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Ursula Gross-Dinter, Florian Feuser u.a. (Hrsg.): Zum Umgang mit Migration

Cover Ursula Gross-Dinter, Florian Feuser, Carmen Ramos Méndez-Sahlender (Hrsg.): Zum Umgang mit Migration. Zwischen Empörungsmodus und Lösungsorientierung. transcript (Bielefeld) 2017. 250 Seiten. ISBN 978-3-8376-3736-6. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 40,30 sFr.

Edition Kulturwissenschaft, Band 125.
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Thema

Zur Willkommenskultur gehört, sich zu verständigen, gemeinsame Sprachen zu finden. Werden Erziehung, Bildung und Ausbildung, insbesondere auch die Sprachkurse, die Integration der Menschen mit Fluchterfahrung ermöglichen?

Es ist gut, dass sich mit diesen Fragen auch die Expertinnen und Experten befassen, die sich (mit der Ausbildung) als Sprachmittler betätigen. Die Bedeutung von Übersetzen und Dolmetschen kann gar nicht überschätzt werden.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Dr. Ursula Gross-Dinter ist Professorin für Übersetzen und Dolmetschen,
  • Dr. Florian Feuser Professor für Interkulturelle Kommunikation,
  • Dr. Carmen Ramos Professorin für Spanisch

- jeweils an der Hochschule für Angewandte Sprachen des Sprachen- und Dolmetscher-Instituts in München.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren sind als wissenschaftliche Mitarbeiter/innen oder Professorinnen/Professoren an Hochschulen in Potsdam, Passau, Marburg, Luzern, Innsbruck, London und Groningen vornehmlich in der Fremdsprachenausbildung, ebenso am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim und in der Beruflichen Bildung tätig; ferner sind ein Hochschulpfarrer und ein Journalist beteiligt.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband geht auf eine Ringvorlesung zurück, die im Sommer 2016 an der Münchner Hochschule für Angewandte Sprachen zum Thema „Migration – Bedrohung oder Bereicherung?“ stattgefunden hat,

Aufbau

Auf die kurze Einführung durch F. Feuser folgen 14 Artikel, davon drei in englischer Sprache.

Inhalt

Zwei Beiträge widmen sich der beruflichen Qualifizierung von Flüchtlingen, die ja in jedem Fall förderlich ist, selbst wenn die Betreffenden in ihr Heimatland zurückkehren (können oder müssen). Ottmar Döring/Sara Hauck machen auf das Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz aufmerksam, das viel zu wenig bekannt und genutzt wird und die Feststellung informeller Kompetenzen vorsieht. In den Herkunftsländern werden praktische Fähigkeiten in aller Regel häufiger informell erworben als formelle Kompetenzen – für letztere liegen ja oft auch keine Nachweise vor. Ibrahim Cindark/David Hünlich haben eine von der Agentur für Arbeit finanzierte Qualifizierungsmaßnahme namens „Perspektive für Flüchtlinge Plus“ evaluiert, die darauf abzielt, junge Flüchtlinge über berufsbezogene Sprachkurse und Praxis in Betrieben auf die Berufstätigkeit vorzubereiten. Dabei hat sich allerdings gezeigt, dass die Kommunikation unter dem starken Dialekt des Ausbilders litt und die Ausrichtung auf eine Branche (Metall) der Mehrzahl der Teilnehmer, d.h. ihren Interessen, auch ihrer Vorbildung nicht entsprach.

Anja Penssler-Beyer/Katharina Weber zeigen, wie sich speziell Flüchtlinge aus Syrien und insgesamt Personen aus arabisch sprechenden Ländern das (vergleichsweise sehr ausdifferenzierte) deutsche Vokalsystem samt Umlauten aneignen können und damit ein bisschen mehr „integriert“ sind, jedenfalls auch Missverständnisse vermeiden könnten (s. z.B. Lehne, Löhne, Leine, Laune).

Marita Tjarks-Sobhani macht den Vorschlag, die Erfahrungen, wie man mit „einfacher Sprache“ den Bedürfnissen funktionaler Analphabeten (ca. 7 Millionen Bürgerinnen und Bürger, die mit langen und komplizierten Texten nicht zurechtkommen) entgegenkommen kann, auch für Flüchtlinge zu nutzen, die Deutsch als Zweitsprache lernen und auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden.

Regina Freudenfeld und Elvira Iannone/Katharina Redl plädieren dafür, die sprachlichen Kompetenzen von Flüchtlingen, insbesondere wenn sie in ihrem Herkunftsland eine Hochschule besuchten, für die Alltagskommunikation zu nutzen (Community Interpreting), sie als Sprachmittler zu fördern, zu schulen und tendenziell auch zu honorieren.

Anhand von Presseberichten untersucht Paula Krüger, mit welchen Untertönen und Tendenzen sich die Schweizerischen Parteien gegenüber Migranten und Migrantinnen äußern, nämlich im Falle der Rechtskonservativen so, dass diese in erster Linie als Bedrohung und Belastung hingestellt werden. Die links-progressiven Kräfte hingegen betonen die Verantwortung von Staat und Unternehmen für die Integration.

