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Ute Antonia Lammel, Helmut Pauls (Hrsg.): Sozialtherapie. Sozialthera­peutische Interventionen (...)

Cover Ute Antonia Lammel, Helmut Pauls (Hrsg.): Sozialtherapie. Sozialtherapeutische Interventionen als dritte Säule der Gesundheitsversorgung. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2017. 253 Seiten. ISBN 978-3-8080-0802-7. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 37,00 sFr.
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Herausgeberin und Herausgeber

Ute Antonia Lammel lehrt als Professorin an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Aachen.

Helmut Pauls lehrt als Professor an der Hochschule Coburg.

Autorinnen und Autoren

Insgesamt beteiligen sich 24 AutorInnen, die überwiegend an Hochschulen in den Fachgebieten Soziale Arbeit und Gesundheit lehren. Weitere AutorInnen sind in der Klinischen Sozialarbeit tätig.

Entstehungshintergrund

Im Zuge der internationalen Entwicklung stehen soziale und gesundheitsbezogene Berufe, und hier speziell die Klinische Sozialarbeit, vor der Aufgabe ihren Platz in der Kooperation mit anderen Berufsgruppen neu zu bestimmen und hierfür entsprechende Aus-, Fort- und Weiterbildungskonzepte zu entwickeln. Zu dieser Aufgabe wollen die Autorinnen und Autoren einen Beitrag leisten, um sozialtherapeutische Interventionen als dritte Säule der Gesundheitsversorgung zu installieren.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier übergreifende Kapitel:

  1. Einleitung der HerausgeberInnen,
  2. Grundlagen,
  3. Arbeitsfelder und Zielgruppen und
  4. Forschungsmethoden/Perspektiven.

Die Herausgeber zeigen in ihrer Einleitung im ersten Kapitel auf, dass die soziale Umgebung eine herausragende Bedeutung bei der Krankheitsentstehung und bei den Heilungsprozessen hat und daher die somatische, psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung und Behandlung der Ergänzung einer sozialtherapeutischen Perspektive bedarf. Solch eine auf einem biopsychosozialen Modell beruhende Sozialtherapie soll den Anspruch an eine integrative Problembearbeitung erfüllen. Die Debatten um die Zukunft der Gesundheitsforschung machen deutlich, dass mit einer weitreichenden Veränderung der Berufsrollen im Gesundheitswesen und der derzeitigen Arbeitsteilung zu rechnen ist. Dies hat weitreichende Konsequenzen, auch neu ab zu stimmende Verantwortlichkeiten und damit auch veränderte Aus-, Weiter- und Fortbildungen. Im Zuge dieser Entwicklung stehen die sozialen Berufe und insbesondere die (Klinische) Soziale Arbeit vor der Aufgabe entsprechende Konzepte zu entwickeln. Hierzu will das Buch einen Beitrag leisten, indem Möglichkeiten vorgestellt werden, wie die komplexen Person-Umwelt-Aspekte sozialgesundheitlich fundierter klinisch-therapeutischer Sozialer Arbeit zu erfassen sind. In diesem Ansatz sind gesundheitsgefährdende Belastungen und Störungen, sowie Erkrankungen nicht mehr einseitig auf der Ebene von Individuen lokalisiert, sondern vorrangig werden soziale Verhältnisse und die dort auftretenden gesundheitsrelevanten Problemlagen betrachtet. Dies bedeutet, dass sich auch die Diagnostik nicht mehr auf Einzelpersonen beschränkt und auf der Ebene der Interventionen individualtherapeutische Ansätze mit sozialen Interventionen kombiniert werden.

Im zweiten Kapitel stellen einführend Wolfgang Rutz und Helmut Pauls die Herausforderung einer sozialen Gesundheitsversorgung im Kontext des gesellschaftlichen Wandels in Europa dar. Im Anschluss (Kapitel 2.2) nehmen Karlheinz Ortmann, Dieter Röh und Harald Ansen eine Gegenstandsbestimmung der Sozialtherapie vor, während Helmut Pauls und Gernot Hahn (2.3) die Bedeutung der sozialen Teilhabe in einen historischen Kontext stellen. Im Anschluss gibt Alexander Trost einen Überblick über die Bindungsorientierung und Stephan Dettmers (2.5) nimmt eine Einordnung der Sozialtherapie in den ICF vor. Mit möglichen Überschneidungs- und Ergänzungsverhältnissen mit der psychotherapeutischen Versorgung beschäftigt sich Maren Bösel. Das Grundlagenkapitel schließt mit einer Erörterung sozialtherapeutischer Grundrichtungen, die die Entwicklung der Sozialtherapie bestimmen (Dario Deloi und Ute Antonia Lammel).

