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Heinz Kipp, Annette Richter u.a. (Hrsg.): Adoleszenz in schwierigen Zeiten

Cover Heinz Kipp, Annette Richter, Elke Rosenstock-Heinz (Hrsg.): Adoleszenz in schwierigen Zeiten. Wie Jugendliche Geborgenheit und Orientierung finden. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. 220 Seiten. ISBN 978-3-8379-2700-9. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
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Herausgeber und Herausgeberinnen

Heinz Kipp ist Geschäftsführer bei HLP BildungsManagement, zuvor arbeitete er als Lehrer, Pädagogischer Leiter einer Gesamtschule, Schulaufsichtsbeamter und Leiter des Staatlichen Schulamtes in Gießen.

Annette Richter ist seit 2006 Schulleiterin der Weidigschule Butzbach. Zuvor arbeitete sie als Lehrerin an der Liebigschule Gießen und als Schulaufsichtsbeamtin am Staatlichen Schulamt Gießen/Vogelsberg.

Elke Rosenstock-Heinz ist Gleichstellungsbeauftragte im Staatlichen Schulamt Gießen/Vogelsberg, niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Herborn, Psychoanalytische Paar-, Familien- und Sozialtherapeutin sowie Dozentin am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Gießen.

Entstehungshintergrund

Zwei Vortragsreihen von 2014 und 2015 unter dem Titel „Leben lernen“ sind die Grundlagen für die Beiträge dieses Buches. Diese Vortragsreihen waren ein Kooperationsprojekt des Staatlichen Schulamtes Gießen, der Liebigschule Gießen sowie des Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie Gießen e.V., deren positive Resonanz schließlich des Anstoß für das Buch gaben.

Aufbau und Inhalt

Der erste Beitrag ist von Christine Uhlmann. Unter der Überschrift „Wie tickt die Jugend?“ stellt sie die sieben SINUS-Lebenswelten Studie u18 vor. Die Schlagworte für verändertes Aufwachsen und Sozialisation seien hier noch mal genannt:

  • Demografischer Wandel,
  • soziale Disparitäten,
  • Zuwanderung,
  • gewandeltes Generationenverhältnis,
  • ungewisse Zukunft.

Aus allen Studien ergeben sich bestimmte Typologien, wobei die Zuordnung nicht ausschließlich ist, sondern auch eine Parallelität von scheinbar widersprüchlichen Typologien sein kann. Typologisch lassen sich folgende Kategorisierung finden:

  • Die Konservativ-Bürgerlichen – Bodenständigkeit und Tradition
  • Die Sozialökologischen – Sozialkritik und Engagement
  • Die Expeditiven – immer auf der Suche nach Grenzen und neuer Erfahrungen
  • Die Adaptiv-Pragmatischen – Mainstream und Anpassungsbereitschaft
  • Die Experimentalistischen Hedonisten – Leben im Hier und Jetzt
  • Die Materialistischen Hedonisten – Konsum statt Sparsamkeit
  • Die Prekären – nie aufgeben trotz schwerer Startvoraussetzungen

Damit liegen die Ansätze vor, um insbesondere in den Schulen Jugendliche „besser zu verstehen“ und Einblicke in heutige Lebenswelten zu erlangen.

Detlef H. Rost zeigt in seinem Beitrag „Intelligenz-Theorien und Befunde von der Wiege bis zur Bahre“ (Kapitel 2) die Bandbreite der Diskussion zum Thema Intelligenz auf, geht auf die Geschichte ein und stellt heutige Befunde dar. Er beginnt mit Definitionen und Konstruktklärungen, wobei letzteres besonders wichtig ist, denn „Intelligenz ist nämlich kein direkt beobachtetes Phänomen, sonder ein Konstrukt (‚Kompetenz‘), auf das anhand von Indikatoren (das sind in der Regel die Aufgaben von Intelligenztests) geschlossen wird“ (S. 22). Er geht dann auf den IQ ein und skizziert Theorien zur Intelligenz. Zur Relevanz von Intelligenz geht er auf Studien ein und auf Zusammenhänge von Intelligenz und spätere berufliche und gesellschaftliche Stellung und einiges mehr. Schließlich spricht er Geschlechtsunterschiede an und geht auf Verhaltensgenetik ein. Zum Schluss geht er auf Konstanz und Veränderlichkeit von Intelligenz ein und zeigt auf, dass der Intelligenzquotient das stabilste psychologische Persönlichkeitsmerkmal überhaupt ist (vgl. S. 47).

