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Ralf Lankau: Kein Mensch lernt digital

Cover Ralf Lankau: Kein Mensch lernt digital. Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 191 Seiten. ISBN 978-3-407-25761-1. 24,95 EUR.
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Entstehungshintergrund

Das Schlagwort, das z.Zt. in pädagogischen Debatten wohl am häufigsten fällt, ist „Digitalisierung“. Am 10. April 20018 berichtete die Mitteldeutsche Zeitung unter dem Titel „Digitale Schrecksekunde“ von den Vorschlägen der neuen deutschen Bildungsministerin Karliczek, an den Schulen die herkömmlichen Schulfächer zugunsten fächerübergreifender Module aufzulösen und auch gleich Schulbücher aus Papier abzuschaffen und den Unterricht via Smartphones und Tablets komplett zu digitalisieren. Der Gegenwind, den sie u.a. vom Sachsen-Anhaltinischen Bildungsminister Tullner und in Form von Leserbriefen erhielt, ließ nicht lange auf sich warten. Allerdings bezog er sich hauptsächlich auf die mit solchen Plänen einhergehenden Stabilitätsverluste von Unterricht und Schule und die extremen Kosten, die eine solche Volldigitalisierung bedeuten würde. Angesichts maroder Schulgebäude, regelmäßigen Unterrichtausfalls an vielen Schulen durch Lehrermangel (in einem Ort in Sachsen-Anhalt waren Eltern sogar gezwungen, selber einen Notunterricht abzuhalten, da es für ein Fach überhaupt keinen Lehrer mehr gab), übervollen Klassenzimmern, zunehmender Behinderung des Unterrichts durch mangelnde Deutschkenntnisse und Aufmerksamkeitsprobleme, den nicht bewältigten Herausforderungen von Inklusion und Immigration sowie der vergeblichen Suche vieler Absolventen nach Referendariaten und Anstellungen- trotz gravierendem Lehrermangel- erscheint der Ruf nach milliardenschweren Investitionen in Hard-und Software vielen Lehrern, Eltern und anderen Bürgern wie Hohn.

Trotzdem erschallt aus vielen Kanälen der Ruf nach der angeblich drängenden Digitalisierung der Schulen, sei es in der Politik (die ehemalige Bildungsministerin Johanna Wanka mit ihrem Digitalpakt) oder in den Medien. So schwärmte der Freitag in seiner Beilage Beilage 2.0 vom 3.Nov 2016 von der Bildung 2.0.: „Die Möglichkeiten des Netzes machen die Schüler zu Produzenten“ und blendet entgegen seiner konsumkritischen Tradition weitgehend aus, dass die vorgestellten Modelle mit einer extremen Kommerzialisierung und Monopolisierung von Lernen und Lehrinhalten einhergehen. Auch die Rundumüberwachung der Kinder und Jugendlichen durch Lernsoftware, die nichts vergißt und evtl. ständige Rückmeldungen an die marktbeherrschenden global player sendet, wurde nicht näher thematisiert.

Digitalisierter Unterricht verwandelt Schulen in eine Art Big-Brother-Zentralen, und so manche links gerichtete Zeitungen – und ebensolche Politiker – finden nichts dabei? Die Erinnerung an Überwachungspraxis und -missbrauch in der deutschen Geschichte (und Gegenwart, siehe Edward Snowden und die NSA) scheint bei Politikern wie Bürgern zu verblassen.

Thema

Das Buch „Kein Mensch lernt digital“ von Ralf Lankau schlägt hier in die Bresche und unterzieht den Hype um die Digitalisierung der Bildung einer umfassenden Analyse und Reflexion. Denn die am häufigsten gestellte Frage von Kritikern des Digitalpaktes lautet: können wir es uns angesichts leerer Kassen, Lehrermangel, kaputter Turnhallen und armer Kinder ohne Frühstücksbrote leisten, Milliarden in ein bestimmtes Unterrichtsmedium zu stecken?

Die Frage ist absolut berechtigt und wichtig. Dennoch unterbleiben meist eine andere, viel grundlegendere Fragen wie:

  • Wird Unterricht durch digitale Medien überhaupt besser?
  • Lernen Jugendliche schneller, logarithmische Funktionen zu integrieren oder Inverse einer Matrix zu bilden, wenn sie dies am Tablet statt auf einem Blatt Papier tun?
  • Ist die digitale Schule der analogen Schule überlegen, und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?
  • Sind Kinder, die ihre Aufsätze an Tastaturen eingetippt statt mit der Hand geschrieben haben, schlauer als andere?
  • Helfen digitale Medien beim selbstbestimmten Lernen, verbessern oder verschlechtern sie Motivation, Konzentration oder kritisches Denken?

Dies sind einige der Fragen, die Lankau aufwirft. Eigentlich könnte man erwarten, dass sie auch von Politkern und Sponsoren aufgeworfen werden. Denn normalerweise stellt sich ein investierender Staat oder Unternehmer vor einer großen, millionenschweren Investition die Frage, ob sich diese Investition lohne – sei es in betriebs- oder volkswirtschaftlicher Hinsicht oder, bei vorhandenem Idealismus, zumindest in Bezug auf soziale, humanistische Ziele.