Im dritten Kapitel des Buches beschäftigen sich die AutorInnen mit typischen Arbeitsfeldern und Zielgruppen beim Einsatz der Sozialtherapie; hierzu gehören die Bereiche Psychiatrie, Klinische Jugend- und Familienhilfe, Sucht, Strafvollzug und schwere somatische Erkrankungen.

Das Buch schließt im vierten Kapitel „Forschungsmethoden und Perspektiven“ mit zwei Beiträgen von Robert Lehmann über die Wirkung und Wirksamkeit sozialtherapeutisch profilierter Interventionen und einen von Hansgeorg Ließem über berufspolitische Zukunftsperspektiven. Abschließend werden die beruflichen Qualifikationen der Autorinnen und Autoren aufgeführt. Jedes einzelne Kapitel schließt mit einem Literaturverzeichnis.

Zu Kapitel 2 (Grundlagen)

Im ersten Beitrag skizzieren Wolfgang Rutz und Helmut Pauls die Herausforderungen einer sozialen Gesundheitsversorgung im Kontext des gesellschaftlichen europäischen Wandels für ein auch sozialtherapeutisch sensibles Gesundheitswesen. Sie weisen darauf hin, dass auch die soziale Arbeit eine gesellschaftliche Verantwortung trägt, vor der sich die Profession nicht länger drücken dürfe.

Im zweiten Grundlagenkapitel nehmen Karlheinz Ortmann, Dieter Röh und Harald Ansen eine Gegenstandsbestimmung vor und umreißen ein zukünftiges Handlungs- und Forschungsprogramm. Verwiesen wird auf ein Passungsmodell, dass grundsätzlich biopsychosozial zu verstehen sei. In diesem Kontext lässt sich Krankheit, so die Autoren, als Resultat von Passungsstörungen oder -verlusten auf der somatischen, psychischen und sozialen Systemebene verstehen (S. 30). Sozialen Faktoren käme die gleiche Bedeutung zu wie körperlichen und/oder psychischen Einflüssen. Hieraus ließe sich eine klare Begründung für den eigenständigen Beitrag der Sozialen Arbeit bei der Bearbeitung von gesundheitlichen Störungen ableiten. Im weiteren betonen die Autoren die Bedeutung sozialer Netzwerke und die Erschließung von Ressourcen, um dann sieben grundlegende Formen sozialtherapeutischer Praxis aufzuführen, nämlich Sozialtherapie als professionell arrangierte Lebenspraxis/Milieugestaltung, Training, Gespräch, Begleitung, Case Management Netzwerkarbeit und die Krisenintervention. Zudem werden als grundlegende theoretische Zugänge systemtheoretischer Grundlagen, die Konzepte sozialer Unterstützung und das der sozialen Räume diskutiert. Abschließend werden summarisch bedeutsame Einsatzfelder, hier insbesondere das Gesundheitswesen, die psychiatrische Versorgung, Hilfen für Menschen mit Behinderung, Suchtkrankenhilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Strafvollzug und forensische Psychiatrie dargestellt. (In ihrem Beitrag benennen die Autoren grundlegende theoretische und methodische Aspekte, eine Reihe von Fragen bleibt m.E. offen, auf die ich im Weiteren eingehen werde.)

Im dritten Unterkapitel heben Helmut Pauls und Gernot Hahn die Bedeutung der sozialen Umgebung und ihrer Merkmale auf die Gesundheit der Menschen hervor, exemplarisch weisen sie auf die Bedeutung der Faktoren Lebensalter, Geschlecht, Bildung, berufliche Status und Einkommen als Merkmale für die soziale Teilhabe hin. Die Autoren stellen dies in einen Kontext einer 100-jährigen Geschichte der Sozialen Arbeit. Abschließend weisen sie auf zukünftig zu erschließende sozialtherapeutische Arbeitsfelder hin. Genannt werden die Krankenhaussozialarbeit, die Interkulturelle Sozialarbeit, die Schulsozialarbeit und die allgemeinmedizinische Versorgung. (Ergänzt werden könnten die Pädiatrie und die Geriatrie.) In all diesen Arbeitsfeldern sei die soziale Teilhabe als wichtige Dimension der Gesundheit zu fokussieren.

