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Christoph Scheurle, Melanie Hinz u.a. (Hrsg.): PARTIZIPATION (Theater als Soziale Kunst)

Cover Christoph Scheurle, Melanie Hinz, Norma Köhler (Hrsg.): PARTIZIPATION. teilhaben/teilnehmen. Theater als Soziale Kunst II. kopaed verlagsgmbh (München) 2017. 211 Seiten. ISBN 978-3-86736-458-4. D: 18,80 EUR, A: 19,40 EUR.

Theater als soziale Kunst 2. Kulturelle Bildung 58.
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Thema

Der von den Herausgeber_innen so bezeichnete semantisch unscharfe Begriff der Partizipation wird in mehreren Beiträgen einer kritischen Prüfung unterzogen und im Vergleich zwischen den Aktionsfeldern Politik, Pädagogik und Kultureller Bildung (hier: Theaterkunst/Theaterpädagogik) und anhand beispielhafter Projektanalysen ins Verhältnis gesetzt.

Herausgeber_innen

Christoph Scheuerle ist Professor für Kulturwissenschaft mit dem Schwerpunkt Kunst und Teilhabe am Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften an der FH Dortmund. Er leitet zusammen mit den beiden weiteren Herausgeberinnen Melanie Hinz und Norma Köhler das Profilstudium „Theater als Soziale Kunstform – TaSK“ und ist seit 2016 in der Weiterbildung Darstellendes Spiel für den Berliner Senat tätig.

Entstehungshintergrund

Seit 2013 wird unter dem o.g. Label TaSK an der Schnittstelle von Theater und Sozialer Arbeit geforscht, die Ergebnisse werden in einer Art Trilogie niedergelegt, wovon der vorliegende Band der zweite Teil ist. Theater als Soziale Kunst I (Biografieren auf der Bühne) ist bereits erschienen. Teil III ist unter dem Titel „Forschendes Theater in Sozialen Feldern“ in der Reihe „Kulturelle Bildung“ geplant. Diese Reihe der BKJ (Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung) will laut Klappentext durch die Vertiefung akzentuierter Themen dazu beitragen, die Querschnittsdisziplin ‚Kulturelle Bildung‘ in ihren vielfältigen Arbeitsformen und Inhalten zu qualifizieren und zu professionalisieren.

Aufbau und Vorwort

Nach Vorwort und Einleitung durch die Herausgeber_innen gliedert sich die Publikation in die drei folgenden übergeordneten Themenbereiche, die in ihren Inhalten weiter unten beschrieben werden:

  1. Diskurse der Partizipation zwischen Theater, Politik und Pädagogik
  2. Praxen der Partizipation im Theater und in der Theaterpädagogik
  3. Ein- und Ausschlüsse der Partizipation: Zur Kritik der Theaterinstitutionen (Gespräche durch die Herausgeber_innen Christoph Scheurle und Melanie Hinz mit verschiedenen Theaterfachleuten)

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im Vorwort der drei Herausgeber_innen heißt es, dass mit dem vorliegenden Band die emphatische Diskurslogik im Zusammenhang mit dem Gedanken der Partizipation – als scheinbar unhintergehbares Paradigma einer Demokratie mit per se selbstbildender Kraft – interdisziplinär hinterfragt, ja gar „aufgebrochen“ werden soll (S. 7). Das Theater sei in seinen kollektivierenden Prozessen (Probe, Aufführung, simultanes Erleben) und in der Formung von Gemeinschaften (auf Zeit) ein geradezu ideales Untersuchungsfeld für Beteiligungsprozesse, die von den Autor_innen/Herausgeber_innen qualitativ in Teil-nahme und Teil-habe unterschieden werden.

