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Rainer Wohlfarth, Bettina Mutschler: Praxis der hundegestützten Therapie

Cover Rainer Wohlfarth, Bettina Mutschler: Praxis der hundegestützten Therapie. Grundlagen und Anwendung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 239 Seiten. ISBN 978-3-497-02734-7. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR.
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Thema

Seit einigen Jahren „boomt“ die sogenannte tiergestützte Therapie. An entsprechender Literatur zum Thema mangelt es nicht, sodass sich Interessierte schnell einen fundierten Überblick zu tiergestütztem Arbeiten in Therapien und auch in der Pädagogik verschaffen können, wobei die Grenzen zwischen therapeutischen und pädagogischen Interventionen oftmals verschwimmen. Widmen sich einige Publikationen der ganzen Palette an Tieren, die zum Einsatz kommen können, so lässt sich vorab dennoch festhalten, dass Hippotherapie und Kynotherapie am weitesten verbreitet und am besten in der Praxis erprobt sind.

Während es in der Hippotherapie in erster Linie darum geht, PatientInnen mit Einschränkungen in der Gangart Schritt so zu bewegen, dass Muskeln stimuliert werden, die nicht oder kaum mehr eigenständig benutzt werden können, geht es in der Kynotherapie manchmal allein schon um die wohltuende Präsenz und die sich auf dieser Grundlage ergebende Wirksamkeit des Tieres. Wie die Zusammenarbeit mit Hunden gelingen kann, zeigen Rainer Wohlfarth und Bettina Mutschler in der nunmehr zweiten und aktualisierten Auflage ihrer „Praxis der hundegestützten Therapie“.

Autor und Autorin

Dr. Rainer Wohlfarth, Diplom-Psychologe, klinischer Neuropsychologie und psychologischer Psychotherapeut, ist akademischer Mitarbeiter im Fach Public Health/Health Education an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg, außerdem fachlicher Leiter des Freiburger Instituts für tiergestützte Therapie und Vorstandsmitglied der Europäischen Gesellschaft für tiergestützte Therapie (ESAAT). Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Forschungen liegt auf der Mensch-Hund-Beziehung und der Frage, wie die Hundeerziehung von modernen pädagogischen Methoden profitieren kann. Wohlfarth ist Autor einer Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten, unter anderem zur tiergestützten Therapie im Allgemeinen und zu kynologischen Themen im Besonderen (vgl. www.tiere-begleiten-leben.de)

Bettina Mutschler hat nach ihrer Tätigkeit als biologisch-technische Assistentin ihre eigene Hundeschule eröffnet. Sie leitet die Mensch-Hund-Schule „TAPS“ in Freiburg im Breisgau, arbeitet als Hundeerziehungsberaterin, zertifizierte Natural-Dogmanship-Instruktorin, Fachkraft für tiergestützte Therapie und als Coach. Am Freiburger Institut für tiergestützte Therapie bildet Mutschler Therapiebegleithunde-Teams aus und lehrt im Bereich der tiergestützten Therapie (vgl. www.taps-hundeschule.de).

Entstehungshintergrund

In ihrem Vorwort betonen Wohlfarth und Mutschler, dass eigene wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen für die Entstehung des Buches wesentlich seien. Es gehe um ihre eigenen Erfahrungen, Einsichten, Ideen und insbesondere um ihre Haltung, die irritierend und unbequem daherkommen könne. Die zweite Auflage weise dieselbe Struktur auf wie die erste (2016), jedoch seien einige Details verändert und die Sammlung der Online-Materialien erweitert worden.

Aufbau und Inhalt

Wie breit gefächert das thematische Spektrum ist und wie exhaustiv es die beiden Autoren behandeln, zeigt ein erster Blick auf das Inhaltsverzeichnis. Die insgesamt 20 Kapitel beginnen mit einer Darstellung der Geschichte hundegestützter Interventionen und enden mit Hinweisen zu rechtlichen Grundlagen. Ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Sachregister runden die Monographie ab. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der Einsatz eines „Therapiebegleithundes“, dies sei die korrekte Bezeichnung, so ist in der „Einleitung“ (1) zu lesen, bedeute immer eine große Verantwortung. Es genüge nicht, mit Hunden einfach „loszuziehen“ und sie ohne therapeutische Grundausbildung und ohne solide Kenntnisse über das Verhalten des Tieres als „Wundermittel“ in einer Therapie anzusehen.

