socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hans-Dieter Nolting, Bernd Deckenbach u.a. (Hrsg.): Versorgungsreport Multimorbidität im Alter

Cover Hans-Dieter Nolting, Bernd Deckenbach, Thorsten Tisch (Hrsg.): Versorgungsreport Multimorbidität im Alter. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 195 Seiten. ISBN 978-3-86216-384-7. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR.

Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, Band 20.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der vorliegende Versorgungsreport der DAK Gesundheit widmet sich der Thematik Multimorbidität im Alter. Den Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels entsprechend stellt sich für eine gesetzliche Krankenkasse die Frage, ob und wie ältere Menschen dabei unterstützt werden können, Gesundheit solange wie möglich aufrecht zu erhalten und frei von Beeinträchtigungen zu leben. Die Auswertung von Kassendaten zeigt, dass die Inanspruchnahme von Leistungen insbesondere von älteren Menschen mit dem Symptomkomplex „Frailty“ höher ist. Gleichwohl konstatieren die Autoren, dass in Deutschland noch keine etablierten Versorgungskonzepte zur adäquaten Versorgung von Frailty vorliegen.

Inhalt dieses Buches ist die Entwicklung und Erprobung einer Versorgungsmaßnahme zur Frühintervention von Frailty. Im Fokus steht die Frage, ob ein entsprechendes Versorgungskonzept die Frailty-Krankheitslast in der Bevölkerungsgruppe 65 bis 89 Jahre reduzieren kann. Zur Analyse dieser Frage wurde „Generalized Cost-Effectiveness Analysis (GCEA)“ als Methode zugrunde gelegt.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Der Publikation ist eine komprimierte und sehr aussagefähige Zusammenfassung vorangestellt. Diese kann für sich alleine stehen, um Ziel, Anliegen und Fragestellung sowie Ergebnisse nachvollziehen zu können.

Die sehr differenzierte Einleitung bildet Kapitel 1, in dem Ziele des Versorgungsreportes der DAK, aber auch Themen der demografischen Entwicklung, der Entwicklung von Multimorbidität, der Definition und Darstellung von Frailty etc. vorgestellt werden. Das Unterkapitel zu Frailty erscheint als sehr gut gelungen, da das Syndrom in seinen noch nicht gänzlich geklärten möglichen Ursachen und Verläufen, der Erfassung und Messung und Prävalenz sehr verständlich, aber auch komprimiert erläutert ist.

Kapitel 2 widmet sich der deskriptiven Darstellung der geriatrietypischen Multimorbidität und Frailty auf der Grundlage der Daten der DAK Gesundheit. Aus diesen können interessante Erkenntnisse gewonnen werden, bspw., dass Personen mit geriatrischer Multimorbidität höhere Werte in Bezug auf stationäre Behandlungen aufweisen und die stationären Kosten durchschnittlich höher sind. Auch ist erkennbar, dass Personen mit Frailty-Syndrom stationäre Leistungen in einem höheren Maße in Anspruch nehmen.

In Kapitel 3 wird das Versorgungskonzept dargestellt. Es basiert auf der Auswertung der internationalen Forschungs- und Literaturlage. Auf dieser Grundlage werden die Intervention, die Zielgruppe, das Setting und die Maßnahmen definiert und anschaulich dargestellt.

In Kapitel 4 schließt sich die ausführliche Explikation des methodischen Designs der Studie an.

Kapitel 5 bildet das vorletzte Kapitel dieser Publikation mit der Darstellung der Ergebnisse. Demnach zeigen sich durch die Anwendung des Frailty-Versorgungskonzeptes Wirkungen auf die Frailty-Prävalenz und Pflegeinzidenz. Es ist eine Verringerung der Sterblichkeit wie auch der Pflegebedürftigkeit im Vergleich zur herkömmlichen Versorgung zu erkennen. Mit anderen Worten, der Eintritt der Pflegebedürftigkeit bzw. die Verschlimmerung der Pflegebedürftigkeit kann offensichtlich bei Menschen mit Frailty durch die Anwendung dieser Versorgungsmaßnahme verhindert werden. Auch ist eine Verringerung der Krankheitslast zu erkennen.

Die Arbeit schließt mit einer ausführlichen Diskussion in Kapitel 6 ab, in dem auch die Limitationen der Studie dargestellt werden.

Fazit

Die vorliegende Publikation wendet sich dem in Deutschland noch nicht ausreichend erforschten Frailty-Syndrom zu. Neben der Frage der Wirksamkeit eines auf Evidenz basierenden Versorgungskonzeptes, das im Setting der ambulant hausärztlichen Versorgung ansetzt, gewinnt die Publikation durch die sehr lesbare Darstellung der Grundlagen zur demografischen und gesundheitlichen Entwicklung einer alternden Gesellschaft, zum Frailty-Syndrom und zur Vorstellung sowie Diskussion der Ergebnisse der Studie. Die Resultate offenbaren, dass ein hohes präventives Potenzial in diesem neu entwickelten Konzept liegt, das Pflegebedürftigkeit und Krankheitslast reduzieren kann. Ökonomische Wirkungen zeigen sich demzufolge sowohl für die gesetzlichen Krankenkassen wie auch für die soziale Pflegeversicherung. Die Studie zeichnet sich durch eine hohe methodische Kenntnis der Autoren aus.

Deutlich wird auch, dass die wohnortnahe Versorgung bzw. das primäre Versorgungssetting ein hohes präventives Potenzial für geriatrische Patientinnen und Patienten hat, das derzeit noch nicht ausreichend in der Leistungserbringung berücksichtigt wird. Die Gründe können unter anderem in der Dominanz der stationären Krankenhausversorgung in Deutschland liegen, aber auch in der Vernachlässigung von interdisziplinären Versorgungskonzepten in der primären gesundheitlichen Versorgung. Die sektorale, aber auch berufsgruppentrennende Versorgung, die durch die Sozialgesetzbücher (insbesondere SGB V und SGB XI) determiniert ist, verhindern ein präventives und umfassendes Versorgungsangebot für niederschwellige und berufsgruppenübergreifende sowie wohnortnahe Versorgungskonzepte in Deutschland.


Rezensentin
Prof. Dr. rer.medic. Martina Hasseler
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/pws/hasseler/index.html
E-Mail Mailformular


Alle 23 Rezensionen von Martina Hasseler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Martina Hasseler. Rezension vom 12.07.2018 zu: Hans-Dieter Nolting, Bernd Deckenbach, Thorsten Tisch (Hrsg.): Versorgungsreport Multimorbidität im Alter. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-86216-384-7. Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, Band 20. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23772.php, Datum des Zugriffs 19.09.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!