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Eugene T. Gendlin (Hrsg.): Ein Prozess-Modell

Cover Eugene T. Gendlin (Hrsg.): Ein Prozess-Modell. Körper · Sprache · Erleben. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2016. 2. verbesserte Auflage. 523 Seiten. ISBN 978-3-495-48704-4. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

Herausgegeben und übersetzt von Donata Schoeller und Christiane Geisesr.
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Thema

Gendlin hat in seinem nun auch ins Deutsche übersetzten Werk „Ein Prozess-Modell“ (A process model, New York, 1997) eine Prozesshaftigkeit von allem angenommen, was lebt und strebt. Ähnlich wie Aristoteles in „Über die Seele“ beginnt er bei den Pflanzen, um über die Tiere schließlich zu den Menschen zu gelangen. Es handelt sich um ein „biopsychosoziales Entwicklungsmodell“, wobei das Biologische am Anfang steht, sich hieraus aber allmählich auch das Psychische und Soziale entwickelt.

Ein Modell, das Prozesse von Lebewesen adäquat zu beschreiben vermag, wird erstmals von Gendlin vorgelegt. Es bestehen lediglich vorwiegend mechanische Modelle mit einer linearen, kausalen Ausrichtung. In der Philosophie gibt es zwar die großen dialektisch-idealistischen und -materialistischen Entwicklungsmodelle, doch in der Psychologie fehlen vergleichbare Prozess-Modelle, die diesen Namen verdienen.Indessen benötigt die Humanwissenschaft seit langem ein Modell, das dem Lebendigen angemessen ist, insbesondere die Wissenschaft, die sich mit der Psychotherapie befasst. Wenn die Therapieforschung weiterhin rein empiristisch agiert und nicht imstande ist, die Therapie als Prozess zu modellieren, wird sie niemals einen wissenschaftlichen Status erreichen (Näheres in Galliker, 2016).

Autor

  • 1926 Eugene Gendlin wird als Eugen Gendelin in Wien geboren. Sein Vater betreibt eine Kleiderreinigung und Färberei in Wien.
  • 1938 Nach der nationalsozialistischen Annexion Österreichs wird der Betrieb beschlagnahmt und arisiert. Die jüdische Familie flieht vor dem Nationalsozialismus über Holland in die USA und lässt sich in Chicago nieder.
  • 1945 Gendlin leistet Dienst in der US-Navy.
  • 1948-50 Studium der Philosophie an der Universität von Chicago mit einer Abschlussarbeit über Wilhelm Dilthey (1833-1911).
  • 1951 Erste Begegnung mit dem Psychologen und Psychotherapeuten Carl Ramson Rogers (1902-1987) im Counselling Center an der Universität Chicago (s.u.).
  • 1962 Publikation einer ersten Gesamtdarstellung seines philosophischen Ansatzes „Experiencing and the creation of meaning. A philosophical and psychological approach to the subjective“.
  • 1963 Associate Professor an den Departments Philosophy und Behavioral Sciences der Universität von Chicago. Gründung der Zeitschrift „Psychotherapy: Theory, Research and Practice“ als Organ der American Psychological Association (APA).
  • 1964 erscheint das Werk „A theory of personality change“. Experiencing wird als zentral hinsichtlich persönlicher Veränderung dargestellt.
  • 1970 Gendlin erhält als Erster den Distinguished Professional Psychologist Award der Abteilung Psychotherapie der American Psychological Association für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Psychotherapie.
  • 1976 Das praxisrelevante Buch „Focusing“ erscheint (als Taschenbuch: 1978), das in 17 Sprachen übersetzt wird (deutsch: 1981, s.u.).
  • Ab 1980 Gastprofessuren an Universitäten in Japan, Belgien und New York. Erarbeitung seines experienziellen Konzept des Träumens: „Let your body interpret your dreams“, 1986.
  • 1992-97 Gendlin leitet Seminare auf der Internationalen Focusing-Sommerschule in Deutschland.
  • 2008 Er erhält den Viktor-Frankl-Preis der Stadt Wien.
  • 2016 Gendlin wird für sein Lebenswerk von der „World-Association of Person-Centered and Experiential Psychotherapy“ geehrt.
  • 2017 Gendlin stirbt am 1. Mai 2017 in New York im Alter von 90 Jahren.

