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Susan Neiman: Widerstand der Vernunft

Cover Susan Neiman: Widerstand der Vernunft. Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. Ecowin (Salzburg) 2017. 79 Seiten. ISBN 978-3-7110-0154-2. D: 7,00 EUR, A: 7,00 EUR, CH: 9,90 sFr.

Die Rezension basiert auf der E-Book-Ausgabe (ISBN 978-3-7110-5221-6). Diese digitale Ausgabe ist im digitalen MOBI-Format erschienen und hat daher keine Seitenzahlen, sondern kleinteiligere loc – Einheiten (loc für location). Die Zitate werden daher in loc angegeben, wobei das gesamte Buch unabhängig von Geräteeinstellungen 702 loc – Einheiten (= 80 Seiten) umfasst. Die loc-Angaben innerhalb des Textes variieren allerdings mit der Schriftgröße auf dem Lesegerät. Um die Zitate wiederzufinden, wurde eine mittlere Schriftgröße gewählt. Zusammen mit der Kapitalangabe sind die Zitate auf diese Weise hinreichend wiederzufinden.
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Autorin

Prof. Dr. Susan Neiman ist seit 2000 Direktorin des Einstein Forums in Potsdam, eine Stiftung des öffentlichen Rechts des Landes Brandenburg. „Als offenes Laboratorium des Geistes möchte das Einstein Forum so dazu beitragen, Potsdams traditionelle Rolle als Zentrum der Aufklärung im weitesten Sinn zu erneuern.“ (https://www.einsteinforum.de/about, abgerufen am 28.2.2018)

Sie ist 1955 in Atlanta, Georgia geboren und hat an der dortigen Harvard Universität sowie an der FU Berlin Philosophie studiert. Susan Neiman war Professorin für Philosophie an der Yale Universität und der Tel Aviv Universität. Hauptarbeitsgebiete sind Moralphilosophie, politische Philosophie und Philosophiegeschichte. Für ihre Bestrebungen, Philosophie der breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, wurde sie 2014 mit der Ehrendoktorwürde der Universität St. Gallen ausgezeichnet.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst fünf Kapitel, deren Überschriften zugleich ihren Gedankenbogen wiedergeben:

  1. Glatte Lügen
  2. Armut und Rassismus: Wahrheiten und Lügen
  3. Gerechte Geschichtsbilder
  4. Postfaktisches Denken auf hohem Niveau
  5. Glück im Unglück?

1. Glatte Lügen

„Am 4. Dezember 2016 packte ein 28-jähriger Mann zwei Kampfgewehre in sein Auto und fuhr 500 Kilometer von seiner Heimatstadt in North Carolina zu einem Restaurant in Washington, D. C. Das Comet Ping Pong, in der US-Hauptstadt für gute Pizza und Tischtennis bekannt, war vor den Präsidentschaftswahlen zum Gegenstand einer Verschwörungstheorie geworden. Demnach betrieben Hillary Clinton und ihr Wahlkampfmanager John Podesta in diesem Gebäude einen Kinderpornoring. Es hieß, in einem Keller würden Kinder gefangen gehalten und missbraucht. Als Beweise dienten von Wikileaks veröffentlichte E-Mails, in denen mehrmals von »cheese pizza« die Rede war. Das, so die Verschwörungstheoretiker, sei nichts anderes als ein Codewort für child pornography. Die Theorie war pikant genug, um die New York Times am 21. November 2016 zu einem Bericht darüber zu veranlassen – mit bemerkenswerten Folgen. Der Artikel wurde von den Anhängern der Theorie als Beweis dafür betrachtet, dass die sogenannte »Lügenpresse« unter Druck stand und damit versuchte, den Pornoring zu beschützen. Statt weniger verschwörungstheoretische Berichte erschienen nun noch mehr. Eine Website nahm den Artikel aus der New York Times Satz für Satz kritisch auseinander. Indem er sich dabei den Anschein der Vernunft gab, gelang es dem anonymen Autor, die Vertrauenswürdigkeit der wichtigsten Zeitung Amerikas in Zweifel zu stellen.“ (loc 20)

