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Ingrid Paus-Hasebrink (Hrsg.): Langzeitstudie zur Rolle von Medien in der Sozialisation sozial benachteiligter Heranwachsender

Cover Ingrid Paus-Hasebrink (Hrsg.): Langzeitstudie zur Rolle von Medien in der Sozialisation sozial benachteiligter Heranwachsender. Lebensphase Jugend. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 326 Seiten. ISBN 978-3-8487-4302-5. 59,00 EUR.
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Thema

Das Team um Ingrid Paus-Hasebrink beschäftigte sich in der Langzeitstudie (2005-2016) mit dem Aufwachsen von Kindern bzw. Jugendlichen in prekären sozialen Lebenslagen und der Rolle von Medien in der Sozialisation sozial benachteiligter Heranwachsender; der fünfte Band der Reihe rückt dabei abschließend die Lebensphase Jugend im Kontext sozioökonomischer und sozioemotionaler Faktoren in den Fokus.

Herausgeberin

Ingrid Paus-Hasebrink ist Professorin und Leiterin der Abteilung für Audiovisuelle und Online-Kommunikation am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg.

Mitarbeitende an diesem Band sind: Jasmin Kulterer; Andreas Oberlinner und Philip Sinner.

Aufbau

Das Buch gliedert sich wie folgt:

Vorwort

  1. Mediengebrauch in der Sozialisation: Langzeit-Panelstudie zu sozial benachteiligten Heranwachsen: Ingrid Paus-Hasebrink.
  2. Zur Entwicklung der praxeologischen Perspektive auf die Rolle von Medien in der Sozialisation: Ingrid Paus-Hasebrink.
  3. Methodologische und methodische Herausforderungen: Zum Design der Langzeit-Panelstudie: Ingrid Paus-Hasebrink; Philip Sinner; Jasmin Kulterer und Andreas Oberlinner.
  4. Die Familien des Panels im Überblick: Jasmin Kulterer und Ingrid Paus-Hasebrink.
  5. Herausforderungen und Erfahrungen in der Lebensphase Jugend: Philip Sinner und Ingrid Paus-Hasebrink.
  6. Familientypen als Sozialisationskontexte: Ingrid Paus-Hasebrink, Jasmin Kulterer und Andreas Oberlinner.
  7. Sozialisation in unterschiedlichen Sozialisationskontexten: Ingrid Paus-Hasebrink und Andreas Oberlinner.
  8. Die Langzeit-Panelstudie: Diskussion und Fazit: Ingrid Paus-Hasebrink.
  9. Literaturverzeichnis
  10. Anhang

Inhalt

Ad Vorwort:

Der Untertitel der Studie lautet „Praxeologische Mediensozialisationsforschung. Fallbeispiel sozial benachteiligte Heranwachsende“. Der Begriff „Sozialisation“ steht im Mittelpunkt, hierbei sind Medien für die Identitätskonstruktion der Jugendlichen wichtig, denn Aufwachsen heute bedeutet auch Aufwachsen inmitten von Medien: „Sozialisationsprozesse finden stets im Kontext der Lebensführung und der Alltagspraktiken von Individuen an ihrem je spezifischen sozialen Ort statt“ (S. 5). Die vorgelegte Studie baut auf den bisherigen Untersuchungen Paus-Hasebrink/Bichler 2008; Paus-Hasebrink/Kulterer 2014a und nimmt die Ergebnisse der Studie von 2005–2017 auf (S. 6).

Ad 1:

Aufwachsen in sozial benachteiligten Lebenslagen für Heranwachsende und die Frage nach dem Anteil von Partizipation stehen im Mittelpunkt der Studie (S. 15). Jugendliche aus prekären sozialen Verhältnissen haben größere Probleme, medial mithalten zu können und sie müssen einen Benachteiligungseffekt in Kauf nehmen (S. 15); wobei sich die Benachteiligung nicht nur auf Materielles, sondern grundsätzlich auf die gesamte Lebenssituation bezieht. 2005 begann die Gesamtstudie in Österreich, die als Ausgangslage die sozioökonomische Kluft der Gesellschaft im Fokus hatte: „Die Gefahr wächst, dass sozial benachteiligte Kinder auch in reichen Ländern wie etwa Österreich an den Rand der Gesellschaft gedrängt und dass ihre Sozialisation und damit auch ihre Partizipationschancen an der Gesellschaft beeinträchtigt werden, da ein enger Zusammenhang zwischen Familie und Sozialstruktur vorliegt – die Verteilung zentraler Ressourcen wie Einkommen, Bildung und Beruf ist stark ungleich“ (S. 16). Die Ressourcen zur gesellschaftlichen Partizipation werden über Medien verteilt, weil Medien inzwischen den Alltag konstituieren, oft auch strukturieren und neue Praktiken einführen (S. 17).

In der Studie standen anfangs die Kinder, jetzt die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen im Mittelpunkt, wobei auch die Familiensysteme und -beziehungen mit im Blick waren (S. 18): „Das Ziel der Studie ist es, Sozialisationsprozesse und die Rolle von Medien darin im Kontext der sozio-ökonomischen und sozio-emotionalen Lebensbedingungen der Familien, in denen die jungen Menschen aufwachsen, mit Blick auf gesamtgesellschaftliche Wandlungsprozesse zu beschreiben und zu verstehen“ (S. 19). Die Gesamtstudie besteht aus drei ineinandergreifenden Teilschritten und Teiluntersuchungen und ihr Fundament ist der „Ansatz der integrativ ausgerichteten praxeologischen Erforschung der Rolle von Medien in der Sozialisation“ (S. 19). Ergänzt wurde die Studie durch Literaturanalysen und Sekundäranalysen vorliegender Untersuchungen „zum Medien-, Freizeit- und Konsumverhalten von Kindern und Jugendlichen bzw. Familien“ (S. 20).

Ad 2:

Nötig sei ein neues Verständnis der Medien als Sozialisationsagenturen und die Beachtung der Kontexte von Sozialisationsagenten (S. 21), denn Medien sind in alle Alltagsprozesse hineinverwoben. Auf Sozialisation existieren verschiedene Perspektiven (Behaviorismus, konstruktivistische, psychodynamische, ökologische), wobei die Entwicklungspsychologie meist die personale Individuation und die Soziologie die Integration von Personen im gesellschaftlichen Kontexte im Blick haben (S. 22). Im sozio-ökologischen Ansatz von Urie Bronfenbrenner, später Dieter Baacke et al. (medienökologischer Ansatz) geht es um die „Ganzheitlichkeit kultureller und sozialer Verfasstheiten“ (S. 22): „Die mittlerweile von Neal und Neal (2013) aktualisierte >Ecological Systems Theory< (EST) beschreibt die Entwicklung von Kindern in einem Kontext verschiedener Umweltsysteme sich überschneidender Arrangements von Strukturen“ (S. 22) Die sozialen Kontexte bieten hierbei das Milieu, in denen Individuen ihre Identität ausbilden können.