Entstehungshintergrund und Problemstellung

Im Jahre 1951 findet sich Gendlin im Counseling Center an der Universität Chicago ein, wo Rogers, der Begründer der Gesprächspsychotherapie und des Personzentrierten Ansatzes, wirkt. Gendlin ist zunächst als Student und Klient, später als Mitarbeiter, Therapeut und Forscher am Beratungszentrum tätig. Von 1957 bis 1963 ist er als Research director der wichtigste Mitarbeiter in Rogers´ „Wisconsin-Project“, einem empirischen Forschungsunternehmen der Personzentrierten Psychotherapie mit als schizophren diagnostizierten Personen.

Nach Beendigung des Wisconsin-Projekts trennten sich Rogers und Gendlin. Gendlin nannte seine therapeutische Arbeit fortan „Experiential Psychotherapy“ (1973) und „Focusing-oriented Psychotherapy“(1996). Gendlins Erfahrung bei dem von ihm entwickelten Focusing war die wichtige Inspirationsquelle auch bei der Entwicklung des Modells, die im vorliegenden Buch beschrieben wird.

Wie Focusing ist auch Gendlins theoretisches Verständnis in „Ein-Prozess-Modell“ vorerst vor-konzeptuell bestimmt. Der Autor untersucht, wie das Vor-Konzeptuelle fungiert, indem er es referiert und beschreibt, welche Rolle es in der Modellbildung spielt. Gendlin hat nie verleugnet, dass Focusing auf der Basis der Personzentrierten Therapie entwickelt worden ist und er sich immer als Klientenzentrierter Psychotherapeut verstanden hat.

In seinem philosophischen Hauptwerk stellt sich Gendlin u.a. dem alten Leib-Seele-Problem und versucht es mit einer phänomenologischen Methodologie zu lösen, deren wesentliche Vorgehensweise das Implizieren und Explizieren ist (s.u.).

Aufbau

Das Inhaltsverzeichnis lautet wie folgt:

  1. Körper-Umwelt

  2. Funktionszyklus

  3. Ein Objekt

  4. Körper und Zeit

  5. Evolution, Erneuerung und Stabilität

  6. Verhalten

  7. Kultur, Symbol und Sprache

  8. Mit dem Impliziten Denken

Die einzelnen Kapitel sind in zahlreiche Unterkapitel gegliedert. Zu Kapitel VI, Kapitel VII-B-f und Kapitel VIII-A kommt jeweils ein umfangreicher Appendix hinzu.

  • In den ersten drei Kapiteln werden die Grundkonzepte des Modells vorgestellt.
  • In Kapitel IV erfolgt u.a. eine Darstellung von Zeit und Raum.
  • In Kapitel V wird auf die Bedeutung des Stopps in einem Prozess näher eingegangen und der offene Zyklus beschrieben.
  • In Kapitel VI wird geschildert, welche Körperprozesse bei den Tieren und ihrem Verhalten zu finden sind.
  • Das Kapitel VII ist dem spezifisch menschlichen Handeln gewidmet (insbesondere Symbolisierung und Entstehung des Sprechens).
  • In Kapitel VIII nimmt Gendlin u.a. auch Bezug zum wissenschaftlichen Denken und kehrt zum Focusing zurück.

Inhalt

Gendlin unterscheidet nicht primär zwischen den an einem physiologischen Vorgang (z.B. Atmen ) beteiligten Dingen (z.B. Luft und Lunge), sondern zwischen entsprechenden Prozessaspekten (z.B. Ein- bzw. Ausatmen). Seine wichtigsten Begriffe sind Implying und Occurring. Der Autor geht nicht wie die zeitgenössischen akademischen Psychologen von Einheiten aus, auch nicht von Ganzheiten wie die früheren Gestalt- und Ganzheitspsychologen, sondern bei ihm sind Prozesse die Basiskonzepte, sein Prinzip die Selbstorganisation des Organismus. Prozesse gehen nicht aus Strukturen hervor, sondern Prozesse generieren Strukturen.

Gendlin (1996/2016) setzt an den Anfang der Entwicklung seines Modells die Aussage „Interaction first“ (vgl. ebd., S. 92). Die Interaktion ist bei ihm das Grundprinzip und nicht etwa die Aktualisierungstendenz, die Rogers (1959/2009) in seinem Werk Eine Theorie der Psychotherapie als erstes und einziges Axiom an den Anfang seiner Theorie stellte. Allerdings ist es fraglich, ob es sich bei Gendlins Interaktion, die er primär als Körper-Umwelt-Interaktion versteht, und in der die hinsichtlich der Entwicklung der Sprache bedeutungsvolle interpersonale Interaktion erst relativ spät entwickelt wird (vgl., S. 315 ff.), überhaupt um ein Axiom im ursprünglichen Sinne dieses Begriffes handeln kann, baut er doch sein Modell „von unten her“ auf, sodass es sich schließlich ganz anders als ein deduktives System präsentiert.