Wenn heute von Schule (und Leistung) die Rede ist, kommt man unweigerlich auf Pisa. Inken Seifert-Karb hat ihren Beitrag (Kapitel 3) vieldeutig mit Beziehungs- Weise- Lernen- Lassen überschrieben. Sie kritisiert, dass Kinder mehr oder weniger zur Leistung erzogen werden (sollen), wobei an die Kita schon der Anspruch gestellt wird, eine weitreichende Verhaltensvoraussetzung für die Schule zu sein. Sie plädiert für „Kuschelpädagogik“ (S. 57) und meint damit qualitative Beziehungen von (Klein-) Kindern zu Erwachsenen – sowohl im Elternhaus als auch in der Krippe/ Kita, die wiederum „die wichtigste Weichenstellung für das Ge- oder Misslingen späterer Bildungsprozesse ausmachen“ (S. 57). Zwei ausführliche Kasuistiken machen deutlich, wie sich die Problematik in der Praxis darstellt und wie bereits hier die Voraussetzungen für (erfolgreiches) Lernen gestellt werden. Theoretisch weist sie anhand der Triangulationsforschung nach, dass auch sichere Bindungen jenseits des Elternhauses möglich und notwendig sind, was aber an verschiedene Voraussetzungen geknüpft ist. Alleine ein erhöhter Personalschlüssel wird situativ kaum etwas ändern. Sie schließt mit einem Plädoyer für mehr Gelassenheit gegenüber dem Aufwachsen von Kindern und benennt Wohlbefinden als eine Zielgröße von Schule – dann kann sich Leistung ohne starke Normierung entfalten.

In einem relativ kurzen Aufsatz (7 Seiten Umfang, Kapitel 4) fragt Max Fuchs unter der Überschrift „Besser lernen, aber wie?“ nach den Chancen des Ästhetischen im Bildungsprozess. Er plädiert für ästhetische Bildung als Sinneserfahrung zur Herausbildung von Persönlichkeit und wehrt sich damit gegen eindimensionale Menschenbilder. Auch hier geht es um das „Well-being“ (S. 87) in der Schule als Voraussetzung für besseres Lernen.

Schule stellt sich heute als ein überwiegend schwieriges Terrain dar, was am Leistungsdruck, an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, veränderten Lebenslagen und psychosozialen Problemen diverser Art liegt. Gabriele R. Winter und Horst Gerhard skizzieren in ihrem Beitrag, wie „Psychosoziale Beratung in der Schule“ (Kapitel 5) funktionieren kann und beziehen sich dabei auf ein existierendes Kooperationsmodell. Psychosoziale Beratung lässt ahnen, dass es um ein großes Spektrum geht – sowohl von Personen als auch Themen. Es muss geklärt werden, wer als Berater tätig ist (z.B. kann es auch Paar-Beratung sein) und wer beraten wird. „Nur wenn Lehrer, Schüler und Eltern ein ‚Wissen‘ darüber haben oder erlangen, das es psychologische Probleme und seelische Konflikte auch an der eigenen Schule gibt, wird die Etablierung von Beratungsangeboten überhaupt erworben werden. Beratung erfordert immer die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstreflexion der eigenen Einstellung, der eigenen Haltung etc. als wichtige Grundlage von Beziehungsarbeit“ (S. 91). Dazu bedarf es einer spezifischen Kultur, die von den Autoren am Ende ihres Beitrages stichwortartig umrissen wird.

Burkhard Brosig wendet sich in seinem kurzen Beitrag (8 Seiten, Kapitel 6) der Kohorte 1995-2010 zu und schlägt statt Generation Z die Typologie „Subway Generation“ vor, die sich durch Folgendes charakterisiert:

  1. (Pseudo-)Individualisierung
  2. Digitalisierung
  3. Mediatisierung
  4. Globalisierung
  5. Beschleunigung

An dem Untertitel des Aufsatzes wird die eigentliche Problematik deutlich: „Jugendliche zwischen globalem Stress und Selbstverwirklichung“. Dieses stellt er anhand von zwei Kasuistiken genauer dar und erläutert die Problematik. „Insgesamt zeigen sich in der Zusammenschau der theoretischen Überlegungen zur Subway-Generation und auf dem Hintergrund der beschriebenen Familientherapien, das diese Generation durch eine Beschleunigung von kulturellen Wandlungen und gesellschaftlichen Prozessen charakterisiert ist, in denen Reifung und Identitätsbildung im Kontext von medialer Selbstdarstellung und globaler Konkurrenz vollzogen werden“ (S. 119).

