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Joseph Salzgeber: Arbeitsbuch familien­psychologische Gutachten

Cover Joseph Salzgeber: Arbeitsbuch familienpsychologische Gutachten. C.H.Beck Verlag (München) 2017. 120 Seiten. ISBN 978-3-406-70584-7. D: 49,00 EUR, A: 60,70 EUR.
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Autoren und Herausgeberschaft

Das „Arbeitsbuch familienpsychologische Gutachten“ entstand unter Mitwirkung mehrerer Autoren im Kontext der GWG – Gesellschaft für wissenschaftliche Gerichts- und Rechtspsychologie Salzgeber und Partner.

Thema

Das Arbeitsbuch versteht sich als praktische Handreichung für die Tätigkeit von Sachverständigen in familien- bzw. kindschaftsrechtlichen Verfahren. Es beansprucht, vielerlei Hilfsmittel wie Explorationsleitfäden, Anschreibenmuster und praktische Hinweise auch über dem Niveau bisheriger Mindeststandards zu vermitteln.

Der Anspruch ist insofern bescheiden, als dass das Arbeitsbuch als Vorschlag und nicht als „verbindliches Kochbuch“ verstanden werden soll. Die Lektüre grundlegender familienrechtspsychologischer Werke erübrige sich dadurch nicht.

Bemerkenswert erscheint im Vorwort die Anmerkung, dass nach Auffassung der Autoren die meisten Gutachten ein prozessorientiertes Handeln erfordern würden und im Arbeitsbuch nicht mehr stringent zwischen einer „klassischen Begutachtung“ und einem „Hinwirken auf Einvernehmen“ unterschieden werde.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist übersichtlich in sechs Kapitel gegliedert.

Kapitel 1 beschreibt Grundlagen der Sachverständigentätigkeit. Aufgeführt wird zu Qualifikationserfordernissen, zur Aufgabe und Rolle des Sachverständigen und in sehr kurzer Form zum Datenschutz mit Bezug zum Bundesdatenschutzgesetz. Im BGB definierte „Kindeswohlschwellen“ werden tabellarisch erläutert. Eine knappe Auswahl grundlegender Gesetzestexte (GG, ZPO, FamFG, BGB) schließt sich an, allerdings ohne jede Erläuterung.

Das umfangreiche Kapitel 2 erarbeitet „allgemeine Leitlinien zum sachverständigen Vorgehen.“ Entlang eines als typisch angenommenen Ablaufs von Begutachtungen werden, ausgehend von der Auftragsannahme, die üblicherweise durchzuführenden Explorationsschritte und Formen der Berichterstattung, inklusive der Gutachtenverschriftung, dargestellt.

In diesem Kapitel finden sich vielerlei ganz praktische Anregungen wie Entwürfe für Anschreiben an Eltern und Gerichte, ein Formblatt für Schweigepflichtentbindungen u.a., Vorschläge zur Formulierung untersuchungsleitender Fragestellungen, eine skizzenhafte Übersicht zu psychologischen relevanten Untersuchungskriterien, eine (sehr) kurze Anregung zur Aktenanalyse, Leitfäden für Erstgespräche mit Eltern und Kindern, und auch eine mehrseitige Checkliste zur Überprüfung der Qualität von Gutachten.

Zu Interaktionsbeobachtungen wird ausgeführt, dass diese ein systematisches und Kriterien geleitetes Vorgehen erfordern würden. Empfohlen werden der H-MiM und zudem der Beobachtungsbogen von Tausch & Tausch, ohne auf die vielfältigen methodischen Probleme und Alternativen weiter einzugehen.

Empfohlen werden sodann zahlreiche diagnostische, zumeist schriftliche Testverfahren – wiederum findet sich kaum ansatzweise eine methodenkritische Diskussion und die wenigen einleitenden Bemerkungen können nicht zufriedenstellen.

Es folgen ein knapper Exkurs zur Bindungsdiagnostik und zur Durchführung von Hausbesuchen – bei Abschnitte seien dringend zur Überarbeitung empfohlen. (1) Die Bindungsdiagnostik lässt im Rahmen der gutachterlicher Tätigkeit nur grobe Kategorisierungen zu, ohne hinreichend valide Prognosen zu ermöglichen. Es fehlt der Hinweis, dass beobachtbare Beziehungen und deren Qualitäten i.d.R. von deutlich höherem Wert sind. (2) Hausbesuche werden aus einer sehr entfremdeten, distanzierten Perspektive beschrieben: Unangemeldete Hausbesuche können jedoch keineswegs empfohlen werden, da ein derartiges Eindringen in den Sozialraum naheliegend als Grenzüberschreitung empfunden wird. Ein Hausbesuch ist weiterhin nicht als Spionageakt zur Sicherung von Beweismitteln zu verstehen – wie aus der Empfehlung, mit dem Handy Aufnahme der Wohnungssituation zu erstellen, nahegelegt wird. Vielmehr ist ein Hausbesuch i.d.R. in dem Sinn zu verstehen, dass – in Interaktion mit den Beteiligten – ein Verstehen ihrer Lebenssituation und der Lebenslage der Kinder erarbeitet werden kann. Anzumerken ist auch, dass Interaktionsbeobachtungen in der natürlichen Umgebung der Kinder von höherer Qualität und Validität sind, als Interaktionen zwischen Eltern und Kindern in der Praxis des Untersuchunden.

