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Anne Sophie Menzinger: Fat Acceptance

Cover Anne Sophie Menzinger: Fat Acceptance. Positionen und Praxen einer körperpolitischen Bewegung. MARTA PRESS (Hamburg) 2017. 104 Seiten. ISBN 978-3-944442-67-9. 14,00 EUR.
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Thema

Stets präsent und insofern oftmals mit einer alltäglichen Selbstverständlichkeit belegt ist der Körper ein bedeutsamer Schauplatz gesellschaftspolitischer Kämpfe. Vor dem Hintergrund des machtvollen Verhältnisses von Körper und Gesellschaft beleuchtet das Buch die Bewegung Fat Acceptance als politische Akteurin in ihrer Entstehung, ihrem Anliegen und ihren Positionen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Anne Sophie Menzinger studierte Soziale Arbeit und ist derzeit im Bereich Kulturarbeit und Kreativitätsförderung tätig (Informationen Klappentext). Bereits in der eigenen Kindheit und Jugend nahm Menzinger die Thematisierung von Körpergewicht und Figur als stets präsentes Thema in Schule, Freundeskreis und Medien wahr. Später stieß sie dann im Zuge der Beschäftigung mit queerfeministischen Ideen auf Fat Acceptance, was zu einer tiefer gehenden – auch selbstreflexiven – Auseinandersetzung mit der Bewegung führte (S. 9 f.).

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich, gerahmt von Einleitung und Fazit, in zwei inhaltliche Teile, nämlich

  1. ein die Bewegung Fat Acceptance rekonstruierendes und
  2. ein analysierendes Kapitel.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der erste Teil „Warum Fat Acceptance?“ thematisiert den Entstehungskontext der Bewegung anhand soziohistorischer Entwicklungen im gesellschaftlichen Zugriff auf den sowie Umgang mit dem Körper. Beleuchtet werden hierbei insbesondere das Auftreten negativ konnotierter Zuschreibungen seit der Moderne und die Verstetigung stigmatisierender Stereotypisierungen dicker Körper bis in die Gegenwart hinein.

Zur Verdeutlichung, wie und wodurch der Körper zum Politikum avanciert, zieht Anne Sophie Menzinger zunächst an Bourdieusche Überlegungen zum Körper anknüpfende Perspektiven heran, welche auf die Wechselwirkungen von Bedeutungszuschreibungen und sozialen Verhältnissen, von pauschalisierenden Kategorisierungen und individuellem Erleben, von symbolischen Unterscheidungen und manifesten Unterschieden rekurrieren. Die damit verbundene Darlegung sowohl medial transportierter Klischees als auch verbreiteter gesundheits- und präventionsfokussierender Argumentationsmuster untersetzen die Omnipräsenz und Rigidität diskreditierender Realitäten, mit denen dicke Menschen in der gesellschaftlichen Debatte über ihre Körper konfrontiert sind. Daran anschließend führt Menzinger unter konzeptioneller Einbindung von Scham und Beschämung aus, welche Folgen sich in Form von Abwertung, Anpassungsdruck und Ausschluss ergeben. Schließlich verweist sie nachdrücklich auf die daraus resultierende politische Relevanz, da dies „ein soziales Moment repräsentiert, in dem Vorstellungen über Ungleichheit, Machtunterschiede und Wertigkeiten gebunden sind“ (S. 24).

Um nunmehr die Herausbildung der „Konstruktion dicker Körper als anders und minderwertig“ (S. 30, Hervorhebung im Original) nachzuvollziehen, wird im Folgenden das Aufkommen der Pathologisierung dicker Körper rekonstruiert. Ein solchermaßen „kulturhistorischer Blick“ (ebd.) auf die Pathologisierung dicker Körper veranschaulicht, dass diese dem Konnex von Industrialisierung, technologischem Fortschritt und protestantischen Idealen, wie Askese, Rationalismus und Selbstdisziplin, entspringt, infolgedessen Fettleibigkeit medizinisiert, stigmatisiert und moralisiert wird.

Zudem zeigt Anne Sophie Menzinger, dass die Entwertungsterminologie zum einen mit rassistischen Einlassungen versetzt ist, indem die Attribute 'primitiv' oder 'unzivilisiert' gleichsam mit Körperfett und dunkler Hautfarbe assoziiert und biologisiert wurden. Zum anderen gehen die Ausführungen auf die geschlechtsbezogene Komponente der Pathologisierung von Körperfett ein; so erfuhr das weibliche Körperideal eine besonders restriktive Normierung, um der mit Körperfett assoziierten Maßlosigkeit, Willensschwäche und mangelnden Selbstkontrolle zu begegnen. Unterschiede in der Körperform bzw. -fülle, so die Quintessenz von Menzingers eingängiger Darlegung zum Abschluss des ersten Teils, wurden so zum Signum für vermeintliche Rassen- und Geschlechterunterschiede, die der Legitimierung sozialer Hierarchisierungen, Kontrolle und Deprivation dienen.

