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Karl Marx (Hrsg.): Das Kapital. Erster Band. Buch I

Cover Karl Marx (Hrsg.): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie | Erster Band Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals Neue Textausgabe. VSA-Verlag (Hamburg) 2018. 800 Seiten. ISBN 978-3-89965-777-7. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.

Bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski.
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Thema

Über ein Buch, dessen persönliche Erstausgabe des Autors vor wenigen Jahren in das Verzeichnis „zum Erhalt des dokumentarischen Erbes der Menschheit“ der UNESCO aufgenommen wurde, müssen einleitend wohl keine großen Worte verloren werden. Die Stichhaltigkeit und Wirkmächtigkeit der in ihm niedergeschriebenen Gedanken sind unter Kritiker/​innen wie Anhänger/innen bis heute umstritten. Zu Beginn dieser Rezension soll deshalb dem Autor die Gelegenheit gegeben werden, sein im Buch verfolgtes Ansinnen kurz vorzustellen.

Den Gegenstand seiner Forschung hatte Karl Marx bereits 1858 in einem Brief an Ferdinand Lassalle dargelegt: Seine Arbeit sei die „Kritik der ökonomischen Kategorien oder […] das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben.“ (MEW 29, S. 550). Als sich der erste Band des »Kapital« dann im Druck befand, bewarb er ihn in einem Brief an den Badener Revolutionär Johann Philipp Becker als das „sicher […] furchtbarste Missile, das den Bürgern (Grundeigentümer eingeschlossen) noch an den Kopf geschleudert worden ist.“ (MEW 31, S. 541). Seit seinen jungen Jahren hatte er mittels theoretischer „Kritik im Handgemenge“ die in seiner Einleitung »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie« festgehaltene politische Vorstellung verbunden, die „Verhältnisse dadurch zum Tanzen [zu] zwingen, daß man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“ (MEW 1, S. 381). Variationen dieser Melodie produzierte Marx noch zu Lebzeiten, da die kritisierten gesellschaftlichen Verhältnisse sich weniger „versteinert“ zeigten, als noch in jungen Jahren befürchtet. Über die historisch-konkreten Verlaufsformen hinweg blieb sein im »Kapital« verfolgtes Ziel jedoch die Darstellung der „innere[n] Organisation der kapitalistischen Produktionsweise […] in ihrem idealen Durchschnitt“ (MEW 25, S. 839). Diese Aussicht auf eine anhaltende Gültigkeit seiner Kritik ist zugleich Grundlage ihrer hohen Anziehungskraft wie auch von Abwehrreflexen.

Herausgeber

Der 1944 im britischen Exil geborene Herausgeber Thomas Kuczynski studierte zunächst Statistik an der Ostberliner Hochschule für Ökonomie und arbeitete im Anschluss an seine Promotion über »Das Ende der Weltwirtschaftskrise in Deutschland 1932/33« ab 1972 an dem von seinem Vater gegründeten Institut für Wirtschaftsgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR. Von 1988 bis zu dessen Auflösung 1991 stand er diesem als Direktor vor. Seitdem arbeitet er als freier Publizist und Autor u.a. für die Tages- bzw. Wochenzeitungen »Neues Deutschland«, »junge Welt«, »Jungle World« und »Freitag«. Seit 2008 ist er bei der Zeitschrift »lunapark21« als Redakteur im Bereich Geschichte & Ökonomie tätig. Größere Bekanntheit erlangte sein 1999 veröffentlichtes Gutachten über »Entschädigungsansprüche für Zwangsarbeit im ›Dritten Reich‹ auf der Basis der damals erzielten zusätzlichen Einnahmen und Gewinne«, die er auf 180 Mrd. DM bezifferte. In seinem 2004 erschienenen Buch »Brosamen vom Herrentisch« korrigierte er diese auf 228 Mrd. DM (116 Mrd. Euro).

Entstehungshintergrund

Auch wenn Kuczynskis Neuausgabe des ersten Kapital-Bandes zeitlich in das 200. Jubiläum von Karl Marx' Geburt und das 150-jährige Ersterscheinen des Buches fällt, ist sie Ergebnis einer sich über den Zeitraum von 20 Jahren erstreckenden Forschung des Herausgebers. Seine Intention war zu Beginn eine gänzlich andere und gründete auf der Feststellung, „dass die Auffassung von Wert und Tauschwert bei Marx eine mitunter sehr verschiedene ist.“ (Kuczynski 2018).

