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Manfred Güllner: Der vergessene Wähler

Cover Manfred Güllner: Der vergessene Wähler. Vom Aufstieg und Fall der Volksparteien. Tectum (Baden-Baden) 2017. 219 Seiten. ISBN 978-3-8288-3927-4. D: 19,95 EUR, A: 19,95 EUR.
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Thema

Das sehr aktuelle Thema des vorliegenden Buches beschäftigt sich aus der Perspektive der Wahlforschung mit dem Aufstieg und Fall der großen Volksparteien in Deutschland, deren Niedergang weit vor dem Aufkommen der AfD eingesetzt habe. Den Vertrauensverlust führt die Studie auf eine weitgehende Vernachlässigung der „Sorgen“ und „Nöte“ der großen Mehrheit, d.h. der Mitte der Gesellschaft, zurück.

Autor

Der Autor ist Chef der von ihm gegründeten „Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen“ (forsa) und lehrt darüber hinaus als Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin.

Aufbau und Inhalt

Das zu besprechende Buch will eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland aus der bisher „weitgehend ausgeblendeten“ Perspektive der Bürger, genauer den „Befindlichkeiten“ und „Interessenlagen“ der Wähler liefern. Dabei sollen die Wahlentscheidungen der Wähler und die Gründe für die jeweils getroffenen Entscheidungen verdeutlicht werden. Im Mittelpunkt stehen die beiden großen „Volksparteien“ Union und SPD, denen bis zum Beginn der 1980er Jahre das Vertrauen geschenkt wurde und die deshalb über eine hohe Bindungskraft verfügten. Seit dem Ende der 1980er Jahre aber hätten diese kontinuierlich das Vertrauen und ihre Bindungskraft eingebüßt.

Diesen Fragestellungen geht der Autor anhand von Wählerentscheidungen und Wählerbefragungen nach, eine Definition von Volksparteien wird nicht vorgetragen. Die gesamte Thematik ist in zwölf Kapitel chronologisch mit jeweils unterschiedlichem Umfang gegliedert:

1. Die Phase der „Re-Education nach 1945 bis zur ersten Bundestagswahl 1949

Das erste Kapitel referiert zunächst die Einstellungen der Deutschen nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus unter Einbeziehung der angeblich oder tatsächlich wenig beliebten Weimarer Republik als Negativfolie. Auch die aus Befragungen abgeleitete überwiegend positive Einschätzung der NS-Zeit zumindest bis zum Kriegsbeginn kommt zum Ausdruck. Noch 1949 hätte – im Kontext der wenig erfolgreichen, von den Alliierten angestrebten Re-Eucation“ der Deutschen – nur ein Drittel die freiheitliche Demokratie akzeptiert. Der politische Aufbau von unten und die (Wieder)Gründung bzw. Neugründung von Parteien sowie die ersten Landtagswahlen auf dem Hintergrund des sich allmählich verschärfenden Ost-West-Konflikts (Kalten Krieg) werden knapp abgehandelt.

Interessant erscheint der Befund des relativ hohen Nichtwähleranteils vorrangig in den drei Westzonen sowie die in allen Besatzungszonen verhältnismäßig hohe Zahl ungültiger Stimmen, wofür Güllner „NSDAP-affine, eher demokratiekritische oder sogar – feindliche Wähler“ als Grund anführt, die sich damit gegen die von den Siegermächten aufgezwungene „Demokratisierung“ wehren wollten. Die erste Bundestagswahl 1949 nach der Gründung des Weststaates endete für die SPD mit einer großen Enttäuschung. Dass es sich im Vorfeld dieser ersten bundesdeutschen Wahl noch nicht um einen „richtigen“ Wahlkampf gehandelt habe, kann bestritten werden, denn die Hauptprotagonisten Kurt Schumacher von der SPD und Konrad Adenauer lieferten sich sehr wohl harte Auseinandersetzungen mit sprachlichen Entgleisungen. Bekanntlich hat Adenauer eine bürgerliche Koalition gegen eine Regierung mit den Sozialdemokraten mit der geringst möglichen Mehrheit im Parlament durchgesetzt.

