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Albert Kitzler: Leben lernen - ein Leben lang

Cover Albert Kitzler: Leben lernen - ein Leben lang. Eine praktische Philosophie. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2017. 286 Seiten. ISBN 978-3-451-60011-1. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Lebenskunst

Wenn es stimmt, dass jeder Mensch ein Philosoph ist, zumindest sein könnte, dann wäre es ja (eigentlich) einfach, ein gutes, gelingendes und menschenwürdiges Leben zu führen. Das nämlich ist das anthropologische Grundverständnis, wie es uns das abendländische Denken übermittelt hat: Der anthrôpos, der Mensch, ist ein Lebewesen, das mit Vernunft ausgestattet und in der Lage ist, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. Die Fähigkeit, Allgemeinurteile zu fällen, ermöglicht ihm und fordert ihn heraus, als Individuum und Gemeinschaftslebewesen human zu sein. Zu allen Zeiten haben Menschen sich mit diesem Anspruch und den Diskrepanzen auseinandergesetzt, die in den Wirklichkeiten des Lebens auftreten. Der antike griechische Philosoph Aristoteles hat eu zên, gut leben, mit glücklichem, ethischem Leben gleichgesetzt. Auf dieser Grundlage baut die „globale Ethik“ auf, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 proklamiert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Daran ist zu erkennen, dass die Frage nach dem guten, humanen und gerechten Leben, wie sie in der anthropologischen Philosophie von Anbeginn des menschlichen Denkens und Existierens gestellt wird, keine nostalgische ist; vielmehr zeigt sich darin ein stringenter und notwendiger Anspruch, dass das Humane im Menschen das Menschsein bildet. Da, wo es nicht ausgebildet ist oder gar fehlt, entstehen Defizite und Kakophonien, wie sie sich in Nationalismen, Fundamentalismen, Rassismen, Populismen und Egofirstismen darstellen.

Entstehungshintergrund und Autor

Die Erkenntnis, dass jeder Mensch an jedem Ort und zu jeder Zeit die Verantwortung mit sich trägt, jedem Menschen auf der Erde ein gutes und gerechtes Leben zu ermöglichen, wird von Philosophen in der Vergangenheit und Gegenwart mit unterschiedlichen Aufrufen, Konzepten und Ideen beworben (Jos Schnurer, Wer philosophiert – lebt!, 28. 1. 2014, socialnet.de/materialien/174.php).

Der praktische Philosoph Albert Kitzler hat in Berlin das Philosophikum „MASS UND MITTE“, die „Schule für antike Lebensweisheit“ gegründet. Mit Vorträgen, Werkstattgesprächen, Workshops und Seminaren bringt er Menschen zusammen. Er geht davon aus, dass Lebensweisheit nur in gleichwertiger Verbindung von theoretischem und praktischem Wissen entsteht und nur gleichwertige theoretische und praktische Kenntnisse zu einem guten, gelingenden Leben führen. Nur ein Wissen, das auch angewendet werden kann, ist Weisheit. Nach Lebensweisheit zu streben, heißt nicht, ein Event oder ein momentanes Erlebnis und Gefühl zu wünschen und auszukosten, sondern es einzubetten in ein lebenslanges, stetiges Verlangen. Insofern ist die Suche und das Aufspüren von Lebensweisheiten, die Philosophen in der Antike gedacht haben, nichts anderes als die Vergewisserung des Lebenswissens als Beständigkeit des Menschseins. Gerade in den Zeiten des Momentanismus (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php; sowie: ders., Karl Heinz Bohrer, Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/22496.php) kommt es darauf an, Angepriesener, Manipuliertes und Fatalisiertes von Realem unterscheiden und bewerten zu können. Die Einstellung „Ich-will-Alles-und-das-sofort!“ ist eine Falle und führt zu Irrungen, Verwirrungen und Selbstüberschätzungen.

Aufbau und Inhalt

Der Autor verweist darauf, dass es im Diskurs der „Lebenskunde“ vielfältige fachbezogene und -übergreifende Analysen, Anamnesen und Ratgeber gibt. Er vermisst bei ihnen den Blick auf die Gesamtheit des Lebens und die Wirkungen und Auswirkungen auf „das Leben in seiner ganzen Breite und Tiefe“. Er will die Leserinnen und Leser mit in die Schule des römischen Staatsmannes und Philosophen Lucius Annaeus Seneca nehmen (Lucius Annaeus Seneca, Franz Peter Waiblinger, Hrsg., De brevitate vitae. [= Die Kürze des Lebens, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/17725.php). Mit dem Werkzeug, das uns die Philosophen aus allen Zeiten des menschlichen Denkens und Mühens nach einem guten Leben anbieten, geht Kitzler ganz praktisch vor. Er sucht nicht in erster Linie nach den analytischen Begrifflichkeiten und theoretischen Gerüsten der sprachlichen Bedeutung der Grundbausteine des Lebens, sondern er will mit den Leserinnen und Lesern darüber nachdenken, wie „ das Leben nachhaltig und sinnvoll zu gestalten“ ist.

Kitzler gliedert das Buch, neben dem Vorwort, der Einführung und der Schlussbetrachtung, in vier Kapitel.