Für die Neuausgabe hat Kuczynski die Vorzüge der zweiten, verbesserten deutschen Ausgabe von 1873 und der französischen von 1875 zu vereinen versucht (Vgl. Kuczynski 2017). Die bisher nach Marx' Tod erschienen Editionen des ersten Kapital-Bandes berücksichtigten die Änderungen und Zusätze der französischen Ausgabe in unterschiedlicher Weise. Marx selbst riet für die geplante Übersetzung ins Englische, „neben der 2ten deutschen Ausgabe die französische Ausgabe zu vergleichen,“ wo er „manches Neue zugesetzt und vieles wesentlich besser dargestellt habe.“ (MEW 34, S. 295). Bereits in seinem Nachwort zur französischen Ausgabe hatte er dieser einen „vom Original unabhängigen wissenschaftlichen Wert“ attestiert und sie auch mit der deutschen Ausgabe vertrauten Leser/​innen anempfohlen. Die „entscheidende Anregung für die Inangriffnahme der Neuen Textausgabe“ war Kuczynski ein dem »Marx-Engels-Institut« entstammender Vorschlag aus dem Jahre 1931, wonach auf Grundlage eines systematischen Vergleichs herausgearbeitet werden sollte, wie weit die Änderungen der französischen Ausgabe zur Textherstellung für eine neue „Volksausgabe“ verwendet werden können (Vgl. Kuczynski in Marx 2017, S. 774). Seine Neue Textausgabe basiert darüber hinausgehend auf dem Vergleich aller von Marx verfassten bzw. von Friedrich Engels herausgegebenen Ausgaben von Kapital Band I, Marxens Eintragungen in seinen Hand- und den Korrekturexemplaren, sowie dessen Instruktionen für eine amerikanische Ausgabe und der erhaltenen Blattsammlung zur Vorbereitung der zweiten deutschen und französischen Ausgabe.

Aufbau und Inhalt

Dem Text vorangestellt sind Marx' Vorwort zur ersten Auflage und sein die Edition vorschlagender Brief an den französischen Verleger Maurice Lachâtre. Die Vorworte von Engels zur dritten, vierten und zur englischen Ausgabe hingegen finden sich im Anschluss des Textes noch hinter den Nachworten des Autors zur zweiten und zur französischen Ausgabe. Es folgen ein fast dreißigseitiges Quellenverzeichnis und ein ebenso umfangreiches Nachwort des Herausgebers. In diesem bietet Kuczynski die an Marxens Empfehlung für Frau Kugelmann und Karl Korsch orientierte Lektürehilfe an, statt mit der grundlegenden Wertformanalyse zunächst mit dem 5. Kapitel (Arbeits- und Verwertungsprozess) bzw. dem 8. Kapitel über den Arbeitstag zu beginnen, da diese „an unmittelbare Erfahrungen der im Arbeitsprozess Tätigen“ anknüpfen und auf diese Weise das anschließende Studium der Wertformanalyse erleichtern könnten (Vgl. Kuczynski in ebd., S. 762 f.). Eine dem Buch beiliegende USB-Card enthält in Form zweier PDF-Dokumente die digitale Version der Neuen Textausgabe sowie einen historisch-kritischen Apparat, in welchem alle Änderungen nachvollziehbar dokumentiert sind.

Da das behandelte Buch erstmals vor über 150 Jahren veröffentlicht und seither wiederholt Gegenstand von Besprechungen, Editionen und Lesekreisen wurde, werde ich mich im Folgenden auf eine Darstellung einiger Änderungen in der Neuen Textausgabe beschränken. Neben kleineren Ergänzungen, die speziell auf die französischen Verhältnisse und etymologische Aspekte eingehen (Vgl. ebd., u.a. S. 302, S. 347–8, S. 659, S. 682), nahm Marx in der französischen Ausgabe an vielen Stellen von Kuczynski übernommene Präzisierungen, etwa in der Unterscheidung von Konzentration und Zentralisation des Kapitals unter dem Eindruck der aufkommenden Aktiengesellschaften (Kuczynski 2018), vor.

Im Folgenden soll dies kurz an zwei thematisch zusammenhängenden, doch recht willkürlich ausgewählten Beispielen dargestellt werden.