2. Der „Adenauer-Sog“ 1949 bis 1961

Das zweite Kapitel umfasst die gesamte Ära Adenauer mit der Etablierung der sog. Kanzlerdemokratie durch den ersten Bundeskanzler, der einen effektiven Apparat in Gestalt des Bundeskanzleramtes aufbaute und im Übrigen auch das Instrument der modernen Meinungsforschung nutzte. Das Bemühen der Sozialdemokratie, Adenauer baldmöglichst aus dem Amt des Bundeskanzlers zu entfernen, sei daran gescheitert, dass die Sozialdemokraten im Wahljahr 1953 die demoskopisch erfasste, positive Stimmung in der Bevölkerung vor allem als Ausfluss der sich bessernden wirtschaftlichen Lage übersahen. Auch Schumachers Nachfolger an der Parteispitze Erich Ollenhauer hatte keine Chance gegen Adenauer. Die Union konnte ihr Wahlergebnis deutlich steigern und die Zahl der Parteien ging zurück.

Mit Blick auf die Bundestagswahl 1957 referiert Güllner erneut demoskopische Befunde, die in den Wahlkampf der Regierung einflossen (u.a. die Rentenreform 1957). Der „konsequent auch auf Umfrageergebnissen aufgebaute Wahlkampf der CDU 1957“, war nach Güllner „wohl einer der besten, den die Union je geführt hat“. Die CDU erreichte erstmals und zum einzigen Mal eine absolute Mehrheit bei einer erneut gestiegenen Wahlbeteiligung. Im Bundestag saßen nur noch vier Parteien gegenüber zehn 1949.

Die Union des Jahres 1957 galt als Volkspartei, da sie neben ihren traditionellen katholischen Wählern auch kirchlich gebundene Protestanten, alten Mittelstand und Angehörige der „ungebundenen politischen und soziologischen Mitte“ ansprach. Die SPD sei auf dem Weg zur Volkspartei gewesen, nachdem sie in den ersten Wahlen im „linken Wählermilieu der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter“ und bei ungebundenen Arbeitern verblieben sei. Nach dem „Schock“ des Wahlergebnisses von 1957 begannen in der Sozialdemokratie Erneuerungen personeller, organisatorischer und programmatischer Art. Es sei nur an den Namen Herbert Wehner und an das Godesberger Programm sowie an den Aufstieg Willy Brandts erinnert. Wie die CDU mit dem Institut für Demoskopie in Allensbach zusammenarbeitete, kooperierte die SPD nun mit dem von ihr selbst ins Leben gerufenen infas. Bei den Bundestagswahlen 1961 unter dem Eindruck der soeben errichteten Mauer in Berlin gewann Brandt durchaus hohes Ansehen, dennoch erhielt die Union in dieser Krisenzeit den Vorzug bei den Wählern, was sich auch demoskopisch im Vorfeld der eigentlichen Wahl abgezeichnet hatte.

3. Die Etappen auf dem Weg zum ersten Machtwechsel in der neuen Bundesrepublik

Im dritten Kapitel skizziert Güllner die bekannten Etappen bis zur sozialdemokratischen Machtübernahme 1969 ausgehend vom Ende der Kanzlerschaft Adenauers über die Kanzlerschaft Ludwig Erhards und dessen Sturz in der ersten wirtschaftlichen Rezession der noch jungen Bundesrepublik zur von Herbert Wehner vorangetriebenen Regierungsbeteiligung der SPD innerhalb einer Großen Koalition mit dem CDU-Kanzler Kiesinger. 1969 kam es zum Machtwechsel auch aufgrund der Wähler aus der Mitte der Gesellschaft, die vor allem auf den Wirtschaftsminister Karl Schiller von der SPD setzten. In welchem Umfang bei dieser Wahl die Unterstützung der Sozialdemokraten durch das Institut infas eine entscheidende Rolle gespielt habe, kann letztendlich nur vermutet werden.