Im Jahre 1962 beginnt die „Geschichte tiergestützter Therapie mit Hunden“ (2). Fungierte Jingles, der Hund des amerikanischen Kinderpsychotherapeuten Boris Levinson, zunächst nur rein zufällig als Motivator für eine sich schwierig anlassende Therapie, so setzte Levinson ihn später systematisch als „Eisbrecher“ ein. Trotz vielfältiger Forschungen und trotz der Gründung seriöser Vereine zur tiergestützten Therapie bestehe auch heute noch eine Diskrepanz zwischen ihrer Verbreitung und gesicherten Erkenntnissen zu ihrer Wirksamkeit. In wissenschaftlicher Hinsicht handele „es sich hier um ein nahezu unbestelltes Feld“ (S. 22), obgleich sich die Situation in den letzten Jahren verbessert habe. Auch sei man inzwischen bemüht, Qualitätsstandards für die Praxis zu formulieren.

Im folgenden Kapitel (3) lassen Wohlfarth und Mutschler „Begriffe und Definitionen“ der „International Association of Human Animal Interaction Organizations“ (IAHAIO) Revue passieren, bevor sie auf die Begriffserweiterung der „European Society for Animal Assisted Therapy“ (ESAAT) zu sprechen kommen, die tierethische Aspekte stärker berücksichtige und die „Beziehungs- und Prozessgestaltung im Beziehungsdreieck Klient – Tier – Bezugsperson“ (S. 27) in den Mittelpunkt stelle.

Die folgenden „Merkmale tiergestützter Therapie“ (4) werden gelistet: „Keine eigenständige Therapiemethode“, „Notwendigkeit spezifischer Weiterbildung“, „Der Hund als aktiver Arbeitspartner“, „Zielorientierung“, „Die Triade Therapeut – Hund – Klient“, die „Qualität der Mensch-Hund-Beziehung“, „Interaktionsformen tiergestützter Therapie“ und „Salutogenese“. Obwohl der Hund als „aktiver Arbeitspartner“ einzustufen sei, wolle und könne er einen Klienten nicht heilen, dies sei eine „anthropomorphe Sichtweise“, mit der vorsichtig umzugehen sei. Niemand könne sagen, ob der Hund menschliche Gefühle spüre, dies sei immer Spekulation. Aus der Dyade Therapeut-Klient entstehe mit dem Hund eine Triade, die den Therapieprozess komplexer gestalte und im Idealfall einen Hund integriere, der weder eine auf Dominanz basierende Erziehung erfahren habe noch eine solche, die Grenzen und Regeln auslasse. Die Interaktionsformen sollten zwischen „Für“, „Über“ und „Mit“ wechseln: so könne der Klient am Anfang etwas für den Hund tun, beispielsweise den Wassernapf füllen und etwas über ihn erfahren, bevor er mit ihm in Kontakt trete.

Im Gegensatz zu anderen Haustieren werde ein Hund kaum unter dem Aspekt der Nutzung gehalten (5: „Sonderstellung Hund“). Dennoch erfülle er unterschiedliche Funktionen für seine Menschen, außerdem seien sich Mensch und Hund aufgrund ihrer gemeinsamen Evolution insofern sehr ähnlich, als sie beide nach sozialer Interaktion strebten und sich auf ihr Gegenüber einstellen könnten. Zu beachten sei jedoch immer, dass der Hund in einer analogen Welt und nicht in der digitalen Welt der Sprache lebe.

Die „Grundlagen der Mensch-Hund-Beziehung“ (6) lassen sich nach Wohlfarth und Mutschler folgendermaßen resümieren: „Biophilie“, die „evolutionäre Anziehung“ zu anderen Lebewesen, die aber immer im Einzelfall abzuklären sei, denn nicht bei jedem Menschen erstrecke sich die Biophilie auf Hunde. „Du-Evidenz“, die impliziert, dass Menschen in der Lage sind, ihresgleichen und andere Lebewesen als Individuen wahrzunehmen. Bei Mensch und Hund seien neuronale Netzwerke, Temperament und Mechanismen der Stressbewältigung, die sich im Zuge der Evolution herauskristallisiert hätten, genauso vergleichbar wie die Funktion der „Spiegelneurone“. Insbesondere jedoch werde die Beziehung zwischen Mensch und Hund durch „hormonelle Aspekte“ und das „Oxytocin-System“ (S. 57) gesteuert. Hinzu komme die „Bindungstheorie“ (S. 58), denn – so wie ein Kleinkind – verlange der Hund nach Bindung und wolle gleichermaßen explorieren. „Sichere Basis“ und „Sicherer Hafen“, dies seien Metaphern, mit denen das gewünschte Verhalten eines Hundebesitzers am besten beschrieben werden könne. „Aspekte der Kommunikation“ seien deshalb entscheidend, weil zu beachten sei, dass ein Hund in erster Linie auf körpersprachliche Signale reagiere. „Emotionstheoretische Aspekte“ spielten eine grundlegende Rolle, weil hier immer davon ausgegangen werden müsse, dass ein Tier nicht nur emotionale Bedürfnisse erfülle, sondern ein eigenständiges Wesen darstelle, dessen Emotionen ebenso Beachtung finden müssten.