In den neueren Soziologiediskursen stehen aktive kulturelle Praktiken von Heranwachsenden im Fokus, die auf subjektive Kohärenz und eigene Handlungsfähigkeit zielen. Die Ideen des aktiven Subjekts (Berger/​Luckmann) stehen im Vordergrund (S. 24). Die Studie hat deswegen das subjektive Medienhandeln von Menschen unter dem Einfluss bestimmter Kontextbedingungen fokussiert: „Dies bedeutet für die Studie, das Kind bzw. den Jugendlichen und seine Bezugspersonen an seinem je spezifischen sozialen Ort in den Mittelpunkt zu rücken“ (S. 24). Insgesamt gehören die Lebensweltkonzepte in die phänomenologische Tradition, auf Edmund Husserl zurückgehend, hinein, die universale Strukturen alltäglicher Lebenswelt aufdecken will, „die eine gemeinsame kommunikative Umwelt erst konstituieren“ (S. 27). Das Subjekt steht dann im Mittelpunkt, wenn die Perspektive auf Lebenswelt und Lebensführung gerichtet wird. Theoretisch bezieht sich die Studie zudem auf Pierre Bourdieus Feldtheorie, die unterschiedliche Ressourcen bzw. „Kapital“ berücksichtigt (S. 27): „Die je spezifische Zusammenstellung dieser Kapitalien ist ungleich verteilt und führt zur Bildung spezifischer sozialer Milieus. Soziale Milieus sind durch grundlegende Anschauungsweisen geprägt, die Angehörige eines Milieus milieuintern teilen und durch die sie sich von jeweils anderen Milieus unterscheiden…“ (S. 28). Das jeweilige soziale Milieu präge sich verschieden aus, was bei Bourdieu als Habitus bzw. zentraler Lebensgrund charakterisiert wird – der Habitus sei dann so etwas wie die „sozialisierte Subjektivität“ (S. 29): „Der Habitus ist die vermittelnde Instanz zwischen subjektiven und objektiven Dimensionen sozialer Existenz. Er kann also als das Prinzip verstanden werden, nach dem die Methoden der Lebensführung, die alltagskulturellen Praktiken von Menschen, die ihren Ausdruck in unterschiedlichen Lebensstilen finden, entfaltet werden…“ (S. 29).

Der Mediengebrauch entscheide nach diesem theoretischen Ansatz letztlich mit über Lebensführung und Alltagspraxis (S. 30) und über individuelle Erfolgsperspektiven. Wichtig sei in diesem Kontext die Identität als Kern der Persönlichkeitsentwicklung, wobei Entwicklungspsychologie und soziologische Perspektiven zusammenkommen (S. 31): „Medien erfüllen im Kontext der oben diskutierten Methoden der Sinngebung vielerlei Funktionen zur jeweiligen Alltagsgestaltung und Lebensbewältigung aller Familienmitglieder“ (S. 32). Das Aufwachsen von Jugendlichen heutzutage bedeute aber auch, das eigene Leben planerisch in die Hand zu nehmen und Verantwortung für sich zu übernehmen (S. 35). Jugendliche entwickeln dabei in Abgrenzung zu den Eltern/Großeltern eigene Codes und Sprachformen und greifen dabei auf andere Kommunikationsformen zurück (S. 36). Hinzu kommen vielfältige Entwicklungsaufgaben, wie z.B. Loslösung vom Elternhaus, Entwickeln eines eigenen Selbstbildes, Neueinschätzung des eigenen Körpers (S. 37), „das Herausarbeiten und Inszenieren einer eigenen, von erwachsenen Bezugspersonen unabhängigeren Identität…“ (S. 39). Für die Sozialisation sei jedoch der eigene Familienkontext immer noch ein entscheidender Faktor (S. 41). Die Autorinnen und Autoren der Studie stellen nun Handlungsoptionen (gesellschaftlich-strukturell bedingte Faktoren des sozialen Milieus eines Individuums), Handlungsentwürfe (Ziele und Pläne vor dem Hintergrund subjektiver Wahrnehmungen des sozialen Milieus) und Handlungskompetenzen (Ressourcen zur Umsetzung der Handlungsentwürfe im Rahmen der gegebenen Handlungsoptionen der Jugendlichen) in einen funktionalen Zusammenhang (S. 44).

Ad 3:

Die (Medien-) Sozialisation eines Jugendlichen wird allgemein als Prozess beschrieben, „der sich in verschiedenen sozialen Kontexten vollzieht, an denen ein Individuum beteiligt ist“ (S. 45). Zudem etabliere sich in jedem Sozialisationsprozess ein Eigen-Sinn der an diesem Prozess beteiligten Personen (S. 45). Wichtig zu erfassen seien dann die Handlungsoptionen eines Kindes/​eines Jugendlichen, das/der in benachteiligenden Lebensbedingungen aufwächst. Um diesen Lebensbedingungen analytisch auf die Spur zu kommen, verwenden die Autoren und Autorinnen das Ungleichheitsmodell von Stefan Hradil (S. 49).

Im Folgenden stellen die Autoren und Autorinnen die Fragebögen für die Interviews mit den Heranwachsenden und mit den Eltern vor (S. 52–55). Dazu erstellten die befragten Jugendlichen noch eine soziale Netzwerkkarte (S. 56) nach der Methode des sog. Lauten Denkens (eigene Profilkommentierung in sozialen Netzwerken) und fotografierten ihr Zimmer (Modell: bedroom culture) (S. 57). Weitere empirische Komponenten im Forschungsprozess waren das Beobachtungsprotokoll (S. 57) und die telefonische Nachbefragung. Als ethische Herausforderung seien die passende Ansprache von Menschen in prekären Lebenssituationen zu nennen und auch der Umgang mit offenkundlichen Konflikten, z.B. in den Familien oder auch der Umgang mit psychischen Problemen, Erkrankungen oder Missbrauchserfahrungen (S. 59). Das Auswertungsverfahren gliedert sich traditionell in Transkription der Interviews, die computerunterstützte Aufarbeitung der Interviews (MAXQDATA), die fokussierte Analyse, kontextuelle Einzelfallanalyse, Einzelfallbeschreibung, Typenbildung (S. 60) und Interpretation.

