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Britta Saal (Hrsg.): Philosophieren mit Kindern weltweit

Cover Britta Saal (Hrsg.): Philosophieren mit Kindern weltweit. Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie c/o Inst. f. Philos. Uni Wien NIG (Wien) 2017. 168 Seiten. ISBN 978-3-901989-36-0. 16,00 EUR.

polylog 37.
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Tugend kann man lehren und lernen

Philosophieren kann jeder! Weil der anthrôpos, das menschliche Lebewesen mit Vernunft ausgestattet, in der Lage ist, Allgemeinurteile zu bilden und zwischen Gut und Böse unterscheiden kann (Aristoteles). Die philosophische Urfrage ist deshalb: „Wer bin ich?“. Diese Frage kann und sollte sich jeder Mensch immer wieder stellen, im Alltag und in allen Lebenssituationen, wie und wo er auch lebt. So ist Philosophieren, als „Liebe zur Weisheit“, per se inter-, trans- und intrakulturell grundgelegt. Davon geht auch die Wiener Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren, polylog, aus ( siehe dazu auch: Arash Abizadeh / Nausikaa Schirilla / Bianca Boteva-Richter, Hrsg., Migration. Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17191.php).

Im theoretisch fundierten und praktisch bestimmten Verständnis ist Philosophie nicht nur ein akademisches Fach(gebiet), sondern „Lebenslehre“. Denn es ist der Perspektivenwechsel, der dem philosophischen Denken zugrunde liegt. Wir sind bei der Erkenntnis, dass Lernen Verhaltensänderung ist! (siehe auch: Jos Schnurer, Lernen heißt: Verhalten ändern!, 23. 7. 2017, www.sozial.de/von-lernen.html). Damit ist es nur logisch und notwendig, in der familialen, schulischen Erziehung und Erwachsenenbildung Philosophie als Wissenschaft von der Wahrheit zu verstehen und anzuwenden. Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant hat die bereits im antiken, anthropologischen Denken formulierte Aufforderung „Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ – mit den Fragen verbunden: Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen? Diese philosophischen und existentiellen Fragen sind Bildungs- und Erziehungsaufgaben.

Entstehungshintergrund

Im pädagogischen, erziehungswissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Diskurs um die Fragen, wie curricular auf die lokalen und globalen Veränderungsprozesse agiert und reagiert werden kann, stehen sich grundsätzlich zwei Positionen gegenüber: Die eine geht davon aus, dass Bildung und Erziehung zwei getrennte Anforderungen an das gesellschaftliche Handeln darstellen und deshalb die Bildungsvermittlung sich aus den ethischen, moralischen und tugendhaften Ansprüchen des menschlichen Daseins heraushalten solle; während die andere davon überzeugt ist, dass Bildung und Erziehung eine ganzheitliche, kulturelle und interkulturelle Herausforderung darstellt. Selbstverständlich ist letztere Auffassung Bestandteil und Zielsetzung der Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie und der HerausgeberInnen und MitarbeiterInnen der Zeitschrift „polylog“. Sie wird aber auch praktisch vertreten von einer Reihe von Didaktikern (z.B.: Barbara Brüning, Philosophieren mit Kindern. Eine Einführung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18378.php; Dieter Sinhart-Palin / Mechthild Ralla, Handbuch zum Philosophieren mit Kindern in Kindergarten, Grundschule, freie Einrichtungen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18377.php; Kristina Calvert, 48 Bildkarten zum Philosophieren mit Kindern, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18376.php).