4. Die sozialliberale Ära 1969 bis 1982

Die neue Regierung mit Willy Brandt und Walter Scheel verfügte bekanntlich nur über eine knappe Mehrheit, überstand 1972 ein konstruktives Misstrauensvotum und nach vorgezogenen Neuwahlen errang die SPD den größten Sieg ihrer Geschichte seit 1949 (Willy-Wahl). Die beiden großen Parteien erzielten zusammen den höchsten Stimmenanteil bis dato, sodass sich ein Zweiparteiensystem abzeichnete. Weitere Etappen der sozialliberalen Koalition, d.h. der Rücktritt Brandts 1974, der knappe Sieg Helmut Schmidts über Helmut Kohl, wobei Schmidts pragmatischer Regierungsstil mit „gestandenen Sozialdemokraten“ bei Güllner Lob findet, werden kurz skizziert. Beachtenswerte Anmerkungen zu den Volksparteien, unterfüttert wiederum mit demoskopischen Ergebnissen, finden sich dahingehend, dass sich die CDU vom „Kanzlerwahlverein“ unter ihrem neuen Vorsitzenden Kohl zu einer modernen Mitgliederpartei entwickelte. Insbesondere in der ersten sozialliberalen Regierung Brandt erlebte die SPD einen Zustrom neuer Mitglieder, die wiederum hohe Erwartungen in sich trugen.

Im Kontext des sozialen Wandels der deutschen Gesellschaft fanden neue Schichten Zutritt zur SPD und „eine zunehmende Diskrepanz zwischen der Wähler- und der Mitgliederstruktur der Partei“ tat sich auf. Entsprechend dem Rückgang der klassischen Arbeiterschaft in der Erwerbsgesellschaft und des Aufstiegs zur Dienstleistungsgesellschaft veränderte sich auch die Mitgliedschaft der SPD, d.h. ihr Arbeiteranteil verringerte sich noch markanter als in der Arbeitswelt und die SPD schritt zügig „zu einer Partei der Mittelschichten“ voran. Diese neuen Mitglieder rückten vielfach die Arbeiter an den Rand und verstärkten eine seit Godesberg als weitgehend überwunden geglaubte Reideologisierung der Partei. Diese theorielastige Reideologisierung führte vereinfacht formuliert, was Güllner mit vielen Zahlen untermauern kann, zu einer Abschreckung beim Wahlvolk und insbesondere in den großen Städten zu schweren Niederlagen der SPD (München oder Frankfurt).

5. Das Ende der sozialliberalen Ära

Nach Güllner habe letztlich nur die hohe Popularität Helmut Schmidts 1976 und 1980 – gegen den Herausforderer Franz Josef Strauß – der SPD das Kanzleramt gesichert, bevor die sich zuspitzende Krise im Verhältnis zwischen der Partei und dem Kanzler dazu führte, dass die um ihre Existenz sich fürchtende FDP den Koalitionswechsel zur CDU und Helmut Kohl bewerkstelligte.

6. Pannen, Pech und Pleiten: Die Kanzlerschaft Helmut Kohls bis zur Wiedervereinigung

Da die SPD in allen wesentlichen Fragen nicht mehr mit Helmut Schmidt übereinstimmte, war 1983 ein Duell Schmidts gegen Kohl kein Thema mehr. Bei der Wahl 1983 siegte Kohl gegen den weniger beliebten sozialdemokratischen Gegenkandidaten Hans Jochen Vogel mit dem verhältnismäßig einfachen Wahlkampfthema „Den Aufschwung wählen“. Das entscheidende Merkmal der Bundestagswahl 1983 war die Erweiterung des bisherigen Dreiparteiensystems zu einem Vierparteiensystem, denn die Grünen zogen erstmals in den Bundestag ein. Mit kritischem Blick auf die SPD verortet Güllner die beginnende, längere Oppositionszeit der Sozialdemokraten in einem Wandel der Partei, in der die Arbeiter marginalisiert wurden, die Wähler der Mitte wie auch die neu entstandene Schicht der „Postmaterialisten“ nicht dauerhaft gebunden werden konnten. Die seit dem Godesberger Programm eingeleitete Entideologisierung sei wieder durch die besser gebildete, postmaterialistische bürgerliche Schicht, die in der SPD zunehmend die Führung übernahm, rückgängig gemacht worden.

