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Helena Stockinger: Umgang mit religiöser Differenz im Kindergarten

Cover Helena Stockinger: Umgang mit religiöser Differenz im Kindergarten. Eine ethnographische Studie an Einrichtungen in katholischer und islamischer Trägerschaft. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. 280 Seiten. ISBN 978-3-8309-3648-0. 32,90 EUR.

Religious diversity and education in Europe, Volume 35.
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Thema

Die Autorin stellt den Umgang mit interreligiöser Differenz in der Elementarbildung ins Zentrum ihrer Studie. Am Beispiel von zwei Kindergärten in katholischer und islamischer Trägerschaft fragt sie nach Möglichkeiten und Grenzen differenzsensiblen Umgangs in Institutionen, in denen sich Kinder verschiedener Religionen begegnen. Ihr Anliegen besteht darin, aufzuzeigen, inwiefern in der Realität des Alltags interreligiöse Situationen wahr- und aufgenommen sowie differenzsensibel bearbeitet werden. Im Unterschied zu vorangehenden Untersuchungen, die u.a. von Eva Hoffmann, Friedrich Schweitzer, Albert Biesinger und Anke Edelbrock durchgeführt wurden, begreift vorliegende Studie Kindergärten als Organisationen, in denen ein Umgang mit religiöser Differenz sowie deren Thematisierung durch die Kinder stattfinden kann. Darüber hinaus sensibilisiert Verfasserin für den Umgang mit der „größeren“ sowie den jeweils „kleineren“ Religion(en).

Autorin

Helena Stockinger ist seit 2017 (Vertretungs-)Professorin für katholische Religionspädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Mit vorliegender Studie wurde sie an der Universität Wien promoviert.

Entstehungshintergrund

Die Dissertation erarbeitet mit verschiedenen Methoden die Ergebnisse eines einjährigen Prozesses teilnehmender Beobachtung, zu dem Expertinnen- und Experteninterviews mit den Leitungen, Gruppendiskussionen mit pädagogischen Akteuren und Kindern verschiedener Religionszugehörigkeit hinzukommen. Die Feldforschung fand in zwei Wiener Kindergärten in muslimischer bzw. katholischer Trägerschaft statt.

Aufbau

Die Arbeit enthält sechs gewichtige Kapitel.

  1. Ein erster Abschnitt befasst sich mit theoretischen Grundlagen sowie mit Begriffsklärungen, erklärt basale Annahmen der Studie – wie „das Recht der Kinder auf Differenz“ oder „Religiöse Differenz in elementaren Bildungseinrichtungen“ und erläutert u.a. das spezifische Verständnis von Begriffen wie „Bildung und Erziehung“, „Kultur“, „Religion und Religiosität“.
  2. Ein zweiter Abschnitt führt in den gegenwärtigen Forschungsstand zur religiösen Differenz in Grundschulen und Kindergärten ein und unterscheidet zwischen Forschungsfrage, Anliegen der Studie, entwicklungspsychologischen Kenntnissen sowie Möglichkeiten und Grenzen der Kindheitsforschung.
  3. Mit methodologischen Zugängen befasst sich ein dritter Teil. Dabei beschreibt die Autorin qualitativ-empirische Forschung, erläutert den ethnographischen Zugang sowie die Grounded Theory und das thematische Kodieren. Auf eine Begründung der verschiedenen Forschungszugänge folgt ein Überblick über die angewandten Methoden.
  4. Vor diesem Hintergrund widmet sich ein vierter Abschnitt Untersuchungsdesign und Durchführung,
  5. ein 5. Teil wertet die erhobenen Daten aus, die
  6. im 6. Kapitel einer Diskussion unterzogen werden.

Ein umfängliches Literaturverzeichnis schließt sich an, das Tabellen- und Abbildungsverzeichnis sowie ein kurzer Anhang, der die rechtlichen Aspekte plastisch illustriert, abrunden.

Inhalt

Die Studie fokussiert religiöse Pluralität in der aktuellen gesellschaftlichen Situation und plädiert vor diesem Hintergrund für ein differenzsensibles Agieren. Ein entsprechender Ansatz wird in basale Annahmen der Praktischen Theologie (Orientieren, Sehen, Urteilen, Handeln) eingezeichnet.

Im Orientieren werde die Perspektive des forschenden Subjekts aufgedeckt (12 f), das Sehen sei eingebunden in eine spezifische Offenlegung von (religions-) pädagogischen Begriffen, ohne deren konkrete Füllung eine Verständigung über die Inhalte der Arbeit kaum möglich wäre: So unterscheidet Verfasserin zwischen Religion als soziologischer Dimension und Religiosität als anthropologischer Dimension, deren Ausdrucksformen im Rahmen religiöser Sensibilität als Inhaltlichkeit, Kommunikation und Lebensgestaltung gelten (29). Der Bezug auf religiöse Differenz meine daher sowohl Religion als auch Religiosität und lege einen Differenzbegriff zugrunde, der weder exklusiv noch egalitär, sondern im Kern plural zu verstehen ist (39 f). Das Urteilen wird als Auswahl verstanden: Verf. entscheidet sich angesichts einer Fülle an empirischen Möglichkeiten für den ethnographischen Zugang, den sie mit der Grounded Theory und entsprechendem Kodieren verbindet. Das Handeln werde im Beschreiben der Subjektivität der Forscherin erkennbar (13).

