socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Carsten Bender, Marion Schnurnberger: Zwischen Sehen und Nicht-Sehen (Sehbeein­trächtigung im Alter)

Cover Carsten Bender, Marion Schnurnberger: Zwischen Sehen und Nicht-Sehen. Eine wahrnehmungs- und lebensweltanalytische Ethnographie zur Situation von Menschen mit Sehbeeinträchtigung im Alter. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 244 Seiten. ISBN 978-3-7799-3745-6. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Im Rahmen der Reihe Randgebiete des Sozialen wird eine Dissertation vorgelegt, deren doch sehr spezieller Titel die Frage aufwirft, warum man sie lesen soll. Dass Sehen und Erkennen immer eingebunden sind in psychosoziale Vorgänge, ist allgemein bekannt. Tatsächlich untersuchen Bender und Schnurnberger, wie sich die medizinisch als Sehverlust beschriebene Sehveränderung nun im Erleben der Betroffenen darstellt, welche Auswirkungen dies wiederum bezüglich der Lebenswelt und des Sozialen hat bzw. welche Interdependenzen bedeutsam werden. Hierzu nutzen sie qualitative Interviews und entwickeln in Auseinandersetzung mit dem Lebenswelt-Ansatz nach Alfred Schütz und dem wahrnehmungstheoretischen Ansatz von Melchior Palágyi (1859 - 1924) zur virtuellen Bewegung eine Typologie des Erlebens und des Umgangs mit der Sehveränderung, die zum besseren Verstehen und der Entwicklung angemessener Unterstützung hilfreich sein könnte.

Autor und Autorin

Autor wie Autorin sind in ergänzender Weise als SozialwissenschaftlerIn qualifiziert. Bender ist zudem selber von einer Sehverlusterfahrung betroffen.

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis mit sieben Kapiteln.

Inhalt

Nach einem Begleitwort der MitherausgeberInnen der Reihe Renate Walthes und Ronald Hitzler gliedert sich die Veröffentlichung in:

1. Einführung

2. Perspektiven zur Erforschung der Situation von Menschen mit Sehbeeinträchtigung im Alter. Dieses Kapitel fasst den Kenntnisstand aus psychogerontologischer und lebensweltlicher Perspektive zusammen. Psychogerontologische „…Forschung zu Sehbeeinträchtigung im Alter basiert auf einem oculo-zentrierten Verständnis von Sehen und Sehveränderung…“, welches die „Ebene des Auges und seiner Fähigkeit der Bildprojektion“ sowie die „..Ebene der visuellen Informationsverarbeitung auf der Retina und den so genannten vorderen oder anteriorischen Sehbahnen“ berücksichtigt (S. 25). Es werden die zentralen Befunde zusammengefasst. Weitere Ebenen der visuellen Informationsverarbeitung, des Gedächtnisses und des Wiedererkennens und der verkörperten Kognition (Einteilung nach Walthes) seien bisher nicht beforscht worden. Unberücksichtigt blieben bisher auch die früheren visuellen Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen in ihrer Bedeutung für die aktuelle Wahrnehmungssituation. Im Bereich der Rehabilitationswissenschaften habe eine differenzierte Beschäftigung mit im Alter erworbenen (Seh-)Beeinträchtigungen bisher nicht stattgefunden. Hier biete sich der lebenswelttheoretische Ansatz auch unter dem Teilhabe-Aspekt an.

3. Wahrnehmungs- und Wirklichkeitskonstruktionen bei Sehbeeinträchtigung im Alter. Hierunter wird ein verstehender Zugang theoretisch fundiert, indem eine kompakte Zusammenfassung des Lebenswelt-Ansatzes nach Alfred Schütz und des wahrnehmungstheoretischen Ansatzes von Melchior Palágyi zur virtuellen Bewegung gegeben wird.

4. Studiendesign. Bender und Schnurnberger benennen als zentrales Interesse die „Rekonstruktion der subjektiven (visuellen) Wahrnehmungserfahrung von Menschen mit Sehverlusterfahrung, um so zumindest näherungsweise zu verstehen, wie die Welt unter dieser ‚typischen‘ Perspektive erscheint (vgl. Honer 1989, S. 297).“ (S. 96) Die Zielgruppe sind alte Menschen, die auf Grund einer das Auge betreffenden Erkrankung Sehverlust erleben. Die Daten wurden in einem mehrstufigen Prozess generiert, in den eigene (Seh-) Wahrnehmungen und explorative Interviews eingeflossen sind. Die Datenauswertung wird schrittweise in ihren Analyseschritten dargestellt.

5. Vier typische Fallgeschichten zwischen Sehen und Nicht-Sehen. Dieses Kapitel präsentiert vier Fallgeschichten, die zugleich für die herausgearbeiteten vier Falltypen stehen. Es ist das umfangreichste Kapitel.