Im ersten Kapitel „Vorschule“ stellt er die Person Seneca vor, diskutiert die verschiedenen Gedankengänge, die Philosophie als Lebensheilkunde zu begründen, fragt, wie es gelingen kann, das Wissen über die Philosophie der Weisheit und der Wahrheit in das heutige, alltägliche, individuelle und lokal- und globalgesellschaftliche Leben der Menschen einzubringen: „Die Philosophie erschöpft sich nach Seneca nicht im Nachdenken, Forschen und Erkennen um ihrer selbst willen. Die Erkenntnisse und Einsichten … müssen lebendig werden, um im Dasein des Einzelnen ihre wohltuenden Wirkungen zu entfalten“.

Im zweiten Kapitel „Vom Umgang mit der Welt“ thematisiert der Autor das erste und wichtigste Fach der Senecaschen Lebensschule. Hier kommt ins Spiel, was in den persönlichen, familialen und gesellschaftlichen Zusammenhängen oftmals Menschen verzweifeln lassen: Schicksal, von dem Seneca spricht, „dass unserem freien Willen nichts überlassen bleibt und all unser Tun in der Hand des Schicksals liegt“. Sich dem Fatum stellen, mit Ursachen, Gründen und Zusammenhängen auseinandersetzen und vielleicht sogar „Unglück in Glück verwandeln“, dazu bietet Seneca vielfältige Argumentationen und Anregungen an. Es sind Fragen nach der Endlichkeit des menschlichen Lebens, nach dem Umgang mit dem Tod, dem eigenen und dem Sterben von anderen Menschen. Es sind die Vergewisserungen darüber, welche individuelle, kollektive und systematische Bedeutung wir Menschen dem Besitz und dem Habenwollen zumessen, bis hin zum „Lob der Armut“. Es geht um Werte, die sich heute in der globalen Ethik der Menschenrechtskonvention zuoberst wiederfinden, wie z.B.: Freiheit.

Vom Umgang mit sich selbst“, diese Herausforderung wird im dritten Kapitel thematisiert. Es ist das zweite Hauptfach in Senecas Seelenschulung. In der Gedichtstrophe – „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“ – wird deutlich, dass die Ichfindung Grundlage für eine humane Existenz ist. Bereits bei Seneca finden wir den aktuellen, individuell, kulturell und interkulturell notwendigen Rat zum Perspektivenwechsel, „auf Distanz zu gehen zu dem, was wir tun, uns wie ein Vogel in die Lüfte zu schwingen und aus großer Höhe auf uns zu schauen“. Selbstsorge und Mitsorge gehören zusammen; ebenso die Selbstkultivierung und die globale Bildung. Der griechische Philosoph Aristoteles hat im eu zên, gut leben gleichbedeutend glücklich leben verstanden. Seneca erkennt, dass Glück aus der Selbstgenügsamkeit kommt.

Als 2009 die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Elenor Ostrom für ihr Konzept „Was mehr wird, wenn wir teilen“ den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, da keimte die Hoffnung auf, dass das weltweite, kapitalistische Systemdenken von „throughput growth“ (Durchflusswachstum) und „business as usual“ durch „sustainable development“ und nachhaltige Entwicklung abgelöst werden könne (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php). „Vom Umgang mit anderen“, so titelt Kitzler das vierte Kapitel. Es sind die Einstellungen und Vorurteile, die einerseits zur Überhöhung und Absolutsetzung des eigenen kulturellen Denkens und Handelns und zur Abwertung von anderen kulturellen Existenzen führen: „Mit sich selbst Freund zu werden und die verschiedenen Seelenkräfte in einen ausgeglichenen Zustand zu bringen, bedeutet nicht, die inneren Gegensätze zu verleugnen, sie wegzuschaffen oder zu nivellieren, sondern sie einem ausgewogenen Spannungsverhältnis sein zu lassen“.

Und ein Appendix: Die Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie legt die halbjährliche Zeitschrift Polylog vor, in der diskutiert wird, dass Philosophieren über das Ich nur als gleichzeitiges Nachdenken und Einbeziehen des Wir möglich ist. Im Heft 30/2014 wird „Migration“ als Herausforderung für interkulturelles Philosophieren thematisiert; im Heft 36/2016 geht es um „Interkulturelle Kompetenz“, und in 37/2017 wird „Philosophieren mit Kindern weltweit“ vorgestellt (vgl. die Rezensionen in socialnet.de).

Fazit

Senecas Lebenslehren sind Schall und Rauch und nostalgische Markierungen, wenn sie nicht bewirken, dass Individuen und Gesellschaften ihre eigenen, historisch entstandenen und gesellschaftlich gemachten Denk- und Verhaltensweisen überdenken und verändern. So wird des römischen Philosophen immerwährende Aufforderung, umzudenken und zu einer weisen Lebensführung zu kommen, zu einer ganz aktuellen Lebensschulung!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.12.2017 zu: Albert Kitzler: Leben lernen - ein Leben lang. Eine praktische Philosophie. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2017. ISBN 978-3-451-60011-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23728.php, Datum des Zugriffs 23.04.2018.


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