Alexander Trost führt im Unterkapitel 2.4 aus, wie die Orientierung an den Ergebnissen der Bindungsforschung maßgeblich dazu beiträgt, die professionelle Arbeitsbeziehung wirksam zu gestalten, indem die Bedeutung der frühkindlichen Bindung ebenso betont wird, wie das Verständnis Sozialer Arbeit als Beziehungsarbeit. Trost weist darauf hin, dass die Klienten der Sozialen Arbeit zu einem Großteil zu der Gruppe der desorganisiert gebundenen Menschen gehören, von denen viele bereits in der Kindheit früh und chronisch traumatisiert wurden. In der Psychiatrie, der Suchthilfe, der Arbeit mit Flüchtlingen, Obdachlosen und straffällig gewordene Menschen finden sich zudem viele hoch unsicher gebundene Menschen, wobei sich diese Bindungsunsicherheiten vielfältig im weiteren Leben auswirken. Daher benötigen HelferInnen in der Sozialen Arbeit und in der Sozialtherapie ein fundiertes Bindungswissen, ebenso wie die Bereitschaft die Kompetenz und das eigene Bindungsverhalten zu erkennen und fortlaufend zu reflektieren.

Anschließend (Kapitel 2.5) beschäftigt sich Stephan Dettmers mit der ICF orientierten Diagnostik sozialer Teilhabe als einen Bestandteil der konzeptionellen Begründung sozialtherapeutischer Interventionen. Dettmers zeigt auf, wie es möglich ist Schnittstellen für Kooperationen mit anderen Professionen zu definieren und Interventionen so auszurichten, dass mit Verwendung der ICF-Items Verbesserungen der sozialen Sicherung und der persönlichen Entwicklung dargestellt und überprüft werden können. Dettmers verweist zudem auf die Möglichkeit, dass sich mithilfe der ICF-Diagnostik und der darauf folgenden Interventionen ein für eine systematische und interdisziplinäre Behandlung notwendiger sozialer Zugang, der gleichermaßen bei psychischen und somatischen Störungen greift (S. 89) ermöglicht wird und dass damit eindringlich auf den Bedarf an sozialtherapeutischen Angeboten hingewiesen wird, um vielfältige psychosoziale Folgeprobleme bei chronischen Erkrankungen zu behandeln.

In ihrem Beitrag (2.6) geht Maren Bösel auf die Integration sozialtherapeutischer Kompetenzen in der psychotherapeutischen Versorgung ein, um im Überschneidungs- und Ergänzungsverhältnis Synergien zum Wohle des Klientels nutzbar zu machen. Sie zeigt Möglichkeiten auf, wie PsychotherapeutInnen die Zusammenarbeit mit der Klinischen Sozialen Arbeit verbessern können und wie sozialtherapeutische Konzepte in einen psychotherapeutischen Gesamtbehandlungsplan zu integrieren wären.

Im Kapitel 2.7 geben Dario Deloi und Ute Antonia Lammel eine Übersicht über sozialtherapeutische Grundorientierungen. Sie skizzieren die psychoanalytisch/psychodynamisch-orientierte Sozialtherapie, die verhaltensorientierte Sozialtherapie, die humanistisch orientierte Sozialtherapie, die systemisch-orientierte Sozialtherapie und die integrative Sozialtherapie. Diese letztgenannte Form entwickelten Hilarion Petzold u.a. in den sechziger Jahren auf dem Hintergrund umfangreicher Theorien und praktischer Erfahrungen. Der Anmerkung von Deloi und Lammel, dass die Integrative Therapie in ihrer methodischen Ausrichtung eine gute Passung mit der Klinischen Sozialarbeit aufweist, soll hier unterstützt werden. Verwiesen werden soll hier insbesondere auf die vier Wege der Heilung und der Förderung (Bewusstseinsarbeit, Nach- und Neusozialisation, ressourcenorientierte Erlebnisaktivierung und Solidaritätserfahrungen) von Petzold (2012) und auf die 14 Wirkfaktoren.

Zu Kapitel 3 (Arbeitsfelder und Zielgruppen)

Im dritten „Arbeitsfelder und Zielgruppen“ beschäftigen sich die AutorInnen mit den bereits erwähnten exemplarischen Arbeitsfeldern und Zielgruppen der Sozialtherapie. In dieser Rezension soll nur auf einzelne der Artikel kurz eingegangen werden.