Anschließende Beispieltexte für Sachstandmitteilungen, Zwischenberichte, gutachterliche Stellungsnahmen und, etwas ausführlicher kommentiert, zum schriftlichen Gutachten können Berufsanfängern Anregungen geben, haben aber lediglich beispielhaften Charakter und können missverstanden werden.

Die dokumentierte „Checkliste Gutachten“ enthält vielfältige interessante Fragen, erscheint jedoch sehr additiv und in wesentlichen Teilen unhandlich. Enthaltene Ausführungen bei gutachterlichen Empfehlungen pro Wechselmodell legen die Annahme der Befangenheit des Autoren nahe – insbesondere sei die Voreingenommenheit und Kompetenz von Sachverständigen zu prüfen, welche ein Wechselmodell empfehlen.

Praktisch nützlich für Berufseinsteiger dürfe ein dokumentiertes und kurz erläutertes Abrechnungsbeispiel für die Sachverständigentätigkeit sein. Die empfohlene minutengenaue Abrechnung verwundert – andere Autoren empfehlen Stundenabrechnungen mit einer Nachkommastelle. Wenn auch einzelne Familiengerichte zur Regidität neigen mögen – die überwiegende Anzahl der Sachverständigen wird sich um korrekte Rechnungsstellung bemühen und die tatsächlichen Aufwände ohnehin knapp berechnen, um in der faktisch gegebenen Kostenkonkurrenz bestehen zu können. Zumeist ist es wohl so, dass Sachverständige auch bei begründetem und nachgewiesenem Mehraufwand davon ausgehen können, nicht mehr bestellt zu werden.

Kapitel 3 führt zur Begutachtung bei Fragestellungen zur elterlichen Sorge und zum Aufenthalt des Kindes bei Trennung und Scheidung aus. Dargestellt werden insbesondere erhebungsrelevante, entscheidungsrelevante Kriterien. In recht knappen Ausführungen wird ergänzend auf die elterliche Sorge bei nichtehelichen Vätern und auf „das Wechselmodell“ eingegangen. Wiederum finden sich Checklisten, die meines Erachtens für eine sinnvolle Abwägung im Einzelfall oft nicht ausreichen werden. Die sozialpolitische Bedeutung dieser Themen wird nicht diskutiert.

Kapitel 4 führt zum sachverständigen Vorgehen bei Fragestellungen zur Regelung des Umgangs aus. Ausgeführt wird insbesondere zu relevanten Kriterien zur Bestimmung von Umgangsregelungen, der Datenerhebung und zu möglichen Interventionen. Zur Veranschaulichung wird ein Beobachtungsprotokoll nach Garber (2015) vorgestellt. Möglicherweise notwendige Einschränkungen des Umgangs des umgangsberechtigten Elternteils wurden nur oberflächlich behandelt und lassen eine Erörterung der rechtlichen und psychologischen Probleme vermissen. Immerhin wurde über einige Seiten zu möglichen Interventionen ausgeführt. Besondere Anforderungen, wie das Erfordernis zur Konfliktreduktion zwischen den Eltern oder die Gestaltung von Umgangskontakten bei hochstrittigen Trennungseltern, wurden nicht behandelt.

Kapitel 5 befasst sich mit dem dritten kindschaftsrechtlichen Thema, dem Vorgehen bei einer (vermuteten) Kindeswohlgefährdung. Formen von Gefährdungen und das sachverständige Vorgehen werden skizziert. Eingegangen wird u.a. auf Maßnahmen zur Vermeidung einer Gefährdung wie auch der Gefährdungseinschätzung im Fall einer Rückführung des Kindes zur Herkunftsfamilie. Die hohe Brisanz des Themas, auch vor dem Hintergrund einschlägiger Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofes in den vergangenen Jahren, wird in diesem Kapitel nicht deutlich. Auch die recht knappen Ausführungen zu Rückführungen von Kindern aus Familienpflege oder Heimunterbringung in die Herkunftsfamilie werden der komplexen Problematik nicht gerecht.