Christoph Scheurle fasst die Debatten zur Partizipation im Bereich der Theaterkunst, Theaterwissenschaft und Theaterpädagogik seit dem 20. Jahrhundert in der Einleitung zusammen und macht deutlich, dass der Begriff in den einschlägigen Lexika nahezu ausschließlich in der Co-Präsenz von Publikum und Aufführung, nicht aber im sozialen Raum der Theaterproduktion betrachtet wird. Scheurle ergänzt diese reduzierte Betrachtungsweise durch Theaterformen, die eine „Kollektive Kreativität“ (Hajo Kurzenberger) gelebt haben, wie z.B. das Living Theatre in den USA oder Richard Schechners anthropologisch orientiertes Forschungstheater (Performancegroup) im Bereich des Spiels und Rituals im Kulturvergleich. Theaterformen der sogenannten Expert_innen des Alltags, ursprünglich von dem Theaterkollektiv Rimini Protokoll entwickelt, beherrschen im 21. Jahrhundert die freie wie auch institutionalisierte Theaterlandschaft auf der Suche nach Publikum jenseits des alt hergebrachten Abonnentenwesens und im Zuge einer Neudefinition der eigenen Rolle im öffentlichen kommunalen oder städtischen Leben.

Zu Teil I

Teil I untersucht in vier Beiträgen die Diskurse der Partizipation zwischen Theaterwissenschaft und Theaterpädagogik mit ihren Bezügen zur Politikwissenschaft.

  1. Johannes Kup lotet kritisch den schmalen Grat zwischen partizipativen Empowermentanliegen in theaterpädagogischen Zusammenhängen und sozialpolitisch ausbeutbaren Selbstoptimierungsansprüchen in einer Art moralisch überformten Partizipationsdruck aus, der eher von außen als von innen entsteht. In der kulturellen Bildung sei daher zunehmend von „Partizipationskompetenz“ die Rede.
  2. Mit der Aussage, dass Partizipation zunächst einmal eine Form der Interaktion sei, entspannt Christoph Scheúrle zunächst die aufgeladene Diskurslage und bezieht seine Analyse auf Arbeitsbedingungen und Arbeitsprinzipien der verschiedenen Akteursgruppen im Theaterbereich. Der Begriff der Partizipation könne dabei nur sinnvoll als Beschreibungsvariante angewendet werden, wenn er in den jeweiligen Kontexten präzise untersucht wird.
  3. In rechtsextremen Kontexten der politischen Bildung verschärft sich wiederum der Gedanke der Partizipation, wie Dierk Borstel und Claudia Luzar aus der Perspektive der Politikwissenschaft verdeutlichen. Bei aller Problematik werden praktikable Anregungen aus der präventiven Theaterarbeit vorgestellt, ohne dabei diese Form der sozialen Arbeit mit zu hohen Erwartungen zu belasten.
  4. Thomas Blum öffnet den Blick auf eine Rassismus kritische Debatte, deren Komplexität oftmals den Rahmen künstlerisch ambitionierter Gruppen oder theaterpädagogisch orientierter Projekte sprengt, insbesondere was die Innenwelten der PoC (People of Color) angeht.

Zu Teil II

Teil II differenziert in fünf Beiträgen konkrete Praxen und Projektbeispiele der Partizipation in Theater und Theaterpädagogik.