Autor

Ralf Lankau hat Philologie studiert, in Kunstpädagogik promoviert und ist außerdem Grafiker. Seit 2002 ist er Professor für Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg. Sein Schwerpunkt liegt auf Grafik und digitalem Design. Er veröffentlichte Artikel zu medienpädagogischen Themen, u.a. in der ZEIT, der FAZ und in Sammelbänden wie dem von Klaus-Dieter Felsmann herausgegebenem „Systemrelevant. Neue Wege, alte Werte“.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung skizziert das Anliegen des Buches: Die Digitalisierung der Schule wird nicht isoliert, sondern unter Einbeziehung der beteiligten Akteure betrachtet. Zu den Impulsgebern digitalisierter Bildung gehören Wissenschaftler, Politiker ebenso wie Stiftungen, Wirtschaftsverbände und hart kalkulierende Lobbyisten verschiedener Art. Es wird deutlich, dass es zur Analyse und Beurteilung von Konzepten digitaler Bildung nötig ist, sowohl auf den Bildungsbegriff als solchen als auch auf das Wesen des Digitalen und die Funktionsweise von Automatisierung und KI zu rekurrieren. Außerdem müssen die Anforderungen an Lehrtechniken und Lehrumfeld differenziert nach Alter und Schulform betrachtet werden: Kindergärten und Grundschulen haben ganz andere Kompetenzen zu vermitteln als Sekundarschulen, und Gymnasien wiederum andere als Berufsschulen etc. Entsprechend anders sehen Chancen und Risiken von Digitalisierung in den verschiedenen Bildungseinrichtungen aus.

Der Hauptteil des Buches ist in neun Kapitel gegliedert.

Im 1. Kapitel wird die aktuelle Diskussion zur Digitalisierung einschließlich des sogenannten Digitalpaktes vorgestellt. Hierbei werden verschiedene Theorien und verschiedene Akteure mit ihren jeweiligen Digital-Konzepten präsentiert.

Das 2. Kapitel skizziert grundlegende pädagogische Forschungen über das Lernverhalten von Kindern und Heranwachsenden. Lankau legt den Schwerpunkt auf die bahnbrechenden Erkenntnisse des berühmten Verhaltungsforschers Jean Piaget, der entdeckte, dass es bei Kindern universelle altersspezifische Entwicklungsstufe mit jeweils ganz eigenen Denk- und Wahrnehmungsformen gibt. Beispielsweise glauben Kinder zwischen 2 bis etwa 7 überall auf der Welt, dass Tiere, Bäume oder Mond und Sterne eine menschenähnliche Seele haben. Bevor sie formale Rechenoperationen wie Addition erfassen können, lernen Kinder das Abzählen von Gegenständen, indem sie mit dem Finger auf sie zeigen. Diese Entwicklungsstufen sind in allen Kulturen gleich oder ähnlich, auch wenn der eine sie etwas schneller oder langsamer durchläuft. Doch auch wenn alle motorischen und kognitiven Fähigkeiten biologisch in allen Kindern angelegt sind, entwickeln sie sich nur korrekt, wenn die Umwelt altersgerechte Lernumfelder bietet. Beispielsweise können Gene durch bestimmte Situationen und Reize aktiviert oder deaktiviert werden. Somit ist es von größter Bedeutung für die geistige, seelische und körperliche Entwicklung von Kindern, dass sie spielen, sich austoben, malen, musizieren, turnen etc. können, dass mit ihnen viel gesprochen, dass ihnen vorgelesen wird etc. Dabei gibt es bestimmte Zeitfenster, die nicht ohne gravierende Folgen mißachtet werden können: ist der Spracherwerb des Kindes z.B. gestört, weil die Eltern kaum mit ihm reden, kann das Versäumte später kaum noch nachgeholt werden.

Das 3. Kapitel gibt einen kleinen Exkurs in die Geschichte der Computer, des Internets, digitaler Steuerung und Kreisläufe, kurz der Kybernetik. Das griechische Wort Kybernetik bedeutet so viel wie Steuerungskunst. Kybernetik im engeren Sinne behandelt Informationssysteme, die aus Hard- und Software bestehen. Im weiteren Sinne beschreibt Kybernetik Systeme aller Art, nicht nur technische, sondern auch biologische, den vernetzten PC, den Industrieroboter genauso wie das Gehirn eines Menschen oder Frosches, das Zusammenspiel von Herz und Lungen, von Ameisenstaaten oder von Nachbarschaften, zivilen oder militärischen Organisationen. Jede Klasse, sei es Adel oder Proletariat bildet gewissermaßen ein Subsystem für sich, das mit den anderen Klassen zu einem größeren System verbunden ist. Selbst eine Beziehung zwischen Mann und Frau kann als kybernetisches System beschreiben werden. Doch die klassische, aus der Steuerung technischer Informationssysteme stammende Kybernetik analysiert keine organischen Systeme aus Biologie und Kultur, sondern schafft neue Maschinen und Programme, die auf Effizienz getrimmt sind und dem binären Denken Ja- Nein/An und Aus angepaßt sind.

„Kontrolle“, schreibt Lankau, „ ist ein Synonym für Digitaltechnik. Alle Aktionen werden protokolliert und gespeichert“. Hier liegt bereits eine Kluft zwischen digitaler Technik und gewachsener menschlicher Kultur. Ein Computer braucht einen eindeutigen Befehl, 0 oder 1, um zu funktionieren. Programmierer müssen die Software mit eindeutigen Befehlsketten füttern: Bei jeder Eingabe a folgt X, bei Eingabe b Y. Kunst, Poesie oder Witz, Flirt, Phantasie und Ironie hingegen leben vom Spiel mit Mehrdeutigkeit und können auf 100 fache Weise interpretiert werden. Wie aber soll eine Lernsoftware, die klare Zuordnungsregeln braucht, einen in allen Farben schillernden Aufsatz oder eine Zeichnung interpretieren?