Inhalt der Zeitschrift

Interkulturelles Lernen als lokaler und globaler Bildungsauftrag basiert auf der Grundlage, dass die Vermittlung von interkultureller Kompetenz nicht nur eine für eine friedliche und gerechte Menschheitsentwicklung notwendige und existentielle Bildungsherausforderung darstellt, sondern auch, im Sinne der Kulturdefinition der UNESCO, die gleichwertige und gleichberechtigte Anerkennung des vielfältigen kulturellen Denkens und Handelns der Menschen erfordert (Jos Schnurer, Wer philosophiert – lebt!, 28. 1. 2014, www.socialnet.de/materialien/174.php). Die Philosophin Britta Saal ist Mitarbeiterin der Wuppertaler „Junior Uni“ (vgl. auch Rezensionen bei socialnet, 2003/872, 2004/2059 und 2005/2723.php). Sie ist engagiert als Autorin bei polylog und weiterer Fachliteratur, Referentin und pädagogische Mitarbeiterin in Schulen. Mit ihrem Beitrag „Philosophieren mit Kindern weltweit“ führt sie ein in die Fachbeiträge zur Thematik. Sie ist davon überzeugt, dass Kinder Philosophen sind (sein können) und es deshalb logisch ist, dass neben PädagogInnen auch PhilosophInnen für den allgemeinbildenden Lernauftrag zuständig sind. Als Voraussetzung dafür ist es notwendig, ein allgemeingültiges Verständnis darüber herzustellen, dass Philosophieren eine Tätigkeit ist, Philosophieren eine dialogische und gemeinschaftsfördernde Aktivität darstellt, und offene Einstellungen und Haltungen notwendig macht.

Die an der Pädagogischen Hochschule in Wien lehrende Philosophin Anja Thielmann nimmt mit ihrem Beitrag „Philosophy for Children: Wie alles begann“ die Erzählung des US-amerikanischen Philosophen und Philosophiedidaktikers Matthew Lipman (1922 – 2010) auf, der als Pionier der Philosophy-for-Children-Bewegung gilt. Sie stellt das so genannte p4c-Programm vor, vermittelt Einblicke in den historischen, philosophischen Diskurs und summiert die Quellenmaterialien und Ergebnisse, indem sie den Bildungsauftrag in dreifacher Weise charakterisiert und ausweist: Psychologisch als Stärkung des Vertrauens innerhalb einer Gemeinschaft; pädagogisch als Vermittlung einer Kultur des gemeinsamen Fragens und Forschens; und didaktisch als philosophisches (sokratisches) Gespräch.

Der an der „Uehiro Academy for Philosophie & Ethics in Education der University of Hawai´i“ tätige Philosoph Thomas E. Jackson reflektiert mit dem von Britta Saal ins Deutsche übersetzten Beitrag „Primal Wonder – Ursprüngliches Staunen“, wie sich diese Grunderfahrung des Staunens bei ihm selbst, seiner Familie und seiner forschenden und didaktischen Arbeit beim Philosophieren von und mit Kindern darstellt. Die Erfahrung, dass sich „ursprüngliches Staunen“ im Laufe der institutionalisierten Bildung und Erziehung in der Schule reduziert und zum aufnehmenden und konsumierenden Lernen wird, will er mit dem Konzept des „p4c-Hawai´i“ verändern. In der vielfältigen, interkulturellen Gesellschafts- und Lebensstruktur sieht er eine besondere Chance der Realisierung von interkulturellem Philosophieren.

Der Erziehungswissenschaftler von der Universität in Tokyo, Taketo Tabata, informiert mit dem ebenfalls von Britta Saal ins Deutsche übersetzten Beitrag „Einen sicheren Ort schaffen: Warum wir in Miyagi mit Kindern philosophieren“. Die Initiative knüpft an das Drama an, das sich durch den Tsumani im März 2011 auch an der Wakabayashi-Grundschule in Miyagi ereignete. Die Katastrophe, bei der auch viele Schülerinnen und Schüler der Schule zu Tode kamen, führte dazu, dass sich eine Partnerschaft mit der Waikiki-Grundschule in Hawai ergab. Die hawaianischen Lehrerinnen und Lehrer brachten das p4c-Konzept mit und entwickelten zusammen mit den japanischen Kolleginnen und Kollegen Lernsituationen von „Mindfulness“ und ermöglichen mit interkulturellem Philosophieren, dass die Kinder „einen interkulturell sicheren Ort des Dialogs zwischen dem privaten und dem öffentlichen Bereich“ finden.