  1. Norma Köhler entwickelt nach dem bereits erwähnten Modell der Kollektiven Kreativität von Hajo Kurzenberger ein dramaturgisches Programm für eine gesellschaftlich und politisch relevante Theaterpädagogik.
  2. Dorothea Hillger greift die von der Performancegruppe Gob Sqad entwickelten Begriffe „risk, rules, reality, rhythm“ auf, um grundsätzlich offenen, spielerischen Improvisationsprozessen eine sichernde Rahmung zu geben.
  3. Melanie Hinz erörtert an drei Beispielen (Theater Aspik, Bürgerbühne Dresden, Hamlet von Christoph Schlingensief) die Möglichkeiten und Grenzen partizipativer Theaterpraxis in rechtsextremen Kontexten. Umfangreiches Begleitmaterial verdeutlichen die offensiven Aushandlungen der Partizipation ausgeschlossener oder sich selbst ausschließender Gruppen.
  4. Als Dramaturg in der CAMPO-Produktion von Milo Rau stellt Stefan Bläske die Frage nach Macht und Machtmissbrauch in grundsätzlich partizipativ angelegten Theaterprojekten. Die Frage stellt sich nicht nur innerhalb der brisanten Produktion um den Kinderschänder Marc Dutroux mit erstaunlich aufgeweckten, autonomen Kindern und ihrer pädagogischen Begleitung, sondern insbesondere in diesem Fall im strukturellen Umfeld der öffentlichen, auch internationalen Präsentationen, wo mit offiziellen Regelsystemen gegen eigene Ängste vor zu viel Freiheit durch Partizipation gearbeitet wird.
  5. Jana-Maria Stahl rekurriert in ihrem Beitrag über die Arbeit des Disabled Theater vom Theater Hora mit dem Choreografen Jérôme Bel auf die besondere Atmosphäre des Blicks der Zuschauer_innen auf die Bühne der dort agierenden beeinträchtigten Akteure_innen. Der Blick des Publikums stellt in diesem Theater die Begriffe wie Teil-habe und Teilnahme noch einmal auf eine ganz andere Probe.

Zu Teil III

Teil III richtet über Gespräche mit fünf Personen aus der Theaterpraxis den Blick in die Institution Theater und deren Öffnungsbestrebungen.

  1. Björn Bicker problematisiert im Gespräch mit Christoph Scheuerl die Kurzlebigkeit von effekthascherischen Einzelprojekten am Theater (hier: Münchener Kammerspiele) und seine zwiespältige Rolle als „Projektonkel“ darin. Die transitorischen Qualitäten des Theaters, ein offener Raum des Übergangs zu sein, werden hier als Nachteil beschrieben, da keine langfristig angelegten Vorhaben innerhalb des laufenden Betriebes von der Leitung ermöglicht werden.
  2. Miriam Tscholl, Initiatorin der Bürgerbühne Dresden, zeigt im Gespräch mit Christoph Scheurle klar die partizipatorischen Grenzen dieser Theaterarbeit auf und definiert deren Rolle als Sparte innerhalb einer traditionell arbeitenden Bühne.
  3. Im Gespräch mit Melanie Hinz blickt Viola Hasselberg auf elf Jahre partizipativer Projekte am Theater Freiburg zurück, die sich mit Orten in der Stadt vernetzten und deren Akteur_innen aus den unterschiedlichsten Bereich schließlich, komplementär zum Modell der Bürgerbühne Dresden, zum „Erweiterten Ensemble“ wurden.
  4. Hierarchie und Gleichberechtigung sind die Themen von Karola Marsch vom Theater an der Parkaue in Berlin mit Christoph Scheurle im Gespräch um Partizipation in einer Art Laborsituation, wo die Institution Theater kontinuierlich im Rahmen der einzelnen Projekte auf dem Prüfstand ist.
  5. Die Problematik einer dauerhaft internalisierten Bindung „Schwarzer/People of color“ (S. 205) an ein öffentliches Theater überführt Simone Dede Ayivi im Gespräch mit Melanie Hinz in die Verpflichtung für eine langfristige Umstrukturierung nicht nur der äußeren Bedingungen in den Institutionen Theater, sondern auch in den Köpfen der Kunstschaffenden, die eine Art „Entlernen weißer Definitionsmacht“(S. 211) beinhalten müsse.

Diskussion

Dieser zweite Band der Trilogie über „Theater als Soziale Kunst II“ widmet sich in differenzierter und auch anregend kontroverser Weise dem der Theaterarbeit inhärenten Paradigma der „Partizipation: teilnehmen/teilhaben“. Dabei werden mehr oder weniger provokante Thesen und Projekte vorgestellt, die die teils ausufernd emphatischen Ansprüche an den allgemeinen Aufruf zur Partizipation (Stichwort: Partizipationsimperativ) in gesellschaftlich relevanten und engagierten Kontexten (neben eindrucksvoll gelungenen Annäherungen) in ihre Grenzen weist. Denn ganz so einfach ist es mit der Partizipation nicht, die oftmals unkritisch einem Projekt(antrag) als Label aufgesetzt wird. Welche Fallen und Tücken dieser Begriff und seine praktische Umsetzung neben Chancen und innovativen künstlerischen Möglichkeiten (neue Formate) bereithalten, zeigen nicht nur theaterpädagogische Projekte im rechtsextremistischen Kontext.