Nach Gendlin ist die Körper-Umwelt-Interaktion ein Körper-Prozess, der die Umwelt einschließt so wie dieselbe den Körper einschließt. Körper und Umwelt 2 „implizieren einander“ (ebd., S. 51; Hervorhebung von Gendlin). Beispielsweise impliziert der Fuß eines Lebewesen die Härte des Bodens (vgl. ebd., S. 51). Doch warum nennt der Autor hier die Umwelt „Umwelt 2“ und nicht einfach „Umwelt“?

Gendlin differenziert zwischen drei verschiedenen Umwelten. Umwelt 1 ist die Umwelt, so wie ein externer Beobachter die Umgebung von Lebewesen wahrnimmt. So kann der Boden, auf dem sich ein Lebewesen bewegt, auch von außen objektiv betrachtet werden, „Umwelt 2 ist identisch mit dem lebendigen Prozess des Organismus, sie ist die rückbezüglich identische Umwelt. Körper und Umwelt sind ein Ereignis, ein Prozess“; zum Beispiel: „Einströmen-von-Luft-in-Lungen-und Blutzellen“ (vgl. ebd., S. 49). Eine weitere Umwelt ist Umwelt 3, die durch den Körper-Umwelt 2-Prozess gestaltet wird. „Der Körper baut eine Umwelt auf, die aus diesem Prozess resultiert. Das Gehäuse der Molluske, das Netz der Spinne oder der fallende Baum des Bibers sind deren hauptsächliche Umwelt, aber sie sind Folgen des Körper-Umwelt 2-Prozesses des Tieres. Umwelt 3 ist umfassender als Umwelt 2“ (ebd., S. 51 f.). Umwelt 3 wird auch als „hausgemachte“ oder „domestizierte“ Umwelt bezeichnet (vgl. ebd., S. 54).

Gendlins Prozessmodell handelt von einem Prozess, der sich aus sich selbst heraus entfaltet.

„Der Prozess ist auf der ganzen Linie ein sich veränderndes Implizieren“ (ebd., S. 64; Hervorhebung von M.G.). In seinem Basismodell geht der Autor zunächst in drei Schritten vor, auf die im Folgenden stark vereinfachend und komprimierend wenigstens hingewiesen werden soll:

  1. Impliziertes geschieht:Offenbar implizieret ein Prozesse sein eigenes Geschehen als Fortsetzung. Das Implizieren ist im Sinne eines Potenzials zu verstehen, das einen Möglichkeitsraum dafür erzeugt, wie ein Prozess weitergehen kann. Geschieht dann eine solche Fortsetzung, so wirkt sich dies wiederum unmittelbar auf das Implizieren aus. Auswirken meint hier jedoch nichts Kausales, auch nicht einfach eine Rückbeeinflussung wie in den traditionellen Modellen. Indem etwas geschieht, ist auch das, was von nun an impliziert ist, etwas anderes. Durch die Implikation wird expliziert, wobei dies als Occurring erfolgt. „Keine Explikation ist je äquivalent mit dem, was geschieht“ (ebd., S. 57). „Das erste Gesetz der Explikation besagt, dass eine Explikation mehr und anderes umfasst als das Geschehen, in dem das jetzt Explizierte noch implizit ‚war‘“ (ebd., S. 297). Ein Beispiel: „Impliziertes Gehen plus Wasser (wird) zu Waten“ (ebd., S. 177). Nach Gendlin ist Explizieren immer ein Geschehen, das voranträgt (vgl. u.a. ebd., S. 164).
  2. Das gestoppte Geschehen: Gegebenenfalls geschieht etwas vom Prozess Impliziertes nicht. In diesem Fall treten erstmals „Objekte“ als vorerst abwesende ins Geschehen ein (z.B. Nahrung). Ein Objekt ist bei Gendlin primär ein mangelndes. Hunger impliziert nicht nur das Bedürfnis nach Nahrung, sondern auch die Art von Nahrungssuche. Impliziert ist, ob der Organismus schon lange nicht mehr gefressen oder gegessen hat und es ihm deswegen gleichgültig ist, was er zu sich nehmen wird.Wenn das Objekt (wieder) auftaucht, wird der Prozess fortgeführt. Es existieren auch Prozesse, die nur teilweise ablaufen, also unterbrochen werden und dann sich ständig wiederholen („blättern“). Viele Lebensprozesse sind solche „stop-ons“(z.B. Sehen als regelmäßiges Scannen).
  3. Beginn der Kreation:Schöpferisches lässt sich aus dem angehaltenen Prozess heraus verstehen, muss dieser doch etwas Neues implizieren, nämlich dass er seinen Charakter verändert. Er verwandelt sich in ein zyklisch ablaufendes Implizieren-Geschehen, das heißt in eine tastende Suchbewegung, die an sich selbst schon etwas Neues ist. Eine zweite Möglichkeit nach einem Stopp besteht dann, dass etwas bisher nicht Impliziertes in den Prozess hinein geschieht und somit ein kreatives Geschehen eröffnet. Demnach erzielen beide Optionen etwas Neues, das aus dem bisherigen Prozess heraus nicht prognostizierbar gewesen ist, indes aus dem momentanen gesamten implizierten Miteinander des Körper-Umwelt-Systems entspringt.