Maria Ohling berichtet in ihrem Aufsatz über die ambulante Soziotherapie mit psychisch Kranken über die Analyse von 20 Leitfadeninterviews mit Sozialpädagogen und Sozialarbeiterinnen, die überwiegend als Sozialtherapeuten tätig sind. Gefragt wurde auch danach, was nach Ansicht der Studienteilnehmerinnen das therapeutische an der Soziotherapie sei, wobei die Antworten hier sehr unterschiedlich ausfielen. Auch diese Studie weist somit auf einen weiteren Klärungsbedarf hin.

In den weiteren Kapiteln wird exemplarisch dargestellt, dass sich Sozialtherapie nicht nur an einzelne Individuen (im Kontext ihrer Umwelten) richtet, sondern auch an Familien (siehe Johannes Jungbauer mit seinem Beitrag über Familien mit einem psychisch kranken Elternteil) oder an Gruppen (siehe hier den Beitrag von Gernot Hahn über die sozialtherapeutische Gruppenarbeit in der Resozialisierung psychisch kranker Straftäter) angewendet werden kann. Einen möglichen Ansatz einer Angehörigenarbeit zeigen Johannes Jungbauer und Miriam Floren mit ihren Ausführungen über die psychosoziale Beratung mit Angehörigen von Schlaganfallbetroffenen auf.

Zu Kapitel 4 ( Forschungsmethoden und Perspektiven)

Im letzten kürzeren Kapitel über die Forschungsmethoden und Perspektiven fast Robert Lehmann Forschungsergebnisse über die Wirksamkeit sozialtherapeutischer Interventionen zusammen. Einführend weist er auf das Problem der wenig spezifischen Definition von Sozialtherapie hin, um dann Forschungsergebnisse in ausgewählten Bereichen, der Psychiatrie, der Sozialtherapie, im Justizvollzug und in der Suchthilfe zusammenzufassen. Letztlich seien, so Lehmann, allgemeine Aussagen zu Wirkungen der Sozialtherapie aufgrund der Heterogenität der Arbeitsfelder und der Komplexität der angewandten Interventionen nicht möglich.

Abschließend geht Hansgeorg Ließem auf berufspolitische Zukunftsperspektiven ein. Erörtert wird hier leider jedoch nur der Einsatz der Soziotherapie im Rahmen der fachärztlich verordneten Intervention im Kontext der Psychiatrie. Für diesen Bereich geht Ließem davon aus, dass die Soziotherapie in Zukunft noch bedeutendere Funktionen bei der Behandlung psychisch erkrankter Menschen übernehmen wird. Hierfür seien jedoch neue Aus- und Fortbildungsprofile ebenso notwendig, wie ein eigenes Forschungsverständnis.

Diskussion

Sozialtherapie wird von den AutorInnen in diesem Buch als eine der Person zugewandte Form der Bearbeitung von sozialen Problemen verstanden, die die Umwelten und das Umfeld der Person berücksichtigt. Sozialtherapie wird notwendig in Fällen, in denen Information, Vermittlung und Beratung nicht mehr ausreichen, da die Probleme zu komplex und gravierend erscheinen. Für mich stellen sich eine Reihe von noch zu beantwortenden Fragen auf verschiedensten Ebenen (dies ist keine Kritik an den VerfasserInnen des Buches, solche Fragen stellen sich auch bei meinen eigenen Ausführungen, siehe Beushausen 2016). Einige sollen hier angedeutet werden:

