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Colin Feltham, Windy Dryden: Grundregeln der Supervision

Cover Colin Feltham, Windy Dryden: Grundregeln der Supervision. Ein Lehr- und Praxisbuch. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. 132 Seiten. ISBN 978-3-7799-2011-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Einführung

Das Buch setzt einen wohltuend neuen Schwerpunkt in der Debatte um Supervisionspraxis und -theorie: nicht der Streit verschiedener Schulen und Theorietraditionen bestimmt die Ausrichtung des Bandes, sondern ein klientenorientiert-ethischer Ansatz. Der Aufbau des Buches folgt der Logik supervisorischer Prozesse, beginnend bei der Kontraktarbeit, endend beim Thema "Schutz von Klient und Berater". Die Beispiele und das thematische Material entstammen der Supervisionsarbeit an professionellen BeraterInnen.

Hintergründe

Colin Feltham wird als Leiter des Zusatzstudiums an der Universität East London vorgestellt, der außerdem eine private Praxis für Beratung und Supervision in Sheffield unterhält. Der Mitautor Windy Dryden ist Professor für Beratung am Goldsmith College in London. In England ist Supervision für Berater verpflichtend (vgl. S. 105). Eben das kann dazu führen, dass Supervision als Ritual wenig gewinnbringend "absolviert" wird. Gerade deshalb müssen die Grundprinzipien und auch die Praxis der Supervision von SupervisorInnen und SupervisandInnen immer wieder diskutiert werden. Ein solcher Diskussionsbeitrag will das vorliegende Buch sein. Es will dabei nichts weniger, als Standards zu setzen für die Supervision an BeraterInnen, die sich an den "BAC-Regeln zu Ethik und Praxis für die Supervision von Beratern" orientieren (BAC = British Association for Counselling).

Gliederung

Das Buch folgt, wie gesagt, der Logik eines Supervisionsprozesses. Ein erstes Kapitel ist der Kontraktarbeit gewidmet. Schon die Kapitelüberschriften sind in die Form konkreter Anweisungen gebracht: "Vergleichen Sie Ihre Supervisionsvorstellungen und schließen Sie einen für beide Seiten akzeptablen Kontrakt", "Diskutieren und klären Sie die Grenzen zwischen Supervision, personenbezogener Therapie und Ausbildung", "bieten Sie eine Supervision an, die dem Entwicklungsstand des Supervisanden entspricht" etc. Der Inhalt jedes einzelnen Abschnittes wird in einem griffigen Merksatz zusammengefasst – die gute Didaktik des Buches spiegelt die Ausbildungserfahrung der Autoren wieder.

Ein zweites Kapitel ist überschrieben mit "Die Nutzung der Vielfalt supervisorischer Foki und Methoden" und behandelt unterschiedliche Möglichkeiten der supervisorischen Arbeit mit BeraterInnen wie Falldiskussionen, Arbeit mit Kassettenrekorder, Fokussieren auf den Parallelprozess etc. Die Supervisionsbeziehung wird in einem dritten Kapitel beleuchtet, da sie das eigentliche Lernfeld supervisorischer Arbeit darstellt. Das vierte Kapitel thematisiert die "Nutzung der Entwicklungsmöglichkeiten der Supervision" und hat einen deutlichen Ausbildungsakzent: es geht darum, das Wissen der SupervisandInnen anzureichern, sie zu Fortbildungen und Theoriestudium zu ermuntern und sie schließlich von eigenen Erfahrungen profitieren zu lassen.

Um die "Stärken und Schwächen der Supervisanden" geht es im fünften Kapitel: eine deutliche Mahnung, neben Stützen und Stärken auch das Konfrontieren nicht zu vergessen – bzw. gerade dadurch zu stärken und zu stützen. Das abschließende Kapitel "Schutz von Klient und Berater" setzt noch einmal einen deutlichen Akzent auf einen gern ausgeblendeten Aspekt von Supervision: Supervision ist, jedenfalls im Falle der begleitenden und obligatorischen Supervision von Beratern, auchFachaufsicht. Als solche muss sie auch darauf achten, dass BeraterInnen nicht zu viele und nicht zu schwierige Klienten übernehmen; als solche muss sie auch Missbrauch thematisieren etc.

Das Buch endet mit einem Anhang, der verschiedene Arbeitspapiere enthält, wie z.B. einen kleinen Leitfaden, wie Berater in der Supervision ihre Klienten präsentieren sollen; die schon erwähnten BAC-Regeln; eine Sammlung von Therapeutenzielen, die auch in der supervisorischen Arbeit ihren Sinn macht; eine umfangreiche Tabelle von Supervisorenkompetenzen und schließlich die BAC-Anerkennungskriterien für Supervisoren.