„Wirkfaktoren und Wirkungen tiergestützter Therapie“ (7) sind oftmals nicht spezifisch, sondern überschneiden sich. Vieles sei bei der Interpretation von möglichen Wirkungen zu bedenken, denn es gebe bislang kaum wissenschaftliche Nachweise darüber, wie eine mögliche Wirkung entstehe. Und dennoch: Fest steht, dass Hunde oftmals Ängste und Spannungen mindern, sie Menschen ein Bindungsangebot machen und bei unsicher gebundenen Kindern in Stresssituationen zum Spannungsabbau beitragen. Sie seien als „soziales Medium“ zu betrachten, das therapeutische Gespräche anrege und die Art und Weise, wie der Therapeut seine Klienten wahrnehme, beeinflusse. Ein Hund arbeite „klienten-zentriert“, denn im Gegensatz zu Menschen bewerte er nicht, obschon er Vorlieben und Abneigungen gegenüber Menschen manifestiere. „Hunde als Kommunikationsförderer“ heiße für die Klienten, ihre Gefühle ohne Angst vor Wertung spontan aussprechen zu können und biete die Chance, mit dem Hund zu lernen, die digitalen und analogen Anteile der Kommunikation besser aufeinander abzustimmen. Hunde seien nicht zuletzt als „Projektionsfläche“ zu begreifen, sodass sich vielerlei Wege der „Regression, Projektion und Entlastung“ (S. 85) ergäben. Außerdem förderten Hunde die Selbstwirksamkeit.

Im Kapitel zu „Tierschutz und Tierethik“ (8) erläutern Wohlfarth und Mutschler Kernbereiche jeder therapeutischen Intervention mit Tieren. Es gehe immer um eine spezifische Haltung zum Tier, grundlegende Leitlinie sei dabei das Tierschutzgesetz, aus dem „spezifische tierethische Aspekte“ erhellen: der Therapeut sei dafür verantwortlich, dass es dem Hund gut gehe, dass er, genauso wie die beteiligten Menschen, nicht perfekt sein müsse, sondern Fehler machen dürfe. Der Hund solle nicht zu einem Clown degradiert werden, sondern er müsse Arbeitspartner sein, was bedeute, dass unbedingt immer auf eine gute Passung zwischen Klient und Hund zu achten sei. Das Kapitel endet mit einem langen Abschnitt zu „Leckerlis und Tricks – unsere persönliche Sicht“: „Wir sind der Meinung, dass eine konstante, intensive, positive und partnerschaftliche Beziehung weder durch starre Autorität, noch ‚sanfte‘ Erziehung mit Leckerlis nachhaltig gestaltet werden kann“ (102). Stattdessen plädieren die Autoren für einen „beziehungsorientierten Umgang“ mit dem Hund, für das „Konzept des Leaderships“, das auf einer empathischen, authentischen und glaubwürdigen „Führung“ basiere (S. 105). Alle Aktivitäten müssten auch für den Hund Sinn ergeben. Eine gute Zusammenfassung der tierethischen Aspekte biete die „Grundrechte Charta für Therapiebegleithunde“nach Ann Howie (vgl. S. 107/108).

Wenn sich ein Mensch dazu entscheide, hundetherapeutisch arbeiten zu wollen, benötige er eine therapeutische Grundausbildung, außerdem Empathiefähigkeit für den Hund und den Klienten sowie viel Geduld und Frustrationstoleranz. Es wäre verfehlt, vom Hund zu erwarten, dass er ganz automatisch funktioniere („Grundvoraussetzungen beim Menschen“ im Kap. 9: „Grundvoraussetzungen für das Mensch-Hund-Team“). Die „Grundvoraussetzungen beim Hund“ seien nicht einfach zu erfüllen. Nur ca. 20 % aller Hunde, welche ihre Menschen für eine Ausbildung zum Therapiebegleithunde-Team geeignet hielten, seien dies tatsächlich. Der Hund müsse auch bei ihm unbekannten Menschen sozialen Kontakt mögen, er müsse nervenstark sein, eine hohe Kooperationsbereitschaft zeigen und schnell zwischen Aktivität und Passivität wechseln können.