Ad 4:

Die 18 Familien, die am Ende der 6. Erhebung (=letzte Erhebung) noch dabei waren (S. 69), werden in Kurzporträts vorgestellt. Die Profile beziehen sich auf die sozioökonomische Lage, Einkommen, Arbeitslosigkeit, Wohnsituation, formale Bildung der Eltern, Beschreibung der Familienkonstellation usw.

  • Familie A. mit Tochter Amelie, die die jüngere der beiden Töchter ist. Später kam 2007 noch ein weiteres Kind dazu; 2014 das vierte Kind. 2016 lebte Fr. A. mit Amelie und den beiden Halbbrüdern zusammen und war arbeitslos; das Familieneinkommen wurde durch staatliche Zuwendungen bestritten. Amelie besuchte noch eine berufliche Höhere Schule (S. 70).
  • Familie B. mit Sohn Gregor ist eine Großfamilie mit 10 Kindern (4 weiblich, 6 männlich). Gregor ist der drittjüngste Bruder; schlechte Infrastruktur von Wohnung und Wohngegend. Aufgrund einer Krebserkrankung war Frau B. ab 2010 arbeitsunfähig und zog ab 2011 nach der Scheidung von ihrem Mann zurück nach Ostwestfalen mit den 6 jüngeren Kindern. Nach der Schule begann Gregor eine Ausbildung (S. 71) zum Einzelhandelskaufmann.
  • Familie D. mit Tochter Gudrun und einer weiteren jüngeren Tochter; Gudruns Eltern waren von Beginn der Studie an verheiratet (S. 71) – aufgrund der beruflichen Wechsel des Vaters gerät die Familie immer wieder in finanzielle Schwierigkeiten, die sich nach der dritten Erhebung besserten. Am Ende der letzten Erhebung besuchte Gudrun ein Oberstufen-Realgymnasium (S. 71).
  • Familie E. mit Tochter Elisabeth und einem älteren Bruder; 2013 heirateten die Eltern. Herr E. arbeitete in seinem erlernten Beruf in der Landwirtschaft und Frau E. arbeitete dort seit der 5. Erhebung mit. Die finanzielle Situation sei zwar stabil aber immer noch armutsgefährdet. Familie wohnte zuerst in einem stark renovierungsbedürftigen Bauernhaus – ab der zweiten Erhebung wohnte die Familie in einem neuen Wohnhaus. Elisabeth machte nach der 5. Erhebung eine Ausbildung zur Floristin (S. 72).
  • Familie F. mit Tochter Olivia; anfangs war Fr. F. mit Tochter Olivia und einem jüngeren Sohn alleinerziehend; später zerbrach die Beziehung zum Lebensgefährten und die finanzielle Situation blieb prekär. Frau F. erhielt dann im Alter von 33 Frührente. Olivia besuchte zum Ende der Erhebungszeit eine Vor-Berufsschule (S. 72).
  • Familie G. mit Sohn Emil: Anfangs wohnte Frau G. allein mit ihrem Sohn in einer problematischen Wohngegend in einer unordentlich wirkenden Wohnung. Am Ende der Erhebungszeit lebte Frau G. mit einem Lebensgefährten in einer besseren Wohnung und in einer besseren Wohngegend. Auch die finanzielle Situation hatte sich gebessert. Erich hat die Pflichtschulzeit absolviert und eine Ausbildung als Koch abgeschlossen (S. 73).
  • Familie H. mit Sohn Mario bewohnte anfangs noch eine 45qm große Wohnung und die Eltern waren arbeitslos, weswegen die Familie Wohn-, Sozial- und Notstandshilfe erhielt (S. 73). Nach der vierten Erhebung war Frau H. erneut arbeitslos und hatte sich von ihrem Lebensgefährten getrennt. In der letzten Erhebung lebte Fr. H. mit einem neuen Lebensgefährten zusammen (S. 74). Mario hatte nach einer abgebrochenen Elektrikerlehre eine neue Lehrstelle in einem IT-Betrieb angetreten (S. 74).
  • Familie Ho mit Sohn Benedikt: Frau Ho lebte anfangs aufgrund der Gewalterfahrungen des ehemaligen Lebensgefährten in einer renovierungsbedürftigen Mietwohnung. Frau Ho war auf Sozialhilfe angewiesen; in der zweiten Erhebung lernte Fr. Ho ihren neuen Lebensgefährten kennen. Benedikt und seine beiden älteren Geschwister waren zeitweise in einer betreuten Einrichtung untergebracht (S. 74). Trotz der finanziellen Besserung blieb die Familie am Ende der Erhebung armutsgefährdet (S. 74). Benedikt blieb am Ende der Erhebung noch in der betreuten Wohngemeinschaft und hatte eine Ausbildung begonnen (S. 75).
  • Familie K. mit Sohn Torsten war nach der dritten Erhebung eine Ein-Eltern-Familie mit drei Söhnen, Torsten ist der älteste Sohn (S. 75). Die Einkommenssituation blieb bis zum Ende der Erhebung problematisch. Nach der Scheidung war Frau K. psychisch belastet (S. 75). Torsten wohnte am Ende der Erhebung in einem Lehrlingsheim und absolvierte eine Lehre.
  • Familie L. mit Sohn Timo ist eine Großfamilie mit 6 Kindern; die Mutter sei kognitiv eingeschränkt. Die Wohnung wirkte desolat und vernachlässigt. In der dritten Erhebung flüchtete die Mutter mit drei ihrer Kinder in ein Frauenhaus (S. 76). Zwischen dritter und vierter Erhebung versöhnten sich die Eltern wieder und heirateten. Timo wirkte kognitiv eingeschränkt und lebte in der 4. und 5. Erhebung in einer sozialpädagogischen Einrichtung; am Ende der Erhebungszeit arbeitete Timo in einer integrativen Werkstätte (S. 76).
  • Familie O. mit Sohn Manfred ist eine Großfamilie und lebt in einer prekären finanziellen Situation und bezog Sozialhilfe. Manfred hatte am Ende der Erhebung eine Lehrstelle als IT-Techniker angetreten (S. 76).
  • Familie Ö. mit Tochter Viktoria (S. 77): Die Familienkonstellation hat sich mehrfach geändert; die Mutter war ab der 4. Erhebung berufsunfähig und dauerhaft auf Invalidenrente angewiesen. Am Ende der Erhebung bewohnten Frau Ö. und Viktoria eine Gemeindewohnung. Viktoria wollte nach Beendigung der Schule eine Ausbildung zur Büroangestellten absolvieren (S. 77).
  • Familie P. mit Sohn Helmut lebte in einem größeren Familienzusammenhang und die Einkommensverhältnisse waren stabil (S. 78); ab der 6. Erhebung litt Herr P. unter einem Burn-Out-Syndrom. Helmut konnte trotz einer Teilleistungsschwäche im Lesen und Schreiben eine Lehre als Maschinenbautechniker beginnen (S. 78).
  • Familie R. mit Tochter Isabelle ist eine Familie mit drei Kindern, eines aus erster Ehe von Frau R.; bei der zweiten Erhebung kam es wegen der Alkoholprobleme des Vaters zur Trennung der Eltern und die Restfamilie wurde von den Großeltern pekuniär unterstützt (S. 78). In der dritten Erhebung lernte Frau R. einen neuen Partner kennen. Isabelle hatte am Ende der Erhebung eine Ausbildung zur Kinderpflegerin fast abgeschlossen (S. 79).
  • Familie S. mit Tochter Susanne: Frau S. war zu Beginn alleinerziehend und lebte mit den beiden Töchtern in einer beengten Mietwohnung. Die Familie war insgesamt sehr einkommensschwach. In der zweiten Erhebung folgten Heirat und Umzug nach Deutschland und die sozioökonomische Lage hatte sich beträchtlich gebessert. Susanne hatte über Volkshochschule ihren Realschulabschluss erreicht (S. 79).
  • Familie St. Mit Tochter Simone: Frau St. lebte in der ersten Erhebung mit Simone und ihrem Halbbruder (S. 79) in einer Mietwohnung auf dem Land; in der dritten Erhebung zog die Familie ein drittes Mal um. Die Familie bezog Geld aus öffentlichen Mitteln, da das osteuropäische Abitur von Frau St. in Österreich nicht anerkannt wurde und Frau St. sich deshalb mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten musste. Simone besuchte zum Zeitpunkt der letzten Erhebung eine berufsbildende Höhere Schule (S. 80).
  • Familie W. mit Sohn Alfons (S. 80): Frau W. war zu Beginn der Erhebung alleinerziehend und lebte mit den beiden Kindern in Stadtnähe; die Einkommensverhältnisse waren unklar. In der dritten Erhebung hatte Frau W. einen neuen Partner. In der letzten Erhebung Umzug in eine Doppelhaushälfte. Alfons befand sich am Ende der Erhebung in Ausbildung und wohnte während der Woche in einem Lehrlingswohnheim (S. 80).
  • Familie Z. mit Sohn Norbert und einem jüngeren Bruder gehörte zu den einkommensschwächsten Bevölkerungsteilen Österreichs; nach Trennung und neuer Partnerschaft zog Herr Z. mit älterer Tochter zu Frau Z. und ihren beiden Kindern. Am Ende der Erhebung hatte sich die sozioökonomische Lage der Familie stabilisiert. Norbert besuchte am Ende der Erhebung eine weiterführende Schule (S. 81).