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den vielfältigen Problemen von Datenschutz und -missbrauch im Zeitalter von Big Data und Datenvorratsspeicherung. Immer mehr vormals schriftlich oder persönlich abgewickelte Alltagshandlungen wie Bankgeschäfte, Bewerbungen, Einkaufen, Fotografieren, Kommunikation mit Freunden – auch z.B. über politische Ansichten, Anträge bei Behörden etc. werden heute online erledigt. Dadurch fallen nicht nur immer mehr, sondern auch immer sensiblere Daten, z.B. über Krankheiten, Liebesleben, politische Einstellung oder Kontostand an, welche eine Art Honigfalle für Big-Data-Unternehmer, Geheimdienste oder auch Kriminelle darstellen, welche jene Daten für ihre kommerziellen, politisch-staatlichen oder mafiös-kriminellen Zwecke gebrauchen und mißbrauchen. Die von Lankau als Quelle genannte Buchautorin und Softwareentwicklerin Yvonne Hofstetter warnt in ihrem Buch mit dem programmatischen Titel „Sie wissen alles“ vor einer Welt „ohne Geheimnisse und Privatheit … Stattdessen werden unsere Daten im Informationskapitalismus zu einem Gewinn nur für denjenigen, der sich mit ihrer Hilfe ein genaues Bild von uns macht, um langfristig die Freiheit unseres Denkens und Fühlens abzuschaffen“. Lankau beschreibt, wie bspw. in England inzwischen Verdächtige mittels Kameras quer durch die Stadt verfolgt werden können. Neben der oft perfiden kommerziellen Ausbeutung mittels personalisierter Werbung bei Google-Anfragen etc. werden Daten immer mehr zu geheimdienstlicher und polizeilicher Rundum-Überwachung instrumentalisiert bis hin zum modernen Polizeistaat à la China. Daneben thematisiert Lankau auch das Problem von Cyberhackern, wogegen gerade wichtigste Infrastrukturen wie Krankenhäuser und Stromversorger kaum geschützt sind.

Das 5. Kapitel thematisiert den Einsatz von Medien im Unterricht. Lankau stellt fest, dass der Begriff von Medien hierbei zunehmend auf digitale Medien eingeengt wird. Dabei stellen auch klassische Lehrmittel wie Bücher, Tafelbilder, Farben, Bälle oder die menschliche Stimme und elektronische Geräte wie Overheadprojektor, Video-oder DVD-Rekorder, Beamer etc. Medien dar.

„Es gibt keinen Unterricht ohne Medien, wenn man unter dem Begriff Medien tatsächlich alle Medienformen versteht“. Lankau kritisiert, dass Medienpädagogen, dem digitalen Hype folgend, heute vorwiegend für den Einsatz technischer, v.a. digitaler, Medien ausgebildet werden. Dabei sollte die Auswahl des geeigneten Lehrmediums sich nicht an Trends oder den Interessen von Softwareproduzenten orientieren, sondern an der Frage, welches Medium dem jeweiligen Unterrichtsstoff, der Klassensituation und dem Entwicklungstand der Kinder und Jugendlichen am besten gerecht wird. So ist bei jüngeren Kindern das Training sensomotorischer Fähigkeiten durch Anfassen von Gegenständen, Turnen, Musizieren, Malen, Basteln, Naturerlebnisse … essentiell. Lankau betont die Bedeutung des Schreibens mit Hand und Stift, die von vielen Hirnforschern bestätigt wurde, und des Lesens von Büchern: „Im Gegensatz zum Betrachten von Bildern oder Bildschirmmedien ist Lesen aktiv und konstruktiv: aus ein paar Buchstaben werden ganze Bild-und Fantasiewelten.“ Technische, v.a. digitale Medien sollen nach Lankau nur dort eingesetzt werden, wo sie altersgerecht sind und tatsächlich einen pädagogischen Mehrwert haben, wie etwa bei einer Einführung in die Kunst des Recherchierens. Oft jedoch führt der unreflektierte Trend zum Digitalen zu einer Reduzierung des Lernerfolgs: Prof Giessen von der Uni des Saarlandes fand bspw. heraus, dass die Verlegung des Vokabellernens von Buch und Block auf den PC-Monitor zu schlechteren Ergebnissen im anschließenden Vokabeltest führte: „Die traditionelle Vokabelsite erweist sich als deutlich effektiver als das Lernen vom Computermonitor aus. Vokabeln, die man am Computermonitor lernt, werden dagegen schlechter memoriert“. Besonders schlecht schnitt Software ab, die mit aufwändigen Animationen arbeitete. Wieder kommt die von Neurowissenschaftlern und Evolutionsbiologen hervorgehobenen enge Verbindung von Handbewegung und kognitiven Funktionen zum Tragen: das Schreiben mit der Hand aktiviert das Gedächtnis stärker als das Tippen oder gar Wischen. Blinkende Grafiken wirken leicht als Ablenkung statt als Lernverstärker.