Bei der Auswahl des Hundes („Kriterien für die Auswahl des Hundes“, 9) dürfe man sich nicht von Rassebeschreibungen oder von Lobgesängen der Züchter irritieren lassen. Bei der Frage, ob eventuell ein Tierschutzhund als Therapiebegleithund infrage kommen könnte, sei vor allem zu bedenken, dass die Vergangenheit eines solchen Hundes oftmals schwer zu kompensieren sei. Für tiergeschützte Arbeit eigneten sich insbesondere Hunde, die weniger territorial veranlagt seien, die erst „nach dem Schuss“ jagten und einen ausgeprägten „will to please“ hätten (S. 125).

Die beiden folgenden Kapitel (11: „Sozialisierung“ und 12: „Verhaltensbeobachtung vor der Ausbildung“) nehmen in erster Linie die Sozialisierungsphase des zukünftigen Therapiehundes in den Blick. Man solle möglichst die Elterntiere kennenlernen, für die Welpen selbst sei es unter anderem wichtig, dass man ihnen von Anfang an einen Rückzugsort biete, sie regelmäßigen Körperkontakt mit unterschiedlichen Menschen hätten und mit verschiedenen Gehhilfen vertraut werden könnten. Nach dem Auszug aus der Ursprungsfamilie solle bereits der Welpe allmählich die Räumlichkeiten erkunden, in denen er später eingesetzt werde. Vor der eigentlichen Ausbildung steht ein Verhaltensassessment in sieben Dimensionen auf dem Programm (vgl. S. 146).

Obwohl es in Deutschland keine festen rechtlichen Standards für die Aus- und Weiterbildung in tiergestützter Therapie gebe, sei eine berufsbegleitende Weiterbildung in tiergestützter Therapie im Allgemeinen gefordert, die von hundespezifischen Aus- und Weiterbildungen ergänzt werde (13: Aus- und Weiterbildung des Menschen). Bei diesen gehe es um „die Ausbildung des Mensch-Hund-Teams“ (14), nicht um eine eigenständige Ausbildung zum Therapiebegleithund. Drei große Eckpfeiler („Die Grundlage“, „Der Weg“, „Das Ziel“) werden hier jeweils in mehrere kleine Bausteine aufgefächert, um zu zeigen, wie diese sukzessive zur erfolgreichen Teambildung hinführen. Zur Grundlage gehört etwa die Kommunikation zwischen Mensch und Hund sowie das Meistern von Alltagssituationen. Gleichzeitig sollten bereits früh individuelle Talente gefördert werden und der Hund solle überhaupt die Erfahrung machen, dass Lernen etwas ganz „Tolles“ sei (S. 157). Im zweiten Abschnitt stehe das Kennenlernen des zukünftigen „Arbeitsumfeldes“ an, gelernte Signalabläufe müssten gefestigt werden und der Faktor Spaß dürfe ebenfalls nicht zu kurz kommen. Am Ende der Ausbildung sei „eine Überprüfung des Mensch-Tier-Teams in therapeutischen Situationen durch erfahrene Fachpersonen angezeigt“ (S. 164). Das Ziel der gesamten Ausbildung sei eine sichere Bindung (S. 166/167).

Das letzte Viertel des Buches geht verstärkt auf die Praxis hundegestützter Interventionen ein: So etwa präsentieren Wohlfarth und Mutschler in Kapitel 15 („Konzepte tiergestützter Therapie“) Schwerpunkte, die einen Querschnitt aus unterschiedlichen Fachrichtungen bilden. „Interaktionen in der Triade“, so erläutern sie, können manchmal von einem „Diamanten-Ansatz“ ersetzt werden (Vierergruppe Klient-Therapeut-Hundeführer-Hund), „das Konzept Nähe – Distanz“ fokussiere die jeweiligen Kontakträume und damit einhergehend unterschiedliche Methoden („Methode der freien Bewegung“, „Hort-Methode“, „Brücken-Methode“ und „Präsenz-Methode“), außerdem sei zu berücksichtigen, dass ein Hund manchmal aktiv in das Geschehen einbezogen, manchmal aber eher passiv sei. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal seien „Formen der Interaktion“ („freie“, „gelenkte“ und „ritualisierte“ Interaktion).

Sehr detailliert gehen die beiden Autoren im Kapitel 16 („Organisation, Durchführung und Evaluation hundegestützter Therapie“) vor, indem sie über die Planung, das Erkunden der Einrichtung, „vorbereitende Fortbildungen“, „Abstimmung und Festlegung des Procedere“, „Aufklärungsgespräch und Einwilligungserklärung“, „Schnupperbesuch des Hundes“, „Auswahl der Räumlichkeiten“, „Screening zum Verhältnis zu Hunden“, „Basisdokumentation“, „Zielformulierung“, „Verlaufsdokumentation“ und „Ergebnisevaluation“ hin zum „leidigen Thema Bezahlung“ kommen. Diesen Reigen beenden konkrete Bemerkungen zur Vorbereitung des Hundes und zu der Art, wie er in der Einrichtung zu führen ist.

Kapitel 17 („Übungselemente“) bezeichnet eine Leerstelle, denn die Autoren verzichten aus mehreren Gründen darauf, Übungselemente aufzuführen (vgl. 197/198).

Die beiden letzten Kapitel enthalten Details zu „Qualitätsmanagement“ (18) und „rechtlichen Grundlagen“ (19).

Diskussion

Den beiden Autoren gelingt es vorzüglich, Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen. Dabei decken sie Problembereiche auf, die es (nicht nur) in der therapeutischen Arbeit mit Hunden zu reflektieren gilt. Da ist beispielsweise die Vermenschlichung des Hundes, die nicht in einem „naiven Anthropomorphismus“ bestehen sollte. Es sei normal und notwendig für das Entstehen einer individuellen Beziehung, dass man dem Hund menschliche Attribute zuschreibe, man müsse sich aber darüber im Klaren sein, dass diese Betrachtung ein Hilfsmittel sei und als solches in einem „reflektierten und investigativen Anthropomorphismus“ (S. 36) bestehen müsse. Ein Klient dürfe anthropomorphisieren, der Therapeut sei aber immer dazu angehalten, auf der Metaebene zu bleiben. Solche Maximen sind genauso erhellend wie etwa die Bemerkungen zur sicheren Bindung vom Hund zum Menschen, deren Relevanz aus der Bindungstheorie von Bowlby und Ainsworth übertragen werden kann.

Das Kapitel zu Tierschutz und Tierethik (8) wäre eine hervorragende Pflichtlektüre für alle Hundehalter. Warum keine „Leckerlis“ – so mag sich mancher Hundehalter, der mit ihrem Einsatz nicht spart, denken… Doch die Philosophie, auf die Partnerschaft zu bauen, den Hund wertschätzend als intrinsisch motiviertes Gegenüber zu sehen, kann uneingeschränkte Anerkennung finden. Gerade solche Erwägungen machen das Buch sehr wertvoll und sehr nützlich für Hundebesitzer, die meinen, dass man die naturgegebene Gefräßigkeit ihrer Vierbeiner im Hinblick auf gute Erziehung instrumentalisieren könne. In dem Abschnitt zu den „Grundvoraussetzungen beim Hund“ attackieren die Autoren zu Recht die naive Sichtweise, dass jeder sanfte Familienhund für eine Ausbildung zum Therapiehund geeignet sei und verurteilen noch mehr die Meinung, dass Vertreter bestimmter Rassen von vorneherein in therapeutischen Settings eingesetzt werden könnten. Sehr zu loben ist, dass die Hinweise zu den nach landläufiger Meinung therapeutisch besonders gut geeigneten Rassen eher beiläufig vorgetragen werden. Die Rasse mag zwar ein hilfreiches Kriterium sein, denn oftmals ist ein Golden Retriever von Natur aus ruhiger als etwa ein Schäferhund. Ob er aber schon allein deshalb als Therapiebegleithund geeignet ist, hängt von seiner individuellen Prägung und vor allem von den Menschen ab, die mit ihm arbeiten. Daraus resultiert, dass weder der Mensch noch der Hund allein für eine gelungene Kynotherapie verantwortlich zeichnen, sondern dass es immer auf die Teambildung zwischen Mensch und Hund ankommt. Gute Einblicke in die Entstehung der Zusammenarbeit bieten die Erläuterungen zur Ausbildung des Mensch-Hund-Teams, genauso hilfreich sind die Ausführungen zu den verschiedenen Konzepten tiergestützter Therapie, die in die Darstellung des konzeptionellen Vorgehens der Autoren münden (vgl. S. 76/77), sowie die Passagen zum Qualitätsmanagement, eine „Checkliste zu Qualitätsdimensionen“ (S. 202-205) inklusive.