Ad 5:

Das Kapitel bietet „einen kategoriegeleiteten Einblick in die Lebens- und speziell Mediennutzungsweisen der Heranwachsenden mit dem Fokus auf die beiden letzten Erhebungswellen der Studie, die Lebensphase Jugend“ (S. 83). In diese Lebensphase gehören „Abnabelungsprozesse“ und „Neujustierungen der Beziehungen zu den Eltern, zu Freunden und Peers aber auch zu Lehrkräften und anderen Bezugspersonen…“ (S. 83); die Mediennutzung sei vielfältiger geworden und auch die sozialen Beziehungen, was auch in den Netzwerkkarten der befragten Jugendlichen verdeutlicht wurde. Die sozioökonomische Situation habe sich diversifiziert (S. 84). 2016 wurde die letzte Erhebung bei 18 Familien durchgeführt und die Jugendlichen waren zum Zeitpunkt der Erhebung zwischen 15 und 17 Jahren alt: „Während zahlreiche Jugendliche noch (weiterführende) Schulen besuchten, stand für andere nun die Entscheidung über die berufliche Orientierung an. Andere Jugendliche hatten diese Weichen bereits gestellt und entweder eine Ausbildung begonnen, oder sie hatten sich für jene Schultypen entschieden, die ihnen den Zugang zu ihrem Wunschberuf oder zu ihrem angestrebten Studium ermöglichen sollten.

In der sechsten Erhebungswelle galt es somit erneut die Zukunftsvorstellungen zu erfragen und dahingehend zu überprüfen, ob einige Wünsche und Ziele bereits realisiert werden konnten, wo Neujustierungen vorgenommen werden mussten oder sich individuelle Wünsche und Ziele veränderten“ (S. 85). In der 5. Befragung ging es um die Lebensperspektiven der Heranwachsenden und die Jugendlichen wurden nach ihren Zukunftswünschen gefragt (S. 85). Die Schule stellte für die Befragten zu dieser Zeit noch eine Konstante dar. Der Wunsch nach materieller und sozialer Sicherheit zog sich wie ein roter Faden durch die Äußerungen der Jugendlichen; deutlich sei aber auch der Wunsch nach einer eigenen Familie, mit Kindern in einem schönen Haus zu leben, geworden (S. 85). Die Erfahrungen materieller Unsicherheit und zerbrochenen familialen Strukturen seien allzu deutlich als Hintergrunderfahrungen wahrnehmbar (S. 86). Ergebnisse der vorgelegten Studie seien mit der AWO-JSS-Studie (2013) vergleichbar (Lebenslagen und Zukunftschancen von (armen) Kindern und Jugendlichen in Deutschland). Fokussiert waren in der AWO-Studie beruflicher Aufstieg und geordnete Familienverhältnisse (S. 86).

In der vorliegenden Studie planten nur drei der Jugendlichen, die Schule zu verlassen und direkt eine Ausbildung aufzunehmen, wohingegen die anderen Jugendlichen am Ende der Pflichtschulzeit standen (S. 87). In sozial-emotional stabilen Familien erhielten die Jugendlichen Unterstützung; in dieser Phase sei es aber auch Entwicklungsaufgabe der Jugendlichen, einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld zu erlernen (S. 90). Geldquellen für die befragten Jugendlichen seien in vorliegender Studie zuerst die Eltern gewesen, die den Jugendlichen Taschengeld zwischen 15 und 50 Euro pro Monat zur Verfügung stellten (S. 91).