Im 6. Kapitel nähert sich Lankau der wichtigen Frage, warum der Einsatz von Lernsoftware, Tablets und Handys in der Schule von verschiedenen Akteuren so massiv vorangetrieben und dabei von großflächiger Propaganda befeuert wird: „Um was geht es – den Akteuren – wirklich?“ Neben der am Beispiel des Vokabellernens beschriebenen mangelnden Effizienz in Bezug auf die tatsächlichen Lernerfolge bemängelt Lankau an personalisierter Lernsoftware v.a. die Normierung und quasi „Industrialisierung“ von Lehraufgaben und Lösungen, von Lernprozessen und Resultaten: „Für technische Systeme sind Benutzereingaben nur Daten, die mit Datensätzen andere Nutzer abgeglichen und nach typischen Eingabemustern und klassifiziert werden. Denn Algorithmen und Software haben keinerlei Vorstellung von Individualität und Persönlichkeit“.

Für die Idee, dass Texte, seien es historische Quellen durch den Schüler oder die Klausuren des Schülers, nach einem hermeneutische Zirkel interpretiert werden, ist hier ebenso kein Platz mehr wie für die alte humanistische Vorstellung, dass Menschen mithilfe des ihnen vermittelten Wissens und ihrer eigenen Fantasie und Persönlichkeit sich selber bilden. Sie werden gebildet, und zwar nach den Algorithmen der Software und der neoliberalen Variante des Behaviorismus: „Das überträgt im Kern den Gedanken der Fließbandproduktion auf Lehr- und Lernsituationen … Für (den Autor) Ladenthin entspricht dies exakt dem, was die Soziologie als McDonaldisierung bezeichnet. Man möchte das gleiche Produkt – den Output – in der gleichen Qualität unabhängig von Voraussetzungen und Vorlieben herstellen“

Lankau glaubt: Vielen Lobbyisten des digitalen Unterrichts geht es nicht einmal vorrangig darum, bei PISA besser abzuschneiden, dem Fachkräftemangel abzuhelfen oder Kindern Medienkompetenz beizubringen, ohne die sie im digitalen Zeitalter hilflos wären. Eher steht die Schaffung neuer Absatzmärkte für die Chip-, Software- und IT-Industrie im Blickpunkt. Im Positionspapier des Bildungsministeriums heißt es ganz lapidar: „Das BMBF unterstützt im Rahmen der internationalen Berufsbildungskooperation u.a. private Bildungsanbieter dabei, sich mit attraktiven Angeboten auf dem globalen Bildungsmarkt zu positionieren. Die Integration digitaler Lernelemente soll die Wettbewerbsfähigkeit dieser Angebote weiter erhöhen“ (BMBF, Bildungsoffensive 2016, S. 30). Wohlgemerkt: Dies ist kein Strategiepapier des Wirtschafts-, sondern des Bildungsministeriums. Seit wann ist es die Aufgabe des Ministeriums für die Bildung unserer Kinder, unserer Heranwachsenden, die Gewinnchancen von Google, Bertelsmann oder Globalfoundries zu erhöhen?

Neben den kommerziellen Interessen im engeren Sinne – v.a. natürlich der umsatzstärksten Industrie der Welt, der IT-und Telekommunikationsindustrie – befürchtet Lankau aber auch bedenkliche ideologische Motive. Hinter der Forderung nach Digitalisierung der Bildung stehe der Wunsch, den „digital vermessenen und steuerbaren Menschen“ zu schaffen. Personalisierte Software funktioniert über ständige Beobachtung und Speicherung von Eingaben und Verhaltensweisen des Schülers, der Rückkoppelung an die Software/den Hersteller und der Vermessung und Bewertung der Leistungen nach genau festgelegten Resultaten und Statistik. So lernen Kinder von klein auf, sich den Anforderungen von PC's, virtuellen Befehlen und Robotern anzupassen und auf Verhalten, das nicht maschinenlesbar ist oder Dinge infrage stellt, zu verzichten. Software bietet fertige Antworten, keine Fragen. Lehrer werden dabei zu Maschinen-Bedienern degradiert und das Lernen von Kindern quasi roboterisiert. Für diese „Roboterisierung“ der Kinder und Jugendlichen nimmt man im Zweifel sogar in Kauf, dass die auf dem Arbeitsmarkt geforderten Fachkompetenzen weiter abnehmen. Schon heute klagen Mittelstand und Industrie- und Handelskammern über zunehmende Konzentrations-, Sprach und Leistungsschwächen der neuen Azubi-Generation (und nicht über mangelhafte Tablet-Bedienung).

Im 7. Kapitel geht Lankau der Frage nach, ob Deutschland wirklich, wie behauptet, digitales Entwicklungsland ist. Hierbei stellt er fest, dass Jugendliche einen großen Teil ihrer Zeit mit digitalen Medien verbringen: so besitzen 84 % der 12- bis 13 -Jährigen ein Smartphone – das sie meist bestens bedienen können. Dennoch behauten Befürworter der Digitalisierung des Unterrichts steif und fest, ohne flächendeckende Ausstattung der Klassenzimmer mit Tablets würden die Heranwachsenden nicht lernen, wie man SMS schreibt oder einen Wikipedia-Artikel zur Mendelschen Vererbungslehre findet. Eine Ausstattung aller Klassenzimmer mit Laptops würde nach Schätzungen von Wissenschaftlern ca. stolze 2 Mrd. kosten – pro Jahr.

Im 8. Kapitel - nur gut zwei Seiten lang – stellt Lankau drei digitale Zukunftsszenarien vor.