Gendlins Verständnis des Prozesses – nämlich ein Sich-ereignen in das Implizite hinein, das dieses weiterträgt und ein neues Ereignis ermöglicht – legt auch nahe, wie die Zeit im Prozess-Modell entsteht. Sie wird vom Prozess selbst generiert und ist nicht einfach nur extern durch einen Beobachter in einem linearen Sinne konstatierbar. Der präsente Leib ist auch Vergangenheit; eine Vergangenheit, die einbezogen ist im momentanen Erfahren der Gegenwart. Doch ist dies kaum je die Vergangenheit, wie sie früher war, sondern diese Vergangenheit ist nun einmal so wie sie momentan relevant ist, gelebt und erlebt wird. Demnach figuriert die Vergangenheit nicht als diejenige, die vor langer Zeit passiert ist, sondern als bereits veränderte durch das, worin sie in der Gegenwart fungiert (vgl. ebd., S. 103).

So wenig das Prozess-Modell für eine in das Geschehen involvierte Person zu einem Verständnis der Zeit im Sinne der Zeitlinie von Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft wird, so wenig reduziert sich für sie der Raum auf einen cartesischen. Organismen bilden von sich aus ihren Verhaltensraum heraus. Wo der Organismus im Verhaltensraum an seine Grenzen stößt, werden Verhaltenskontexte impliziert und symbolisch vorangetragen. Dadurch vermag der Organismus schließlich zu handeln – also sich in einem menschlichen Sinne zu verhalten. Ein Verhalten, das impliziterweise selbst-bewusst ist, ist Handlung (vgl. S. 297).

Während im infrahumanen Bereich nur Körperprozesse und Verhaltenssequenzen existieren, kommt im Humanbereich die Möglichkeit hinzu, „über etwas“ oder „von etwas“ zu kommunizieren. „Das Tier wird unsere Laune spüren, und sich darin verhalten, aber sein Verhalten handelt nicht ‚davon‘“ (ebd., S. 268). Gendlin wird darstellen, wie sich die menschliche Sprache ursprünglich körperlich entwickelte und was für ein System ihre internen Zusammenhänge ausmachen werden. „Sprache ist nicht auf den Körper gepfropft. Sprache bildet sich direkt aus dem Körper heraus. Ihre inhärente Ordnung besteht aus viel mehr als aus Einteilungen ihrer hörbaren Einheiten“ (ebd., S. 341).

Gendlin beschreibt den Kipp-Punkt, bei dem zum physikalischen Verhaltensraum über Gebärden Interaktionskontexte hinzukommen (z.B. im Garten auf einem Baum hinweisen und dann im Wohnzimmer). Der symbolisch verdoppelte Raum ist weit und leer. Er wird „durch das Vorantragen in einer neuen Art von Medium erst geschaffen“ (vgl. ebd., S. 442). Jede Worteinheit, die sich schließlich entwickeln wird, pyramidisiert in sich ein System von sich gegenseitig implizierenden (letztlich: Verhaltens-) Sequenzen. Umgekehrt betrachtet: „Jedes Wort ist impliziterweise auch das System all der Worte, die nachher kommen könnten, und machmal auch von Worten, die später im Satz zu folgen haben“ (ebd., S. 356).

Im letzten Kapitel kehrt Gendlin zum Foscusing zurück, den er durch das Prozess-Modell teilweise neu versteht. So weist der Autor darauf hin, dass ein Felt sense in seiner impliziten Kompexität körperlich und situativ gelassen und gehalten wird, wodurch er theoretisch sowie praktisch einen wesentlichen Beitrag zur Lösung des Leib-Seele-Problems bzw. zur Behandelung psychosomatischer Störungen leistet.„[Der Felt sense] kommt ein wenig so, wie eine Emotion im Körper entsteht, aus eigenem Antrieb, von selbst – aber in einem etwas anderen Raum als dem buchstäblich körperlichen Raum“ (ebd., S. 425).

