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Markus Leser: Herausforderung Alter

Cover Markus Leser: Herausforderung Alter. Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 248 Seiten. ISBN 978-3-17-029771-5. 26,00 EUR.
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Thema

Die Schweiz und auch Deutschland als zunehmend alternde Gesellschaften entwickeln Anpassungsprozesse an die demografische Veränderung in den Bereichen Gesundheit, Pflege und auch Wohnen. Zugleich macht sich auch in beiden Ländern der rasche soziale Wandel dergestalt bemerkbar, dass jede neue Generation ihre eigenen Wertmaßstäbe und Lebensstile entwickelt. Die angewandte Gerontologie befasst sich mit diesen Phänomenen, indem sie u.a. Modelle und Konzepte für altersgerechte Strukturen und auch Dienstleistungen in allen Segmenten der Gesellschaft konzipiert. Die vorliegende Veröffentlichung kann als ein Versuch der Erfassung und Bewältigung der Problemstellungen einer alternden Gesellschaft mit dem Fokus Schweiz verstanden werden.

Autor

Dr. phil. Markus Leser, Dipl. Gerontologe, ist Mitarbeiter von CURAVITA, dem Verband für Heime und Institutionen in der Schweiz. Dort arbeitet er als Leiter des Fachbereichs Menschen im Alter und wirkt zugleich in der Geschäftsleitung mit.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist nebst Einleitung in vier Abschnitte mit insgesamt 26 Kapiteln untergliedert:

  1. Das Lebensende enttabuisieren – zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Kapitel 1 – 4 (Seite 123 -49)
  2. Wir werden älter, wir werden mehr, wir drehen uns im Kreis: Kapitel 5 – 13 (Seite 53 – 162)
  3. Zuerst der Mensch und dann das Geld: Kapitel 14 – 21 (Seite 165 – 204)
  4. Sozialraumorientierung: die große Chance für die Zukunft: Kapitel 22 – 26 (Seite 207 – 234)

Die Deutschen Nationalbibliothek zeigt das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Abschnitt 1: Zu Beginn wird kurz auf das Thema Tod und Sterben eingegangen. Der Autor nimmt dabei an, dass in der gegenwärtigen Zeit der Trend zu einem „selbstbestimmten Sterben“ zunähme. Des Weiteren erläutert er Konzepte der „palliativen Care“ in den Einrichtungen seines Verbandes, wobei er u.a. anführt, dass über 70 Prozent der befragten Schweizer gern zuhause sterben würden, dass aber laut Statistik mehr als 80 Prozent der 80jährigen und älteren im Heim oder Krankenhaus sterben. Bei den über 90jährigen sind es sogar 95 Prozent. Eingehend wird das in der Schweiz praktizierte Modell des „begleitenden Suizids“ der Organisation EXIT dargestellt. In diesem Kontext führt er an, dass 2014 in der Schweiz sich nur 742 Personen (1,2 Prozent der Sterbefälle) für diese Form des Suizids entschieden hätten. Kritisch setzt er sich anschließend mit dem Bestreben auseinander, Hospize („Sterbezimmer“) in der Schweiz außerhalb der Wohnviertel in den Industriegebieten anzusiedeln.

Abschnitt 2: Am Anfang steht ein Überblick über die unterschiedlichen Vorstellungen über das Altern und das Alter in der Geschichte. Erwähnung findet hierbei auch die bekannte Einsicht „Jeder möchte alt werden, aber niemand alt sein“ von Bernadinus von Siena (1380 – 1444). Aber auch die aktuellen Trends zum so genannten „Anti-Ageing“ werden angeführt. Es folgen Ausführungen u.a. über die demographische Alterung in der Schweiz auf der Grundlage verschiedener Erhebungen (siehe Rezension www.socialnet.de/rezensionen/1548.php). So wird zunehmend auch die Erwerbsbevölkerung älter und auch die Zahl der Pflegebedürftigen wird demographisch bedingt kontinuierlich ansteigen. Der Autor kritisiert an verschiedenen Stellen, dass dieser Sachverhalt einer rapide wachsenden Altersgesellschaft nicht angemessen in den sozialpolitischen Planungsprozessen Berücksichtigung findet. Äußerst erschwerend ist für den Autor auch der Tatbestand der föderativen Verfassung der Schweiz. Konkret heißt das u.a., dass 26 Kantone in ihrem Einzugsbereich selbst für die ältere Generation zuständig sind hinsichtlich der Planung und Finanzierung der Leistungsangebote. Ein landesweit übergreifendes Konzept für eine alterssensible Sozialplanung ließe sich in diesem Rahmen kaum verwirklichen. Als eine weitere Beeinträchtigung für übergeordnete Planungen wird die fehlende Einstellung zu einer Professionalisierung der Altenhilfe bei den Verantwortlichen gesehen. In der Schweiz herrsche diesbezüglich noch der „Milizgedanke“ vor, das heißt, dass diese Aufgaben nicht von „vollamtlichen Fachexperten“ sondern im „Nebenamt“ umgesetzt werden (Seite 80). Ausführlich wird die Thematik Kosten in der Altenhilfe behandelt. Bemängelt wird hierbei der Sachverhalt, dass sich die Pflegekosten in der Langzeitpflege aus drei verschiedenen Finanzierungsquellen speisen: Krankenkassen, die älteren Menschen selbst und die öffentliche Hand. Und dass hierbei Sparbemühungen im Bereich der Kostensteigerungen im Gesundheitswesen im Vordergrund stehen. Es werden im Anschluss u.a. Ausführungen über Wohn- und Betreuungsformen im Alter (z.B. Betreutes Wohnen oder Service-Wohnen, Kurzzeitpflege, ausländische Pflegende im eigenen Haushalt) gemacht. Nach Auffassung des Autors wird in Zukunft bei der Versorgung Hilfe- und Pflegebedürftiger die verstärkte Einbeziehung von Ehrenamtlichen, Nachbarn und Teilzeitmitarbeitern unerlässlich sein.