Das 9. Kapitel wirft die Frage auf, was zu tun ist angesichts der auf Digitalisierung drängenden Kräfte aus Industrie, Medien und Politik einerseits,und der Gefahr, dass sich Klassenzimmer in eine Art Big-Brother-Fabrik verwandeln, andererseits. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen – prominent sind besonders die vom Hirnforscher Manfred Spitzer durchgeführten und zitierten Studien – belegen, dass digitale Klassenzimmer in den meisten Fällen schlechtere Leistungen erbringen als analoge, dass exzessive PC- Nutzung in Unterricht und Freizeit Konzentration, Gedächtnisleistung und Lese- und Rechenfähigkeiten im Durchschnitt schwächt. Doch der Druck auf Kritiker und analoge Minderheiten ist groß – zu viel steht wohl für expandierende IT- und Überwachungsmärkte auf dem Spiel. Lankau gibt Tipps, wie man diesem Druck widerstehen und zu einen maßvollen, für Alter und Interessen angemessenen Umgang mit digitalen Medien finden kann – ohne Technikfeindlichkeit, aber auch ohne Anbetung der digitalen Welt und ihrer Produkte.

Die von Parteien und Medien so gerne beschworene bunte Vielfalt der Lebensformen muss auch, entgegen der aktuellen Prozesse, für die Mediennutzung gelten: mehr und mehr Alltagsangelegenheiten, von Anträgen, Buchungen, Bestellungen, von der Schule und Uni bis zur Bank und Bahn können nur noch online über Webseiten und Apps erledigt werden. Damit werden vor allem ältere und andere, wenig technisch affine Bürger sowie Menschen, die aus Armut oder aus ethisch-ökologischen Gründen auf den Konsum von Digitaltechnik verzichten, diskriminiert. Aber, betont Lankau, indem er den ehemaligen Präsidenten des EU-Parlaments, Martin Schulz, zitiert: „ In der digitalen Welt muss es ebenso wie in der analogen möglich bleiben, dass nicht jeder alles mitmacht, auch wenn die große Mehrheit das anders anhabt“.

Diskussion

Große Teile von Politik, Wirtschaft, aber auch der Bürgerschaft agieren momentan in ihrer Faszination für die sogenannte digitale, 4.Industrielle Revolution frei nach dem FDP-Slogan: „digital first, Bedenken second“. Es überrascht, wie schnell gerade im Bereich Bildung, wo sonst an jeder denkbaren Ecke gespart wird, Unterrichtsausfälle en masse in Kauf genommen und an vielen Universitäten im Jahresrhythmus Fakultäten geschlossen und Studiengänge abgeschafft werden, plötzlich riesige Geldsummen für Digitalisierung flüssig gemacht werden: allein der im Oktober 2016 von der damaligen Bildungsministerin Wanka in Auftrag gegebener Digitalpakt soll 5 Mrd. kosten. Doch sind PCs im Klassenzimmer für den Lernerfolg wirklich wichtiger als eine ausreichende Zahl von Unterrichtsstunden, kleine Klassenzahlen oder Sozialarbeiter für die Umsetzung der Inklusionsrichtlinien und die Schlichtung von Problemen in ethnisch und sozial immer vielfältigeren Schülerschaften?

Ralf Lankau bezweifelt in seinem Buch, ob die vielgepriesene Digitalisierung die Früchte ernten wird, die mit ihr angeblich gesät werden sollen. Er verweist darauf, dass hier extrem viel Geld in die Hand genommen werden soll, obwohl die wissenschaftlich-pädagogischen Grundlagen für digitalen Unterricht äußerst dürftig ausfallen. So existieren praktische keine Studien, die eine Überlegenheit digitalen Unterrichts gegenüber klassischem Unterricht mit Tafel und Papier festgestellt hätten. Die aktuelle PISA-Studie kommt z.B. zu dem Schluss, dass die Wahl des Unterrichtsmediums zweitrangig ist gegenüber der Kompetenz und Ausstrahlungskraft des Lehrers: „Schüler lernen demnach etwa besonders gut Naturwissenschaften, wenn ihre Lehrer besonders häufig wissenschaftliche Theorien erklären und belegen, also z.B. die Fotosynthese erläutern und mit einem Versuch untermauern. Dies zeige mehr Erfolg als die verfügbaren materiellen und personellen Ressourcen…“

Auch der bekannte Hirnforscher Manfred Spitzer monierte in seinem Bestseller „Digitale Demenz“, dass im Hype um digitalen Unterricht das Wunschdenken von Industrie und Cyberfans mit der Realität verwechselt werde: „Tatsächlich gibt es bis heute keine unabhängige Studie, die zweifelsfrei nachgewiesen hätte, dass Lernen allein durch die Einführung von Computern und Bildschirmen in Klassenzimmern effektiver wird ( S. 83)“ Hingegen existiert eine Reihe von Studien, denen zufolge eine Digitalisierung des Unterrichts mit schlechteren Lernerfolgen korrespondiert. Spitzer erwähnt die Forschungen der Wirtschaftswissenschaftlern Josua Angrist und Victor Lavy: nach der Einführung von Computern in israelischen Schulen kam es zu Leistungsabsenkungen der Schüler, v.a. im Mathematikunterricht. Andere Autoren fanden weder positive noch negative Effekte: es machte keinen Unterschied, ob der Unterricht an billigen analogen oder teuren digitalen Geräten stattfand. Longcamp et al. fanden heraus, dass das Lernen von Buchstaben mit einem Stift zu besseren Resultaten führt, als wenn sie getippt werden. Die scheint u.a. daran zu liegen, dass beim Schreiben mit der Hand jedem Buchstaben eine andere Bewegung zugeordnet wird, während das Tippen immer ungefähr gleich ist. „Gerade weil der Computer den Schülern geistige Arbeit abnimmt“ argumentiert Spitzer, „muss er zwangsläufig einen negativen Effekt auf das Lernen haben. Diesen klaren Nachteil müssen alle elektronischen Hilfsmittel im Unterricht erst einmal ausgleichen, und ich sehe nicht, wie sie das tun.“