Die Philosophin Ezgil Emel ist Autorin und Referentin in Istanbul. Sie berichtet in dem von Anja Thielmann und Britta Saal aus dem Englischen ins Deutsche übersetzten Beitrag über „Philosophieren mit Kindern in einer Demokratie in der Krise“. Sie plädiert dafür, dass die Werte und Kompetenzen, die sich aus dem P4C-Konzept ergeben – „Kindern beizubringen, kritisch zu denken, Argumente zu analysieren, Gegenargumente zu entwickeln und ihre Meinung anhand vernünftiger, didaktischer Gründe zu verteidigen“ – nicht auf kleinschrittige, methodische Lernhappen zu reduzieren, sondern die Chance zu ergreifen, mit Philosophieren „die Spannungen zwischen unseren persönlichen Meinungen und den gemeinsamen ethischen Grundlagen in Einklang zu bringen“. Sie zeigt auf, welche Schwierigkeiten und Probleme in einer demokratiegefährdeten Gesellschaft auftreten und bei Lehrenden und Lernenden Begründungs- und Existenzängste bewirken und zur Frage führt, „ob es zum Vorteil oder Nachteil der Schülerinnen und Schüler ist, die P4C-Kurse zu besuchen, ob wir sie damit auf eine Welt vorbereiten, die gar nicht existiert und ob sie dann enttäuscht oder desorientiert sind, wenn sie realisieren, dass die Gesellschaft nicht so funktioniert, wie es ihnen beigebracht wurde“. Doch sie bleibt nicht bei diesem Pessimismus stehen: Erst recht in solchen menschenunwürdigen Zeiten ist philosophieren hilfreich!

Die US-amerikanische Philosophin Amy Reed-Sandoval von der University of Texas at El Paso stellt mit dem Beitrag „Interkulturelle Erkundung im P4C-Klassenzimmer“ Reflexionen über das Philosophieren mit Triqui-Kindern in Oaxaca de Juàrez in Mexiko an. Die Situation ist schwierig: Wie sollte es möglich sein, dass eine Lehrerin, die in den Augen der SchülerInnen „nicht zu ihnen gehört“, gerade zu Themen wie Indigenität, Rassen- und Kunstfragen mit ihnen philosophiert? Sie zeigt an überzeugenden Beispielen auf, dass gerade unterschiedliche ökonomische, lebensweltliche und kulturelle Verschiedenheiten ermöglichen, „einen Dialog über die moralische Bedeutung von kulturellen und sozio-ökonomischen Unterschieden anzustoßen“.

Als eine „childistische Perspektive“ betrachtet die norwegische, an der Universität Bayreuth als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätige Philosophin Tanu Biswas ihren, ebenfalls von Britta Saal aus dem Englischen ins Deutsche übersetzten Beitrag: „Philosophieren mit Kindern über Grenzen hinweg. Mit dem Begriff „childistisch“ wird auf die Tradition der anglophonen Childhood Studies verwiesen. Sie informiert über ihre empirischen Forschungsarbeiten und zeigt auf, „dass das Erwachsenen-Kind-Verhältnis im Allgemeinen und das Lehrer-Schüler-Verhältnis im Besonderen neu konzipiert werden müssen, und zwar in der Weise, dass dem Kind-Menschen mehr Raum zukommt, dem Erwachsenen-Menschen auf epistemologischer Ebene etwas zu geben“.

Im Forum der Zeitschrift thematisiert der wissenschaftliche Lei ter des Forum Scientiarum der Universität Tübingen, Niels Weidtmann, Fragen zur „Interkulturelle(n) Gerechtigkeit und ( ) Praxis der Menschenrechte“. Er arbeitet mit einem historischen Rückblick, einer aktuellen, lokal- und globalgesellschaftlichen Bestandsaufnahme und mit einer visionären Vorausschau die Diskrepanz und gleichzeitige Verbindlichkeit der humanen Werte Gleichheit und Freiheit heraus: „Der Einzelne ist gerade dadurch der, der er ist, dass er nicht der Andere ist, und umgekehrt“, was bedeutet, dass er erst in der Begegnung mit dem Anderen er selbst ist!