Inwieweit die in den Endsiebzigern entstandenen Grünen eigentlich keine zwingende Notwendigkeit gewesen seien, wie der Autor argumentiert, kann man mit Blick auf die Begleiterscheinungen des westlichen Wohlstandsmodells auch anders akzentuieren. Die Grünen, deren Gründer und Aktivisten aus eher „behüteten und begüterten Elternhäusern“ stammten, seien letztendlich eine Konsequenz eines nicht nur auf Deutschland begrenzten Wertewandels, der die ganze westliche Welt erfasst habe. Jedenfalls sieht der Autor nur in einem klaren Abgrenzungskurs der SPD gegen die Grünen eine richtige Strategie, wobei er jegliche Annäherung an die Grünen, wie etwa von dem Sozialdemokraten Eppler nachhaltig forciert, abschätzig als „Anbiederung“ scharf ablehnt. Zumindest was die Wahlergebnisse betrifft, kann man angesichts der Erfolglosigkeit Epplers in Baden-Württemberg das harte Urteil des Autors zumindest nachvollziehen. Letztlich macht Güllner die sozialdemokratische Linkswendung zu den Grünen verantwortlich für die Niederlage des populären, eher in der politischen Mitte verankerten Kanzlerkandidaten Johannes Rau bei der Bundestagwahl 1987. Ungeachtet des Unglücks von Tschernobyl im Wahlkampf hätten ökonomische Themen und die Zuwanderung eine größere Rolle gespielt. Parallelen zur aktuellen Gegenwart sind wohl kaum zu übersehen.

7. Auf dem Weg zur Wiedervereinigung

Zunächst verweist der Autor auf den Vertrauensverlust der großen Parteien – das eigentliche Hauptthema der vorliegenden Studie –, denn seit 1987 sei ein spürbarer Rückgang bei den Stimmen für die beiden großen Parteien eingetreten. Güllner zufolge sei dieser Vertrauensverlust „nicht aus heiterem Himmel“ gekommen, sondern das „Ergebnis länger andauernder Prozesse“, die wiederum von den Protagonisten ignoriert worden seien. Beispielsweise habe die SPD die Erosion in den lokalen Parteigliederungen nicht ernsthaft wahrgenommen. Auch das Aufkommen der Grünen, die nach Meinung des Autors wohl eine Schwächung des Parteiensystems bewirkt hätten, sei von beiden großen Parteien nicht aufgehalten worden. Im Gegenteil, weite Kreise der sozialdemokratischen Führungs- und Funktionärskader hätten sich bewusst nicht von den Grünen abgegrenzt und das „Murren“ dazu seitens der Arbeitermitgliedschaften ignoriert. Damit spricht Güllner nach Meinung des Rezensenten einen durchaus diskussionswürdigen Aspekt sozialdemokratischer Politik und Programmatik an, der – mit aktuellem Bezug etwa zur Flüchtlingspolitik – weiterhin einer Lösung bedarf (Stichwort: Die aktuellen Wahlergebnisse in manchen Ruhrgebietsregionen).