In der sechsten Erhebung variierten die Geldbeträge; manche Jugendliche hatten Nebenjobs oder andere Zusatzverdienste (S. 92) oder begannen eine Ausbildung und hatten so feste, eigene Einkommen (S. 92). Auf die Frage, was sie mit geschenkten 500 Euro anfangen wollten, antworteten die meisten Jugendlichen, das Geld für Führerschein, Wohnung, Haus, Motorrad investieren zu wollen; manche Jugendliche hätten das Geld auch an Eltern bzw. Mütter weitergegeben (S. 93): „Insgesamt lässt sich eine leichte Tendenz dahingehend feststellen, dass Heranwachsende aus nicht (mehr) armutsgefährdeten Familien das Geld eher sparen würden, während Jugendliche aus ärmeren Familien es eher direkt für ihre Wünsche ausgeben würden“ (S. 94). Die veränderten Bedingungen in der Pubertät führten auch zu Veränderungen in den sozialen Beziehungen, vor allem zu den Eltern, was in manchen Fällen reichlich konflikthaft war (S. 95); das Verhältnis zu Vätern bzw. Stiefvätern werde meistens als ambivalent oder als gar nicht mehr vorhanden beschrieben (S. 96). Freunde und Peers seien zunehmend wichtiger geworden (S. 97). Bestehende Freundschaften (S. 100) würden vor allem in Bezug auf die Eltern als konfliktbeladen beschrieben: „Die Neujustierungen der Beziehungen standen in engem Zusammenhang mit den Bezugspersonen und den genannten Vorbildern der Jugendlichen beziehungsweise den Personen oder Persönlichkeiten, die sie gut fanden. In Bezug auf Vorbilder war sehr auffällig, dass bereits seit der fünften Erhebungswelle zahlreiche Jugendliche… angaben, keine Vorbilder mehr zu haben, da sie sie selbst seien und ihren eigenen Weg gehen wollten“ (S. 103). Die Bezugspersonen müssen keine Vorbilder sein; Medienfiguren bzw. Personen des öffentlich-kulturellen Lebens (S. 105) nähmen immer mehr als Vorbilder ab (S. 105).

Zu Beginn der Erhebung waren die Familien gut mit Mediengeräten ausgestattet. Die Jugendlichen mussten jedoch sparsam mit ihrem Guthaben, z.B. für Handy bzw. Smartphone, umgehen (S. 105). Die Mediennutzung habe sich wohl im Lauf der Erhebung vom Konsum des Fernsehens auf Computer/​Computerspiele und Smartphone verschoben (S. 109); Computer- und Konsolenspiele erfreuten sich jedoch weiter großer Beliebtheit (S. 111), dazu kämen neuerdings Social-Media-Plattformen (S. 112). Die Social-Media-Plattformen würden vornehmlich zur Selbstdarstellung und Selbstinszenierung genutzt (S. 115). Aufgrund der z.T. prekären ökonomischen Situation der Familien könnten manche Jugendliche nicht alle Wunschangebote nutzen und seien von der Partizipation ausgeschlossen (S. 116). Printmedien hätten insgesamt einen schweren Stand (S. 121). Die Medienerziehung seitens der Eltern sei kaum wirksam gewesen, was vor allem an der Nutzung der Smartphones (heimlich oder offen) deutlich geworden wäre: „Letzteres stellt die Wirksamkeit von Verboten und Regeln massiv in Frage, da gerade diese Geräte und deren Verwendung von den Eltern, sowohl aus Respekt vor der Privatsphäre der Kinder als auch zum Teil aus Unwissenheit, nicht mehr kontrolliert wurden“ (S. 122). Das Selbstbestimmungsrecht der Jugendlichen sei im Lauf der Studie seitens der Eltern immer wieder massiv eingeschränkt gewesen (S. 127). Als Fazit gilt: „Die Wege, die die Jugendlichen einschlugen bzw. einschlagen konnten, standen zumeist in einem engen Verhältnis mit der familienbezogenen Prägung und ihren lebensweltlichen Bedingungen, andererseits gab es aber auch erfolgreiche Abnabelung, andere wandten sich von ihrer Familie oder von einzelnen Familienmitgliedern geradezu ab und mussten mit weniger oder gar keiner Unterstützung durch ihre Eltern zurecht kommen, wiederum andere, die weiterhin zur Schule gingen, waren noch eng in ihre Familien eingebunden“ (S. 128).

Ad 6:

Die Studie zeigte auf, wie heterogen und zugleich dynamisch Aufwachsen, Sozialisation und Mediennutzung der Jugendlichen sind (S. 129). Die Familien wurden nach den Kriterien: Ein-Eltern-Familien, kinderreiche Familien (Großfamilien), Familien mit Migrationshintergrund (S. 130) und Familien mit starker Veränderung lebensweltlicher Hintergründe ausgewählt. Anfangs waren die meisten Eltern aufgrund ihrer sozioökonomisch prekären Lage überfordert, vor allem mit konsequenten Erziehungskonzepten (S. 132), oder auch aus Gründen mangelnder Kompetenz. Die Familie blieb jedoch trotzdem vom Anfang bis zum Ende der Studie (2005-2016) der basale Bezugsfaktor (S. 132). Die Art und Weise des familialen Zusammenlebens (doing family) war von vielfältigen Medieneinflüssen mitgeprägt (S. 133): „Im Zuge der Auswertung wurde deutlich, dass es zwischen der Lebensführung der Familien, zwischen ihren Kompetenzen der Alltagsbewältigung und ihrer sozio-ökonomischen und sozio-emotionalen Bedingungen, deutliche Zusammenhänge gab“ (S. 133). Die Familien wurden in vier Typen nach drei Kriterien eingeteilt: Sozioökonomische Situation (stark belastet; nicht mehr bzw. gering belastet, belastet, nicht mehr belastet); sozio-emotionale Bedingungen und Beziehungsstrukturen (stark belastet; belastet; weniger belastet; nicht mehr belastet); Bewältigungsstrategien (überfordert, (weniger) überfordert; relativ kompetent, kompetent) (S. 135) – erkenntniskritisch waren die drei Analysekonzepte (Handlungsoptionen, Handlungsentwürfe, Handlungskompetenzen) wichtig (S. 135).