Hinzu kommen sowohl inhaltliche Ablenkung – etwa wenn Kinder nebenbei etwas ganz andres auf dem PC machen, z.B. Fotos angucken – als auch solcher formeller Art, z.B.: wenn leere Akkus piepsen, PC’s abstürzen etc. Spitzer zitiert eine Studie mit 97 Studenten: 52 % der Studenten, welche in Vorlesungen ein Tablet oder Notebook mit Internetanschluß nutzten, ließen sich von Spielen, Bildern, Mails vom Vorlesungsgeschehen ablenkten. Andere Forschungen ergaben bei Studenten eine negative Proportionalität zwischen SMS-Tippen während der Vorlesungen und dem späteren Lernerfolg in Klausuren. Eine Studie mit Londoner Taxifahren ergab, dass Taxifahrer, welche regelmäßig Navis benutzen, über schlechteren räumliche Orientierungssinn und sogar geringere graue Substanz im fürs räumliche Denken zuständigen Hippocampus verfügen als solche, die sich nur mit Hilfe von Stadtplan und Gedächtnis in London fortbewegen. Offenbar führt das Sich-Verlassen auf ständig aktualisierte und verfügbare Ortsangaben dazu, dass der zurückgelegte Weg nicht mehr fest im Gedächtnis gespeichert wird. Anscheinend gilt das Motto: Wer klickt, vergißt!

Lankau spricht in seinem Buch ein weiteres Problemfeld digitalisierter Bildung an: wenn Schüler oder Studenten isoliert vor Bildschirmen statt leibhaftig von Angesicht zu Angesicht miteinander lernen, verkümmern auch rasch Disziplin und Motivation. Das lange hoch gehalte Konzept der Online-Uni gilt in den USA bereits als gescheitert: Online -Studiengänge (MOOC) verzeichneten dramatische Abbruchsraten von sage und schreibe 97 % und mehr. So wirkt es nur auf den ersten Blick makaber, dass, wie Lankau berichtet, ausgerechnet der Erfinder des I-Phones, Steve Jobs, seinen Kindern ihnen eben dieses „Spielzeug“ verbat. Der Autor Andre Wilkens bestätigt in seinem Buch „Analog ist das neue Bio“, dass viele Führungskräfte des Silicon Valley zwar einerseits die Digitalisierung des gesamten Lebens loben und vorantreiben, doch privat ihre Kinder lieber auf die Walddorfschule schicken, wo man schreinert und tanzt statt vor Laptops zu sitzen.

Doch während Teile der Elite still und heimlich Laptops und Handy aus Kinder- und Klassenzimmern verbannen, weil sie bestens über ihr Ablenkungspotenzial Bescheid wissen, wird bei uns der Ruf nach Tablet-Klassen immer lauter. Christian Piwarz, sächsischer Kultusminister äußert sich: „Ein pauschales Totalverbot [für Handys ] halte ich für nicht zeitgemäß und kontraproduktiv“. In der aktuellen Ausgabe des vom sächsischen Kultusministeriums herausgegebenen Magazins „Klasse. Das Magazin für Schule in Sachsen“ wird unter dem Titel „Schule 4.0. Lernen im digitalen Zeitalter“ die Digitalisierung der Schule als Königsweg beschreiben. In der Reportage „ W-Lan, Werte und Verantwortung“ werden Schulen vorgestellt, in denen Lehrer unter großem Zeit- und finanziellem Aufwand ihre Schüler für smarte Tafeln und den Unterricht via PC begeistern. Lehrerschaft und Schüler sind offenbar – trotz der unbezahlten Mehrarbeit – enthusiastisch dabei.

Andere Lehrer hingegen teilen die Freude an mit Handys ausgerüsteten Schulklassen nicht. In der FAZ vom 26. 4 2018 rechnet der baden-württembergische Pädagoge Fabian Geyer mit den vollmundigen Versprechungen der neuen virtuellen Schulwelt ab. Unter der Überschrift „Tablets lenken nur ab“ kommt er nach langer Erfahrung mit analogen und digitalen Klassenzimmern zu einem niederschmetternden Resümee: „Welchen Beitrag elektronische Geräte zur Verbesserung des Schreibens leisten sollen, ist schleierhaft. Als Deutschlehrer kann ich vor dem unbedingten Willen der Politik zur Digitalisierung der Schulen nur warnen“. Nach seiner Erfahrung und der vieler Kollegen führe der Einsatz von Tablets und Internet zu einer rapiden Abnahme der Konzentrationsfähigkeit und zu einer Verringerung des Sprachschatzes und der Ausdrucksfähigkeit. Vor allem die Fähigkeit, lange Texte mit komplizierten Satzstrukturen zu erfassen nehme immer weiter ab. Sein Artikel endet mit einem Appell: „Die Politik sollte ihre unkritische Haltung gegenüber der kostspieligen Digitalisierung der Schulen bedenken, die in 1. Linie die Kassen der Hard-und Softwareunternehmen füllt.“