6. Vergleichende Analyse der Falltypen. Als bedeutsame Kontextbedingungen haben sich die zeitliche Dynamik des Sehverlustes sowie die räumliche Veränderung der Wohnumwelt erwiesen, die zu sehr unterschiedlichen Veränderungen in den als möglich erachteten Aktivitäten führten (S. 193). Die Strukturen der Wahrnehmungssituation werden unter den Aspekten ihrer Bedingungen, der Konstruktionen der Wahrnehmung und Wirklichkeit und der Bedeutung der Seherinnerung für die visuelle Wahrnehmungssituation bei Sehbeeinträchtigung vergleichend analysiert. Bezüglich der Strukturen der sozialen Erfahrung sind zwei Dimensionen relevant: Vergemeinschaftung vs. Vereinsamung und Grenzen der Erfahrung vs Erfahrung von Grenzen.

7. Soziale Wahrnehmungssituationen zwischen Sehen und Nicht-Sehen. Hier werden noch einmal vielfältige Verbindungen geknüpft z.B. zur Bedeutung der Kommunikation (wie finde ich Wörter für etwas, was ich selbstverständlich vollziehe oder wofür es im üblichen Alltag keine vergleichbare Erfahrungen gibt), welche Auswirkungen haben unterschiedliche Wahrnehmungssituationen auf das soziale Handeln und welche Irritationen können sie bezüglich der Wirklichkeitserfahrung auslösen und schließlich: welche Konsequenzen ergeben sich für die Interventionsplanung, wenn nicht der Sehverlust als solcher diese bestimmt?

Diskussion

Ausgehend von der Zielgruppe Menschen im Alter mit einem ophthalmologisch bedingten Sehverlust differenzieren Bender und Schnurnberger beeindruckend, welche unterschiedlichen Auswirkungen der jeweilige Krankheitsprozess in Abhängigkeit von der Krankheitsdynamik, den weiter bestehenden Seheindrücken einschließlich der inneren Bilder und dem sozialen Umfeld haben können. Daraus ergibt sich für die Rehabilitation, dass die Behandlung der ophthalmologischen Störung notwendig, aber in keiner Weise hinreichend ist. Sie weisen selber darauf hin, dass weitere Untersuchungen Menschen einbeziehen müssen, die auf Grund cerebraler Beeinträchtigungen einen Sehverlust erleiden.

Als aus dem Fachgebiet der Psychiatrie kommend habe ich einen etwas anderen Wahrnehmungsbegriff: bei Wahrnehmung handelt es sich um die „Kenntnisnahme von sinnlichen (‚sinnfälligen‘) Gegebenheiten unserer Welt, der Umwelt und des eigenleiblichen Bereichs“ (Christian Scharfetter 2010, Allgemeine Psychopathologie, S. 184). „Die Gestalt des Wahrgenommenen hat eine situativ und lebensgeschichtlich bestimmte Bedeutung für uns und damit auch eine affektive Resonanz.“ (S. 186) Diese Dimension bleibt hier eher im Hintergrund.

Innere Bilder spielen auch bei psychischen Erkrankungen eine Rolle, sei es als Flash backs bei Traumafolgestörungen, sei es als Fehlwahrnehmungen einzelner Sinnesorgane (als Halluzinationen bezeichnet). Nachzudenken wäre darüber, ob das wahrnehmungstheoretische Modell von Palágyi auch hier zu einem weiterführenden Verstehen gelangen könnte.

Fazit

„Zwischen Sehen und Nicht-Sehen“ bietet

  • einen Überblick über bisherige psychogerontologische, rehabilitationswissenschaftliche und lebensweltbezogene Forschung bis Mitte der 2010er Jahre
  • eine kompakte Zusammenfassung des Lebenswelt-Ansatz nach Alfred Schütz und des wahrnehmungstheoretischen Ansatz von Melchior Palágyi zur virtuellen Bewegung
  • einen transparenten Einblick in das Studiendesign, in dem Daten in einem mehrstufigen Prozess generiert werden, in den eigene (Seh-) Wahrnehmungen und explorative Interviews einfließen, aus dem eine Typologie entwickelt wird
  • eine Typologie, die das Verstehen unterschiedlicher Erlebens- und Umgangsformen mit Sehverlust im Alter erleichtern und neue Ansätze der Rehabilitation anregen kann.

Außerdem führt es zu weiterführenden Fragen.

Kurzum: empfehlenswert.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
E-Mail Mailformular


Alle 25 Rezensionen von Alexa Köhler-Offierski anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 05.09.2018 zu: Carsten Bender, Marion Schnurnberger: Zwischen Sehen und Nicht-Sehen. Eine wahrnehmungs- und lebensweltanalytische Ethnographie zur Situation von Menschen mit Sehbeeinträchtigung im Alter. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3745-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23782.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung