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Olivier Roy: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" (Dschihad)

Cover Olivier Roy: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod". Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors. Siedler Verlag (München) 2017. 172 Seiten. ISBN 978-3-8275-0098-4. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Im Zentrum der Publikation von Olivier Roy steht die These, dass es sich beim Thema dschihadistischer Terrorismus nicht um eine Radikalisierung des Islamismus handelt, sondern um die Islamisierung der Radikalität. Damit stellt er sich gegen eine Position, die die Wurzeln des islamischen Terrorismus vor allem in der mangelnden kulturellen Integration muslimischer Einwanderer sehen. Der Autor geht der Frage nach, weshalb sich der dschihadistische Terrorismus mit dem Todeswunsch der Attentäter verbindet, lassen sie sich doch – im Unterschied zu anderen Formen des Terrorismus – meist selber in die Luft sprengen oder von der Polizei erschiessen. Die Ursachen des dschihadistischen Extremismus analysiert Roy anhand einer Datenbasis von rund hundert Personen, welche in Frankreich zwischen 1994 und 2016 in terroristische Aktivitäten involviert waren. Diese Überlegungen zu Formen dschihadistischen Terrorismus werden vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen in westlichen Staaten aber auch in Bezug auf ethnografische Beobachtungen in muslimischen Ländern angestellt, indem Roy aufgrund seiner langjährigen Expertentätigkeit in der Region einen differenzierten und reichhaltigen Einblick in die Entstehungszusammenhänge liefert.

Das handliche Buch richtet sich an ein breites Publikum, welches sich für soziologische und ethnografische Hintergrundanalysen interessiert, und neue Aspekte dschihadistischen Terrorismus kennen lernen möchte. Es eignet sich sowohl für ein akademisches Publikum als auch für Fachleute aus der Praxis, welche im Sicherheits-, Bildungsbereich oder in der Jugendarbeit mit der Thematik konfrontiert sind.

Autor

Der Autor Olivier Roy ist Professor am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und ist auch Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Frankreich. Er gilt als Experte in den Themen Islamismus und Terrorismus und ist mit seiner These der umgekehrten Verknüpfung von Religion und Radikalität in den letzten Jahren auch in den Medien verschiedentlich in Erscheinung getreten.

Aufbau

Die Publikation gliedert sich in vier Teile und eine Conclusio, welche folgende Themen behandeln:

  1. Dschihadismus und Terrorismus und dessen Verbindung mit dem Todeswunsch
  2. Datenbasis und Profile dschihadistischer Extremisten
  3. Die Islamisierung der Radikalität und die Bedeutung des Imaginären
  4. Die Evolution des IS und seine Wurzeln in Al-Qaida

Die Conclusio unter dem Titel «Warten auf al Godot» stellt die Bewirtschaftung der Angst vor dem Islam in westlichen Gesellschaften bzw. Angstszenarien, Angst vor Implosion oder Bürgerkrieg durch kulturelle und soziale Polarisierung mit muslimischen Extremisten in den Fokus.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Die Publikation, welche in der Originalausgabe in Französisch unter dem Titel «Le djihad et la mort» 2016 erschienen ist, dreht sich um die Frage, weshalb sich der dschihadistische Terrorismus – im Gegensatz zu anderen Extremismusformen – mit Todeswünschen verknüpft ist. Roy analysiert das Phänomen ausgehend vom Anarchismus der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert und des linksextremistischen Terrorismus der 1970er Jahre in Deutschland und Italien, wo er Gemeinsamkeiten im Bruch mit der herrschenden Ordnung und der Elterngeneration sieht. Er bezieht sich bei seinen Überlegungen auf die Lebensläufe und die Radikalisierungsverläufe von rund hundert Personen, welche zwischen 1994–2016 in terroristische Aktivitäten in Zusammenhang mit islamistischem Extremismus in Frankreich involviert waren.

Mit dieser Datenbasis, welche seinen Analysen zugrunde liegt, arbeitet er die Gemeinsamkeiten heraus, wie etwa, dass es sich bei den Betroffenen fast ausschliesslich um die Zweite Einwanderungsgeneration aus meist maghrebinischen Herkunftsländern handelt, welche als ‚born again muslims‘ (Neu- oder Wiederbekehrte) zuvor in der Regel ein profanes Leben geführt hatten (Alkoholkonsum, Kleinkriminalität). Später radikalisierten sie sich meist in kleinen Gruppen, wobei sich die Netzwerke oft aus früheren Freundschaftsbeziehungen, Familie – er konstatiert überdurchschnittlich viele Brüderpaare, die gemeinsam in den Dschihad ziehen –, aber auch Beziehungen aus Gefängnissen, wo viele nachmalige Dschihadisten als verurteilte Kleinkriminelle einsassen,– muslimische Organisationen spielten dabei gar keine oder eine untergeordnete Rolle. So spielte sich auch die (Re)Konversion meistens innerhalb der Freundesgruppe oder durch das Internet und nicht in Moscheen ab (Roy, 2016, S. 56).

