrer*innen zu werfen. Der Grundsatzerlass sieht vor, dass alle Hochschulen Sexualpädagogik für Lehramtsstudierende anbieten müssen. Valtl entwirft zu diesem Zweck eine Seminarskizze.

Eine Sonderstellung nehmen die Bildersammlungen Begehren_d ver_lernen von Maren Blumer und Pia Klüve sowie Perlenmeere von Katrina Daschner ein. Daschner präsentiert mehrere Farbfotografien von Unterwasserszenarien, vermischt mit Farbfotografien von Ausschnitten menschlicher Körper. Der Beitrag von Blumer und Klüve zum Performance-Projekt „BODY KNOWS BETTER“, eine Kooperation zwischen dem „KunstSozialRaum Brunnenpassage“, mehreren Künstlerinnen und Kunstvermittelnden sowie BerufsschülerInnen, zeigt die zeichnerische Reflexion des Projekts, in welchem Alltagschoreografien und Gesten entlang der Frage: Wem gehören meine Bewegungen? untersucht wurden.

Fazit

Teaching desires eröffnet ein Themenfeld, das im Rahmen der Lehramtsausbildung wenig Aufmerksamkeit erhält und über seine (macht-)kritische Perspektive Potenzial zur produktiven Irritation hat. Auch für LeserInnen, die wie die Rezensentin wenig Vorwissen auf dem Gebiet der Sexualpädagogik haben, bietet der Band interessante Denkanstöße zur Reflexion der eigenen Lehre hinsichtlich der Verhaftung in gesellschaftlichen und biografischen Idealvorstellungen von Körper, Sexualität und Erotik.

Für die Arbeit in der universitären LehrerInnenbildung könnte speziell Karlheinz Valts Seminarskizze interessant sein. Abseits dieses Beitrages liegt der Fokus stark auf der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen und weniger auf der professionellen Bildung derer, die mit dieser Zielgruppe arbeiten wird.

Für Lehramtsstudierenden aller Fächer kann teaching desires als anregende Lektüre empfohlen werden. Neben dem Aufspannen eines breiten Blickwinkels auf die Überschneidungen von sexueller Bildung und fachlicher Lehre, bietet es auch praktische Beispielen, die zum Ausprobieren und Weiterdenken einladen. Trotz des künstlerischen Schwerpunktes bietet insbesondere die Einleitung, aber auch das Gruppeninterview einen besonderen Blickwinkel auf das Thema, der sowohl in seiner theoretischen Grundlegung als auch in seinen Forderungen für die Praxis neue Gedankenanstöße zur Beschäftigung mit der eigenen und fremden Körperlichkeit auch im Rahmen nicht-künstlerisch ausgerichteter Lehre gibt.

Bei den künstlerischen Beiträgen wäre zwecks besseren Verständnisses eine stärkere Kontextualisierung wünschenswert gewesen.


Rezensentin
Henrike Heil
M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik
Homepage www.pl.abpaed.tu-darmstadt.de/praxislabor/team_1/he ...
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Zitiervorschlag
Henrike Heil. Rezension vom 30.08.2018 zu: Marion Thuswald, Elisabeth Sattler (Hrsg.): teaching desires. Möglichkeitsräume sexueller Bildung im künstlerisch-gestalterischen Unterricht. Löcker Verlag (Wien) 2017. ISBN 978-3-85409-801-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23678.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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