Der zweite Teil „Theoretische Bezüge und Praxen der Fat-Acceptance-Bewegung“ nimmt nunmehr körperpolitische Positionen in den Blick. Dabei stellt die Autorin Initialmomente, Selbstverständnis und Akteur*innen von Fat Acceptance dar, setzt die Bewegung zu anderen Strömungen und Bewegungen in Beziehung und zeigt inhaltliche Überschneidungen als auch Grenzmarkierungen zu feministischen, gesundheitsorientierten und anti-diätischen Auffassungen auf.

Hierzu rekonstruiert Anne Sophie Menzinger zunächst die Ursprünge der Aktivitäten gegen die Diskreditierung dicker Körper, die Ende der 1960er ihren Ausgangspunkt in den USA hatten und Ausdruck in Versammlungen und Demonstrationen, aber auch in Studien über den Zusammenhang von sozioökonomischem Status und Körperfettanteil fanden. Hierbei verweist Menzinger auf die aus dem Aufeinandertreffen feministischer, marxistischer, heteronormativitätskritischer sowie fettaktivistischer Perspektiven resultierende Heterogenität der Fat-Acceptance-Bewegung, deren Ideen sich in einigen Aspekten mit den Anliegen anderer Bewegungen überschneiden. Zugleich verdeutlicht sie eingehend die „Abkopplung vom Gesundheitsdiskurs […] als notwendige[n] Schritt“ (S. 49) zur Politisierung der mittels medizinischen Argumenten legitimierten Reglementierung von Körperfett, um „die Deutungsmuster des hegemonialen Körperdiskurses offenzulegen und einen Gegenentwurf zu etablieren“ (S. 52).

Mittels des „Konzepts der intersektionalen Mehrebenanalyse“ (S. 52) nähert sich Anne Sophie Menzinger nunmehr dem komplexen Zusammenwirken verschiedener kategorialer Zuschreibungen. Ausschlaggebend für diesen analytischen Zugang ist für die Autorin, dass die Wahrnehmung, wer als dick bzw. zu dick gilt, maßgeblich mit anderen sozial relevanten Zuschreibungen korreliert. Methodisch erschöpft sich Intersektionalität mithin nicht in einer Betrachtung der reinen Kombination sozial stigmatisierender Kategorien, wie zum Beispiel Geschlecht, Alter oder Klasse, sondern gehe, so Menzinger, „davon aus, dass die Modalitäten der Diskriminierungserfahrungen sich in ihrer Ausprägung unterscheiden“ (S. 54). Angesichts der Komplexität werden folglich auch die Kontexte der Fat-Acceptance-Akteur*innen breit gefächert und heterogen beschrieben, welche von Blogs über Podcasts und Vlogs bis hin zur Akademisierung durch Fat Studies, reichen. Alsdann stellt Anne Sophie Menzinger Bezüge zu feministischen, queeren und performativen Perspektiven genauer dar und beleuchtet hierbei zutage tretende Divergenzen und Ambivalenzen.

Im Anschluss erfolgt die Zuspitzung auf das politische Moment von Körperfett, das seinen nunmehr unübersehbaren Ausdruck in dem „Versuch eines Bruchs mit aktuellen Deutungen und Repräsentationen“ (S. 69) seitens der Fat-Acceptance-Bewegung findet, indem Dick- bzw. Fettsein konsequent als soziale Kategorie(sierung) verstanden und der „gesellschaftlich negativ konnotierte Begriff 'fat' von den Akteur_innen der Bewegung als positive Selbstbezeichnung neu artikuliert“ (ebd.) wird. Gerade für Adressat*innen der Diskriminierung selbst hat, wie Menzinger verdeutlicht, deren dicke Körperform oder hohes Körpergewicht nicht zwangsläufig eine per se problematische Bedeutung. Diese ist vielmehr als sozialrelationaler Effekt zu sehen, welcher aus Körperfett stigmatisierenden Deutungshegemonien hervorgeht. Die Bestrebungen, jene vorherrschenden Be- und Abwertungen dicker Körper zu unterbrechen und durch Aneignung der Deutungshoheit zu verändern, stellt die Autorin sodann vor dem Hintergrund von Identität(skonzepten) und damit verbundenen Internalisierungs- sowie Reproduktionsprozessen sowie auch der immanenten – queer-performativ basierten – Potenzialität deren Modifizierens oder Verwerfens dar. Hierbei zeigt sie die individuelle und kollektive Dimension von Identität auf und stellt in den weiteren Ausführungen klar heraus, dass es einer intersubjektiv geteilten Identifikation bedarf, welche distinkte Einteilungen, Grenzziehungen, Kategorisierungen usw. zurückzuweisen und Überschneidungen verschiedener Identitäten als relevant zu setzen vermag, damit agonal ausgerichtete Aneigungs- und Bewertungsprozesse in Hinblick auf Körperfett sowie eine 'Fat Identity' trotz ihrer Pluralität und Ambivalenzen (körper)politische Bedeutung erlangen können. Gleichzeitig verdeutlicht Anne Sophie Menzinger, dass das Zusammendenken feministischer, intersektionaler und queerer Positionen im Kontext von Fat Acceptance neben Synergien auch Widersprüche evoziert, die „ausgehalten und bearbeitet“ (S. 84) werden müssen und denen sie letztlich ein korrektives sowie selbstreflexives Potenzial zuschreibt.