Der sogenannte »Arbeits-« oder »Lohnfonds«

Im letzten Unterkapitel des siebten Abschnitts zum Akkumulationsprozess des Kapitals kritisierte Marx die klassische Politische Ökonomie darin, »im Kapital nur einen vorher bestimmten Theil des gesellschaftlichen Reichthums zu sehn, eine gegebne Menge von Waaren und Arbeitskräften, die nahezu gleichförmig wirken, also als eine fixe Größe von fixem Wirkungsgrad aufzufassen.« (Marx 2017, S. 542). Die von Kuczynski übernommenen Ergänzungen aus der französischen Ausgabe verdeutlichen den apologetischen Charakter, mit welchem u.a. die Utilitaristen Jeremy Bentham und John Stuart Mill im Anschluss daran besonders jenen »Theil des Kapitals als eine fixe Größe darzustellen [versuchten], der in Arbeitskraft umsetzbar ist«. (Ebd., S. 543). Dabei erklären sie die Masse der für die Arbeiter/​innen verfügbaren Lebensmittel zu einer Sonderabteilung des gesellschaftlichen Reichtums, deren Größe durch die Natur selbst begrenzt sei. Die Schlussfolgerung daraus ist simpel: »Ist […] die Summe der unter den Lohnarbeitern zu vertheilenden Lebensmittel gegeben, so folgt daraus, dass der auf jeden der Theilnehmer entfallene Antheil zu klein ist, weil ihre Anzahl zu groß ist, und ihr Elend in letzter Instanz eine Sache nicht der gesellschaftlichen, sondern der natürlichen Ordnung ist.« (Ebd.). Marx erwiderte dem, dass zwar die Masse an Arbeit, die zur Anwendung der Produktionsmittel benötigt wird, technologisch vorgegeben sei, jedoch damit keineswegs die Anzahl der angewandten Arbeiter/​innen noch der Preis ihrer Arbeitskraft feststünde. Stattdessen sei es »die Nathur der kapitalistischen Produktion, welche den Antheil des Producenten auf das beschränkt, was für den Erhalt seiner Arbeitskraft nothwendig ist, und den Ueberschuss seines Produkts dem Kapitalisten zubilligt.« (Ebd., S. 544). Somit obliege dem Kapitalisten auch die Aufteilung des ihm zufallenden Mehrprodukts in zuschüssiges Kapital und persönliche Revenue (eigenes Einkommen).

Die relative Überbevölkerung/​industrielle Reservearmee

Im zweiten Unterkapitel des Kapitels zum allgemeinen Gesetz der kapitalistischen Akkumulation behandelte Marx die sich verändernde technische Zusammensetzung des Kapitals und ihre Auswirkung auf den Arbeitsmarkt: »[D]ie Masse an Ausrüstungen und Rohmaterialien wächst mehr und mehr im Vergleich zur Menge an Arbeitskräften, die nothwendig sind, sie in Gang zu setzen. In dem Maße also, wie das Wachsthum des Kapitals die Arbeit produktiver macht, vermindert sich die Nachfrage danach im Verhältniss zu seiner eignen Größe« (Ebd., S. 557). »Ein stets größerer Theil des Kapitals wird in Produktionsmittel umgesetzt, ein stets kleinerer in Arbeitskraft. Mit dem Umfang, der Koncentration und der technischen Wirksamkeit der Produktionsmittel vermindert sich progressiv der Grad, worin sie Beschäftigungsmittel der Arbeiter sind. Ein Dampfpflug ist ein ungleich wirksameres Produktionsmittel als der gewöhnliche Pflug, aber der in ihm ausgelegte Kapitalwerth ist ein ungleich geringeres Beschäftigungsmittel, als wenn er in gewöhnlichen Pflügen realisirt wäre« (Ebd., S. 561). Die „[r]elative Abnahme der beschäftigten Arbeiterzahl verträgt sich [dabei durchaus] mit ihrer absoluten Zunahme, wobei im Fabriksystem ihre Zahl niemals absolut steigt, ohne relativ zu sinken im Verhältniss zur Größe des angewandten Kapitals und zur Masse der produzirten Waaren“ (Ebd., S. 397). Was bedeutet diese Entwicklung für die Lohnabhängigen? Marx führte es an späterer Stelle in einer von Kuczynski aus der französischen »Kapital«-Ausgabe übernommenen Abschnitt aus: Da der kapitalistischen Produktionsweise keineswegs das durch den natürlichen Zuwachs der Bevölkerung gelieferte Quantum verfügbarer Arbeitskraft genügt, „bedarf [es] zu ihrem freien Spiel einer von dieser Naturschranke unabhängigen industriellen Reservearmee. Das Gesetz der proportionellen Abnahme des variablen Kapitals und der entsprechenden Verminderung der relativen Nachfrage nach Arbeit hat also zur Folge, dass der absolute Zuwachs des variablen Kapitals und die absolute Erhöhung der Nachfrage nach Arbeit in abnehmendem Verhältniss erfolgen, und endlich zur Vervollständigung: die Produktion einer relativen Uebervölkerung. Wir nennen sie »relativ«, nicht weil sie einem positiven, die Grenzen des Reichthums auf dem Wege der Akkumulation übersteigenden Zuwachs der Arbeiterbevölkerung entspringt, sondern, im Gegentheil, einem beschleunigten Zuwachs des gesellschaftlichen Kapitals, der ihm erlaubt, auf einen mehr oder minder beträchtlichen Theil seiner Arbeiter zu verzichten. Da diese Uebervölkerung nur existirt in Bezug auf die augenblicklichen Bedürfnisse der kapitalistischen Ausbeutung, kann sie sehr plötzlich anschwellen oder schrumpfen“ (Ebd., S. 568 f.). Zustimmend zitiert er zum Abschluss des analytischen Teils des Kapitels Antoine-Elisée Cherbuliez, wonach die Arbeiter/​innen mit ihrer Mitwirkung „an der Akkumulation der produktiven Kapitale […] ihren Beitrag zu jenem Vorgang [leisten], der sie früher oder später eines Theils ihrer Löhne berauben wird“ (Zit. in ebd., S. 585).