Auch die hierarchisch angelegte Institution Theater gerät hier an die Grenzen ihrer verkrusteten Strukturen im sozialen Gewebe ihrer Historie und auf der Suche nach neuem Publikum durch eine dialogische Öffnung ins oftmals unbekannte soziale Umfeld hinein (Stichwort: Audience Development). Dass in dieser jungen und international vernetzten, politisch engagierten Szenerie die Anglizismen in teilweise abstruser Form vorherrschen, mag man den Ausführungen im Zeitalter der e-participation in social media- und occupy-Bewegungen nachsehen, denn die Reflexionen über einen oftmals unkritisch übernommenen Begriff und seine Überführung in die pädagogische Theaterarbeit sind allemal lesens- und beachtenswert.

Fazit

Der Gedanke der Teilhabe/Teilnahme im Theater reicht weit zurück. Nach den Dichterwettstreiten im alten Griechenland entwickelten Bertolt Brecht (Lehrstück) oder später Augusto Baol (Theater der Unterdrückten) Formen der Partizipation resp. Inklusion in einer Theaterarbeit, die sich explizit im Dialog mit Publikum und Gesellschaft versteht. In der vorliegenden Publikation „PARTIZIPATION: teilhaben/teilnehmen“ wird das Anliegen aus der Sicht einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Gesellschaft betrachtet und in aktuellen Beispielen diskutiert. Besonders aktuell wird dieser Diskurs auch durch Bestrebungen, bisher als selbstverständlich angenommene Grundsätze in einer Demokratie außer Kraft zu setzen und in diesen anstrengenden Zeiten nach einfachen Antworten zu suchen.

  • Was ist öffentliche Aufgabe?
  • Wo stehen die Einzelnen in der Verpflichtung?
  • Wer darf mitmachen?
  • Wer besser nicht?
  • Was ist politisch rechts, was ist links und wo ist die Mitte?

Diese und andere Verunsicherungen durchziehen nahezu alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung bieten die hier vorliegenden Überlegungen, Rück- und Vorausblicke, ausgewiesenen künstlerisch-pädagogischen Möglichkeiten und Grenzen von Beteiligung bisher nicht berücksichtigter Gruppen oder Einzelpersonen einen anregenden Raum für Denkprozesse und Handlungsperspektiven. Um es mit Björn Bicker im Zusammenhang mit den Theaterhäusern zu sagen: „Was wäre das für ein Fanal: Ein Theater praktiziert erfolgreich das, wovor viele Menschen in der Gesellschaft Angst haben bzw. was sie sich (noch) nicht vorstellen können. Das gemeinsame, gleichberechtigte Arbeiten von Newcomern und Alteingesessenen auf einem hohen und gleichberechtigten Niveau.“ (S. 182)


Rezensentin
Prof. Bettina Brandi
Theaterwissenschaftlerin mit Zusatzqualifikation Medienpädagogik, Lehrgebiet Theater- und Medienpädagogik an der Hochschule Merseburg im Fachbereich Soziale Arbeit.Medien.Kultur von 1994 - 2013
Homepage web.hs-merseburg.de/~brandi/
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Zitiervorschlag
Bettina Brandi. Rezension vom 11.09.2018 zu: Christoph Scheurle, Melanie Hinz, Norma Köhler (Hrsg.): PARTIZIPATION. teilhaben/teilnehmen. Theater als Soziale Kunst II. kopaed verlagsgmbh (München) 2017. ISBN 978-3-86736-458-4. Theater als soziale Kunst 2. Kulturelle Bildung 58. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23739.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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