Vor diesem Hintergrund ergibt eine Sichtung der Forschungsliteratur (Orth, Streib, Ipgrave), dass Kinder religiöse Differenz nicht nur erkennen, sondern auch eigenständig produzieren (Schweitzer, Biesinger, Dillen u.a.) (42-52). Insofern Ähnliches von Seiten der Entwicklungspsychologie (Elkind, ter Avest, Bar-Tal, Connolly) herausgearbeitet werde (52-58), versteht Verfasserin ihren empirischen Zugriff auch als religiöse Grundlagenforschung (59).

Dabei wählt vorliegende Studie einen ethnographischen Zugriff, der auf der Grounded Theory sowie dem Thematischen Kodieren basiert. Der Zugriff erfolgt in der wechselseitigen Abfolge von Datenerhebung und Datenauswertung. Dabei sollte der empirische Zugang am Ende als gesättigt betrachtet werden. Im Einzelnen entwickelt Verf. eine doppelperspektivische Forschungsfrage, die für den Umgang mit religiöser Differenz in der Organisation Kindergarten und die Thematisierung religiöser Differenz seitens der Kinder sensibilisiert (60 f). Dabei werden einerseits verschiedene Formen der Anerkennung unterschieden, die egalitäre, die differenzierende sowie die Anerkennung des Abhängigkeits- und Hierarchieverhältnisses (71-73). Andererseits ist die „Reflexion der eigenen Vorstellungen und der eigenen Gefühle“ wesentliche Voraussetzung für reliable und valide Ergebnisse (77).

Die eigentliche Feldforschung fand in zwei Kindergärten statt und dauerte etwa ein Jahr. Den Expertinnen- und Experteninterviews sowie Gruppendiskussionen mit pädagogischen Akteuren und Kindern liegen anerkannte Forschungsstrategien zugrunde: Die explizite, verschiedenartige Erhebungsmethoden (Teilnehmende Beobachtung, spontane und initiierte Gruppendiskussionen, Leitfaden gestützte Expertinnen- und Experteninterviews) miteinander verbindende Triangulation wird mit unterschiedlichen Auswertungsmethoden (Ethnographie, Grounded Theory, thematisches Kodieren) in Beziehung gesetzt und verschränkt (89-96, 100-107, 119). Insofern Verfasserin ihre Interpretation der erhobenen Daten auch in interdisziplinären, transnationalen und interreligiösen Interpretationsgruppen diskutieren ließ, betont sie die Notwendigkeit einer breiteren Dokumentation der konkreten Datenerhebung (129-149).

Die Auswertung fördert manche Einzelaspekte zutage, so bestehen mit Blick auf die Bezeichnung von Religions-/Koranunterricht zwischen einzelnen Akteuren Divergenzen (156), das Feiern religiöser Feste gestaltet sich höchst unterschiedlich (157-159), das Tragen religiöser Symbole und Bekleidung wird individuell entschieden (159 f), das Essensangebot variiert (160), Gebete bzw. die Dura werden von der jeweils größeren Religion angeboten. (161 f).

Das vergleichende Verfahren hebt auf tiefer gehende Einsichten ab, die sich von bisherigen (Forschungs-)Annahmen unterscheiden: Eine Kommunikation über religiöse Differenz wird weitgehend vermieden (163 f). Dabei ergibt eine Durchsicht der Kodes, dass sich dieser Befund auf verschiedene Ursachen zurückführen lässt: die gleiche Behandlung aller Kinder, die Vermeidung von Herausforderungen und Konflikten, die Zufriedenheit aller Beteiligten, Traditionsgebundenheit, Bezug auf Trägerschaft, Mangel an Wissen, religiöse Erziehung als Wertevermittlung, Religion als Inszenierung, Religion als „Privatsphäre“ (164-167). Im Einzelnen sind zwar Differenzierungen vorzunehmen – so thematisieren die christlichen Kinder im Unterschied zu den islamischen Kindergartenbesuchern religiöse Differenz nicht von sich aus (169-174). Gleichwohl besteht ein Zusammenhang zwischen der Vermeidung von Kommunikation über religiöse Differenz und dem Schweigen der Kinder kleinerer Religionen über ihre Religion und deren religiöse Ausdrucksformen (180 f). Dabei äußert sich dieser Zusammenhang implizit als Wunsch der Angehörigen der kleineren Religion nach Zugehörigkeit (182). Die größere Religion, die der jeweiligen Trägerschaft des Kindergartens entspricht, erscheint als Religion der Mehrheit und wird als das Normale angesehen.