Im Fazit stellt die Autorin schließlich nochmals die Distanz fettaktivistischer Anliegen zu medizinisch-gesundheitsorientierte, anti-diätischen oder auf individuelle Selbstakzeptanz bezogenen Perspektiven heraus und unterstreicht die Bedeutung der Infragestellung, Verstörung und Aneignung hegemonialer Körperdiskurse in Hinblick auf deren Stigmatisierungs- sowie Exklusionseffekte. Mit Rekurs auf eigene Erkenntnisprozesse im Zuge der Beschäftigung mit Fat Acceptance verweist Menzinger zudem auf die Notwendigkeit des kontinuierlichen Hinterfragens sowie Unterbrechens der Tradierung des gegenwärtigen Körperideals.

Diskussion

Anne Sophie Menzingers Auseinandersetzung mit der Bewegung Fat Acceptance bietet einen prägnanten Überblick über deren Entstehungshintergründe und Positionen. Mit den vorangestellten historischen Entwicklungslinien variierender Körperbilder und der soziokulturell gerahmten Darstellung der Stigmatisierung von Körperfett eröffnet sie einen durchgehend sozialkonstruktivistischen Zugang hin zu einer dezidiert politisch akzentuierten Perspektive auf das Thema Fat Acceptance. Besonders eingängig gewinnt dabei die Sichtweise eines sich in Körperverhältnissen artikulierenden Machtpotenzials an Geltung, wozu auch maßgeblich die Darlegungen der beiden zentral gestellten theoretischen Bezugskonzepte, Intersektionalität und Queer-Theorie, beitragen.

Zugleich ist die Autorin bestrebt, ihre Überlegungen zu Fat Acceptance sehr breit, das heißt, unter Einbeziehung verschiedener, enger oder weiter damit verknüpfter Perspektiven zu untersetzen. Gerade wegen der Vielzahl der hierzu in der eher komprimiert angelegten Arbeit herangezogenen und jeweils wiederum äußerst komplexen Konzepte, wie Rassismus, Gender, Scham und Beschämung, Performativität, Identität usw. weisen diese tendenziell Stichwortcharakter auf und verbleiben überwiegend im Status einer punktuell eingewobenen Nennung. Diese Fülle gibt den Lesenden jedoch wiederum auch reichlich Impulse und eröffnet mannigfaltige Anschlusspunkte zum Weiterdenken sowohl von Fat Acceptance im Speziellen als auch des (dicken) Körpers im Allgemeinen als einer vordergründig sozialen und weniger einer biologischen Realität.

Fazit

Anne Sophies Menzingers Buch über Fat Acceptance bietet einen schnell erschließbaren Überblick über die äußerst heterogen auftretende (körper-)fettaktivistische Bewegung. Allgemein Interessierte bekommen eine kurze und bündige Einführung in die zentralen Aspekte der gesellschaftlichen Bedeutung von Körpergewicht und -form sowie in die Positionen von Fat Acceptance im Spannungsfeld von medizinisch-gesundheitlich geprägten Präventionsdebatten, Selbstakzeptanzbestrebungen und Feminismus sowie intersektionalen und queer-theoretischen Perspektiven. Insbesondere am politischen Potenzial von Körperfett Interessierte erwartet darüber hinaus eine darin eingebettete, pointierte Darlegung des Körpers als Politikum, in der die Beziehung von Körper und Gesellschaft als ein äußerst machtvolles Verhältnis verdeutlicht wird, welches – wie am Beispiel von Fat Acceptance gezeigt – zugleich Widerstand und damit einhergehend neue politische Akteur*innen hervorbringt.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Marlen Gnerlich
M. A.
Technische Universität Dresden, Fakultät Erziehungswissenschaften
Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften
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Zitiervorschlag
Marlen Gnerlich. Rezension vom 14.08.2018 zu: Anne Sophie Menzinger: Fat Acceptance. Positionen und Praxen einer körperpolitischen Bewegung. MARTA PRESS (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-944442-67-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23682.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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