Diskussion

Natürlich kann man sich fragen, was das Prozess-Modell für die therapeutische Praxis bringt. Ein Beispiel: Von Gendlins Modell aus betrachtet befinden sich im Therapieraum nicht zwei getrennte Individuen, sondern es besteht in erster Linie ein Interaktionsprozess, in dem die Psychotherapeutin nicht jene ist, die sie üblicherweise ist, sondern sie sitzt dort bereits durch die Klientin beeinflusst, und zwar nicht einfach durch die Klientin, wie dieselbe üblicherweise ist, sondern vielmehr so, wie dieselbe bereits durch die Therapeutin beeinflusst ist. Dies widerspricht unserem linearen Zeitdenken sowie unserem gewöhnlichen Verständnis vom leeren Raum, in dem wir handeln, indes weniger unserer Alltagserfahrung.

Biermann-Ratjen und Eckert (2017) gelangten nach der Betrachtung komparativer Therapieforschung zum Schluss, dass der individuelle Therapieerfolg nicht nur von der „Art der Störung“ und dem „angewandten Psychotherapieverfahren“ abhängt, sondern auch „von der Person des Therapeuten“ und der „Person des Klienten“ respektive von deren „Zusammenspiel“ bzw. „Passung“ (vgl. ebd., S. 129 f.).

Das Prozess-Modell scheint als Modell geeignet zu sein, theoretisches Verstehen in der Psychotherapie zu ermöglichen und damit auch eine Grundlage zu bieten, die Therapieforschung von ihrer methodologischen Halt- und Hilflosigkeit zu befreien. Bisher vermochte weder die Psychoanalyse noch die Kognitive Verhaltenstherapie im Verbund mit der akademischen Psychologie einen ebenso vielversprechenden theoretischen Ansatz zur Verfügung zu stellen, wie dies nun mit Gendlin der Personzentrierte Ansatz vermag.

Ein definitives Urteil über das Prozess-Modell ist indes noch nicht gefällt. Für ein Modell der humanistischen Psychologie mutet es über weite Strecken seltsam abstrakt an. Gendlin intendiert nicht konkrete Inhalte und Probleme die besonderen Lebensformen und aktuellen Lebenssituationen der Menschen betreffend zu thematisieren. Die Entwicklung erfolgt nicht über die Entfaltung identifizierter Widersprüche. Für den Personzentrierten Ansatz und die Gesprächspsychotherapie so zentrale Konzepte wie Kongruenz und Inkongruenz werden nicht behandelt.

Fazit

Der Autor weist sein Prozess-Modell in seinem Entstehungsprozess und nicht erst als Resultat aus. Indem sich das Modell gewissermaßen quasi selbst vor den Augen der Leser/innen „live nachvollziehbar“ konstituiert, mag es für viele zunächst nicht so einfach sein, sich in die Lektüre „einzufühlen“ und einen Zugang zum Modell zu finden. Deshalb empfehlen die beiden Übersetzerinnen, Donata Schoeller und Christiane Geiser, im Nachwort auch für die Lektüre: Interaction first. „Es ist besser, diesen Text nicht alleine zu lesen. Dies ist ein Interaktionstext und braucht Interaktion, um erschlossen zu werden“ (ebd., S. 514).

Literatur

  • Aristoteles (335-323 v.Chr./1995). Über die Seele. Hamburg: Meiner.
  • Biermann-Ratjen, E.-M. & Eckert, J. (2017). Gesprächspsychotherapie. Ursprung-Vorgehen-Wirksamkeit. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Galliker, M. (2016). Ist die Psychologie eine Wissenschaft? Ihre Krisen und Kontroversen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Wiesbaden: Springer.
  • Gendlin, E.T. (1981). Focusing. Technik der Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme. Salzburg: Otto Müller.
  • Rogers, C.R. (1959/2009). Eine Theorie der Psychotherapie. München: Reinhardt.

Rezensent
Prof. Dr. Mark Galliker
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Zitiervorschlag
Mark Galliker. Rezension vom 05.12.2017 zu: Eugene T. Gendlin (Hrsg.): Ein Prozess-Modell. Körper · Sprache · Erleben. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2016. 2. verbesserte Auflage. ISBN 978-3-495-48704-4. Herausgegeben und übersetzt von Donata Schoeller und Christiane Geisesr. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23724.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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