Einen unangemessen breiten Raum nimmt im 19. Kapitel jedoch alles ein, was man als „juristische Formalia“ bezeichnen könnte. Hier fragt man sich, ob es nicht doch adäquater gewesen wäre, anstattdesssen, trotz der dazu reichlich existierenden Literatur, einige Übungselemente aufzunehmen. Die starke Betonung der rechtlichen und damit einhergehend der Fokus auf dem sogenannten „Hygienemanagement“ erscheinen stark übertrieben, spiegeln allerdings den typisch deutschen (eventuell ebenso schweizerischen und österreichischen [?]) heteronomen Reglementierungswahn und Gesetzesfetischismus, deren Beachtung oft hypostasiert wird. Auf das Konto der Autoren geht die Sache an sich natürlich nicht, sie scheinen jedoch großen Respekt davor zu haben. Tierhaarallergien und – „Worst-case-Szenario“ – eine mögliche MRSA-Übertragung durch gebarfte Hunde müssen selbstredend mit der gebotenen Ernsthaftigkeit in Betracht gezogen werden. Doch was spricht ansonsten dagegen, einen lockeren Umgang mit den Tieren zu pflegen, wenn deren Gesundheit hinreichend überwacht wird und sie in den empfohlenen Abständen ihre Impfungen erhalten? Bereits bei einfachen Hygienemaßnahmen ist die Sicherheit der beteiligten Menschen gewährleistet, denn die Gefahr von Zoonosen etwa ist denkbar gering. Nach aktuellem veterinärmedizinischem Wissensstand ist die Übertragung einer Infektion vom Menschen auf den Hund sehr viel wahrscheinlicher als der umgekehrte Fall.

Dass Wohlfarth und Mutschler manchmal etwas redundant sind (an mehreren Stellen geht es um Anthropomorphisierung oder um die Triade Hund – Therapeut – Klient), dass zu Beginn des 16. Kapitels mehrmals „Sie“ und „sie“ bzw. „Ihre“ und „ihre“ verwechselt werden und dass die Publikation überhaupt etwas besser hätte Korrektur gelesen werden können – das sind Details, über die man getrost hinwegsehen darf. Vielmehr sollte man sich an einem thematisch breit gefächerten Panoptikum erfreuen, das sich nicht nur im Fließtext, sondern auch in graphisch abgesetzten „Praxistipps“, in separierten Bemerkungen zu Studien oder in Begriffserläuterungen niederschlägt.

Im Rahmen dieser Multiperspektivität findet man Antworten auf viele, bei weitem aber nicht alle Fragen, die sich im Umkreis von hundegestützter Therapie ergeben. Obwohl man sich nach der Lektüre als rundum informiert erlebt, wirkt das Buch wie ein „Appetizer“. Ein grundlegendes Desiderat richtet sich erstens auf die genauere Differenzierung zwischen tiergestützter Pädagogik und tiergestützter Therapie und zweitens auf ein Auseinanderdividieren der großen Palette an Einsatzmöglichkeiten hundegestützter Therapie, denn – wie die Autoren bereits im Vorwort erwähnen – der Begriff „Therapeut“ sei sehr extensiv gefasst.

Fazit

Rainer Wohlfarth und Bettina Mutschler haben ein solides und gut lesbares Grundlagenwerk vorgelegt, das theoretische und praktische Aspekte nahtlos miteinander verschmilzt, das als eine Art „Rundum-sorglos-Buch“ hundegestütztes Arbeiten hervorragend fundiert und jenseits aller therapeutischen Ansprüche allen Hundebesitzern ans Herz gelegt werden sollte. In der gesamten Monographie wird spürbar, über welch hohes Maß an Fach-, Methoden- und Handlungskompetenz die beiden Autoren verfügen. Viele wertvolle Einsichten stellen eine Optimierung der Mensch-Hund-Kommunikation in Aussicht.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 13.06.2018 zu: Rainer Wohlfarth, Bettina Mutschler: Praxis der hundegestützten Therapie. Grundlagen und Anwendung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-497-02734-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23685.php, Datum des Zugriffs 25.06.2018.


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