Im Laufe dieser Rezension deutet sich das Thema „Familie und Schule“ schon einige Male an. Joseph Kleinschnittger geht explizit darauf ein und fragt: „was brauchen sie voneinander?“. Dazu geht er erst auf das System Schule ein und kritisiert am Beispiel ADHS und weiterer, ähnlicher Diagnosen die Pathologisierung von Verhalten sowie die Reaktion darauf durch psychopharmakologische Behandlungen. Seine umfassende Diagnosen zum Zeitgeist und dem Druck, der daraus resultiert, münden in der Frage, „wie können wir, wie kann Schule, wie kann Familie den beschriebenen Entwicklungen mit ihren destruktiven Wirkungen zum eigenem und zum Wolle der Kinder begegnen?“(S. 139). Seine Antwort dazu sind Familienzentren, an dem Schulen mitwirken und umkehrt (vgl. S142 ff.). Dazu bedarf es natürlich einer Kultur der Gegenseitigkeit und des Miteinanders. „Miteinander Verantwortung übernehmen (Hervorhebung im Original) ist die Antwort auf die Frage: ‚Was brauchen Familien und Schulen heute voneinander?‘“. „Ein Armutszeugnis wäre es, wenn dies an der Frage scheitert, wer auf den anderen zugeht“(S. 144).

Im letzten Beitrag des Buches bricht Reinhard Winter eine Lanze für eine Personengruppe, die im Kontext von Gender etwas vergessen wurde und der sonst auch eher das Problematische anhaftet: „Was brauchen Jungen?“. Ausgehend von der Skizzierung, was es heute heißt, Junge zu sein und Mann zu werden greift er Themen wie Rolle und Selbstdarstellung, Körper und Körperlichkeit, Sozialisation, Impulsivität und Aggressivität auf. Seine Ausführungen sind ein Zeichen dafür, dass die Genderdebatten an manchen Stellen falsch gelaufen sind (vgl.S173). Seine Forderung ist, dass es auch einen Jungenspezifischen Blick geben muss, die ihnen beim Heranwachsen angemessen Unterstützung leistet.

Diskussion und Fazit

Die Beiträge stammen aus zwei Vortragsreihen unter dem Titel „Leben lernen“ aus 2014 und 2015. Erwartbar wäre eine Zusammenstellung von ausgewählten Beiträgen, wo häufig der Bezug miteinander nicht immer erkennbar ist. Hier setzen die Herausgeber gezielt gegen und haben Beiträge ausgewählt, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit (Sprache, Argumentation, Wissenschaftlichkeit, Umfang) in einer großen gemeinsamen Klammer erkennbar sind und sich trotzdem nicht wiederholen – das ist toll gelungen. Wenig überraschend sind die Aussagen in den Beiträgen, die Antwort auf dem Untertitel des Buches („Wie Jugendliche Geborgenheit und Organisierung finden“) geben: ernst nehmen, neue Beziehungskultur(en), Miteinander, verbesserte Rahmenbedingungen etc.

Da bleibt dieses Buch (und viele andere auch) auf der plakativen Ebene, denn es ist ja machbar (in weiteren Teilen), wenn politisch und gesellschaftlich der Wille dazu da ist. Die Notwendigkeit ist in diesem Buch gut beschreiben und spätestens die Kasuistiken verdeutlichen beispielhaft, welche (Spät-) Folgen zu bewältigen sind.

Hinter oder durch viele Beiträge schimmert der Geist und das Vermächtnis Horst-Eberhard Richters (Gießen!) durch, der bereits 1979 die Problematik auf den Punkt brachte: „Unser gesamtes Lebensmilieu verändert sich in ein nach ökonomischen Zwecksmäßigkeit geregeltes technisches System, das Menschen braucht, die dann reibungslos mitfunktionieren, nicht solche Menschen, denen die Qualität ihres Zusammenlebens und ihr persönliches Befinden vorrangig wichtig sind“ (Richter, 1979, unveröffentlichtes Manuskript) (S. 125). Es ist gut und richtig, an seine Arbeiten bzw. die Untersuchung und Fortführung deren erinnert zu werden. Gleichwohl ist deutlich geworden, dass es ein reibungsloses Mit Funktionieren nicht geben wird und kann – aber das muss einer ökonomisch-monetär organisierten Obrigkeit noch so nahe gebracht werden, dass tatsächlich eine Kultur der Veränderung eintritt.

Das Buch zeigt Notwendigkeit dazu auf. Aufgrund der guten thematischen Klammer ist es für Lehrer wie Jugendsozialarbeiter gleichermaßen gut geeignet. Eine Frage bleibt zum Schluss: warum gab es keinen Beitrag zu Mädchen/jungen Frauen?


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 27.04.2018 zu: Heinz Kipp, Annette Richter, Elke Rosenstock-Heinz (Hrsg.): Adoleszenz in schwierigen Zeiten. Wie Jugendliche Geborgenheit und Orientierung finden. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. ISBN 978-3-8379-2700-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23769.php, Datum des Zugriffs 23.05.2018.


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