Kapitel 6 befasst sich schließlich mit der Prozessdiagnostik bzw. dem Hinwirken auf Einvernehmen gemäß §?163.2 FamFG. Prognosekriterien für den Prozessverlauf und Leitlinien für das sachverständige Vorgehen inklusive der Gesprächsführung werden ausgeführt. Bereits zum Ende des Erstgesprächs, so wird vertreten, könne der Sachverständige erste Einschätzungen mit den Eltern diskutieren und sie, wie auch das Familiengericht, bei Entscheidungsfindungen unterstützen. Häufig seien Phasen des Probehandelns sinnvoll anzuschließen, welche im Sinne einer Prozessdiagnostik ausgewertet und mit Eltern und Familiengericht rückgekoppelt werden können.

Diskussion und Fazit

Den Autorinnen und Autoren ist zu danken, dass sie, vielleicht erstmals, dass Vorgehen von Sachverständigen quasi aus der Innenperspektive ihrer Tätigkeit dargestellt und zur Diskussion gestellt haben. Unabdingbar erscheint, dass hieran ein Diskussionsprozess anschließt.

Das Arbeitsbuch dürfte Einsteigern in die familienrechtliche Begutachtung vielfältige praktische Anregungen und Hilfestellungen vermitteln. Es sei aber dringend angeraten, diese Anregungen nicht ungeprüft zu übernehmen. Beispielsweise reichen „Checklisten“ für die Bewertung oft sehr ambivalenter Fallkonstellationen nicht aus. Entsprechend des formulierten Anspruches des Arbeitsbuches kann zudem auf eine gute Kenntnis der gängigen Fachliteratur nicht verzichtet werden.

Der gewichtigste Kritikpunkt ist wohl, dass das Arbeitsbuch eben doch das Niveau eines Kochbuches, oder einer Reparaturanleitung für Personenkraftwagen, hat. Dem recht weit verbreiteten Praktizismus unter Sachverständigen mag dieses entgegen kommen – der mit Begutachtungen notwendig verbundene wissenschaftliche Anspruch geht jedoch verloren. Ich möchte in diesem Zusammenhang betonen, dass Gutachten eine Entscheidungsgrundlage für ggf. schwerwiegende Eingriffe in die Grundrechte von Eltern und Kindern darstellen. Zudem entwickelt sich die Gesellschaft und einhergehend das Familienrecht dynamisch weiter. Es reicht also nicht zu wissen, wie etwas üblicherweise gemacht wird – man sollte darüber auch fachkundig reflektieren können.

Weiterhin fällt auf, dass sich die Autorengruppe hinsichtlich gewichtiger methodischer bzw. methodologischer Fragen noch auf dem Weg befindet. Ausführungen zur Prozessdiagnostik bzw. zum Hinwirken auf Einvernehmen (vgl. Kap. 6) mit recht weitgehenden Implikationen für die Gestaltung des Untersuchungsverlaufs sind in die Ausführungen des Kapitel 2 nicht integriert. Der Grundtenor des Arbeitsbuches verbleib also vorerst bei der klassischen, statusorientierten Begutachtung. Möglichkeiten und Chancen einer Annäherung von strittigen Eltern, der Gestaltung von Kindesaufenthalten bzw. Umgangskontakten oder auch Fragen des Verbleibs oder der Rückführung von Kindern können bei entsprechender Beratung und Begleitung der Familien und des Hilfekontextes sicherlich häufig erweitert werden.

Perspektivisch ist es wohl erforderlich, qualitative diskursorientierte Methoden gegenüber den nur scheinbar objektiven Testverfahren aufzuwerten und methodisch zu fundieren. Die psychologische Profession scheint jedoch mit ihrem objektivitätsheischenden Methodentableau unzureichend aufgestellt, um dieses Unterfangen ohne Hilfe anderer sozialwissenschaftlicher Disziplinen bewältigen zu können. Und sodann wäre auch zu wünschen, dass es mehr Sachverständige gibt, die aufgrund ihrer beruflichen Qualifikationen und Erfahrungen über den Tellerrand des psychologischen Methodenkoffers hinausblicken und gesellschaftspolitische Entwicklungen, familiensoziologische Kenntnisse und fundiertes Wissen über Bedingungen und Begrenzungen der öffentlichen und freien Jugendhilfe aktiv einbringen.


Rezensent
Dr. Herwig Grote
Dipl.-Soziologe, Systemischer Therapeut / Familientherapeut (DGSF). Langjährige Lehrtätigkeit an Hochschulen der Sozialen Arbeit. Sachverständiger in kindschaftsrechtlichen Verfahren.
Homepage www.herwig-grote.de
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Zitiervorschlag
Herwig Grote. Rezension vom 14.03.2018 zu: Joseph Salzgeber: Arbeitsbuch familienpsychologische Gutachten. C.H.Beck Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-406-70584-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23721.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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