In einigen Ländern, so in den USA und Australien wurden, wie Lankau und Spitzer berichten, die digitalen Klassenzimmer kurz nach ihrer Einführung bereits wieder abgeschafft, weil sich die schulischen Leistungen dramatisch verschlechterten. Spitzer, der in seinen Büchern „Digitale Demenz“ und „cyberkrank“ hunderte von Studien zum Einfluß digitaler Medien auf Lernerfolg, Intelligenz, soziale Kompetenz, Glück, Hirnströme und physische Gesundheit ausgewertet hat, bezeichnet den Digitalpakt als „Maßnahme zur Verdummung“ und findet deutliche Worte:
„Es gibt keinerlei Anhalt – außer dem Wunschdenken –, dass das eine Maßnahme ist, die uns weiter bringt. Ich schlage doch in der Medizin auch nicht eine Operationsmethode vor, bei der bislang alle gestorben sind. Bevor nicht die neue Therapie nachweislich besser ist als das Alte, was wir schon haben, würden wir niemals fünf Milliarden für die neue Therapie ausgeben. Genau das schlägt Frau Wanka gerade vor.“

Studien, welche entweder eine Verschlechterung von Lernen und Hirnleistung durch den Einsatz digitaler Medien oder gar keinen Effekt gegenüber analogen Klassenzimmern zeigen, werden beiseite gewischt mit dem unermüdlich wiederholten Argument, dass Kinder und Teenager frühzeitig auf eine zunehmend virtuelle, von Datenverarbeitung, Algorithmen und mobilem Internet geprägte Welt vorberietet werden müßten. Auf den ersten Blick mag dies einleuchtend klingen. Doch bei näherem Hinschauen entpuppt es sich als ein Argument, das in anderen, ähnlichen Zusammenhängen, gerade nichtverwendet wird. Denn sonst müssten Kinder frühzeitig mit dem Wein- und Biertrinken beginnen, mit dem Rauchen usw. anfangen, um für später den vernünftigen, maßvollen Umgang mit Genussmitteln einzuüben; sie müssten schon im Grundschulalter Buchhaltung lernen und Bewerbungsschreiben üben, um im Berufsleben gewappnet zu sein; als Vorbereitung auf automobile Erwachsenenleben müßten sich 8- oder 13-Jährige ans Steuer setzen; sie müssten Aktien kaufen und Konten eröffnen, um später in Finanzdingen nicht hilflos zu sein oder auch frühzeitig miteinander schlafen, um für die erotischen Anforderungen späterer Beziehungen gerüstet zu seien – und sicherlich auch das 1 X 1 des Scheidungsrechts kennenlernen – da die Wahrscheinlichkeit, dies später zu brauchen, sehr hoch ist!

Die Digitalisierung und Fokussierung auf digitale Medien entmachtet und schwächt die Rolle des Lehrers, der zunehmend zum (Be-)Diener von IT degradiert wird. Es stellt sich allerdings die Frage, warum Kinder überhaupt noch in die Schule gehen sollten, wenn Unterricht zunehmend darin besteht, Webseiten anzuklicken und sich durch die Menüs von Lernsoftaware durchzuarbeiten: Wikipedia-Artikel aufrufen kann man auch zu Hause. Tatschlich sind in den irritierend radikalen Big-Data-School-Visionen von Mediengiganten à la Murdoch oder Zuckerberg, die Lankau im 1. Kapitel vorstellt, die Lehrer schon komplett durch den PC oder Lernroboter ersetzt worden. Fritz Breithaupt, Professor für Germanistik an der Indiana University in Bloomington, prophezeit: „2036 werden Eltern schon für ihre 5 Jahre alten Kinder einen virtuellen Lehrer abonnieren. Die Stimme des Computers wird uns durchs Leben begleiten. Vom Kindergarten über Schule und Universität bis zur beruflichen Weiterbildung. Der Computer erkennt, was ein Schüler schon kann, wo er Nachholbedarf hat…“

Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt (Bertelsmann) teilen diese Utopie bzw. Dystopie: „Internet und Big Data verändern das Lernen radikal … In einem riesigen Raum, der sich über ein ganzes Stockwerk erstreckt, lernen etwa 90 Schüler Mathe an wechselnden Stationen. Die einen schauen Videos, die andern nutzen Lernsoftware. Am Ende eines Tages legt jeder Schüler einen kurzen Onlinetest ab. So kann ein Zentralcomputer in Manhattan über Nacht berechnen, welcher Schüler noch nacharbeiten muss.“

Jene idealistischen Lehrer, die an digitalen Pilotschulen wie den im Magazin „Klasse“ beschriebenen sächsischen Gymnasien und Oberschulen mit viel Eifer smarte Tafeln und andere Informatik einrichten und sich bemühen, ihren Schülern zeitgemäßen digitalen Unterricht zu bieten, kennen diese, von der Zerstörung des Lehrberufs träumenden IT- Visionen milliardenschwerer Verleger und Software-Magnaten vermutlich nicht. Die Schule ihrer Visionen weckt Erinnerungen an die berühmteste aller Überwachungs-Utopien. In George Orwells Roman „1984“ heißt es: „Winston drehte an einem Knopf, und die Stimme wurde daraufhin etwas leiser, wenn auch der Wortlaut noch zu verstehen blieb. Der Apparat, ein sogenannter Televisor oder Hörsehschirm, konnte gedämpft werden, doch gab es keine Möglichkeit, ihn völlig abzustellen“.