Die Grünen sind wohl eine Konsequenz der Folgen der modernen Wohlstands- und Wachstumsgesellschaft und weniger das Resultat falscher „Parteitaktiken“ der etablierten Parteien. Bausteine des Vertrauensverlustes für die beiden großen Parteien werden in der anhaltenden Kanzlerschaft Helmut Kohls, dem man nicht mehr vertraut habe, die Probleme zu lösen, in der Barschel-Affäre und im Aufkommen von Parteien der rechten Szene gesehen. Der Fall der Mauer 1989 und die Wiedervereinigung haben deren Vorwärtskommen aber zunächst verhindert. Hier legt der Autor verschiedene demoskopische Erhebungen zur Verwirklichung der deutschen Einheit vor und skizziert die ersten gesamtdeutschen Wahlen, wobei er kritisch die Wiedervereinigungspolitik des SPD-Kanzlerkandidaten Lafontaine und dessen „falschen Wahlkampf“ betont. Das Wahlergebnis von 1990 und die folgenden Wahlgänge offenbarten die unterschiedlichen politischen Kulturen zwischen den beiden Teilen Deutschlands sowie die geringere Verankerung von CDU und vor allem SPD im Osten. Jedenfalls sei mit den Wahlen 1987 und 1990 der Beginn eines „dramatischen Vertrauens- und Bedeutungsverlustes von Union und SPD“ zu konstatieren.

8. Der Unmut der Wähler nach der Wiedervereinigung

Das achte Kapitel thematisiert eingehender den Unmut der Wähler, demzufolge Politiker die Sorgen und Nöte der Bürger nicht mehr kennen bzw. nicht mehr kennen wollten. Die beiden großen Parteien hätten diesen Vertrauensverlust letztendlich ignoriert bzw. es sei ihnen die Fähigkeit abhandengekommen, mit gesellschaftlichen Prozessen angemessen umzugehen. Nach 1990 sei es ungeachtet der Verdienste des Bundeskanzlers um die Einheit zu weiteren Absetzungen weg von Kohl gekommen, aber die SPD habe davon nicht profitieren können, insbesondere habe sie ihre Kompetenz in Wirtschaftsfragen verloren und geriet alsbald ebenfalls in ein Stimmungstief (Engholm und die Barschel-Affäre).

9. Brandts „Enkel“ im Kampf um die Macht in der SPD

In diesem Abschnitt wird knapp der Kampf um die Führung in der Sozialdemokratie nach 1990 thematisiert. Nach einer Mitgliederentscheidung wurde der über wenig Ausstrahlungskraft verfügende Rudolf Scharping SPD-Vorsitzender und bei der Bundestagswahl 1994 unterlag er dem Amtsinhaber Kohl. Auf dem Mannheimer Parteitag 1995 nutzte Lafontaine die miserable Stimmungslage der Partei und stürzte den erst zwei Jahre zuvor installierten Parteivorsitzenden.

10. Das SPD-Zwischenhoch mit Gerhard Schröder

Nachdem Gerhard Schröder den innerparteilichen Machtkampf um die Kanzlerkandidatur gegen den in Funktionärskreisen beliebteren, aber chancenlosen Lafontaine für sich entschieden hatte, konnte auch demoskopisch untermauert werden, dass Schröder den Amtsinhaber tatsächlich besiegen konnte. Tatsächlich wurde im September 1998 Kohl als erster Kanzler der Bundesrepublik abgewählt. Trotz des Sieges konnte Schröder nach 1998 die SPD nicht zur alten Stärke als Volkspartei führen, da zum einen eine von ihm eigentlich nicht gewollte Koalition mit den Grünen eingegangen werden musste und zum anderen bis zum März 1999 der Machtanspruch Lafontaines bestand. Deshalb habe Schröder relativ bald diejenigen Wähler wieder verloren, die auf Erneuerung und Auflösung des Reformstaus warteten anstelle einer angeblichen sozialen Schieflage bei der Gerechtigkeit. Bekanntlich rettete das Hochwasser 2002 und der bevorstehende Irakkrieg Schröders Wiederwahl. Im zweiten Kabinett Schröder erwiesen sich, auch zur Überraschung des Autors, die Grünen als „Motor der Reformpolitik“. Damit rückt die bis zum heutigen Tag umstrittene Agenda 2010 in den Mittelpunkt, die Schröder wegen dem erwarteten Widerstand der Partei quasi von außerhalb (Hartz) vorbereiten lassen musste. Mit vielfältigen Erhebungen untermauert Güllner die These, dass die Reformen von der Bevölkerungsmehrheit wie auch mehrheitlich der Partei akzeptiert worden seien, was durchaus plausibel erscheint. Dennoch muss kritisch die von Schröder zu wenig forcierte Parteikommunikation neben handwerklichen Fehlern der Reformen betont werden, sodass diese bis zum heutigen Tag wie ein „Mühlstein“ am Hals der Sozialdemokratie hängen. Dass nach der verlorenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Schröder die Reißleine zog und bei den Neuwahlen dennoch – heute kaum mehr glaubhafte – 35 % der Stimmen gewann, ist vielen in der SPD wohl nicht mehr bewusst oder sie verdrängen dieses Faktum.