  • Was meint der Begriff Sozialtherapie? Ist hiermit ein Konzept, eine Methode, ein therapeutisches Verfahren, eine Profession oder ein eigenständiger Beruf gemeint?
  • Sozialtherapie wird in verschiedensten Arbeitsfeldern eingesetzt. Sollen hier geläufige Begriffe ersetzt werden? Wann handelt es sich beispielsweise im Arbeitsfeld der Hilfen bei Traumata um Sozialtherapie, wann um Traumatherapie, Traumaberatung oder Traumapädagogik?
  • Ist grundlegend für die Ausübung der Sozialtherapie eine Ausbildung als Sozialarbeiter oder Sozialpädagogen notwendig oder kann auch sozialtherapeutisch gehandelt werden mit einer anderen grundlegenden Qualifikation? Kann z.B. ein Psychotherapeut sozialtherapeutisch handeln?
  • Auch auf der rechtlichen Ebene stellen sich noch offene Fragen: Ist der Therapiebegriff angemessen? Ist Sozialtherapie heilend bzw. Heilkunde und daher eine Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz erforderlich? Was unterscheidet Sozialtherapie von der Soziotherapie? Wie ist die Einbindung der Sozialtherapie rechtlich im Gesundheitswesen zu betrachten? Handelt es sich hier im Kern (siehe Igl 2017) um einen sozialarbeiterischen Beruf, auch wenn einzelne Tätigkeiten zum Beispiel in der Suchtkrankenhilfe oder der Krisenintervention durchaus heilkundlichen Charakter haben?
  • Wie ist die Abgrenzung zu anderen Tätigkeiten und Bereichen, zum Beispiel der Klinischen sozialen Arbeit, der Psychotherapie, der Gesundheitsförderung oder der tertiären Prävention vorzunehmen? Wie überschneiden oder trennen sich Tätigkeiten des Sozialtherapeuten im Verhältnis zu Tätigkeiten im Rahmen der medizinischen Rehabilitation? Ist eine ärztliche Aufsicht nötig oder ist Sozialtherapie in vielen Arbeitsfeldern eine eigenständige Tätigkeit, jedoch nicht im Gesundheitswesen?

Meine Position und damit eine grundlegende Kritik am Begriff der Sozialtherapie soll noch etwas ausgeführt werden: Wie auch Lehmann in diesem Buch betont, ist der Begriff der Sozialtherapie und die damit zusammenhängenden Implikationen definitorisch schwer zu erfassen. Lehmann führt aus (S. 234) „Die Begrifflichkeiten Sozialtherapie, Soziotherapie, Soziale Therapie und Soziale Psychotherapie beschreiben ein breites Spektrum an Auffassungen, um was es sich hier handelt.“ Dabei reicht dieses Spektrum von der Wahrnehmung der verwendeten Methoden als explizit „psychotherapeutische“ bis hin zu „reiner Beratungsarbeit.“ Lehmann weist zu Recht darauf hin, dass diese Definition deutlich macht, dass Sozialtherapie nicht auf ein bestimmtes Feld der Sozialen Arbeit beschränkt ist und bezüglich der methodischen Ausgestaltung der Sozialtherapie wenig spezifisch ist. Im Weiteren wird u.a. besonders auf die Bedeutung des Case Managements verwiesen. Auch hier zeigt sich erneut, wie wenig aussagekräftig der Begriff des Sozialen ist. Ausgeführt soll dies am Begriff des sozialen Problems werden: Wie lassen sich soziale Probleme unterscheiden von leiblichen/biologischen und psychischen Problemen? Eine Klärung dieser Probleme wird in diesem Buch nur angedeutet, so weist beispielsweise Dettmers (S. 77) darauf hin, dass die Klinische Sozialarbeit nicht nur soziale und psychosoziale Phänomene beschäftigen, sondern häufig auch körperliche Aspekte zu berücksichtigen sind. Um einen grundlegenden theoretischen Zusammenhang zu ermöglichen verweist er hier auf Modelle von von Uexküll und Wesiack im Kontext psychosomatischer Behandlungsoptionen, die in ihrem Modell Aufwärtseffekte beschreiben, nach denen beispielsweise nach einer körperlicher Schädigung psychische reaktive Störungen folgen können, die dann zu sozialen Problemen führen können. Diese Position sei anschlussfähig an die Theorien Sozialer Arbeit und wäre auch meines Erachtens weiterführend. An einem Beispiel soll diese Problematik näher verdeutlicht werden: Der Klient Herr R., der sich selbst als ein Problemtrinker bezeichnet, von anderen als Alkoholiker diagnostiziert wird, ist seit zwei Jahren arbeitslos, massiv übergewichtig und wie er es formuliert „schlecht zu Fuß“. Herr R. verlässt immer weniger seine Wohnung im dritten Stock und hat dafür gesorgt, dass ein Nachbar seine Einkäufe, einschließlich der Alkoholika, erledigt. Kontakt besteht zu mehreren professionellen Helfern, zum Sozialarbeiter der Arge und da eine Arbeitsvermittlung nicht gelingt, zu einer Suchberatungsstelle und zu einem Arzt. Herr R. steht auf der Warteliste eines Psychotherapeuten. Ein abgesprochenes Case Management zwischen den Helfern ist nicht vorhanden. Deutlich wird, es gibt eine Reihe von biopsychosozialen Probleme, die mit einem mit dem Klienten zu vereinbarenden umfassenden Interventionskonzept im Kontext eines Casemanagements anzugehen wären. Allerdings wird auch deutlich, soziale Probleme lassen sich nicht abgrenzen von den körperlichen/leiblichen Problemen und den psychischen, d.h. denen auf den emotionalen und mentalen Ebenen.