„Angesichts des Wirrwarrs, das im Internet zu finden ist, hat Edgar Maddison Welchs [der o.g. 28jährige Mann] Mission fast etwas Rührendes. »Ich wollte selbst herausfinden, was an der Geschichte wahr war.« Schade nur, dass er dafür mit seinem Maschinengewehr im Anschlag in das Restaurant eindrang. Allerdings verhielt er sich relativ besonnen: Statt wild um sich zu schießen, feuerte er nur auf ein Türschloss, das zum Keller führte. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass hier unten keine Kinder gefangen gehalten wurden, ließ er sich widerstandslos festnehmen. Tage später beteuerte er vom Gefängnis aus: »Ich wollte nur Gutes tun, aber irgendwie ist es schiefgelaufen.« Als der Vorfall durch die Nachrichten ging, verbreiteten einige Unbelehrbare die Meldung, dass Welch ein Schauspieler sei, bezahlt von den liberalen Medien, um Theorien wie jene vom Kinder-Pornoring zu diskreditieren.“ (loc 32)

Neiman zitiert vergleichbar motivierte Vorfälle, die allerdings folgenreicher waren, da sie einzelne oder viele Todesfälle verursachten.

Sie schreitet – von der medialen Reichweite betrachtet – weiter zu den „fake news und alternativen Fakten“, die Donald Trump bereits im Wahlkampf produzierte. Und gelangt schließlich zum Irakkrieg, der auf einer Lüge aufbaute: „Noch mehr Leid produzierten die Nachrichten, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze. Diese Meldungen wurden ohne ernsthafte Prüfung von vielen renommierten Medien verbreitet. Später hat sich die New York Times öffentlich dafür entschuldigt; die Verantwortlichen der Bush-Regierung haben nicht einmal das für nötig gehalten. Über die Zahl der irakischen Toten gibt es noch keine verlässliche Auskunft, und die Folgen des Irakkrieges wirken bis heute nach. Wäre der sogenannte »Islamische Staat« (IS) ohne diesen Krieg entstanden?“

Susan Neiman fasst schließlich zusammen: „Lügen wird immer mehr zur Normalität, das Vertrauen immer weiter zerstört, und dieser Vertrauensverlust wird wiederum für weitere Lügen ausgenutzt.“ (Beide loc 55) Ob nun bewusste Taktik oder persönliche Unreife: „… jede Gemeinschaft setzt eine gemeinsame Wirklichkeit voraus, deren Existenz von Trumps Sprechern [und von ihm selbst] geleugnet wird.“ (loc 67) Im Ergebnis wird der gemeinsame Boden einer Gesellschaft zerstört, der unter anderem die Anerkennung wahrer Begebenheiten als wahr erfordert, um auf ihm in einer nicht nur demokratischen sondern auch persönlichen Auseinandersetzung zu gemeinsamen Ergebnissen zu gelangen.

Ein weiter vernebelndes Element ist die irrige Zuschreibung von Authentizität. Neiman erläutert: „Allerdings loben die eigenen Anhänger Trumps Authentizität –»He tells it like it is« –, während sie Hillary Clinton als unauthentisch erleben. Aber Authentizität, wie schon Adorno in Jargon der Eigentlichkeit lehrte, hat weder mit Fakten noch mit Wahrheit zu tun. Bei Authentizität geht es um einen Stil, der Glaubwürdigkeit erzeugt, selbst wenn die Tatsachen frei erfunden sind. Ein Mann, der seine Worte absichtlich ohne Vorsicht wählt und bewusst gegen herrschende Konventionen spricht, scheint Klartext zu reden, auch wenn die Aussagen nur Unklarheiten erzeugen.“ (loc 67)

Die Autorin beschreibt, dass die Medienstruktur in den USA die unseriöse Berichterstattung kräftig fördere. „Öffentlich geförderte Medien sind in Amerika Kleinstbetriebe. Weil die Medien immer auf Gewinn ausgerichtet sind, kann jeder dieser Zirkusveranstalter von ihnen profitieren. Je absurder der Clown, je schwindelerregender der Artist, desto größer die Aufmerksamkeit. So können wir nicht den fake news die Schuld für Trumps Wahlsieg geben. Deren Fälschungen über Clinton und Obama haben sicherlich geholfen, doch die wahren Meldungen waren entsetzlich genug. Welcher Kandidat hat je behauptet, er könne jemanden auf der Straße erschießen, ohne einen einzigen Wähler zu verlieren? Und wurde dann doch gewählt?“ (loc 120)

