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Veronika Ott: Ambivalentes Regieren zu Sexarbeit und Menschenhandel

Cover Veronika Ott: Ambivalentes Regieren zu Sexarbeit und Menschenhandel. MARTA PRESS (Hamburg) 2017. 488 Seiten. ISBN 978-3-944442-70-9. D: 40,00 EUR, A: 42,00 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Das Buch „Soziale Arbeit_Sexarbeit_ Menschenhandel: Ambivalenzen im Feld der Fachberatungsstellen“ geht der Frage nach, welchen Einfluss Beratungsstellen auf die Regierung von Sexarbeit und Menschenhandel haben. Beratungsstellen werden hierbei als Sprachrohre der Klient/innen untersucht, welche z.B. durch ihre institutionalisierten Arbeitsweisen und Selbstverständnisse spezifisches Wissen zum Feld hervorbringen und in vielfältiger Weise in die politische Auseinandersetzung eingebunden sind.

Autorin

Veronika Ott erhielt ihren Magister-Abschluss in Soziologie nach ihrem Studium an den Universitäten in Göttingen / Deutschland, Uppsala / Schweden und Marburg / Deutschland (2003-2009). Sie arbeitete am Institut für Soziologie und am Zentrum für Gender Studies der Universität Marburg (2010-2012).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch wurde im Januar 2016 als Dissertation unter dem Titel „Ambivalentes Regieren zu Sexarbeit und Menschenhandel: Praktiken und Wissen im Feld der Fachberatungsstellen“ an der Goethe-Universität Frankfurt am Main im Fach Soziologie eingereicht und im Februar 2017 verteidigt. Die Dissertation entstand im Rahmen des Programms „Demokratie, Wissen und Gender in einer transnationalen Welt“ (IPP Transnational) und wurde von Prof. Dr. Helma Lutz betreut.

Aufbau

Das vorliegende Buch umfasst sieben Hauptkapitel. In dem ersten Kapitel beschreibt die Autorin alle relevanten Hintergrundinformationen für ihre Forschungsarbeit. In dem zweiten Kapitel wird eine diskurs- und gouvernementalitätstheoretische Perspektive entwickelt, welche das Wissen von Beratungsstellen selbst und gleichzeitig dessen Entstehungszusammenhänge und Wirkmächtigkeiten in den Blick nimmt. Das dritte Kapitel umfasst Aspekte der methodischen Umsetzung von der Datengenerierung über die Analyse bis hin zu der Datenauswertung. Die nachfolgenden drei Kapitel beschreiben die Auswertungen und Ergebnisse. Das Buch schließt mit einer Diskussion über die spezifische Regierung des Sozialen durch das Feld der Fachberatungsstellen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalte

Im ersten Kapitel „Startpunkte“ werden zunächst Anlässe beschrieben, die die Autorin zu der Bearbeitung des Themas geführt haben. Es folgt die Klärung der wichtigsten Begrifflichkeiten. Das umfangreichste Unterkapitel des ersten Kapitels beschäftigt sich mit dem aktuellen Forschungsstand der Sexarbeitsforschung. Durch eine kritische Auseinandersetzung mit bisherigen Forschungslinien entwickelt die Autorin ein Forschungsinteresse, welches nach Machtverhältnissen auf der Makro-Ebene fragt. Gleichzeitig umfasst das Forschungsinteresse die Frage nach der Abgrenzung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel. Bezogen auf die zweite Frage umfassen die vorangestellten theoretischen Grundlagen das Recht als zentralen Ort der Abgrenzung, Migration als erschwerenden Moment der Grenzziehung sowie NGOs als parteiliche Stimmen der Grenzverhandlung. Abschließend formuliert die Autorin im ersten Kapitel Ihre Forschungsfrage: „Welches Wissen zu Sexarbeit und Menschenhandel wird im Feld der Beratungsstellen wie hervorgebracht und welche Wirkmächtigkeit kommt diesem Wissen in der Aushandlung von Sexarbeit und Menschenhandel zu?“ (S. 58)

In dem zweiten Kapitel „Diskursive Praktiken und die Regierung des Sozialen: theoretische Perspektiven auf das Wissen der Beratungsstellen“ arbeitet die Autorin die theoretische Rahmung der Arbeit heraus. Sie entwickelt im weiteren Verlauf des Kapitels eine diskurs- und gouvernementalitätstheoretische Perspektive, welche das Wissen von Beratungsstellen in seinem sozio-historischen Entstehungs- und Begründungskontext und seinen Wirkmächtigkeiten in den Blick nimmt. Die Autorin beschreibt drei Dimensionen der Regierung im Kontext der Fachberatungsstellen: a) Die Frage, was das zu Regierende ist (Was ist interventionswürdig?), b) wie darin Subjektpositionierungen eingeflochten sind (Wie werden die regierenden Aufforderungen der Fachberatungsstellen von den KlientInnen aufgegriffen/angeeignet/verworfen?) und c) wie sich Soziale Arbeit als spezifischer Kristallisationspunkt von Regierungsmacht herausbildet und organisiert.