Mit dem kritischen Beitrag „Von Aneignungsmaschinen und Selbstökonomisierungsinstanzen: Menschenbilder und Kompetenzgerede im Feld des interkulturellen Lernens“ setzt sich der Senior Lecturer von der Wirtschaftsuniversität in Wien, Jan Christoph Heiser, auseinander. Er verweist auf die unterschiedlichen, pädagogischen und ökonomisch in-dienst-nehmenden Kompetenzbegriffe und warnt vor der Gefahr einer „eklatanten Ideologieanfälligkeit“. Er entwirft ein Konzept des Interkulturellen Lernens, das sich orientiert am Selbstdenken und dem Mitdenken des Anderen (vgl. z.B. dazu auch: Tobias Künkler, Lernen in Beziehung. Zum Verhältnis von Subjektivität und Relationalität in Lernprozessen, 2011,www.socialnet.de/rezensionen/12017.php ).

Im dritten Teil der Zeitschrift werden Rezensionen abgedruckt: Die Philosophin von der Universität Wien, M?d?lina Diaconu, stellt das von Arianna Ferrari und Klaus Petrus herausgegebene „Lexikon der Tier-Mensch-Beziehungen“ (2015) vor; Franz Gmainer-Pranzl setzt sich mit dem Essay von Barbara Schellhammer „Dichte Beschreibung in der Arktis. Clifford Geertz und die Kulturrevolution der Inuit in Nordkanada“ (2015) auseinander; Gail Presbey informiert über einen kritischen Diskurs zur „afrikanischen Philosophie“, indem sie auf das Buch von Pius Maija Mosimba „Philosophic sagacity and intercultural philosophy: Beyond Henry Odera Oruka“ (2016) eingeht; Karin Kuchler rezensiert Peter Parks, Africa, Asia, and the History of Philosophy“ (2014); M. Diaconu stellt das Buch von Kurt Remele, „Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine neue christliche Tierethik“ (2016) vor; Phillip D. Th. Knobloch setzt sich mit der Studie von Jan Christoph Heiser, „Interkulturelles Lernen. Eine pädagogische Grundlegung“ (2013) auseinander; Julius Günther diskutiert die Gedankengänge und Theoriebildungen, wie sie der japanische Philosoph Jiro Watanabe im Sammelband „Zwischen Phänomenologie und Deutschem Idealismus“ (2012) formuliert hat; und M. Diaconu bezieht sich in ihrer Besprechung auf das Buch von Hartmut Rosa, „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“ (2016).

Fazit

Der Name der Zeitschrift „polylog“ bringt zum Ausdruck, dass Philosophieren über das Ich nur als Nachdenken über das Wir sinnvoll und wahrhaftig ist. Der österreichische Philosoph Franz Martin Wimmer drückt das so aus: „Halte keine philosophische These für gut begründet, an deren Zustandekommen nur Menschen einer einzigen kulturellen Tradition beteiligt sind“. Hier wird der Bogen von der interkulturellen Philosophie zum Interkulturellen Lernen und zur interkulturellen Bildung geschlagen, als allgemeinbildende Anforderung für lebenslanges Lernen. So ist es nur logisch und konsequent, interkulturell auch mit Kindern zu philosophieren. Die Beiträge vermitteln zum einen den Optimismus, dass dies möglich ist, und zum anderen den Bildungsauftrag, dass dies notwendig ist!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.12.2017 zu: Britta Saal (Hrsg.): Philosophieren mit Kindern weltweit. Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie c/o Inst. f. Philos. Uni Wien NIG (Wien) 2017. ISBN 978-3-901989-36-0. polylog 37. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23702.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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