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Florian Grawan, Isabel Sievers (Hrsg.): Fluchtmigration, gesellschaftliche Teilhabe und Bildung

Cover Florian Grawan, Isabel Sievers (Hrsg.): Fluchtmigration, gesellschaftliche Teilhabe und Bildung. Handlungsfelder und Erfahrungen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. 176 Seiten. ISBN 978-3-95558-202-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Thema

Der Zuzug mehrerer hunderttausend Geflüchteter in den Jahren 2015 und 2016 ist eine Migration junger Menschen, circa die Hälfte der damals zugewanderten war unter 25 Jahre alt. Damit stellt sich eine zentrale Herausforderung für das Bildungswesen. Diese ist auch insofern bedeutsam, da es dem Bildungswesen bislang nicht gelang, neu Zugewanderte und deren Nachkommen entsprechend zu integrieren, im Gegensatz ist aktuell von einer gravierenden Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund auszugehen, die auch viel mit der Verbindung von sozialer Herkunft und Bildungschancen zu tun hat. Sollten alte Fehler nicht wiederholt werden, müssen neue Wege begangen werden.

Der vorliegende Band stellt sich dieser Herausforderung. In den Jahren 2016 und 2017 sind auch viele Projekte und Forschungsvorhaben zur Bildungsintegration von Geflüchteten umgesetzt worden, einige dieser Projekte sind auch in den Band eingegangen.

Herausgeberin und Herausgeber

Der Band wurde von der Diversitätsbeauftragten der Leibniz Universität Hannover Isabel Sievers und dem Projektmitarbeiter Florian Grawan herausgegeben. Beide sind an der Arbeitsstelle DiversitAS (Diversität – Migration – Bildung) an der Leibniz Universität beteiligt, Sievers als ehemalige Leiterin und Grawan als Projektmitarbeiter. Der Fokus des Bandes liegt daher auf Fragestellungen, Projekten und Studien, die an der Universität oder in Niedersachsen entstanden sind.

Autor*innen

Die Autor*innen kommen aus den verschiedensten Sparten der Erziehungswissenschaften und der Soziologie und die meisten sind auf irgendeiner Ebene an der Universität Hannover beschäftigt oder studieren dort. Neben den akademischen Beiträgen sind auch einige Interviews zu finden, beispielsweise ein Gespräch mit einem Migrationsforscher und einem Aktivisten einer Flüchtlingsorganisation.

Aufbau

Die Thematik der einzelnen Beiträge ist sehr breit gestreut, neben theoretischen Beiträgen zu Diversität sind Studienergebnisse aus Projektevaluationen zum Deutschlernen, zur beruflichen Bildung, Beiträge über das Ehrenamt mit Geflüchteten und Darstellungen einzelner Projekte zu finden. Wie im Titel bereits anklingt wird allgemeine soziale Partizipation mit Bildungspartizipation verknüpft und eigens thematisiert. Daher ist der Band in drei Teile eingeteilt:

  1. Der erste Teil A Zugänge und Perspektiven ist eher theoretisch und programmatisch ausgerichtet und umfasst ein Gespräch mit dem Migrationsforscher Hartmut Griese, einen forschungsethischen Beitrag von Florian Grawert und einen diversitätstheoretischen Beitrag zu Flucht, Diversität und Rassismus von Ralf Steckert. Den Abschluss der ersten Teils bildet ein sehr aufschlussreiches Interview mit Maissara Said, einem Aktivisten der Flüchtlingsbewegung, der über seine eigenen Erfahrungen in Deutschland als Asylbewerber reflektiert.

  2. Teil B, der zweite Teil ist mit „Handlungsfelder“ überschrieben und enthält verschiedene Forschungsberichte und detaillierte theoretische Beiträge. Hans Bickes und Ariane Steuber schreiben über die Bedeutungen des Deutschlernens in der beruflichen Bildung, anschließend wird das Modellprojekt SPRINT (auch in der beruflichen Bildung) vorgestellt. Des Weiteren widmet sich Isabel Sievers den Herausforderungen bestehender Diversitätsstrategien durch Geflüchtete an den Universitäten und Ludolf von Dassel berichtet von einem Studienvorbereitungsprojekt für Geflüchtete. Der Bereich ehrenamtliches Engagement nimm einen breiten Raum ein: in einem Beitrag schreiben Isabel Sievers und Janna Hauschild über die Professionalisierung ehrenamtlich geleisteter Deutschkurse, Irmhild Schrader blickt auf das Engagement und die Potenziale von Migrantenorganisationen in der Flüchtlingssolidarität und Radhika Natarajan analysiert Motive und Ambivalenzen von schon länger im Land lebenden Flüchtlingen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren.