2. Armut und Rassismus: Wahrheiten und Lügen

Oft werden Trump-Wähler verkürzt mit den Angry White Men gleichgesetzt. Diesem Bild tritt die Autorin sowohl für die USA als auch für Deutschland mit Fakten entgegen. „Trotzdem machten solche Gestalten nur die Hälfte der Trump-Wähler aus. Die Daten sind deutlich. Die Ärmsten haben für Clinton gestimmt, während die Hälfte aller Trump-Wähler Jahreseinkommen über 100.000 Dollar haben. Auch der Bildungshintergrund spielte dabei keine wesentliche Rolle: Unter weißen Wählern mit Hochschulabschluss haben 49 Prozent für Trump gestimmt; 45 Prozent votierten für Clinton. ... Auch in Deutschland ist es ein Mythos, dass die AfD-Anhänger zu den Globalisierungsverlierern gehören. Selbst wenn wenige von ihnen das Lebensniveau von Alexander Gauland genießen, gehören die meisten ihrer Unterstützer nicht zum Prekariat.“ (loc 136)
Neiman versucht die komplexen Strukturen, die zu o.g. Wahlentscheidungen ebenso wie zu – manchmal vordergründigen – rassistischen und antidemokratischen Äußerungen führen zu erhellen. Sie beschreibt, wie in den USA beispielsweise juristische Verträge, die ehemals von gutbezahlten Rechtsanwälten ausgearbeitet wurden, heute in einwandfreier Qualität in Bangalore ausgearbeitet werden. Auch das frühere Ziel des soliden Handwerks, das bestrebt war, Güter herzustellen, die möglichst lange halten, wird seit Jahrzehnten, teils ganz bewusst ausgehöhlt. So hatte die internationale Vereinigung großer Elektrounternehmen schon 1924 entschieden, Glühbirnen in ihrer Lebensdauer von 10.000 auf 2.500 Stunden zu reduzieren. Jobverluste durch die Globalisierung und die Ausrichtung auf Konsum, der von den Bürgern wiederum immer Geld erfordert, sind nur zwei hier beispielhaft zitierte Entwicklungen. Zahlreiche Bürger werden daher durch reale Wandlungen in der globalen Gesellschaft und eine vorherrschende Ausrichtung auf Konsum verunsichert.

Im aktuellen Diskurs über den wahrgenommenen Rechtsruck und Nationalismus in demokratischen Gesellschaften werden zusehends historische Parallelen bemüht. Dazu ein erläuterndes Zitat, das demonstriert, wie die Autorin in alle Richtungen differenziert mit der Thematik umgeht. „Die Frage der Legitimität von Faschismus-Vergleichen beschäftigte die US-Medien schon Monate vor Trumps Wahlsieg. Mit Recht wies Noam Chomsky darauf hin, dass der Begriff »Faschismus« normalerweise mit einem kohärenten, wenngleich abscheulichen Programm verbunden ist, während Trump an nichts außer sich selbst glaubt. Außer seiner eigenen Person scheint er nur zweierlei zu schätzen: Gold –nicht einmal Geld, sondern Gold, das er für seine Sanitäranlagen und Aufzüge benutzt; und langbeinige, großbusige Blondinen. Sein Narzissmus ist atemberaubend; gefragt nach Vorbildern, redet er nur konfus über sich selbst. Aber auch wenn man umsonst nach faschistischen Glaubensbekenntnissen sucht, werden faschistische Tendenzen immer deutlicher: Im Schüren latenter Ängste, in der offenen Verachtung und der Bedrohung von Presse-, wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen sowie in der öffentlichen Androhung von Gewalt zeigen sich deutliche Anzeichen einer Annäherung an faschistische Tendenzen.“ (loc 156) Allerdings hat Donald Trump bisher nie direkte körperliche Gewalt eingesetzt, wie es etwa Faschisten tun.

Rassismus spielt in den USA eine weit bedeutendere Rolle als beispielsweise in Deutschland. Im Vorfeld zur Wahl von Barack Obama „blühte“ daher der Rassismus in den USA auf. Neiman zitiert zur Erklärung Frederick Douglass (1818 -1895). „Bleibt der Schwarze unterdrückt, wird er toleriert; erst sein Aufstieg treibt Rassisten zur Wut.“ (loc 226) Und weiter „Vielleicht ist der wichtigste Grund des Hasses, der gegen Obama gerichtet wurde auch der einfachste. Die Obamas widerlegten jedes rassistische Klischee; damit wurde jede Rechtfertigung des Rassismus unterminiert. Sind die Schwarzen dümmer als Weiße? Fauler? Unehrlicher? – wie bitte? – vor den Augen der Welt wurde auf einmal jeder Versuch, den Rassismus zu legitimieren, bloßgelegt.“ (loc 239)