Doppelt freie/r Lohnarbeiter/in

Warum aber tun sie das? Marx erläuterte es nicht nur an der folgenden, der französischen Ausgabe entnommenen Stelle zu Beginn des Kapitels über die ursprüngliche Akkumulation, dem Kuczynski entsprechend dem französischen Vorbild leider das „sogenannte“ im Titel genommen hat: „Das officielle Verhältniss zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter ist rein merkantilen Charakters. Wenn der erstre die Rolle des Herrn spielt und der letztre die Rolle des Dienenden, so Dank eines Vertrages, durch den dieser sich nicht nur in den Dienst von jenem, mithin in dessen Abhängigkeit, gestellt, sondern auf jeden Eigenthumsanspruch auf sein eignes Produkt verzichtet hat. Aber warum macht der Lohnarbeiter dies Geschäft? Weil er nichts als seine persönliche Kraft besitzt, Arbeit im Zustand der Möglichkeit, während sich alles Uebrige auf der andern Seite befindet, alle äußeren Bedingungen, dieses Arbeitsvermögen umzusetzen, der Stoff und die für eine nützliche Anwendung der Arbeit nothwendigen Instrumente, die Verfügungsgewalt über die für den Unterhalt der Arbeitskraft und ihre Umwandlung in produktive Bewegung unabdingbaren Lebensmittel“ (Ebd., S. 644).

Auch in der Untersuchung des Austauschprozesses zwischen den beiden hier bereits als ungleich entwickelten Warenbesitzern von Arbeitskraft bzw. Produktionsmitteln nahm Kuczynski im Vergleich zur MEW-Ausgabe eine Vereindeutlichung vor, die sich lediglich in der ersten deutschen und der französischen Ausgabe findet: „Um diese Dinge als Waaren auf einander zu beziehn,“ schrieb Marx, „müssen die Waarenhüter sich zu einander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so dass der eine nur mit dem Willen des andren, also jeder nur vermittelst eines beiden gemeinsamen Willensakts sich die fremde Waare aneignet, indem er die eigne veräußert. Sie müssen sich daher wechselseitig als Privateigenthümer anerkennen. Dies Rechtsverhältniss, dessen Form der Vertrag ist, ob nun legal entwickelt oder nicht, ist nur das“ – in den MEW heißt es an dieser Stelle: ist nur ein – „Willensverhältniss, worin sich das ökonomische Verhältniss wiederspiegelt. Der Inhalt dieses Rechts- oder Willensverhältnisses ist durch das ökonomische Verhältniss selbst gegeben“ (Ebd., S. 58 f.).