Die organisationstheoretische Perspektive profiliert einen Zusammenhang zwischen der Bereitschaft der Kinder, eigene Religion und ihre Ausdrucksformen zu thematisieren sowie dem in der Organisation gelebten und reflektierten Umgang mit religiöser Differenz. Dabei entwickelt Verfasserin zunächst organisationstheoretische Differenzierungen – der Kindergarten könne sich beispielsweise als lernende Organisation verstehen (189 f) –, bevor sie engagiert für die Entwicklung einer Kultur der Anerkennung religiöser Differenz plädiert. In Entsprechung zur Schulentwicklung (Organisations-, Unterrichts-, Personalentwicklung) schlägt sie entsprechende Unterscheidungen auch für den Kindergarten vor: So lasse sich der Kindergarten als „safe space“ reflektieren (196-217), das Bildungsangebot sei entsprechend weiter zu entwickeln (218-225) und schließlich müsse auch die Personalentwicklung religiöse Differenz in den Fokus nehmen (226-244). Dass dabei nicht zuletzt das Wissen über die anderen Religionen zu erweitern ist, erscheint am Ende als ein veritables und weiterführendes Ergebnis nicht nur für die Organisationsentwicklung: Religiöses Lernen darf dem Plural nicht ausweichen (244).

Diskussion

Der doppelperspektivische Ansatz der Studie ist ausgesprochen innovativ und bietet gerade dadurch, dass er nicht nur die Kinder als Akteure eines religiösen Diskurses wahrnimmt, sondern auch nach Umgangsweisen entsprechender Organisationen mit der jeweils größeren Religion sowie kleineren Religionen fragt, neue Perspektiven auf Kindheitsforschung, religiöse Bildung und institutionelle Rahmungen. Die Studie hebt darauf ab, dass ein Zusammenhang zwischen einem nicht bewussten Umgang mit religiöser Differenz und einer Kultur des unbewussten Sich-Versteckens besteht und plädiert für die Etablierung einer Kultur der Anerkennung. Damit nimmt sie den Ansatz von Martin Jäggle auf, den sie sensibel in ihre verschiedenen Beobachtungen einspielt. Auf diese Weise kann sie zeigen, welche Auswirkungen spezifische (Vor-)Annahmen über religiöse Erziehung haben. Gilt religiöse Erziehung etwa ausschließlich als Werterziehung, ergibt sich keine Notwendigkeit, religiöse Konflikte zu bearbeiten (Küng), da diese nicht thematisiert werden können. Sieht man religiöse Erziehung als Aufgabe der Eltern an und weist sie damit der Privatsphäre zu (Schweitzer), so entziehen sich die pädagogischen Akteure der Mitverantwortung für religiöse Erziehung und damit auch einem Teil des Bildungsauftrags (235). Insofern Stockingers Untersuchung gängige Annahmen religionspädagogischer Konzepte organisationstheoretisch hinterfragt, zeigt sie der Religionspädagogik neue (Forschungs-)Dimensionen auf. Verfasserin hätte ihre Studie mit einer eigenen Theorie der Folgen einer Nichtanerkennung von Differenz krönen können. Dass sie dies von vornherein auf Grund der Bedeutung des Kontextes methodologisch (61) ausschließt, zeigt allerdings auch, in welch stringenter Weise sie eigene Fragestellungen und Methoden der empirischen Forschung verfolgt.

Fazit

Die Studie von Helena Stockinger ist eine beispielhafte Analyse des (inter-) religiösen Zusammenlebens, wie es sich aktuell im Kindergarten vollzieht. Dabei sind die empirischen Zugänge zur eigenen Feldforschung gründlich dokumentiert und auf innovative Weise methodologisch miteinander verbunden worden. Dass am Ende der Studie begründete Hinweise auf Probleme und Schwierigkeiten des interreligiösen Zusammenlebens in Kindergärten mit spezifisch religiöser Trägerschaft stehen, unterstreicht, dass hier auch insofern intensive Grundlagenarbeit geleistet worden ist, als erkennbare Hemmnisse für ein Zusammenleben in der religiösen Gesellschaft benannt und Möglichkeiten ihrer Veränderung aufgezeigt werden konnten.


Rezensentin
Prof. Dr. Antje Roggenkamp
Seminar für Praktische Theologie und Religionspädagogik der WWU Münster
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Zitiervorschlag
Antje Roggenkamp. Rezension vom 17.04.2018 zu: Helena Stockinger: Umgang mit religiöser Differenz im Kindergarten. Eine ethnographische Studie an Einrichtungen in katholischer und islamischer Trägerschaft. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. ISBN 978-3-8309-3648-0. Religious diversity and education in Europe, Volume 35. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23754.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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