Die Familien vom Typ 1 hatten massive sozioökonomische Probleme und hatten z.T. massive Deprivationen und waren rundherum überfordert (S. 137): Die Deprivationen kamen als psychische oder physische Auffälligkeit an den Tag; es gab massive pekuniäre Probleme, Arbeitsunfähigkeit der Eltern und bei den Kindern Beeinträchtigungen ihrer Entwicklung (S. 137). Die Wohnungen waren z.T. sehr renovierungsbedürftig oder zu klein oder in abgelegenen Wohngegenden. Die Eltern erlebten ihre Kinder als Belastung und die Familiensituation erschien als äußerst instabil (S. 138). Bei Timo zeigt sich zum Beispiel eine verminderte kognitive Leistungsfähigkeit (S. 140).

Auffallend ist, dass viele Familien ausgesprochen gut – entgegen ihrer sozioökonomischen Lage – mit Mediengeräten ausgestattet waren (S. 143), wobei Bücher in der Regel keine Rolle spielten (S. 146). Für die Eltern von Timo war das Internet jedoch nur in Bezug auf E-Mails oder für die Regelung von Behördengängen nützlich (S. 148). Gewaltanwendung gehörte für den Vater der Familie L. zum Erziehungsstil, sodass Timo sich in Computerspiele flüchtete (S. 149): „Klare (medienbezogene) Regeln gab es für Timo zu Hause zu keiner Zeit während der Erhebungsphasen. Auch wenn seine Eltern oft den Anspruch erhoben, den Sohn und seine Mediennutzung zu kontrollieren, blieb die tatsächliche Umsetzung eher im Unklaren“ (S. 150). Grundsätzlich lässt sich sagen, dass die Eltern von Timo nicht über die notwendige Medienkompetenz verfügten (S. 152): „Timos Situation blieb bis zum Ende der Erhebung bedrückend“ (S. 158) … „Timo flüchtete sich im Lauf der Erhebung zunehmend in Medienwelten, ohne jedoch über Kompetenzen zu verfügen, damit auch einigermaßen reflektiert umgehen zu können“ (S. 159).

Im Folgenden werden (S. 161ff) werden weitere Familien des Typs 1 vorgestellt. Auch bei Familie O. ziehen sich die ökonomische und auch emotionale Mangelsituation wie ein roter Faden durch die Erhebungen (S. 161); auch hier seien Manfreds Eltern mit der Medienerziehung ihrer Kinder überfordert (S. 162). Die finanzielle Situation der Familie F. sei prekär (S. 163), sodass Olivia auf diese Situation mit psychischer Auffälligkeit und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit reagierte (S. 164): „Sexualität und der Wunsch nach finanzieller Stabilität avancierten in Familie F… zu beherrschenden Familienthemen“ (S. 165). Vergleichbar sei auch die Familie Ö., in der Viktoria sich von der Familie entfernte, um ein eigenständiges Leben führen zu können (S. 167).

Der zweite Familientyp ist so charakterisierbar, dass die Familien zwar nicht mehr sozioökonomisch belastet, gleichzeitig aber aufgrund sozioemotionaler Beziehungsstrukturen überfordert waren. Zu diesem Typ gehörten die Familien H.; W.; R.; Hi (S. 167): „Die Familien von Typ 2 sind gekennzeichnet durch neue Familienkonstellationen bzw. Trennungserfahrungen und im Zuge dessen durch ein stark abgespanntes Familienklima und dadurch ein beeinträchtigtes doing family“ (S. 167). Die Bewältigung des Alltags war für alle Familien dieses Typs schwierig, was sich auch durch Desinteresse an den Kindern zeigte (S. 168), beispielhaft für dieses Verhalten sei Benedikts Familie. Benedikt wohnte in einer betreuten Wohngemeinschaft, die Medienbesitz und Mediennutzung regulierte (S. 175): „In den ersten Erhebungswellen war der Erziehungsstil von Benedikts Mutter geprägt von Sanktionen und körperlicher Züchtigung; sie setzt damit fort, was sie und ihre Kinder zuvor selbst an Gewalterfahrungen gemacht hatten. In der betreuten Wohneinrichtung lernten die Kinder erstmals einen klar strukturierten Tagesablauf kennen“ (S. 177). Benedikt sei von den familialen Gewalterfahrungen und prekären Familienverhältnissen so stark beeinflusst gewesen, dass er mental und sozial Schädigungen davongetragen habe (S. 183). Ähnliche Schwierigkeiten seien auch bei den Familien W., R., Hi zu beobachten gewesen.

Die Familien von Typ 3 seien zwar in einer sozioökonomisch belasteten Situation, seien jedoch sozio-emotional weniger belastet und relativ kompetent (S. 191): „Ihnen gelang es zunehmend besser, mit ihren schweren sozio-ökonomischen Bedingungen umzugehen; und sie nahmen zwar ihre Handlungsoptionen als deutliche Einschränkung wahr, ihnen gelang es aber aufgrund ihrer ausgeglichenen und deutlich stabileren Beziehungen in der Kerngruppe, die damit verbundenen Herausforderungen für das Familienleben zu meistern und ihren Alltag zu bewältigen. Die Familien von Typ 3 erschienen größtenteils recht zufrieden mit ihrer Lebenssituation“ (S. 192). Am Beispiel von Simone wird dieser Familientyp vorgestellt (S. 193) – Simones Grundbedürfnisse waren gedeckt; Extrawünsche waren jedoch nicht finanzierbar. Simones Vater, der von der Mutter getrennt lebte, finanzierte ihr z.B. ein Laptop (S. 194). In der Familie St. war die Partnersuche von Fr. St. Thema der Familiengeschichte, aber auch mit dem Vater und seiner neuen Partnerin hatte Simone Probleme: „Die neue Frau des Vaters zeigte sich offenbar eifersüchtig; sie wollte es nicht zulassen, dass Simone Zeit alleine mit ihrem Vater verbringen konnte. Simone hatte nämlich den Vorschlag gemacht, dass ihr Vater Weihnachten mit ihr und ihrer Mutter feiern sollte; Simones Mutter hätte dem Vorschlag auch zugestimmt, doch die neue Frau des Vaters lehnte diese Idee vehement ab“ (S. 195). Die Familiensituation wurde auch dadurch belastet, dass Simones jüngerer Halbbruder Computerspiele exzessiv nutzte. Simones Mediennutzung war dagegen relativ eingeschränkt (S. 198), weil für größere Anschaffungen das Geld seitens der Mutter fehlte und Mediengeräte durch den Vater finanziert werden mussten (S. 200). Frau St. war gegenüber Medien sehr zurückhaltend (S. 201) – aufgrund der intensiven Mediennutzung durch Simone war Streit vorprogrammiert (S. 202); jedoch gab es seitens Frau St. keine festen Regeln im Umgang mit Medien, was Frau St. auch selbstkritisch reflektierte (S. 203): „Frau St… schätzte über die gesamte Erhebungszeit die Vermittlung von Medienkompetenz als wichtiges Ziel in der Erziehung ein, auch weil der adäquate Umgang mit Medien in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen würde“ (S. 204)… „Anwendungen wie Instagram, Snapchat und Facebook boten Simone eine Plattform zur Selbstdarstellung, zum Identitäts- und Beziehungsmanagement“ (S. 209). Bei den anderen Familien des Typs drei waren Ähnlichkeiten in der Mediennutzung vorhanden (S. 210). Amelie nutzte Medien nach Themen wie „Kämpfen, Starksein, Selbstständigkeit“ (S. 212) – ihr ging es um den sozialen Aufstieg und die Medienauswahl und die Mediennutzung folgten diesem Ziel: „Ihr lag daran, eigene Handlungskompetenzen zu erwerben und diese etwa als Medizinerin oder Volksschullehrerin umsetzen zu können. In ihrem von Unsicherheit geprägten Umgang mit Partnern hingegen schien es ihr an Handlungskompetenz zu fehlen“ (S. 213). Georg nutzte Medien, um mangelnde Sozialkontakte auszugleichen und eigene Handlungskompetenzen aufzubauen (S. 215). Elisabeth konnte am Ende der Erhebung recht gute Handlungsentwürfe entwickeln und war in der Lage, ihr Leben eigenständig zu gestalten (S. 216). Torstens Einstieg in die Lehre war seine Chance auf Unabhängigkeit und mehr Selbstständigkeit.

Die Familien von Typ 4 hatten als gemeinsames Merkmal, dass sie schon längere Zeit in der gleichen Familienkonstellation zusammenlebten und als „Aufsteiger-Familien“ charakterisiert werden können (S. 218). Eltern dieses Familientyps seien ihren Kindern zugewandt und zeigten Interesse an den medialen Wünschen der Kinder (S. 218). Die erreichte sozioökonomische und sozioemotionale Stabilität werde nicht gefährdet (S. 219): „Vielmehr richteten die Eltern ihre Handlungsentwürfe darauf aus, das gute Familienklima zu stabilisieren und ihre einmal erreichte bessere soziale Position auch für ihre Kinder zu sichern“ (S. 219). Als Beispiel dient Erich aus Familie G. Der Umzug mit Mutter und deren neuen Lebensgefährten ermöglichte Erich eine positive Entwicklung (S. 219); nach der Pflichtschulzeit begann Erich eine Lehre als Koch und verdiente 500 Euro Lehrgeld (S. 220). Die stabilen Verhältnisse führten auch zu einer positiven Beziehung zur Mutter und ihrem Lebensgefährten (S. 220): „Erich richtete seine Handlungsentwürfe ganz auf den Abschluss seiner Lehre aus und anschließend eine zweite Lehre als Metzger, um sich dadurch ein zweites, besseres berufliches Standbein zu schaffen“ (S. 221). Erich war aufgrund der besseren finanziellen Situation des Stiefvaters sehr gut mit Mediengeräten ausgestattet und auch sein Interesse, z.B. an Computerspielen, hatte am Ende der Erhebung nicht abgenommen (S. 222), zeitlich jedoch durch seine Lehre eingeschränkt. Das Radiohören nahm gegen Ende der Erhebung zu und das Radio wurde auch zur zentralen Informationsquelle für Erich (S. 225). Die Eltern waren von Anfang an gegenüber Medien aufgeschlossen (S. 226) und nutzten dann auch Smartphones. Die Eltern wussten über Erichs Mediennutzung Bescheid; die Reglementierung seitens der Eltern war eher situativ (S. 227). Kommunikation über Medien wurde in Familie G. großgeschrieben (S. 228). Erich hatte sich bis zum Ende der Erhebung Know-How und technische Kompetenz angeeignet (S. 230): „Dabei zeigte sich bei den Familien des Panels, dass zwar ihren jeweiligen sozio-ökonomischen Voraussetzungen für ihre Lebensführung große Relevanz zukam, aber den sozio-emotionalen Bedingungen in den Kernbeziehungsgruppen, die den Ausschlag für das Bewältigen von oder Scheitern an Herausforderungen bedeuteten, ein ebenso großes, wenn nicht größeres Gewicht beigemessen werden musste“ (S. 240).

Ad 7:

Die Mediengebrauchsweisen der befragten Familien standen in in einem engen Zusammenhang zur sozioökonomischen und sozioemotionalen Situation (S. 241). Für die Kinder der Familien waren die Medien deswegen wichtig, um familiale Konfliktsituationen zu bewältigen (S. 241) oder um mangelnde Unterstützung seitens der Eltern bei ihren Entwicklungsaufgaben auszugleichen. Die Medien beeinflussten alle Sozialisationskontexte und -dynamiken (S. 242) und hatten in allen Familien im Alltag einen großen Stellenwert. Als die Kinder der Familien noch im Vorschul- und Grundschulalter waren, stellten die Medien die Möglichkeiten bereit, aus den sozioemotional belasteten Lebenssituationen in einer Phantasiewelt zu flüchten: „Die allgemein für jüngere Kinder als altersgerecht geltenden (Bilder-) Bücher nutzten die Kinder kaum – Bücher fanden sich in ihren Familien nur vereinzelt – und wenn dies der Fall war, handelte es sich fast ausschließlich um Angebote aus einem crossmedialen Zusammenhang, also um Bücher, deren Helden und Geschichten zuvor in Video- oder Computerspielen oder in Filmen auf DVD vermarktet worden waren“ (S. 243).