Doch es sind viele Marktteilnehmer, die mitverdienen wollen am schönen neuen Klassenzimmer und darum die längst nicht mehr nach Science Fiction klingenden Szenarien voranbringen. Im Internet findet sich dazu eine Notiz: „Smart technologies spendiert Berlin 30, Magdeburg 10 und Wiesbaden sogar 50 Boards, das sind jene multimedialen Nachfolger der grünen Kreidetafel, die Schülern seit Jahrhunderten ein Gräuel sind. Ein kluger Schachzug von Smart: Jeder Anwärter der drei Länder lernt umsonst am Whiteboard – beim Unterricht in den Schulen ist's dann nicht mehr gratis.[…] Und sie sind teuer. Eine Tafel kostet bis zu 5.500 Euro.“ Neben der Kommerzialisierung und der Einflußnahme großer Monopole und IT-Firmen auf Unterrichtsgestaltung und Inhalte moniert Lankau die mit Lernsoftware zumeist verbundene Rundum-Überwachung der Schüler durch Sensoren, Datenanalyse und -speicherung, Mikrofone oder gar Kameras. Denn natürlich könne die Daten der Kinder auch wieder zu Geld gemacht werden. Und selbst wenn die Software keinen Rückkanal für den Hersteller beinhaltet, wird gewissermaßen die Privatheit des Schulheftes innerhalb des Klassenverbandes aufgehoben. In bezug auf o. g. Marketing mit smarten whiteboards heißt es im Internet: „Über ein Whiteboard lässt sich der intelligente Hefteintrag eines Schülers (in Textbook, Tablet oder Smartphone) sofort für alle Klassenkameraden sichtbar machen“.

Nun kann man sich vorstellen, was eine solche Transparenz gerade für schlechte Schüler bedeutet, die sich mehr als zuvor dem Spott der Mitschüler über fehlerhafte Eintragungen und Hausaufgaben ausgesetzt sehen. Der Schriftsteller Ilja Trojanow konstatierte 2014 beim Dresdner Theaterfestival mit dem Motto „Das 20 Jh. gesehen durch die Augen der Geheimdienste“, dass „Denken einen geschützten, nicht überwachten Raum benötigt, um sich überhaupt entfalten zu können.“ Soll dieser Raum immer weiter beschnitten werden? Schon heute werden selbst in manchen analogen Klassenzimmern Kinder überwacht. Erst vor kurzem, im Herbst 2017, schlug der Datenschutzbeauftragte von Sachsen-Anhalt, Harald von Bose, Alarm. In der Mitteldeutschen Zeitung vom 22. 9.17 kritisierte er scharf, dass in immer mehr Schulen Kameras installiert würden, obwohl dies meistens rechtswidrig sei. Kinder und Jugendliche, stellte er klar, haben einen Rechtsanspruch darauf, in Schule und Klassenzimmer unbeobachtet zu sein, nicht gefilmt zu werden.

Fazit

Das Buch von Lankau bietet auf 200 Seiten einen prägnanten, inspirierenden und gut lesbaren Einstieg in das Problemfeld digitalisierte Bildung. Er wartet nicht mit der Fülle an empirischem Material zu Lern- und Gesundheitseffekten digitaler Bildung auf, wie der Mediziner Spitzer es tut. Dafür stellt Lankau als Pädagoge stärker pädagogische Bildungskonzepte in den Vordergrund. Lernen, macht Lankau klar, ist ein sozialer Prozess, der im Dialog zwischen Lehrer und Schülern stattfindet: „Lernen ist an die eigene Sinnlichkeit (aistesis) gebunden, zugleich an Reaktionen eines direkten Gegenübers“. Er deckt kommerzielle Interessen auf, die hinter dem Digitalpakt stehen, u.a. den Einfluss von Bertelsmann auf deutsche und europäische Bildungspolitik.

Lankau will Eltern und Schülern Mut machen, auf ihre Rechte zu pochen. Nach aktuellem Rechtsstand müssen Eltern nämlich einwilligen, ob ihre Kinder im Unterricht digitale Medien nutzen dürfen. So kann theoretisch niemand, der bzw. dessen Eltern digitalen Unterricht ablehnt, dazu gezwungen werden. Auch benennt er Alternativen, wie Unterricht an digitalen Medien ohne Einflussnahme und Datenabschöpfung kommerzieller Anbieter möglich ist: durch Nutzung von nicht- kommerziellen Open-Source-Programmen z.B.. Programmieren, lernen können Teenager auch, wenn der PC offline geschaltet ist, und für die Kommunikation zwischen Schülern und Schulen bietet sich ein geschütztes Intranet an.

Lankaus Buch ist interessant geschrieben und wird, da es Position bezieht, polarisieren. Besonders informativ ist es da, wo es die Visionen von Murdoch und andere digitaler Vorkämpfer beschreibt. Sie befürworten eine Schule, in der jeder Schüler weitgehend ohne direkten menschlichen Kontakt vorm PC hockt. Kann das zum Wohle der jungen Generation sein? Lankau bezweifelt das. „Im Endergebnis“, meint er, „richtet man Kinder ab, das zu tun, was eine Computerstimme ihnen sagt“.


Rezensentin
Anna Winter
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Zitiervorschlag
Anna Winter. Rezension vom 12.06.2018 zu: Ralf Lankau: Kein Mensch lernt digital. Über den sinnvollen Einsatz neuer Medien im Unterricht. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-25761-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23763.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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