Anton Sahlender diskutiert die Aufgaben der Medien generell und in Hinsicht auf die Lebenslage von Menschen mit Fluchterfahrung. Dabei ist auch zu beachten,dass – wie mehrere Umfragen belegen – Zeitungen und Fernsehen nur noch bei der Hälfte der Befragten Glaubwürdigkeit genießen (aber immerhin noch mehr als sie z.B. dem Bundestag oder dem Internet entgegenbringen). Solange sich hier Kritik, Skepsis, Vielfalt ausdrücken, ist das kein Problem, wohl aber wenn rechtspopulistische Parolen („Lügenpresse“) eben diesen Pluralismus bekämpfen.

Christoph Sauer geht es um Fotos, die erst durch die Bildunterschrift und im gesamten Kontext eines Berichtes ihre Bedeutung bekommen. Wenn „Massen“ in Bewegung auf eine Grenze hin gezeigt werden, nähre dies den Verdacht auf „Illegalität“ und Gefühle der Bedrohung. Infolge dieser (fotografischen) „Einstellung“ gehe der Betrachter auf Distanz. Er erwarte sich dann doch, dass der Staat Ruhe und Ordnung wiederherstelle.

Der Band schließt mit einem kurzen, denkwürdigen Beitrag von Burkhard Hose: Mit der Ankunft von muslimischen Flüchtlingen ist ein religiöser Dialog eröffnet. Mit der Hilfe für Menschen auf der Flucht können sich christliche Gemeinden, der Nächstenliebe verpflichtet, neu christianisieren!

Diskussion

Zunächst sind da einige Kleinigkeiten, die verwundern oder stören. Im Autorenverzeichnis sucht man zwei der Herausgeber vergeblich. Es werden Abkürzungen benutzt, die nicht (gleich) erklärt werden; bei der „DACH-Region“ handelt es sich vermutlich um deutschsprachige Länder (ohne Südtirol und Luxemburg?). Eine Frage ist auch die, weshalb drei Beiträge in englischer Sprache abgefasst sind.

Manchem Beitrag ist anzusehen, dass die Entwicklungen seit Sommer 2016 nicht berücksichtigt sind. Manche Akzente sind erstaunlich, etwa wenn Döring/Jauck vor allem die mangelnde Motivation hervorheben, weshalb so viele Asylbewerber/innen ihre Praktika oder Berufsausbildung abbrechen.

Während Titel und Untertitel, die Einführung und der Klappentext die Erwartung hervorrufen, dass sich die gesammelten Beiträge mit Migration und Migrationspolitik in Deutschland, vor allem mit den Menschen auf der Flucht befassen, tun dies einige Beiträge eher weniger. Vielmehr geht es da

  • um Mobilität im Allgemeinen und die Diversität in deutschen Großstädten,
  • um den Unterricht in einer Sprache, die für einen Teil der Studierenden Herkunftssprache (Alltags-, aber nicht Bildungssprache) für den anderen Zweitsprache ist, wobei letztere in der Grammatik, erstere in der Kommunikation stärker sind,
  • die Zweisprachigkeit von jungen Einwanderern aus Mexiko in den USA, die vorübergehend „Spanglish“ sprechen oder
  • die Online-Kommunikation von englischen und deutschen Studierenden in spanischer Sprache.

Dabei können einige Beiträge inhaltlich oder methodisch nicht überzeugen. Im Spanglish-Beitrag z.B. geht es um die Hispanics in den ganzen USA, während sich die Situation lokal (in Südkalifornien, New Mexico) ganz anders als an der kanadischen Grenzen darstellt. Der Schweizer Beitrag ist durchaus materialreich, aber doch zu eng: Weshalb wurden die Kategorien von „Flucht“und „Asyl“ und damit der Zuspruch zu den Menschenrechten vernachlässigt?

Die Thesen zur Kombination von Photo/Bildunterschrift beruhen auf der Interpretation des Autors, es gibt keine Kontrollgruppe, es gibt keinen Auswechseltest. Es sind tatsächlich viele Bilder im Umlauf, die den Ansturm der Massen auf Europa befürchten machen. Aber es gibt auch Bilder, die Not und Tod, aber auch die Kraft und Würde der Menschen auf der Flucht dokumentieren. Die Bildjournalisten haben hier eine Verantwortung, die noch viel weiter geht: Ist es nicht zynisch, mit „dem Foto des Jahres“ Geschäfte zu machen?

Fazit

Die Ausbildungsstätten für Dolmetschen und Übersetzen können in Theorie und Praxis das Interkulturelle Lernen fördern, insbesondere für die Kommunikation zwischen den Menschen mit Fluchterfahrungen und der einheimischen Bevölkerung wichtige Anstöße, Anleitungen und Ratschläge beitragen. Mit dem vorliegenden Band ist ein guter Anfang gemacht.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 04.01.2018 zu: Ursula Gross-Dinter, Florian Feuser, Carmen Ramos Méndez-Sahlender (Hrsg.): Zum Umgang mit Migration. Zwischen Empörungsmodus und Lösungsorientierung. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3736-6. Edition Kulturwissenschaft, Band 125. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23743.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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