Diskussion

Die Verwendung der zweiten, verbesserten deutschen Ausgabe als Textgrundlage mag den mit dem populären MEW 23-Band vertrauten Leser/​innen mitunter Schwierigkeiten bereiten. Für eine neue Textausgabe im Sinne des Verfassers ist Kuczynskis Rückgriff jedoch folgerichtig, schließlich handelte es sich um die letzte Ausgabe aus der Hand des Autors. Das bietet nicht zuletzt die Gelegenheit Missverständnissen vorzubeugen, die sich durch Engels Editionsarbeit eingeschlichen haben und wiederholt Anlass für Kritik boten.

Als Beispiel sei hier nur dessen Verschlimmbesserung der Marxschen Polemik über die Waren als „innerlich verschnittene[r] Juden“ (Marx 2017, S. 123) zu „innerlich beschnittene[n] Juden“ (MEW 23, S. 169) angeführt, welche Micha Brumlik in Unkenntnis der von Kuczynski hervorgehobenen Doppeldeutigkeit des von Marx verwandten Begriffs vor interpretative Herausforderungen über den Antisemitismus des Autors stellte (Vgl. Brumlik, S. 312 ff.). In der französischen Ausgabe verzichtete Marx übrigens auf die Polemik.

Trotz einer insgesamt umfassenderen, informierten Kommentierung und Einordnung einzelner Passagen des »Kapital«-Textes ins Marxsche Gesamtwerk, fehlen im Vergleich mit der MEW-Ausgabe jedoch auch einige, dort im Anhang und Register vorgenommene, vornehmlich historische Einordnungen. Beispielhaft sei an dieser Stelle Marx' Hinweis zu Beginn des Kapitels über den »Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis«, „dass China und die Tische zu Tanzen anfingen, als alle übrige Welt still zu stehn schien“ (MEW 23, S. 85; Marx 2017, S. 47), angeführt. Während in der MEW-Ausgabe der historische Kontext zur reaktionären Politik nach den gescheiterten bürgerlichen Revolutionen von 1848/49 in Europa und dem bisher opferreichsten Bürgerkrieg der Menschheitsgeschichte, dem Taiping-Aufstand in China, hergestellt wird und dies den durchaus eurozentrismuskritischen Einschlag des Kapitels unterstreicht, beschränkt sich Kuczynski in seiner Neuen Textausgabe auf ideengeschichtliche Verweise, sodass der von Marx bewusst gezogene historisch-gesellschaftliche Bezug unausgeführt bleibt.

Des Weiteren lässt sich ein durchaus verschiedentlicher Umgang mit den tatsächlichen oder vermuteten Ergänzungen von Engels feststellen. Während Kuczynski etwa den von ihm Engels zugeschriebenen Absatz einer von Marx für notwendig erachteten Differenzierung von Wert und Tauschwert zugunsten einer deutlich knapperen, jedoch nachweislich Marx zuzuschreibenden Formulierung, strich (Vgl. Wendt 2018, S. 12), erhielt er an anderer Stelle eine Einfügung Engels zur Besonderheit der Warenform des gesellschaftlichen Gebrauchswerts in Form einer Fußnote (Marx 2017, S. 19). Ob Kuczynskis Entscheidung dem Verständnis des Marxschen Textes in jedem Fall zuträglich war, mag zuweilen Interpretationssache sein, eine diesbezügliche Untersuchung würde jedoch in jedem Falle den Rahmen dieser Rezension sprengen.

Für das 23. Kapitel zum allgemeinen Gesetz der kapitalistischen Akkumulation orientierte sich Kuczynski sehr an der französischen Ausgabe. Besonders das zweite Unterkapitel, in welchem Marx die Konzentration und Zentralisation des Kapitals behandelt, konzipierte er im Gegensatz zu Engels, welcher lediglich den Beginn und manche Ergänzung berücksichtigte, entsprechend der Instruktionen zur Vorbereitung einer amerikanischen Ausgabe in enger Anlehnung an die französische. Die Reihenfolge im dritten Unterkapitel ist den deutschen Ausgaben nachempfunden, Änderungen zur MEW-Ausgabe sind deshalb im Einzelnen schwer nachzuvollziehen, wenngleich die Herkunft aller Textpassagen wie im gesamten Buch im historisch-kritischen Apparat auf der beiliegenden USB-Card dokumentiert ist. Zugleich ist der u.a. dieses Kapitel enthaltende siebente Abschnitt jener Teil des Buches, ab welchem nach Ansicht Kuczynskis die Fortschritte in Marxens Argumentationsgang in der französischen Ausgabe am meisten zum Tragen kamen (Vgl. Kuczynski 2018). Die Lektüre dieses Abschnitts dürfte damit auch und besonders für jene Leser/​innen gewinnbringend sein, die bereits mit einer anderen deutschen Ausgabe des ersten »Kapital«-Bandes vertraut sind.