Abschnitt 3: Zu Beginn wird eine angemessene Finanzierung der Pflegeleistungen eingefordert, denn der gegenwärtige Zustand einer Mischfinanzierung führe in der Regel nur zu einem ständigen hin und her der Kostenzuständigkeit zulasten der betroffenen Pflegebedürftigen. Kritisiert wird auch die Trennung von Pflege und Betreuung in der Krankenversicherung und der „Kontrollzwang“ in der Leistungserbringung mit teils abstrusen Dokumentationspflichten, der einen regelrechten „Qualitätswahn“ in der Pflege zur Folge hätte. Zum Abschluss wird ausführlich das Konzept des Kuratoriums Deutsche Altershilfe (KDA) mit den fünf Entwicklungsphasen in der stationären Altenhilfe in Deutschland dargestellt: von der Verwahranstalt von 1900 bis hin zum Quartierbezug um 2011.

Abschnitt 4: Der Autor stellt das Konzept seines Verbandes (das „Wohn- und Pflegemodell 2030“) für die Verbesserung der Wohn- und Dienstleistungsangebote für die älteren Menschen vor, das vorrangig aus einer verstärkten Quartiersbezogenheit der sozialen Infrastruktur besteht. Im Nahbereich sollten möglichst alle Leistungen von einem Träger – „aus einer Hand“ – vernetzt nach der Maxime „ambulant und stationär“ anstelle der gegenwärtigen Vorstellung „ambulant vor stationär“ angeboten werden. Das erfordert u.a. eine Ausweitung der unbezahlten Tätigkeiten („Nachbarschaftshilfe“, „Milizgedanke“, „Ehrenamt“ etc.) und eine zunehmende „Ambulantisierung“ der stationären Einrichtungen, die nachrangig gegenüber Angeboten des betreuten Wohnens oder Service-Wohnens positioniert werden. Begründet wird dieser Ansatz vor allem mit der Einschätzung des Autors, dass die kommende Alterskohorte, die so genannten „Babyboomer“, mit völlig neuen Erwartungen und Ansprüchen bezüglich der einschlägigen Leistungsangebote in den Ruhestand trete: das „selbstbestimmte Leben im Alter“.

Diskussion und Fazit

Eine recht faktenreiche Publikation zu dem virulenten Thema „Leben im Alter“ liegt hier vor. Die ständige Zunahme der Lebenserwartung kann als ein Indikator für stabile soziale Verhältnisse aufgefasst werden, die es bisher geschichtlich wie gegenwärtig in den modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften wohl noch nicht gegeben hat. Doch diese Entwicklung zeigt auch deutlich ihre Schattenseiten u.a. in Gestalt von Abhängigkeit, Gebrechlichkeit und zunehmender Isolierung bzw. Vereinsamung. Der Autor scheint sich dieser Problemlage bewusst zu sein, indem er in seinen Augen innovative Modelle und Konzepte zur Modernisierung der Versorgungsstrukturen für die ältere Generation entwickelt.

Doch aus der Sicht des Rezensenten weist die Publikation zwei Mängel auf. Zum einen fehlt dem Autor das erforderliche Fachwissen. Er führt zwar umfangreiche Wissensstände an, doch bei den wesentlichen Fragen vermag er nicht, die „Spreu vom Weizen zu trennen“. Wenn er Konzepte ohne den Nachweis ihrer Umsetzbarkeit und damit zugleich auch Praktikabilität wie z.B. das Modell der so genannten „KDA-Quartiershäuser“ als Leitlinien anführt (siehe Rezension www.socialnet.de/rezensionen/13189.php), dann wird deutlich gezeigt, dass u.a. ein entscheidendes Element der sozialen Infrastrukturangebote völlig ausgeblendet wird, nämlich die angemessene Versorgung Demenzkranker.

Zum anderen behandelt der Autor das Themenfeld „alternde Gesellschaft“ vorrangig aus der Sicht eines Verbandsvertreters stationärer Einrichtungen in der Schweiz, der ständig in allen Kantonen mit den dortigen Verantwortlichen über Kosten- und Finanzierungsfragen oft recht kontrovers zu verhandeln hat. Dass diese Tätigkeit den Autor geprägt hat, ist deutlich in seinen Ausführungen zu spüren.

Es kann das Fazit gezogen werden, dass die vorliegende Veröffentlichung für die Altenhilfe in Deutschland keine neuen Impulse und Anregungen enthält. Lesern aus der Schweiz hingegen kann das Buch aufgrund des umfangreichen gerontologischen und landesbezogenen Datenmaterials zur Lektüre empfohlen werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 01.06.2018 zu: Markus Leser: Herausforderung Alter. Plädoyer für ein selbstbestimmtes Leben. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-029771-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23700.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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