Mit Bezug auf die herausgearbeiteten diskursanalytischen Annahmen arbeitet die Autorin das Zusammenspiel des Wissens und der Vorgehensweisen der Beratungsstellen als diskursive Praktiken mit einer sozialkonstitutiven Wirkmächtigkeit heraus. Dadurch rückt der analytische Fokus weg von den Subjekten hin „auf das Diskursive und auf Praktiken als Orte, an denen Wissen und Soziales generiert werden und zugänglich sind.“ (S. 94) Die Autorin legt ihren Schwerpunkt auf die Fragen, wie Wissen und Vorgehensweisen von Fachberatungsstellen in einem wechselseitigen Verhältnis stehen und wie Räume und Praktiken der Regierung Wissen auf spezifisch Weise herstellen und ermöglichen. Abschließend formuliert die Autorin vier heuristische Fragen, mit welchen sie einen analytischen Zugang zu Wissen und Praktiken der Regierung erhalten möchte.

In dem dritten Kapitel „Eine Diskursanalyse machen: methodische Konkretisierungen“ führt die Autorin die entwickelte diskurstheoretische Perspektive methodologisch fort. Dabei orientiert sie sich an den Schritten einer Diskursanalyse nach Diaz-Bone. Zunächst sondiert die Autorin das Feld und entscheidet sich für das Führen von ExpertInneninterviews. Anschließend erläutert sie das Sampling der InterviewpartnerInnen. Bei der Auswertung orientiert sich die Autorin an den zuvor gestellten heuristischen Fragen nach den relevanten, begründenden, differenzierenden und konflikthaften Momenten in den Materialien. Sie beschreibt in dem Unterkapitel 3.3 die Durchführung einer Oberflächenanalyse und die anschließende (Re-)Konstruktion der diskursiven Beziehungen, wobei sie sich auf die zuvor herausgearbeiteten Dimensionen der Regierung des Sozialen durch die Fachberatungsstellen bezieht.

Das vierte Kapitel „Formierungen und Positionierungen in der Regierung zu Sexarbeit und Menschenhandel: das Feld der Fachberatungsstellen“ befasst sich mit allen Auswertungen, welche sich auf die Organisation und Positionierung der Fachberatungsstellen selbst beziehen. Die Autorin stellt ihre Ergebnisse zum einen mit einem historisierenden Blick dar, indem sie z.B. die Entstehungszusammenhänge der Fachberatungsstellen beschreibt. Zudem beschäftigt sie sich mit institutionalisierten Verfahren der Regierung wie z.B. Bundesmodellprogramme und runde Tische. Bezüglich der Frage nach der Relevanz und Legitimation der Arbeit aus Sicht der Beratungsstellen stellt sie zunächst die Kritik an der Messung der Relevanz anhand von Fallzahlen dar. Folgend beschreibt die Autorin Tendenzen der Beratungsstellen, wie dort über ein jeweils spezifisches Wissen eine Positionierung als relevanter und legitimer Teil des Regierungshandelns zu Sexarbeit und Menschenhandel erfolgt, z.B. aufgrund eines praxisnahen und authentischen Wissens.

Im fünften Kapitel „Situierte Anrufungen: vom Verhältnis der Beratungsstellen zur Klientel“ geht es um die o.g. zweite Dimension der Regierung von Fachberatungsstellen. Es beschäftigt sich mit dem Herstellen von Zugangsweisen zu den Betroffenen als Bestrebung der Fachberatungsstellen, sich ein Klientel zu schaffen (aufsuchende Sozialarbeit, offene Angebote und im Fall Menschenhandel Polizeikooperationen). Es folgt eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Parteilichkeit als Selbstverständnis der Fachberatungsstellen, welche diese Zugangsweisen prägt. Gleichzeitig stellt die Autorin die Parteilichkeit als vielfältig rechtlich durchdrungen dar, was sich in der Auswertung als ambivalent und prekär zeigte. Ebenfalls wird herausgearbeitet, dass kulturelle und lebensweltliche Differenzen und die Positionierung der Beratungsstellen der Parteilichkeit und den Zugangsweisen der Fachberatungsstellen Grenzen setzen. Die Autorin arbeitet spezifische Reflexionen und Herangehensweisen der Fachberatungsstellen heraus, mit welchen diese versuchen diese Konflikte erklärbar und handhabbar zu machen.