Fazit

Thomas Kuczynski hat in einer zwei Jahrzehnte andauernden Fleißarbeit eine Neue Textausgabe des ersten »Kapital«-Bandes erarbeitet, die Leser/​innen beim Studium der populären MEW-Ausgabe als hilfreiche Ergänzung und Nachschlagewerk dienen sollte. Die im Anhang enthaltene Übersicht zur Konkordanz verschiedener Ausgaben des Bandes erleichtert diese Zuhilfenahme. Gegen eine vom Herausgeber – im Gegensatz zu den historischen Ideengebern vom sowjetischen Marx-Engels-Institut – nicht intendierte Entwicklung zu einer neuen populären „Volksausgabe“ sprechen trotz des verhältnismäßig geringen Preises sowie der leser/​innenfreundlichen Übersetzung aller fremdsprachigen Zitate und der Umrechnung der Maßeinheiten und Währungen in heutzutage gültige, die Orientierung an der im Ausdruck vielerorts ungeglätteten zweiten, verbesserten deutschen Ausgabe und die Beibehaltung der gewöhnungsbedürftigen Orthografie.

Für ein vertiefendes Studium besonders wertvoll ist der auf der beigefügten USB-Card enthaltene historisch-kritische Apparat, in welchem alle Änderungen dokumentiert und „die in [der] MEGA² voneinander getrennten Verzeichnisse […] zu einem einzigen verschmolzen sind“ (Kuczynski in Marx 2017, S. 784). Zugleich bietet die Neue Textausgabe auch so manche über den ersten Band des Buches hinausführende Anregung, wie beispielsweise den Hinweis auf Engels' „quellenbasierte Eigenkomposition“ des Kapitels „Verhältnis der Profitrate zur Mehrwertrate“ im dritten Band (Kuczynski in ebd., S. 462 Fn. 1545).

Einen ersten Erfolg innerhalb der internationalen Marx-Forschung konnte Kuczynskis Neue Textausgabe bereits erreichten: So will Teinosuke Otani den Text für die japanische Neuübersetzung des ersten »Kapital«-Bandes verwenden (Vgl. ebd., S. 788).

Literatur

Brumlik, Micha: Deutscher Geist und Judenhaß. Das Verhältnis des philosophischen Idealismus zum Judentum, München 2000.

Cardinale, Alessandro: Besprechung von Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals. Neue Textausgabe, bearb. u. hgg. v. Thomas Kuczynski, VSA Hamburg 2017, in: Das Argument #331: Mosaik-Linke + Revolte in Frankreich, Berlin 2019, S. 129/130.

Marx, Karl/Kuczynski, Thomas (Hrsg.): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals, Hamburg 2017.

Kuczynski, Thomas: Buchpräsentation, Liebknecht-Haus Leipzig, 16.03.2018.

Kuczynski, Thomas: »Nach weiterführenden Fragen suchen«. Interview mit Volker Külow, in: Links! Politik und Kultur für Sachsen, Europa und die Welt, Nr. 10/17, Dresden 2017, S. 2.

Vollgraf, Carl-Erich: Vergebliche Liebesmüh? Anmerkungen zu Thomas Kuczynskis Gesamtausgabe von Band 1 des Kapitals, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung: „Reformismus mit Emphase“. Elmar Altvater zur Erinnerung, Nr. 114, Frankfurt am Main 2018, S. 87–109.

Wendt, Holger: ›Kapital‹ revisited, in: junge Welt vom 19.10.2018, S. 12/13.


Rezension von
Christoph Hornbogen
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Zitiervorschlag
Christoph Hornbogen. Rezension vom 04.02.2020 zu: Karl Marx (Hrsg.): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie | Erster Band Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals Neue Textausgabe. VSA-Verlag (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-89965-777-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23748.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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ISSN 2190-9245

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