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Agnes Kordulla: Peer-Learning im Übergang von der Kita in die Grundschule

Cover Agnes Kordulla: Peer-Learning im Übergang von der Kita in die Grundschule. Unter besonderer Berücksichtigung der Kinderperspektiven. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 306 Seiten. ISBN 978-3-7815-2203-9. D: 46,00 EUR, A: 47,30 EUR.
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Thema

Der Übergang eines Kindes vom Kindergarten in die Grundschule stellt das Kind selbst, seine Familie und die Pädagogen beider Einrichtungen vor die Herausforderung, eine gelingende Transition zu gestalten, die keinen Bruch für das Kind bedeutet, keine Überforderung darstellt. In diesem Zusammenhang wurden bereits eine Vielzahl von Ideen, Projekten und Modellen entwickelt, die hier eine Unterstützung bieten sollen. Eine sehr häufige Herangehensweise die Transition zu erleichtern, sind gemeinsame Lernzeiten und Kooperationstreffen zwischen Kindergartenkindern im letzten Jahr und Schulkindern in ihrem Jahr nach der Einschulung.

Die Autorin hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Kooperation von Kindergartenkindern und Schulkindern näher zu betrachten und daraufhin zu erforschen, welche Form der Kooperation zwischen den Kindern stattfindet und inwiefern hier von einem Lernen voneinander und miteinander gesprochen werden kann.

Autorin

Dr. Agnes Kordulla, Jahrgang 1979, arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Paderborn. Sie promovierte bei Prof. Dr. Petra Büker im Arbeitsbereich Grundschulpädagogik und Frühe Bildung und nahm als Stipendiatin am Forschungskolleg Frühkindliche Bildung der Robert Bosch Stiftung teil. Seit 2015 ist sie im Schuldienst tätig und unterrichtet als Klassenlehrerin eine erste Klasse einer Grundschule.

Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Studie handelt es sich um eine Teilstudie aus der auf drei Jahre angelegten wissenschaftlichen Begleitung des Paderborner Modellprojektes Kinderbildungshaus. Dieses Projekt wurde geleitet von Prof. Dr. Petra Büker (Grundschulpädagogik und Frühe Bildung), Dr. Thorsten Bührmann (Schulpädagogik und Schulentwicklung) und in prozessberatender Funktion von Prof. Dr. Florian Söll (Schulpädagogik und Schulentwicklung) der Universität Paderborn. Frau Kordulla war an dieser Studie beteiligt und verfasste die vorliegende Teilstudie im Rahmen ihrer Promotion.

Aufbau und Inhalt

Das knapp 300 Seiten umfassende Buch stellt die Studie von Frau Kordulla zum Peer-Learning im Übergang von der Kita in die Grundschule dar und ist in folgende vier Schwerpunktbereiche gegliedert:

  1. Methodologischer und theoretischer Bezugsrahmen
  2. Methodische Grundlagen
  3. Auswertungs- und Ergebnisteil
  4. Fazit und Ausblick

Im ersten Kapitel wird zunächst geschichtlich und in verschiedenen wissenschaftlichen Bezügen begründet, dass die Phase der Kindheit heute als eine eigenständige Lebensphase zu sehen ist, die vom Kind als sozialem Akteur mitgestaltet wird. Dieses ko-konstruktivistische Verständnis des Kindes als Akteur wird der Studie ausdrücklich als Arbeitshypothese zugrunde gelegt.

Gegenstand des zweiten Kapitels ist der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Diese spezifische Transition wird von der Autorin theoretisch erläutert. Hierbei stellt sie den Transitionsansatz nach Griebel und Niesel und die ihm zugrunde liegenden Theorien dar. Im Sinne Bronfenbrenners wird die Bedeutung der Interaktion zwischen den verschiedenen Lebensbereichen und die Kontinuität vertrauter Beziehungen im Übergang als besonders bedeutsam hervorgehoben. Der Übergang wird als ein grundsätzlich kritisches Lebensereignis dargestellt. Die Autorin erläutert das Verständnis dieser Transition nach Filipp als ein „kritisches Lebensereignis“, das somit als Krise aber auch als Chance erlebt werden kann, zeigt den Übergang aus Sicht der psychologischen Stresstheorie nach Lazarus auf und stellt die Transition als eine Entwicklungsaufgabe und Statusveränderung dar.