In Kapitel 6 wirft die Autorin einen Blick darauf, „wie sich Sexarbeit und Menschenhandel im Wissen der Beratungsstellen vor dem Hintergrund der Positionierung in der Regierung zu Sexarbeit und Menschenhandel (vgl. Kapitel 4) und vor dem Hintergrund ihres In-Beziehung-Setzens zur Klientel (vgl. Kapitel 5) als Gegenstände formieren.“ (S. 307) Die Autorin versucht Menschenhandel und Sexarbeit anhand dreier Momente voneinander abzugrenzen: Freiwilligkeit (bzw. aktives Entscheiden), Erwerbsarbeit und die Qualität der Arbeitsbedingungen, wobei sie ebenfalls auf Konflikte in der Abgrenzung eingeht, wie z.B. die hegemoniale Sichtweisen auf SexarbeiterInnen, rechtliche Widersprüchlichkeiten und das Fehlen von fachlichen Standards.

Das Kapitel 7 „Ambivalentes Wissen, ambivalentes Regieren – eine Diskussion“ führt die Autorin die Diskussion zu ihrer Arbeit und fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen. Sie systematisiert die herausgearbeiteten Ambivalenzen im Feld der Fachberatungsstellen und denkt diese weiter, in dem sie z.B. auf diskussionswürdige Aspekte im Rahmen der Migrationsfrage in der Sexarbeit hinweist.

Diskussion

Die vorliegende Arbeit ist ein Gewinn sowohl für LeserInnen aus der Wissenschaft als auch aus der Praxis. Die Autorin verfolgte einen logischen Aufbau, verliert ihre Forschungsfrage nicht aus dem Blick und verfasste das vorliegende Buch auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau (Kapitel 2-3). Positiv hervorzuheben ist ihr sensibler Umgang mit Begrifflichkeiten, Thesen und Konflikten des Feldes. So befasst sich die Autorin z.B. immer wieder mit der Frage einer adäquate(re)n Sprache (vgl. 6.3). Gleichzeitig bietet sie viele Anknüpfungspunkte für die Praxis, in dem sie Konflikte und Ambivalenzen des Feldes verdeutlicht und diskutiert (Kapitel 4-6)

Kritisiert werden kann, dass aktuelle Theoriediskurse der Sozialen Arbeit kaum thematisiert werden. Die Autorin schreibt: „Mein Wissen über Soziale Arbeit habe ich mir über die Analyse und über die Interviews mit den Mitarbeiter_innen der Beratungsstellen erschlossen.“ (S. 24). Zentrale Anforderungen der sozialarbeiterischer Praxis werden nur am Rande aufgegriffen. Das doppelte Mandat z.B. taucht nur in einer Fußnote auf der Seite 388 auf.

Durch die gleichzeitige Behandlung von Sexarbeit und Menschenhandel umfasst das Buch teilweise Aspekte, welche nicht in der eigentlich gebotenen Umfänglichkeit betrachtet werden konnten. Konflikte, welche anhand der Interviewpassagen dargestellt wurden, wurden im weiteren Verlauf nicht weiter thematisiert, wie z.B. Diskrepanzen in den Aussagen der interviewten Personen, ob es sich bei Sexarbeit um eine reguläre Erwerbstätigkeit handeln kann oder nicht (z.B. S. 316) und wie dies z.B. mit der Freierbestrafung vereinbar ist (S. 329).

Die Schreib- und Ausdrucksweise zeigte sich in den Kapiteln 2 und 3 sperrig und schwer zugänglich, was die Autorin mit ihrem methodischen Vorgehen erklärt. (S. 152)

Ein Gewinn der vorliegenden Arbeit ist die Verdeutlichung der Einflussnahme der beschriebenen sozialen Organisationen: „Die Beratungsstellen sind in diesem Sinne keine Sprachrohre, sondern Orte der Regierung, deren Wissen zu Sexarbeit und Menschenhandel einen starken, legitimatorischen wie handlungsleitenden Bezug zu den Interessen ihrer Klientel hat, jedoch nicht die Interessen der Klientel ist.“ (S. 398)

Fazit

Das Buch „Soziale Arbeit_Sexarbeit_Menschenhandel: Ambivalenzen im Feld der Fachberatungsstellen“ beschäftigt sich als Dissertation mit dem Wissen von Fachberatungsstellen und der Frage, wie dieses hervorgebracht wird. Es untersucht die Wirkmächtigkeiten des Wissens der Beratungsstellen in Bezug auf die Abgrenzung von Sexarbeit und Menschenhandel. Die Autorin geht dabei auf Konflikte und Ambivalenzen ein, welche sie anhand von zwanzig ExpertInneninterviews untersucht. Das Buch verdeutlicht, wie Soziale Arbeit durch das selbst hervorgebrachte Wissen in die gesellschaftliche Aushandlung von „Sozialen Problemen“ verflochten ist. Es ist daher für Wissenschaft und Praxis in gleicher Weise relevant.


Rezensentin
Cäcilia Mühl
Sozialarbeiterin (M.A.), wissenschaftliche Mitarbeiterin
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Zitiervorschlag
Cäcilia Mühl. Rezension vom 01.06.2018 zu: Veronika Ott: Ambivalentes Regieren zu Sexarbeit und Menschenhandel. MARTA PRESS (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-944442-70-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23681.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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