Zielgruppen

Ich zitiere aus dem Vorwort: "Supervision ist eine Dienstleistung, die vor allem dem Klienten zugute kommen soll. Das Verdienst der vorliegenden Publikation ist es, diese Absicht und Zielsetzung der Beratungsmethode Supervision in den Mittelpunkt gestellt zu haben. Die Art und Weise, in der das geschieht ist ... der Grund, warum dieses Buch dem erfahrenen Supervisor ebenso empfohlen werden kann wie dem Berufsneuling bzw. dem Klienten als Nutznießer des Verfahrens." (S. 9) So urteilt Lothar Nellessen. Die Autoren selbst sagen in ihrer Einführung: "Ebenso wie die Begleitbände ist dieses Buch primär an berufserfahrene Praktiker der Supervision gerichtet. Es ist jedoch auch für Supervisionsstudenten gedacht, damit sie einen Begriff von Supervision erhalten, und für Berater, die Supervisoren werden möchten." (S. 11)

Der besondere Akzent auf der Supervision an BeraterInnen legt als Leserkreis, der besonders viel Gewinn von der Lektüre dieses Bandes haben wird, in der Tat erfahrene SupervisorInnen nahe. Darüber hinaus werden gewiss auch Supervisoren in der Ausbildung vieles lernen können, ob Klienten ähnlich viel Gewinn davon haben, möchte ich allerdings in Frage stellen.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Die fachlichen Fähigkeiten der Autoren stehen außer Frage: sie sind sowohl theoretisch als auch, was mir in diesem Metier noch wichtiger ist, praktisch mit der Materie vertraut. Es ist eine wohltuende Eigenschaft englischer (und amerikanischer) Fachliteratur, dass sie nicht meint, ihre Qualifikation durch besonders abstrakte Sprache unter Beweis stellen zu müssen. Mit anderen Worten: Das Buch ist gut lesbar, ohne dabei Niveau einzubüßen. Die Orientierung am Verlauf des Supervisionsprozesses macht die Denkbewegung nachvollziehbar und hilft wiederum, das Gelesene mit eigenen Beratungsprozessen in Beziehung zu setzen.

Besonders hilfreich fand ich die Darstellung konkreter Praxisfälle, häufig verbunden mit der abschließenden Frage: "Was würden Sie tun?" (als SupervisorIn). Denn diese Wendung hilft, das Dargestellte noch einmal intensiv auf die eigene Praxis hin zu bedenken. Und die Merksätze am Ende der Abschnitte kann man getrost einpacken und dem eigenen Handwerkszeug hinzufügen. Genau diese Brücke macht eine Stärke des Buches aus. Die andere für mich deutlich wahrnehmbare Stärke liegt in der ausdrücklich ethischen Ausrichtung des Werkes – ein solch profunder Beitrag zu eine (freilich noch auszuführenden!) Supervisionsethik bringt die Diskussion voran.

Einige Einzelheiten will ich noch erwähnen: die Supervisionsbeziehung wird intensiv unter die Lupe genommen, der Parallelprozess gilt als wichtiges diagnostisches Element, auf die Wahrnehmung der Gegenübertragung wird ein deutlicher Akzent gesetzt. Sehr hilfreich finde ich das Kapitel "Schutz von Berater und Klient" – es ist ein guter Supervisionsansatz, seine Supervisanden "in Schutz zu nehmen". Überhaupt ist die Tendenz des in dem Buch vorgestellten Ansatzes sehr unterstützend – und: unterstützen kann man auch durch Konfrontation!

Vermisst habe ich eigentlich nur eines: nämlich die Integration analoger Arbeitsmethoden und kreativer Arbeitsmittel in der Supervisionsarbeit. Das ist allerdings auch "Programm": "Das ‚Darüber Reden‘ ist das Hauptinstrument der Supervision, auch wenn es um Gefühle und subtile Parallelprozesse geht." (S. 44) Darüber würde ich gern streiten. Allerdings wissen die Autoren auch, dass es "gelegentlich sinnvoll ist, von der Methode des Gesprächs zu jener von Spiel und Erfahrung zu wechseln." (ebd.) Sie nennen als Methode aber nur das Rollenspiel – das ist mir etwas zu wenig.

Fazit

Ein wirklich gelungener Beitrag zu Grundfragen der Supervision und ein Buch, das jedenfalls praktizierende SupervisorInnen mit viel Gewinn lesen werden. Manches war einem schon klar, wird aber noch einmal gut "auf den Punkt gebracht", anderes hat man so noch nicht gelesen und freut sich über die Bereicherung. Der Anhang bietet viel bedenkenswertes Material, aus dem sich vielleicht unter anderem eine Art "curricularer Entwurf" für die Präsentation in Fallsupervisionen ergeben könnte.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 02.07.2002 zu: Colin Feltham, Windy Dryden: Grundregeln der Supervision. Ein Lehr- und Praxisbuch. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. ISBN 978-3-7799-2011-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/237.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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