In Fortführung dieser Gedanken, konstatiert die Autorin, dass es nicht fern liege, Donald Trump als Rache für Obama zu verstehen. Bedenklich stimme dabei, dass Donald Trump in sein Kabinett zahlreiche Personen berufen hat, die unqualifiziert für ihre Ämter sind. Steve Bannon [mittlerweile nicht mehr im Weißen Haus] erläuterte, dass dies Absicht war. Das Motiv sei ein „endloser Kampf für die Dekonstruktion des administrativen Staates“. (loc 252)

3. Gerechte Geschichtsbilder

Neiman schildert, dass die Vermischung von Entertainment und Politik im Weißen Haus schon viel früher einzog. So erläutert sie, dass bereits Ronald Reagan kaum Interesse für die reale Welt zeigte. „Nachdem klar wurde, dass er sich nie die Mühe machte, Akten zu lesen, drehten seine verzweifelten Mitarbeiter kleine Filme, wenn sie ihn für einen wichtigen Termin vorbereiten mussten. Filme schaute der Mann ja gern.“ Reagan signalisierte selbst den harten Rassisten, „er stehe auf ihrer Seite, ohne laut genug zu sein, um anständigere Wähler damit abzuschrecken.“ Mit deren Stimmen „… förderte er dann eine Rassenpolitik, die von der Unterstützung der Apartheid in Südafrika bis zur Streichung der Sozialhilfe und zur Aushöhlung antirassistischer Gesetze reichte. … Da die Zeiten rauer geworden sind, muss Trump nicht so vorsichtig sein.“ (Alle loc 283)

Die Vergrößerung der Kluft zwischen arm und reich, die Deregulierung der Finanzmärkte bis zur globalen Finanzkrise, vieles, was Reagan bereits unheilvoll in Gang setzte, hört sich bei Donald Trump bereits ähnlich an. „Die Geschichte ist nachsichtig mit Ronald Reagan umgegangen, weil er das Glück hatte, einen Satz vor dem Brandenburger Tor auszusprechen, der zwei Jahre später wahr geworden ist. Für die guten Nachrichten, die darauf folgten, ist er nicht verantwortlich; dafür hat er eine Wende in der Politik eingeleitet, die schließlich zu Trumps Wahl führte. Dass Politik leicht durch Entertainment ersetzbar ist, dass richtig dosierter Rassismus immer diejenigen Wähler anzieht, die Fremden die Schuld für ihre eigene Misere geben möchten, dass Arme wie Reiche für Wirtschaftsprogramme verfänglich sind, die die Schere zwischen beiden vergrößern, und dass Politiker, die das fördern, trotzdem positiv in die Weltgeschichte eingehen können –all das haben Republikaner von Ronald Reagan gelernt. Wie Reagans Pressesprecher Larry Speakes sagte: »Wenn man die gleiche Geschichte fünfmal erzählt, wird sie wahr.«“ (loc 309)

Neiman wandert dann zeitlich immer weiter zurück. Sie brandmarkt die Undifferenziertheit in der Beurteilung auch der jüngeren Geschichte. „Heute wird nicht nur der mörderische Stalinismus, sondern ebenfalls die DDR – von der bekanntlich nicht Leichen-, sondern Aktenberge übrig blieben – immer wieder mit Nazideutschland gleichgesetzt, wenn auch manchmal mit der mildernden Einleitung: »Ich will ja nicht gleichsetzen, aber …« Die Wörter »Zwei deutsche Diktaturen« werden buchstäblich in Stein gemeißelt und gedankenlos wiederholt. Damit wird immer wieder suggeriert, dass jeder Versuch, den Sozialismus zu realisieren, grausam enden muss. Selbst viele, die Anfang der 1990er-Jahre den amerikanischen Politologen Francis Fukuyama kritisierten, haben seine These verinnerlicht: Neoliberalismus ist das einzig vorstellbare Ende der Geschichte.“ (loc 334)

„Um eine Zukunftsalternative formulieren zu können, müssen wir aber die Vergangenheit deutlicher sehen. … brauchen wir gerechtere Geschichtsbilder.“ (loc 359)

