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Bettina Gruber, Viktorija Ratkovic (Hrsg.): Migration. Bildung. Frieden

Cover Bettina Gruber, Viktorija Ratkovic (Hrsg.): Migration. Bildung. Frieden.. Perspektiven für das Zusammenleben in der postmigrantischen Gesellschaft. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. 232 Seiten. ISBN 978-3-8309-3724-1. 34,90 EUR.
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Thema

Es sind hegemoniale Diskurse: In Deutschland, in Österreich, in der EU spricht man über Flüchtlinge, macht sich ein Bild von ihnen, definiert sie über Herkunft, Kultur, Religion, kalkuliert demografisch-ökonomische Vor- und Nachteile. Selbst bei positiver Sicht werden Unterschiede gemacht, „Otherness“ oder „Veranderung“ konstruiert.

Welche Perspektive aber haben Einwanderer, welche Interessen und Rechte Flüchtlinge, wie können Migrantinnen und Migranten sich selbst organisieren und zu Wort melden?

Was muss geschehen, damit sich globale Bürgerinnen und Bürger zusammenfinden und friedlich zusammenleben?

Herausgeberinnen

Dr. Bettina Gruber und Dr. Viktorija Ratkovic sind im Zentrum für Friedensforschung und Friedensbildung des Instituts für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt tätig. Der Gründer dieses Zentrums, Prof. Dr. Wintersteiner ist auch mit einem Beitrag vertreten. An der Klagenfurter Universität lehren auch Prof. Dr. Peterlini und Prof. Dr. Ulrike Popp.

Autorinnen und Autoren

Weitere Beiträge stammen von Josefine Scherling MA (Pädagogische Hochschule Kärnten), Prof. Dr. Erol Yildiz (Universität Innsbruck), Dr. Stephan Scheel (Goldsmiths College London), Prof. Dr. Farid Hafez (Universität Salzburg), Pia Thattamannil und Alexander Thattamannil-Klug (Universität Marburg), Dr. Regina Wamper und Dr. Margarete Jäger (Institut für Sprach- und Sozialforschung Marburg) ), Prof. Dr. Astrid Messerschmidt (Universität Wuppertal ) und Prof. Dr. Hanne-Margret Birckenbach (Universität Gießen)

Kollektive Autorschaft beansprucht „maiz“, eine in Linz beheimatete Migrantinnen- Selbstorganisation.

Aufbau

Der Band umfasst vierzehn Beiträge, die in drei Sektionen gegliedert sind:

  1. Kritische Perspektiven auf Migration und Flucht
  2. Hegemoniale Diskurse und alternative Sichtweisen
  3. Bildung für die postmigrantische Gesellschaft.

Zur ersten Sektion

In der ersten Sektion geht es um Folgendes: Millionen von Menschen sind auf der Flucht weltweit, Hunderttausende sind in Europa angekommen oder streben dies an. Tausende haben auf der Flucht ihr Leben verloren. In Deutschland und anderen europäischen Staaten müssen sich Asylbewerberinnen und Asylbewerber vor Anschlägen auf ihre Unterkünfte fürchten, zugleich gelten sie selbst als Sicherheitsrisiko, des Terrorismus verdächtig.

In ganz Europa sind rechte und rechtspopulistische Parteien im Aufwind. Flüchtlingspolitik ist nicht nur in Deutschland und Österreich die gesellschaftspolitische Kontroverse schlechthin. Dabei haben sich Grenzregime herausgebildet, also mit den Interaktionen von staatlichen und gesellschaftlichen Akteuren einschließlich der Flüchtlinge selbst, diesseits und jenseits der Grenzen, Handlungsmuster verfestigt. Die migrantischen Bewegungen haben die EU-Mitgliedsländer dazu gebracht, ihre eigenen Regeln („Dublin“) und Werte (Freizügigkeit laut „Schengen“) teilweise oder zeitweise außer Kraft zu setzen.

Dabei werden regelmäßig die Menschenrechte übersehen, die zwingend verbieten, Menschen an der Grenze zurückzuweisen – zumindest nicht in das Land abzuschieben, in dem sie politisch verfolgt werden (Non-refoulement, s.Genfer Konvention). Das ist freilich nur ein Minimum an Rechtsposition; da die Fluchtursachen globaler Natur sind, greift diese Flüchtlingspolitik einfach zu kurz. Die UN-Vollversammlung hat sich immerhin mit einer Erklärung am 19.9.2016 für ein internationales Migrationsregime ausgesprochen. Erste Vorstöße, ein Menschenrecht auf Bewegung und Freizügigkeit zu formulieren, sind nicht so gut aufgenommen worden, da die Territorialstaaten sich strikt dagegen wehren, ihre Souveränität einer solchen Verpflichtung zu unterstellen. Solange die reichen Gesellschaften ihre „imperiale Lebensweise“ (Brand) weiterführen und sogar noch verschärfen, werden sich Menschen aus dem Süden für ein besseres Leben auf den Weg machen.

Die Fluchtgründe sind auch interne Konflikte, Kriege untereinander, häufig auch stellvertretend für die Großmächte. Die Industrieländer haben jede Menge Anteile daran, man denke an die Kolonialgeschichte, aktuell Rüstungsexporte und Raubbau an Rohstoffen. Der Slogan „Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört (habt)!“ trifft es.