Im dritten Kapitel wird das Augenmerk auf die Ausgangslage und Begründungsdimensionen für die Kooperation von Kindergarten und Grundschule gelegt. Die Autorin beginnt mit einem historischen Exkurs, in dem angefangen bei den erste Bemühungen Fröbels und seiner Nachfolger bis hin ins gegenwärtige Jahrtausend diejenigen Bemühungen dargestellt werden, die eine höhere Anschlussfähigkeit von Kita und Grundschule zu erreichen versuchen. Kordulla stellt die geltenden rechtlichen Grundlagen für die Transition dar, führt ausgewählte Großprojekte im deutschsprachigen Raum zur Optimierung der Übergangsgestaltung auf der Systemebene, der Professionsebene und der pädagogischen Handlungsebene an, stellt den Forschungsstand zur Kooperationspraxis zwischen Kita und Schule dar und widmet sich abschließend den Studien aus dem nationalen und internationalen Raum, die die Perspektive der Kinder in den Blick nehmen.

Im vierten Kapitel nimmt die Autorin entsprechend der zentralen Fragestellung ihrer Forschungsarbeit die Peer-Interaktionen zwischen Kindergartenkindern und Schulkindern in den Fokus. Zunächst erfolgt hier eine Begriffsklärung der für ihre Arbeit zentralen Begriffe. So erläutert sie das Konstrukt der Ko-Konstruktion in Abgrenzung zum radikalen Konstruktivismus und die Begriffe Peers, Peer-Interaktion und Peer-Learning. In der Folge werden spezifische Anforderungen und Bedingungen für eine Peer-Interaktion erläutert. Kordulla nennt hier Anforderungen an die Lernenden, die Lernumgebung und die Aufgabenmerkmale. In der Folge zeigt die Autorin pädagogische Argumentationslinien für und wider ein Peer-Learning zwischen jüngeren und älteren Kindern auf. Sie stellt ausführlich Realisierungsformen von Peer-Learningprozessen im Übergang dar, gibt einen Überblick über den Forschungsstand und beschreibt verschiedene Studien zur Peer-Interaktion in unterschiedlichen Settings. Daraus leitet sie schließlich die zentrale Fragestellung und Forschungsdesiderate für ihre eigene Studie ab.

Im fünften Kapitel präsentiert die Autorin ein von ihr entwickeltes Modell zur Visualisierung ausgewählter Aspekte des theoretischen Referenzrahmens. Sie leistet damit eine Zusammenfassung der zuvor dargelegten theoretischen Ausführungen und kann festhalten, dass für aufgabenbezogene Interaktionen im Übergang bestimmte Voraussetzungen auf der individuellen, der interaktionalen und der kontextuellen Ebene notwendig sind.

Im sechsten Kapitel wird das Modellprojekt Kinderbildungshaus als ein Konzept der Lernwerkstattarbeit vorgestellt und seine Entstehung wird nachgezeichnet. Die beteiligten Einrichtungen einigten sich auf sieben zentrale Eckpunkte der Zusammenarbeit und entwickelten Schwerpunkte der Arbeit auf der pädagogischen Handlungsebene. Das Paderborner Modellprojekt wurde auf Wunsch der Initiatoren wissenschaftlich begleitet.

Das siebte Kapitel formuliert die zentrale Fragestellung der vorliegenden Studie wie folgt: Was passiert, wenn Kindergartenkinder und Schulkinder in einem institutionellen Rahmen zusammenkommen und gemeinsam lernen (sollen)?

Im achten Kapitel findet eine Einführung in die forschungsmethodologischen und methodischen Besonderheiten der Befragung von Kindern statt. Freiwilligkeit, Transparenz, Anonymität, Kindorientierung, Offenheit und Flexibilität werden als zentrale Aspekte für die Planung und Durchführung der vorliegenden Studie identifiziert.

Im neunten Kapitel wird die Stichprobenauswahl und Stichprobenzusammensetzung vorgestellt, woraufhin im zehnten Kapitel die Methodenwahl begründet dargelegt wird.

In den sehr umfangreichen Kapiteln elf und zwölf werden die Ergebnisse der Studie aus Perspektive der Forscher, der Kindergarten- und Grundschulkinder und der pädagogischen Fach- und Lehrkräfte differenziert quantitativ und qualitativ ausgewertet und in der Folge interpretiert.

Die Ergebnisse aus der vorliegenden Beobachtungs- und Befragungsstudie ermöglichen es der Autorin im Kapitel dreizehn, die zentrale Fragestellung differenziert zu beantworten.

Diskussion und Fazit

Agnes Kordulla legt hier eine sehr differenzierte und aussagekräftige Studie zum Peer-Learning im Übergang von der Kita in die Grundschule vor. Es ist ihr gelungen aufzuzeigen, dass allein das Angebot von Peer-Learning-Settings nicht ausreichend ist um soziales, von Kooperation geprägtes Lernen zwischen Kindergarten- und Grundschulkindern sicherzustellen. Sie konnte darstellen, welche Rollen Kinder in diesem Setting einnehmen, welche Beziehungen sie untereinander eingehen und welche Auswirkungen sich daraus auf ihre Kooperation und auf mögliche Ko-Konstruktionsprozesse ergeben. Ihre Videoanalysen belegen, dass ein kooperativer Umgang von Kindergarten- und Schulkindern nicht einfach als Voraussetzung angenommen werden kann, sondern von beiden Gruppen erst allmählich erlernt werden muss. Sie konnte vielfältige Hilfspraktiken der Kinder untereinander erkennen und das Streben nach Gemeinsamkeiten aber auch nach Abgrenzung unter den Altersgruppen bzw. in Bezug auf das Geschlecht deutlich machen. Daraus ergibt sich die Forderung der Autorin, dass ein solches Peer-Learning-Setting Freiraum bezüglich der Themen lassen sollte und Aushandlungen unter den Kindern ermöglichen sollte, ohne ihnen ein starres „Bildungs-Korsett“ überzustülpen.

Sie kann nachweisen, dass sich die forschungsmethodische Anlage der Studie als sehr günstig und aussagekräftig erwiesen hat. Durch die Methodenwahl der Beobachtung und Befragung sowohl von kindlichen Akteuren als auch erwachsenen Lernbegleitern und die technische Unterstützung der Videografie konnten durchaus verschiedene Perspektiven aufgezeigt werden, die klare Übereinstimmungen in den Untersuchungsergebnissen lieferten.

Als Ertrag der Studie kann die Entwicklung des Peer-Learning-Prozess-Modells KiGs gesehen werden. Dieses dient der Planung und Gestaltung von institutionenübergreifenden Peer-Learning-Settings im Transitionsprozess vom Kindergarten in die Grundschule. Kordulla hat hier sowohl die Erkenntnisse ihrer Studie, als auch theoretische Erklärungsansätze zum kooperativen Lernen und zur Transition Kita-Schule zusammengebracht und ein komplexes Modell in mehreren Ebenen entwickelt.

Das vorliegende Buch ist sehr dicht geschrieben, setzt ein fachspezifisches Vorwissen voraus und hat in manchen Bereichen deutliche Längen für den Leser, was sich allerdings aus dem wissenschaftlichen Forschungsansatz ergibt. Dies sollte auch bei der Anschaffung klar beachtet werden. Es handelt sich um eine Studie, nicht um eine Handreichung zu verschiedenen Ansätzen des Peer-Learnings.

Ausgehend von Kordullas Darstellungen und Überlegungen, könnte nun weitergefragt werden, ob und in welchem Maße Praxisprojekte, die auf Grundlage dieses Modells entwickelt werden, Kindern den Übergang von der Kita in die Grundschule erleichtern können. Sicherlich wäre auch das Augenmerk darauf zu richten, welche Voraussetzungen im kindlichen und institutionellen Umfeld als förderlich bzw. hinderlich angesehen werden müssen und inwiefern hier zielgruppenspezifische Angebote entwickelt werden müssten, die hinderliche Faktoren und Belastungsmomente wie ein prekäres Lebensumfeld, familiäre psychische Belastungen oder kindliche Verhaltensstörungen berücksichtigen.

Forschungen und Studien wie die vorliegende zeigen auf, dass das Feld der Transitionsforschung im Übergangsbereich vom Kindergarten in die Schule noch weit mehr Aufmerksamkeit erfahren sollte, um Kindern diesen Übergang in einer guten Weise, ohne Brüche und das Erzeugen individueller Krisen zu ermöglichen. Besonders Kinder mit einem erhöhten Risiko für ein Scheitern bei diesem Übergang sollten hier Beachtung finden und es sollte sowohl institutionell als auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext eine erhöhte Sensibilität für die hohe Herausforderung dieser Transition entwickelt werden.


Rezensentin
StRin FöSch Stephanie Blatz
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Stephanie Blatz. Rezension vom 06.03.2018 zu: Agnes Kordulla: Peer-Learning im Übergang von der Kita in die Grundschule. Unter besonderer Berücksichtigung der Kinderperspektiven. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2203-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23726.php, Datum des Zugriffs 20.06.2018.


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