4. Postfaktisches Denken auf hohem Niveau

Susan Neiman beschreibt in diesem Kapitel, dass die postmodernen Theorien, gekoppelt mit einseitig interpretierten Erkenntnissen aus der Evolutionsbiologie und neoliberalistischer Wirtschaftswissenschaft, die allesamt weit ins linksliberale Spektrum reichen, einen breiten Boden für postfaktisches Handeln bereiten. Demnach läge es in der Natur des Menschen, ausschließlich seine Interessen durchzusetzen, seinen Gegnern zu schaden und dass jeder Versuch, Gerechtigkeit zu fördern oder Bösem entgegen zu treten „… nichts anderes sei als Heuchelei, der zynische Versuch einer Gruppe, ihre Interessen mit moralischer Rhetorik zu verschleiern.“ (loc 398) Sie zitiert in diesem Zusammenhang den bekannten Satz von Carl Schmitt „Wer Menschheit sagt, will betrügen.“ Des Weiteren Michel Foucault: „Ist Macht nicht schlicht eine Form der kriegsähnlichen Herrschaft? Sollte man nicht daher alle Probleme der Macht als Kriegsverhältnisse begreifen? Ist Macht nicht eine Art von verallgemeinertem Krieg, der in bestimmten Augenblicken die Form des Friedens und des Staates annimmt? Der Frieden wäre dann eine Form des Krieges und der Staat ein Mittel, ihn zu führen.“

Neiman fasst zusammen: „Aus der Tatsache, dass einige Moralansprüche verborgene Machtansprüche sind, kann man nicht schließen, dass jeder Anspruch, für das Gemeinwohl zu handeln, einen Machtanspruch verschleiert. Aber Logik ist selten die Stärke von Denkern, die oft so verdunkelt schreiben, dass sie an Nietzsches Spruch erinnern: Sie trüben das Gewässer, damit es tief erscheint.“ (loc 411)

Die Autorin baut ihre Analyse in diesem Kapitel weiter aus. Schließlich gelangt sie zum Schluss, dass wir uns auch auf der Diskursebene von postfaktischen Theorien befreien müssen, um klar zu bleiben oder – falls verloren gegangen – wieder zu ethischer Klarheit zurückzukehren. Und an einem Wahrheitsbegriff als Basis von Auseinandersetzungen festzuhalten.

5. Glück im Unglück?

Im letzten Kapitel trägt Neiman Beobachtungen zusammen, die als Reaktion auf die o.g. Trübung von ethischen Grundsätzen Widerstand und Gegenbewegungen entwickeln. Sie bezieht sich dabei sehr stark auf Aufklärung, Vernunft und das Prinzip des zureichenden Grundes. „Vernunft verstand sie [die Aufklärung] als die Fähigkeit, sich an universellen Werten zu orientieren, vor allem an Wahrheit und Gerechtigkeit.“ (loc 554) „Jedes Kind folgt dem Prinzip des zureichenden Grundes, wenn es fragt, warum der Regen fällt, und nicht loslässt, bis die Erwachsenen jene Gründe erklären, die dazu führen – oder dem Kind sagen, es solle aufhören, so viele Fragen zu stellen. … Wer ernsthaft versucht, dem Kind eine Antwort zu geben, wird vom Erklären zum Handeln geleitet. So verstanden wird die Vernunft weder auf Technik beschränkt noch gegen die Leidenschaft ausgespielt.“ (loc 567)

Susan Neiman versucht dann das Ausspielen von Emotion und Vernunft wieder aufzulösen. „Die Gesellschaft für deutsche Sprache definiert »postfaktisch« als die Bereitschaft, Tatsachen zu ignorieren, und verweist darauf, »dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht«. Diese Erklärung verrät einen binären Gegensatz zwischen Fakten und Gefühlen, in dem beide zu kurz kommen. Denn Gefühle und Fakten reagieren aufeinander. ... Es geht nicht darum, auf Emotionen zugunsten von Fakten zu verzichten, sondern sicherzustellen, dass beide miteinander im Einklang sind.“ (loc 579)

Aus Sicht der Autorin wird Politik entweder von Ängsten oder von Werten getrieben. In der Auseinandersetzung mit Werten in Politik und Alltag setzt sie sich mit dem Vorurteil auseinander „Theoretisch klingen bestimmte Ideale ganz schön, doch die harten Tatsachen der Erfahrung zeigen, dass sie nicht praktikabel sind.“ Sie geht dabei zurück auf Kants Aufsatz von 1793 „Über den Gemeinspruch. Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ mit der Quintessenz: „Natürlich widerstreiten Vernunftideen den Behauptungen der Erfahrung. Dazu sind Ideen ja da. Ideale sind nicht daran messbar, ob sie der Realität entsprechen, die Realität wird danach beurteilt, inwieweit sie den Idealen gerecht wird. Die Aufgabe der Vernunft ist es sicherzustellen, dass die Erfahrung nicht das letzte Wort hat – und die Vernunft soll uns dazu antreiben, den Horizont unserer Erfahrung zu erweitern, indem sie uns Ideen liefert, denen die Erfahrung gehorchen soll. Wenn viele von uns das tun, wird es auch so sein.“ (loc 592)