Friedenspädagogik (Friedensforschung und Friedenserziehung) ist immer gefragt, wenn es darum geht, Ängste und Abwehr gegenüber Fremden abzubauen, also politische Akteure dazu zu bringen, alles zu unterlassen, was Vorurteile gegenüber Flüchtlingen bestärkt. Generell muss sie dafür werben, selbst massive Interessenkonflikte in Dialogen und Verhandlungen zu regeln, wobei auch die Interessen des Südens zu beachten sind, etwa das Problem des Braindrain: Qualifizierte Migrantinnen und Migranten fehlen den Herkunftsländern. Friedensstiftendes Handeln ist auch „fehlerfreundlich“ und reflexiv: Warum nicht eine Reform „auf Probe“ (z.B. Arbeitsverbot für Asylbewerber aufheben, Wirkungen testen und auswerten)?

Zur zweiten Sektion

In der zweiten Sektion geht es um die sprachliche und mediale Präsentation der sog. „Flüchtlingskrise“ (u.a. die manipulative Metapher vom „vollen Boot“) sowie die Verknüpfung mit der Islamophobie in Europa. Gegen alle rassistischen Zumutungen stellen sich engagierte Wienerinnen und Wiener mit oder ohne Migrationshintergrund, die seit 2006 regelmäßig, fast monatlich, „biber. Magazin für neue Österreicher“ herausgeben, denen es vor allem darauf ankommt, die „Perspektiven von Geflüchteten“ einzunehmen. Dies tut explizit auch „maiz“, wo sich seit 1994 die unterschiedlichsten Migrantinnen zusammengefunden haben, ob nun Sexarbeiterinnen, Reinigungskräfte, Pflegepersonal, Asylbewerberinnen, Illegalisierte, Studentinnen, um sich gegen „homogenisierende Zuschreibungen“, insbesondere gegen das Bild der hilfsbedürftigen Anderen, des unmündigen Opfers zu wehren.

Zur dritten Sektion

In der dritten Sektion geht es um die pädagogischen Fragen. Wintersteiner entwickelt seine „realistische Utopie offener Grenzen“. Ausgangspunkt ist der Widerspruch, dass die Nationalstaaten über die Aufnahme von Migrantinnen und Migranten entscheiden dürfen, obwohl Migration eine globale Frage ist, die wesentlich von den reichen Gesellschaften verursacht ist. Bedenkenswert sind dabei die Überlegungen von Marchetti, der für eine regulierte Öffnung aller Grenzen plädiert, während Bauböck mehr zwischenstaatliche Übereinkünfte favorisiert, die Niederlassungsfreiheit in großem Umfang ermöglichen. Jedenfalls können sich „Global Citizens“ auf die menschenrechtliche Gleichheit berufen und die bisherigen Diskurse völlig neu gestalten.

Was kann Pädagogik, was müsste sie können? Während sich „Rassismus auf hohem Niveau“ etabliert hat, Entsolidarisierung und Verrohung („Flüchtlinge abschrecken!“) hoffähig geworden sind, müsste Pädagogik Menschen dazu bewegen und dabei begleiten, Mitgefühl zu empfinden, d.h. überhaupt erst eigne Gefühle zu spüren. Im Anschluss an Adorno heißt das, sich zu gestatten, Angst zu haben (etwa vor dem sozialen Abstieg), statt sie auf die „Anderen“ zu projizieren. Wer die eigene Fremdheit wahrnehmen und aushalten kann, kann Zugehörigkeit und Differenz verstehen und in der Schwebe halten.

Diskussion

Die Beiträge in diesem Band setzen sich grundlegend und umfassend mit Flucht und Migration auseinander. Sie markieren dabei zwei Angelpunkte, um die sich der gesellschaftliche Diskurs zu Migration in Zukunft drehen muss, nämlich die Geltung der Menschenrechte und die Globalisierung. Man braucht gar nicht so weit zu gehen, ein Menschenrecht auf Mobilität/Migration einzufordern. Es ergibt sich doch schon aus allen Menschenrechten, die z.B.in der UN-Charta oder dem Sozialpakt formuliert sind, und dem Gleichheitsgrundsatz: jeder Mensch hat das Recht auf Gesundheit, Bildung, Arbeit usf. – wo auch immer!

Sicherlich macht die Globalisierung vielen Menschen Angst, zumal der Turbokapitalismus alte Sicherheiten auflöst und neue, größere Ungleichheiten schafft. Es ist daher viel Bildungs- und Überzeugungsarbeit nötig, bis sich die Erkenntnis durchsetzt, dass die populistischen „Wir zuerst“-Parolen die Probleme nicht lösen.

Fazit

Der vorliegende Band ist ein heftiger Anstoß und eine überaus solide Grundlage für den Diskurs, den wir führen müssen, dem sich keine Gesellschaft entziehen kann: Wenn Menschenrechte nicht teilbar sind und die Globalisierung nicht reversibel, dann müssen die Global Citizens solidarisch und aktiv werden.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 05.01.2018 zu: Bettina Gruber, Viktorija Ratkovic (Hrsg.): Migration. Bildung. Frieden.. Perspektiven für das Zusammenleben in der postmigrantischen Gesellschaft. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2017. ISBN 978-3-8309-3724-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23756.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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