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Peter Fiedler: Sexuelle Störungen

Cover Peter Fiedler: Sexuelle Störungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. 190 Seiten. ISBN 978-3-621-28439-4. 36,95 EUR.
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Thema

Die Zahl hilfesuchender Patienten mit einer Störung im sexuellen Bereich ist stabil hoch, der Bedarf an fachlich fundiertem Wissen über die Zusammenhänge, diagnostischen Erfordernisse und Behandlungsmöglichkeiten entsprechend gegeben. Die Monografie stellt dieses Wissen in komprimierter Form zur Verfügung und verschafft so einen Überblick zum aktuellen Wissensstand.

Autor

Peter Fiedler, Prof. Dr., Dipl. Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Heidelberg Klinische Psychologie und Psychotherapie. Verfasser zahlreicher Fachbücher u a. zur Psychotherapie, Persönlichkeitsstörungen und sexuellen Störungen.

Aufbau

Der Band ist in sechs Kapitel gegliedert und informiert über

  1. Sexuelle Entwicklung, sexuelle Orientierung und Partnerwahl
  2. Psychische Störungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung
  3. Geschlechtsdysphorie und Störungen der Geschlechtsidentität
  4. Sexuelle Funktionsstörungen
  5. Sexuelle Deviationen und Paraphilien
  6. Sexualität und sexuelle Störungen im Wandel der Zeiten

Inhalt

Zu 1. (Entwicklung, Orientierung und Partnerwahl). Die Gliederung des Buches folgt angelehnt der Entwicklung menschlicher Sexualität. So werden im ersten Kapitel die Grundlagen der Entwicklung der Sexualität, der sexuellen Orientierung und der Partnerwahl des Menschen behandelt. Fiedler geht hier auf die Entwicklung kindlicher Sexualität, die Entwicklung der Geschlechtsidentität und -rolle, sowie der sexuellen Präferenzen ein. Das Kapitel schließt mit einem Exkurs zur Sexualität im höheren Lebensalter.

Zu 2. (Psychische Störungen). Das zweite Kapitel geht auf die im Zusammenhang mit der sexuellen Reifung stehenden psychischen Belastungen und Störungen ein, v.a. wenn die sich abzeichnende Entwicklung und Orientierung nicht den allgemeinen Rollen- und Geschlechtserwartungen entspricht, oder nach wie vor bestehende Norm- und Moralvorstellungen nicht erfüllt werden. Fiedler stellt hier den Ansatz der affirmativen Psychotherapie vor, der Betroffene bei der Stabilisierung ihrer jeweiligen sexuellen Orientierung unterstützt und sie bei einem notwendigen Coming-out begleitet, womit ein defizitorientiertes Behandlungsparadigma überwunden wird und stattdessen supportive und lösungsorientierte Strategien eingesetzt werden.

Zu 3. (Störungen der Geschlechtsidentität). Das folgende Kapitel geht auf Störungen der Geschlechtsidentität ein, mit Schwerpunkten im Bereich Transsexualität und Transgenderismus, den damit in Verbindung stehenden transsexuell möglichen Entwicklungen und auf die zumeist organisch bedingten intersexuellen Phänomene. Neben der Darstellung diagnostischer und psychotherapeutischer Interventionen beschreibt Fiedler die Kooperationserfordernisse im Zusammenhang mit der Behandlung Betroffener, zwischen PsychotherapeutInnen, Fachdisziplinen der Endokrinologie und der Chirurgie.

Zu 4. (Sexuelle Funktionsstörungen). Das vierte Kapitel geht auf die große Gruppe der sexuellen Funktionsstörungen ein, welche zunächst diagnostisch und differentialdiagnostisch (auf psychischer und somatischer Ebene) erfasst werden und in ihrer Symptomatik (u.a. Erregungs- und Appetenzstörungen, Orgasmusstörungen, Hypersexualität) bei Frau und Mann beschrieben und die therapeutischen Strategien und Methoden vorgestellt werden.

Zu 5. (Sexuelle Deviationen und Paraphilien). Das Kapitel erfasst die diagnostischen Grundlagen zur Erfassung sexueller Abweichung und paraphiler Orientierung (u.a. Fetischismus, Transvestitismus, Pädophilie) und geht auf den Zusammenhang von Paraphilie und sexueller Delinquenz ein. Neben der Darstellung der rechtlichen Zusammenhänge zeigt Fiedler die in ihrer Wirksamkeit belegten Behandlungsmaßnahmen auf.

Zu 6. (Sexualität im Wandel der Zeit). Das Schlusskapitel gibt einen Überblick zum Wandel der gesellschaftlichen Auffassungen über Sexualität in den letzten Jahrhunderten und deren Manifestation hin zu einer (vermeintlich) sexuell-liberalen Haltung in den letzten Jahren. Diese Darstellungen enden in Überlegungen zur Zukunft der Sexualität. Dass sie sich weiter wandeln wird, steht zweifelsohne fest. Auch, dass der Großteil der Bevölkerung mit „seiner“ Sexualität problemlos zurecht kommt, bei Befragungen scheinen „die Betreffenden … nämlich mit ihrem Sexualleben weitgehend bis sogar sehr zufrieden zu sein – unabhängig davon, ob sie es nun ein, zwei oder kein Mal pro Woche tun“ (174).

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an TherapeutInnen aus Psychologie, Medizin und Psychothearapie und letztlich an alle professionell Tätigen, die Menschen mit sexuellen Störungen helfen wollen, oder in ihrer beruflichen Praxis mit dieser Störungsgruppe in Berührung kommen.

Diskussion

Peter Fiedler hat bereits mehrfach zur Thematik der Sexuellen Störungen publiziert. Die vorgelegte Monografie erhebt den Anspruch, wesentliche Informationen in komprimierter Form zu vermitteln. Dies ist mehr als gut gelungen. Die Informationen sind umfassend, die Darstellung der wissenschaftlichen Grundlagen ist ausreichend differenziert und äußerst verständlich formuliert, dabei aktuell und von hoher Praxisrelevanz.

Der gesellschaftliche Bezug des Störungsverständnisses ist immer gegeben, auch der gesellschaftliche Wandel der sich im individuellen Problem aber auch dessen Wahrnehmung in der Gesellschaft niederschlägt. Damit ist die Monografie eine wichtige Orientierungshilfe, vorwiegend für neu in diesem Bereich tätige Fachkräfte und Ausdruck dessen dass Fiedler in der Erstellung praxistauglicher Lehr- und Fachbücher eine lange Übung hat. Sehr gelungen.

Fazit

In komprimierter, dabei immer fachlich differenzierter Form informiert das Buch über sexuelle Entwicklung, sexuelle Orientierung und Partnerwahl, psychische Störungen in Verbindung mit der sexuellen Entwicklung und Orientierung, Geschlechtsdysphorie und Störungen der Geschlechtsidentität, sexuelle Funktionsstörungen, sexuelle Deviationen und Paraphilien, sowie Sexualität und sexuelle Störungen im Wandel der Zeiten. Ein überzeugendes Werk. Selten finden sich auf dem Fachbuchmarkt derart gelungene Verbindungen von fachlicher Tiefe und komprimierter Darstellung. Was man über sexuelle Störungen wissen muss, ist hier zu finden.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 01.06.2018 zu: Peter Fiedler: Sexuelle Störungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2018. ISBN 978-3-621-28439-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23752.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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