Das Buch endet mit einem Aufruf zur Aufklärung: „Der Aufklärung ging es um moralischen Fortschritt. Wirtschaftliches und technisches Wachstum können als Mittel zur Bekämpfung von Armut und Krankheit dazu beitragen, galten aber nie als Ziele an sich. Die moralischen Fortschritte, die die Aufklärung brachte, von der Abschaffung der Folter und der Sklaverei bis hin zur Einführung der Ideen von Bürger- und Menschenrechten, sind offensichtlich. Und die Tatsache, dass es heute möglich ist, Menschenrechte zu verletzen und Folter wieder einzuführen, beweist nur eines: Fortschritt ist nicht unvermeidlich, sondern liegt in Menschenhänden. Wir müssen an den Zeichen des Fortschritts festhalten, denn sie sind nicht zum Ausruhen, sondern zum Anfeuern da. Zynismus wird von den Rechten benutzt, um Resignation zu befördern, damit wir uns nicht weiter bemühen, Fortschritte zu machen.“ (loc 681)

Diskussion und Fazit

Susan Neiman wirft in diesem Buch einen kritischen Blick auf unsere Zeit. Anhand von zahlreichen aktuellen Beispielen schildert sie, wohin postmoderne Theorie und Praxis in der Politik bereits geführt haben: Zu einer Vernebelung der Öffentlichkeit, einer Relativierung von Wahrheit und Werten und einer einseitigen materialistischen Ausrichtung auf Konsum. Protestbewegungen und Protestwahlen stellt sie in differenzierter Form als Reaktion auf diese Entwicklung dar.

Sie selber setzt dem als geistiges Antidot die Substanz der Aufklärung mit ihrem Bezug zu Wahrheit, Vernunft und dem Prinzip des hinreichenden Grundes entgegen.

Neiman leitet ihre Aussagen mit zahlreichen, sorgfältig ausgewählten Zitaten aus Geschichte, Geistesgeschichte und Politik her. Dies ermöglicht den Leserinnen und Lesern fundierte eigene Einschätzungen. Ihre Sprache ist differenziert und leichtgängig. Ein modernes, aufklärerisches Buch.

Summary

Susan Neiman takes a critical look at politics and communication in our time. Using numerous present-day examples, she describes where postmodern theory and practice in politics have already led to: a nebulization of the public dialogue, a relativization of both truth and values and to a one-sided materialistic orientation towards consumption. Furthermore, she elucidates in a very differentiated manner protest movements and protest votes as a reaction to this development.
Neiman opposes Enlightenment – with its general relation to truth, good sense and the principle of sufficient reason – as a spiritual antidote.
The author proves her critical statements with numerous, carefully selected quotes from history, intellectual history and politics. This enables the readers to involve their own profound understanding. Neiman's language is differentiated and yet easy-to-read. A modern, enlightening book.


Rezensent
Dr. Thomas Kowalczyk
Geschäftsführer COMES e.V., Berlin
Homepage www.comes-berlin.de
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Zitiervorschlag
Thomas Kowalczyk. Rezension vom 03.04.2018 zu: Susan Neiman: Widerstand der Vernunft. Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. Ecowin (Salzburg) 2017. ISBN 978-3-7110-0154-2. Die Rezension basiert auf der E-Book-Ausgabe (ISBN 978-3-7110-5221-6). Diese digitale Ausgabe ist im digitalen MOBI-Format erschienen und hat daher keine Seitenzahlen, sondern kleinteiligere loc – Einheiten (loc für location). Die Zitate werden daher in loc angegeben, wobei das gesamte Buch unabhängig von Geräteeinstellungen 702 loc – Einheiten (= 80 Seiten) umfasst. Die loc-Angaben innerhalb des Textes variieren allerdings mit der Schriftgröße auf dem Lesegerät. Um die Zitate wiederzufinden, wurde eine mittlere Schriftgröße gewählt. Zusammen mit der Kapitalangabe sind die Zitate auf diese Weise hinreichend wiederzufinden. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23701.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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