  3. Der dritte Teil C ist ein Praxisteil. Da wird zum einen die Leibniz Werkstatt mit einem Projekt zur Sensibilisierung von Lehramtsstudierenden vorgestellt, die Rechtsberatung der Refugee Law Klinik und die Auswertung eines Begegnungs- und Austauschprojekts mit der Wohnbevölkerung in Hannover.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

In der Einleitung wird der Anspruch vertreten, nicht nur danach zu fragen, wie geflüchtete partizipieren können, sondern auch, wie sich die Bildung, Kultur und Gesellschaft, die entsprechende Partizipationsmöglichkeiten bieten, entsprechend verändern könnten und sollten. Dieser Anspruch wird nicht immer eingehalten, aber in der Regel bemühen sich die Beiträge um einen dezentrierenden, rassismuskritischen Blick, der nicht eine neue homogene Flüchtlingsgruppe konstruiert. So wird eingangs der Begriff des Flüchtlings kritisch beleuchtet und es wird die Willkür der Flüchtlingsdefinition deutlich gemacht. Der Soziologe Griese kritisiert auch folgerichtig, dass soziologische Ansätze immer stärker kulturtheoretisch argumentieren und er kritisiert die in der Politik überwiegende Rückführungsperspektive.

Auf den Konstruktionscharakter des Flüchtlingsbegriffs weist auch Grawan hin und er fordert, dass die bestehenden forschungsethischen Debatten um „informed consent“, Risikoabwägung und Vertraulichkeit um eine Reflexion des Machtgefälles zwischen Forschenden und Geflüchteten und der Aufrechterhaltung der Konstruktion von „Anderen“ durch den Forschungsprozess ergänzt werden müssen. In eine ähnliche Richtung zielt der Beitrag von Steckert, der den multiplen Charakter der Gesellschaft und der Identitäten in der postmigrantischen Gesellschaft hervorhebt und in diesem Kontext nach der Wirkmächtigkeit von Zuschreibungen an neu Migrierte fragt. In diese Perspektive definiert er Partizipation als „Bildung der Gleichen unter Heterogenen“. Saaid lenkt noch einmal den Blick auf die Bedingungen, unter denen geflüchtete in den ersten Jahren in Deutschland leben müssen, wie sie Behörden erleben und behördliche Logiken reflektieren und überwinden können.

Die Handlungsfelder im Bildungsbereich wie berufliche Bildung, Deutscherwerb und Hochschulbildung sind gut ausgewählt und es wird von einem hohen und auch professionellem Engagement der oft neu eingesetzten Lehrkräfte berichtet. In dem Beitrag über traumapädagogische Aspekte in der Arbeit mit jungen geflüchteten von Christoph Müller wird nach der Folge von sequentieller Traumatisierung auf pädagogische Beziehungen gefragt und deren Potenzial im Zugang zu den Jugendlichen beleuchtet. Der Beitrag von Isabel Sievers zu hochschulischen Diversitätsstrategien hebt deutlich hervor, dass die Frage der Diversität sich bereits VOR dem Studium beim Hochschulzugang stellt und entsprechend neu eingerichtete Programme für diese spezifische Zielgruppe längerfristig in allgemeine Diversitätsstrategien übergehen müssten. Dies gilt auch für den Bereich Diversität in der Lehre.

Gut ist auch, dass ein Beitrag über das Engagement von Migrantenorganisationen aufgenommen wurde, der auf deren Stärken fokussiert ist. Irmhild Schrader nennt hier Mehrsprachigkeit und Heterogenität, Partizipation und die Reflexion von Erfahrungen mit Ausschluss und hegemonialen Verhältnissen. In diesem Kontext ist der genauere Blick auf migrantisches Engagement von Natarajan auch sehr aufschlussreich, die anhand dreier Fallbeispiele die Motivationen von Aktivistinnen in der Flüchtlingssolidarität reflektiert, die selber von aus Sri Lanka geflüchteten Familien stammen. Der Titel „Vererbte Verpflichtung“ entschlüsselt sich als Motivationen, die auf einer Verantwortung gegenüber den im Herkunftsland zurückgebliebenen und den neu Angekommenen beruht, die nicht frei von Schuldgefühlen ist, in einer privilegierten Situation zu leben.

Diskussion und Fazit

Die Beiträge sind mehrheitlich sehr lesenswert und bieten adäquate Einblicke in die Thematik Bildung und Partizipation. Wie so oft in Herausgeberbänden fehlen Querverweise, aber einige Beiträge schließen inhaltlich aneinander an. Es fehlen durchaus auch Aspekte wie Kompetenzdiskussion und Vor- und Nachteile der Segregation. In der Mehrzahl der Beiträge zeigt sich auch, dass trotz formuliertem gegenteiligem Anspruch die Gefahr der vereinheitlichen Konstruktion von Flüchtlingen und des „Othering“ nicht so leicht zu vermeiden ist, aber dennoch ist insgesamt dem Band eine gute Verbreitung zu wünschen.


Rezensentin
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 25.07.2018 zu: Florian Grawan, Isabel Sievers (Hrsg.): Fluchtmigration, gesellschaftliche Teilhabe und Bildung. Handlungsfelder und Erfahrungen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-95558-202-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23717.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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