In der dritten Erhebungswelle nahm die Computer- und Internetnutzung bei den Kindern zu (S. 243). In der Jugendphase (Erhebungen 2014/2016) dienten die Social-Web-Anwendungen den Heranwachsenden zur Bearbeitung ihrer Entwicklungsaufgaben (S. 245); gleichzeitig boten die Medien Plattformen Inszenierungen und Präsentationen in Bezug auf Peers und Freunden/​Freundinnen (S. 245). Die Medienprotagonisten und -protagonistinnen dienten den Kindern und Jugendlichen als Orientierungshilfen (S. 247) und sie waren „symbolischer Ausdruck >eigener< Räume“ (S. 248). Die Computer- und Konsolenspiele waren nötig, um lebensweltliche Probleme der Jungen bewältigen zu helfen und Erfahrungen zu erweitern (S. 249). Die Medien dienten zur Abgrenzung und zum Wettkampf (S. 250) und als Erlebnis der Selbstwirksamkeit (S. 250) und von Gemeinschaft. Gleichzeitig dienten die Medien dem Frustrationsabbau und zur Aggressionsverarbeitung (S. 250). Ergebnis der Studie ist auch, dass Mediensozialisationsforschung immer zugleich auch Familienforschung bedeutet (S. 251): „Im Rückblick lässt sich sagen, dass sich das Verhalten der Eltern des Panels ihren Kindern gegenüber, ob sie Zuwendung, Gleichgültigkeit oder Ablehnung bzw. gar Aggression zeigten, als hochrelevant für die Sozialisation der Heranwachsenden erwies, ihr emotionales Verhältnis zu ihren Kindern bestimmte auch die Art ihrer Medienerziehung mit“ (S. 252). Die Untersuchung zeigte die Relevanz der Medien für die Kinder bzw. Jugendlichen auf (S. 253). Die Eltern waren jedoch in der Regel mit der Medienerziehung ihrer Kinder und dem Kompetenzzuerwerb überfordert (S. 256).

Das Verhalten der Eltern oszillierte zwischen Laissez-faire-Verhalten, reglementierendem, willkürlichem Verhalten bis zur freundschaftlichen Umgangsweise oder auch kindzentrierten Medien-Erziehungsstrategien (S. 257): „Auch wenn andere Kontexte in der Sozialisation der jungen Menschen von großer Bedeutung waren, so ließ sich nach der langen Erhebungszeit von fast zwölf Jahren zusammenfassend feststellen, dass die Relevanz, die die bei den Heranwachsenden des Panels einnahmen, stets in engem Zusammenhang mit der Lebensführung der Familien, in denen sie aufwuchsen, und ihren jeweiligen Handlungsoptionen, Handlungsentwürfen und Handlungskompetenzen stand“ (S. 269).

Ad 8:

Der mediale Wandel ist der Motor von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, was nicht ohne Konsequenzen für die Lebensführung und für die Sozialisationsprozesse bleibt (S. 271). Die vorliegende Studie verfolgte den Ansatz der praxeologischen integrativen (Medien-) Sozialisationsforschung und stellt die Frage nach dem praktischen Sinn des Medienhandelns von Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern bzw. Familien (S. 272): Welchen subjektiven Sinn erhalten Medien im lebensweltlichen Kontext und wie unterstützen Medien Handlungskompetenzen bei Individuen (S. 273): „Ins Visier genommen wird dabei das je individuelle, aber dennoch über den Einzelnen hinaus weisende Lebensumfeld, in dem er agiert bzw. agieren kann. Mitbetrachtet werden also auch die sozialen Räume bzw. das soziale Milieu, in dem jeweils bestimmte Handlungsziele von Individuen und ihre jeweiligen Ressourcen wirksam werden und in dem bestimmte Handlungsmuster >am Platz< … sind. Im Streben danach, ihrem Leben Sinn zu verleihen, bedienen sich Menschen zeit ihres Lebens auch Medien“ (S. 274). Folgende Analysekriterien waren erkenntnisleitend:

  • Handlungsoptionen
  • Handlungsentwürfe
  • Handlungskompetenzen (S. 274)
  • Mikro-, Meso- und Makroprozesse (S. 275), verbunden mit Faktoren wie Einkommen, Bildung, sozialem Milieu der Eltern, Beziehungsstrukturen, Familienklima, Entwicklungsaufgaben der Kinder und Jugendlichen, Lebensführung, Übergänge in den Entwicklungsagenturen (S. 276).

Sechs Panelwellen vom Kindergarten bis ins Jugendalter wurden durchgeführt (2005, 2007, 2010, 2012, 2014, 2016) und Nacherhebung (2016) wurden durchgeführt. Leitfadeninterviews waren das Kernstück der Studie (S. 277), erweitert durch Netzwerkkarten der Jugendlichen und andere methodische Erweiterungen (Triangulation der Erhebungs- und auch Analysemethoden).

Insgesamt war die Studie als Langzeitstudie angelegt; die Daten wurden standardisiert, um sie vergleichbar zu machen und valide Codewortbäume anzulegen (S. 281): „Eine Längsschnittstudie über viele Jahre fortzuführen, dies lässt sich zusammenfassend feststellen, bedeutet die Bereitschaft, sich stets aufs Neue um möglichst adäquate Lösungsstrategien zur Weiterbearbeitung des Forschungsgegenstands im Sinne der zentralen Forschungsfrage(n) zu bemühen; jede neue Erhebungs-, mithin auch Auswertungsphase ist eine methodische Gratwanderung zwischen Kontinuität und Wandel, außerdem gilt es, im Rahmen einer derartig langen Forschungsarbeit stets auf(s) Neue und dies mit Blick auf die Verantwortung den Panelangehörigen gegenüber ethische Fragen zu reflektieren“ (S. 282).

Heute gilt es Alltagskompetenz und Medienkommunikation zu erlangen, was bedeute, dass auch Kinder und Jugendliche aus prekären sozialen Verhältnissen Aufmerksamkeit und Unterstützung in der Mediennutzung bekommen (S. 282); hierbei bedeutsam ist der Familienkontext. Die entsprechenden Familien bedürfen ebenfalls sozialpädagogischer Unterstützung (S. 283), „die an konkreten Bedingungen und Bedürfnissen der Familien ansetzt und die in der Lage ist, auf die unterschiedlichen Interessenlagen und Bedürfnisse sowie Perspektiven der Familienmitglieder adäquat einzugehen“ (S. 285).

Fazit

Der Reichtum der ausgewerteten Daten und ihre konzise Darstellung und Präsentation beeindrucken. Die Studie gibt einen detaillierten Einblick in das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen aus prekären sozialen Lebensverhältnissen unter dem Einfluss von Medien, die die ganze Sozialisation und Enkulturation beeinflussten. Wichtig sind auch die rekonstruierten Funktionen, warum Kinder und Jugendliche Medien in ihrem teilweise schwierigen Alltag nutzen, um diesen Alltag zu kompensieren und Entwicklungsaufgaben zu bewältigen. Die gesamte Studie ist m.E. ein Meilenstein in der Erforschung der Mediensozialisation von Kindern und Jugendlichen.


Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 27.03.2020 zu: Ingrid Paus-Hasebrink (Hrsg.): Langzeitstudie zur Rolle von Medien in der Sozialisation sozial benachteiligter Heranwachsender. Lebensphase Jugend. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8487-4302-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23714.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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