Da sich solch eine Unterscheidung letztlich nicht vornehmen lässt (siehe auch Beushausen 2016), wird hier stattdessen vorgeschlagen von einer systemtheoretischen Perspektive auszugehen, die von der permanenten wechselseitigen strukturellen Kopplung der Systeme Leib, Psyche und Soziales ausgeht und Problemlagen immer ganzheitlich betrachtet. Dies bedeutet, dass die Begrifflichkeiten der Verfahren Sozialtherapie, Psychotherapie und Körpertherapie jeweils eine nicht sinnvolle Einschränkung beinhalten, da sie eine Separation vornehmen, die der praktischen Wirklichkeit nicht entspricht. Es wäre in der Diagnostik und der Intervention die Fokussierung auf eine rein somatische, psychische oder soziale Ebene nicht angemessen. Diese übliche Sichtweise folgt in der Regel hauptsächlich berufsständischen Interessen und deren historischen Unterscheidungen. Sinnvoller wäre es daher generell von biopsychosozialen Interventionen zu sprechen und bei der Beschreibung der Tätigkeiten keine entweder-oder-Haltung einzunehmen. Viele Tätigkeiten sind zugleich Beratung, Betreuung, Begleitung oder Therapie. Ausgangspunkt sollte ein jeweils passendes Konzept sein, mit dem z.B. überlegt wird, welcher Weg der Heilung und welche Heilfaktoren (siehe das Konzept der Integrativen Konzept von Petzold 1993, 2012) für den Klienten passend, notwendig und sinnvoll sind und über welche notwendigen Kompetenzen die jeweiligen Helfer und ihre Institutionen verfügen. Mögliche Interventionen entsprechen dann den realen Notwendigkeiten der einzelnen Person und unterliegen nicht in einer ersten Unterscheidung den berufsständischen Unterscheidungsmerkmalen und ihren dahinter stehenden Interessen.

Fazit

Die AutorInnen zeigen theoretisch fundiert auf, wie vielfältig Sozialtherapie in den verschiedensten Sozial- und Gesundheitsbereichen hilfreich eingesetzt werden kann. Besonders in den Beiträgen über die vielfältigen Arbeitsfelder zeigen die AutorInnen die enorme Bandbreite möglicher Praxisfelder auf. Ein Verdienst dieses Buches ist die Betonung des sozialen, denn der „Fall“ ist, wie die AutorInnen betonen, nicht die Einzelperson, sondern das Ensemble sozialer Lebenslagen und Beziehungen. Die Sozialtherapie steht nun u.a. vor der Aufgabe, die im Buch vorgestellten und z.T. noch nebeneinander stehenden Ansätze zusammenzuführen.

Literatur

  • Beushausen, J. (2016): Beratung lernen. Grundlagen Psychosozialer Beratung und Sozialtherapie für Studium und Praxis. Verlag Barbara Budrich, Opladen, Berlin, Toronto.
  • Igl, G. (2017): Rechtliche Verankerung der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen. Lit Verlag, Berlin, Münster, Wien, Zürich, London.
  • Petzold, H. (1993): Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine schulenübergreifende Psychotherapie. Junfermann Verlag, Paderborn.
  • Petzold, H. (2012): Integrative Therapie – Transversalität zwischen Innovation und Vertiefung. Die „Vier Wege der Heilung und Förderung“ und die „14 Wirkfaktoren“ als Prinzipien gesundheitsbewusster und Entwicklung fördern der Lebensführung. Integrative Therapie, (3).
  • Uexküll, T. von und Wesiack, W. (1979): Wissenschaftstheorie: ein bio-psychosoziales Modell. In: T. von Uexküll, Psychosomatische Medizin (S. 13-52). München, Urban und Schwarzenberg.

Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 20.12.2017 zu: Ute Antonia Lammel, Helmut Pauls (Hrsg.): Sozialtherapie. Sozialtherapeutische Interventionen als dritte Säule der Gesundheitsversorgung. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2017. ISBN 978-3-8080-0802-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23692.php, Datum des Zugriffs 21.01.2018.


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