11. Die Ära Merkel

Der neuen Großen Koalition mit Angela Merkel sei von den Wählern zunächst nicht zugetraut worden, die Probleme des Landes zu lösen. Doch die Vorgänge um den neuen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck und die Banken- und Finanzkrise kamen Merkel zugute, ohne hier die Intrigen usw. in der SPD-Führungsspitze, die Güllner für den Zustand der SPD verantwortlich machte, näher zu beleuchten. Inwieweit Beck neben Scharping tatsächlich der „wohl schwächste Vorsitzende der SPD in der langen Parteigeschichte gewesen“ sei, wollen wir angesichts der aktuellen, erneuten Führungskrise der Partei einmal dahingestellt lassen. Wohl wichtiger erscheint die vom Autor des Buches betonte „präsidiale“ Amtsführung. Der Ansehensgewinn der Kanzlerin bei einer erneuten sozialdemokratischen Fehlleistung, nämlich dem 2008 geplanten Versuch der sozialdemokratischen Spitzenkandidatin in Hessen, Andrea Ypsilanti sich entgegen vorheriger Beteuerungen unter Tolerierung der Linkspartei als Ministerpräsidentin wählen zu lassen, sei mit für den Tiefpunkt der Zustimmung zur SPD verantwortlich.

In einem grundsätzlicheren Sinne ist damit das bis zum heutigen Tag nicht gelöste Verhältnis der SPD zur Linkspartei aufzuwerfen. Jedenfalls sieht Güllner in den Vorgängen in Hessen wie auch in der von vornherein erfolglosen Kandidatur Gesine Schwans als Bundespräsidentin wesentliche Elemente, die zum Wahldesaster 2009 geführt hätten: „Die vernichtende Wahlniederlage der SPD 2009 hatte drei Namen: Beck, Ypsilanti, Schwan.“ Dadurch wird im Unterschied zu der von Vielen in der heutigen SPD kolportierten Meinung, dass Schröders Modernisierungskurs und dessen Agenda 2010 verantwortlich für die massiven Stimmenverluste sei, unter Verweis auf Wählerwanderungen wie auch auf Umfragen unter Bundesbürgern mit durchaus nachvollziehbaren Argumenten klar widersprochen. Im Verlust der ökonomischen Kompetenz der SPD sieht der Autor einen wesentlichen Erklärungsfaktor. Insgesamt haben die beiden großen Parteien 2009 ihren bisherigen Tiefpunkt erreicht und ihre Bindungskraft sei weiter abgesunken.

Unvermeidlich ist gegenwärtig bei jeder politischen Analyse eine Stellungnahme zur AfD, die bereits 2013 keineswegs nur eine ausschließlich euro-kritische Partei gewesen sei, sondern „von Anfang an und auch unter der Führung von Bernd Lucke eine im Kern rechtsradikale Partei“ war. Auch weiteren, differenzierenden Einschätzungen der AfD – etwa als „radikalisierte[s]“ Mittelschichtsegment – kann der Rezensent uneingeschränkt zustimmen, ohne die Problematik der Anfälligkeit von Unterschichtwählern außer Acht zu lassen.

12. 2017: Volksparteien ohne Volk?