Analog dazu vertritt Roy auch die These bzgl. Prävention und Intervention, „dass eine Reform des Islams das Ausmass des Radikalismus nicht beeinflussen könne, da die Radikalen «nicht die religiösen Texte falsch verstehen, sondern Aufständische seien, die sich zuerst für die Radikalität entscheiden und diese danach mit einem islamistischem Paradigma verbinden»“ (ebd., S. 146). Zum IS stossen nach seiner Meinung Todessehnsüchtige und Psychopathen, welche ihrer Verzweiflung mithilfe des IS-Szenarios eine weltumspannende Dimension und Bedeutung geben wollen. (vgl. ebd., S. 17). Über diese individuelle, psychologische Perspektive hinaus, analysiert er auch die soziologische und geopolitische, indem er die strategische Neuordnung im Nahen Osten sowie die Neuformation der muslimischen Religionen im Kontext von Globalisierung und Säkularisierung sowie die demographischen Veränderungen thematisiert.

In der Conclusio «Warten auf al Godot» geht es um die Angst westlicher Gesellschaften vor dem Islam, wo Roy postuliert, dass der IS die Schwächen, die wir uns selbst zuschreiben, ans Licht bringe (vgl. S. 142). Die Gefahr eines Bürgerkriegs schätzt er als gering ein, da der IS keine Massen zu mobilisieren vermöge und in erster Linie Randgestalten an sich ziehe. Das Gefühl der Ungerechtigkeit, das viele Muslime umtreibt, hält er für unzureichend ausformuliert, als dass es für eine strategische, an realen politischen Zielen orientierte Militanz ausreichte. Er deutet den IS als Wahn, welchen Phantasten eines Bürgerkriegs im Westen heraufbeschwören möchten, was jedoch ohne Fundament sei.

Diskussion und Fazit

Diese Publikation leistet einen relevanten Beitrag zu einem hochaktuellen Thema und (ist) bietet sachkundigen Lesenden informative Einblicke und interessante psychologische, kriminologische, soziologische und ethnografische Analysen, welche die Entstehungszusammenhänge und Kontextfaktoren dschihadistischen Extremismus beleuchten. Dabei verweist Roy vor allem auf die psychologische Dimension und stellt sich gegen die Position, welche die Wurzeln der Radikalität vor allem in der mangelnden kulturellen Integration muslimischer Einwanderer sehen. Streckenweise wirkt der Text etwas schnell geschrieben und die Analyse der Täterprofile entbehrt (etwas) der empirischen Fundierung, da ausser der Angabe zur Grösse des Samples keine weiteren Angaben zur Datenlage gemacht werden (können). Auch wird nicht klar, wie sein Zugang zur Datenbasis war, wie viele Informationen daraus ablesbar waren und wie er sie aufgewertet hat, wodurch die Publikation etwas «journalistisch» aufbereitet wirkt. Auch mag der Vergleich mit bewaffneten linken Gruppen der 68er Generation in Deutschland und Italien, denen es – zumindest zu Beginn – um die Absetzung der immer noch in Amt und Würde stehenden Nazis und Faschisten auf hohen Richter- oder Beamtenposten ging, nicht zu überzeugen.

Die Publikation gewinnt hingegen in den nachvollziehbar dargestellten und analytisch scharfsinnigen ethnografischen Ausführungen, welche auf seinem grossen Erfahrungswissen aus dem arabisch-asiatischem Raum fussen, an Tiefe.

Fazit: Eine informative Publikation mit pointierten Thesen und interessanten, wichtigen Hintergrundinformationen zur aktuellen Thematik des dschihadistischen Extremismus, welche diesen und seine Entstehungszusammenhänge um wesentliche Aspekte bereichern.


Rezensentin
Dr. Miryam Eser Davolio
Dozentin am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), forscht und lehrt in den Themenbereichen Extremismus und Jugendgewalt, Migration und Integration sowie zu Fragen der Sozialen Arbeit.
Homepage www.sozialearbeit.zhaw.ch
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Zitiervorschlag
Miryam Eser Davolio. Rezension vom 21.09.2018 zu: Olivier Roy: "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod". Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors. Siedler Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-8275-0098-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23764.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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