Das abschließende, als Quintessenz anzusehende Schlusskapitel weist mit einiger Berechtigung die vielfach vorgebrachten, medialen Zuschreibungen über die AfD, die angeblich das Ende der Volksparteien herbeigeführt habe, zurück. Wohltuend wird die AfD als eine in der bundesdeutschen Parteiengeschichte auftretende, weitere Variante einer rechtsradikalen Partei eingestuft, die allerdings auf ein größeres Medienecho gestoßen sei. Im Übrigen führt der Autor viele Belege an, demzufolge die AfD keinesfalls verharmlosend nur eine rechte Volkspartei sei und nicht einfach ein Spaltprodukt der CDU sei, d.h. eine zwingende Folge der angeblichen „Sozialdemokratisierung“ der Christdemokraten durch Merkel. Sehr zutreffend wird auch die These zurückgewiesen, die AfD sei eine Partei, die von „Abgehängten“ unserer Gesellschaft gewählt werde, was nachweislich zu widerlegen ist.

Demgegenüber lenkt er den Blick zurück auf die Volksparteien, die selber über ihre weitere Existenz zu entscheiden hätten. Im Kern gehe es darum, dass die Volksparteien die Interessen der Mehrheit der Bürger in den Mittelpunkt ihres Tuns stellen sollten. Lautstarke Minderheiten sollten demgegenüber auf ihr tatsächliches Maß begrenzt werden. Demzufolge dürften die Volksparteien keinen „Modetorheiten“ oder einem vermeintlichen „Zeitgeist“ unkritisch nachlaufen. Diese Thesen überträgt Güllner auch auf den Umgang mit den Grünen mit kritischem Blick auf die SPD. An dieser Stelle stellt sich die Frage, wer über eine „Modetorheit“ entscheidet bzw. was man darunter zu verstehen habe. Die bei Güllner anklingende Kritik an der medialen Berichterstattung hat sicher ihre Berechtigung, aber letztendlich muss eine pluralistische Gesellschaft in einem offenen und nachvollziehbaren Meinungsbildungs- und – politischen – Entscheidungsprozess selbst darüber entscheiden, was ihr wichtig erscheint. In diesen Prozess einer umfassenden politischen Willensbildung ist die Hauptaufgabe von Volksparteien zu verankern.

Diskussion und Fazit

Die vorliegende Arbeit mit überschaubarem Umfang ist flott zu lesen und von hohem aktuellen Wert, wenn man die Regierungsbildung nach der Bundestagswahl vom 24. September letzten Jahres und die Querelen gerade in den beiden Großparteien sich vor Augen führt. Eine umfassende Geschichte der Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland kann wegen des begrenzten Umfangs nicht erwartet werden. Historisch differenzierte Darlegungen sind hier nicht beabsichtigt, wenngleich der Historiker durchaus Anmerkungen zu machen hätte. Eine vorangestellte Diskussion über den Begriff der „Volksparteien“ wäre wohl angebracht gewesen, da durchaus unterschiedliche Vorstellungen darüber in der politikwissenschaftlichen Diskussion vorzufinden sind. Wie es auch hilfreich wäre, methodische Stärken und Schwächen bzw. Grenzen der Wahlbefragungen einschließlich der wissenschaftlichen Wahlforschung zumindest anzudeuten.

Dennoch kann man die Lektüre dieses meinungsstarken und durchaus kämpferischen Buches empfehlen, ohne mit allen Thesen übereinstimmen zu müssen. Im Hinblick auf die aktuelle Diskussion über die AfD ist die Arbeit zu empfehlen, da sie diese „neue“ und zugleich „alte“ Partei einer nüchternen Beurteilung unterzieht und etwaigen Mythen vorbeugt.


Rezensent
Dr. phil. Manfred Krapf
M.A. (Geschichte/Politikwissenschaft), Dipl. Sozialpädagoge (FH), selbstständig tätig in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, sozialpolitische Veröffentlichungen
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Zitiervorschlag
Manfred Krapf. Rezension vom 08.03.2018 zu: Manfred Güllner: Der vergessene Wähler. Vom Aufstieg und Fall der Volksparteien. Tectum (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8288-3927-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23738.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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