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Anna Sarah Richter: Intersektionalität und Anerkennung

Cover Anna Sarah Richter: Intersektionalität und Anerkennung. Biographische Erzählungen älterer Frauen aus Ostdeutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 388 Seiten. ISBN 978-3-7799-3762-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Alter, Geschlecht oder Ethnizität können als Prädiktoren sozialer Differenz- und Ungleichheitsverhältnisse verstanden werden. Wie sich die soziale Zuweisung der strukturell abgewerteten Positionen auf die konkrete Lebensgestaltung und die Selbstdeutungen älterer Frauen aus Ostdeutschland auswirkt und wie sie sich diese Positionen aneignen, untersucht die qualitative Studie aus intersektionaler Perspektive. Dazu werden eine subjekttheoretische Fundierung und eine anerkennungstheoretische Erweiterung des Konzepts der Intersektionalität vorgenommen.

Autorin

Die Autorin der Publikation ist Dr. Anna Sarah Richter, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Lebenslagen und Altern am Institut für Sozialwesen an der Universität Kassel.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einer Danksagung und einer Einleitung in sieben Kapitel mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

In der „Einleitung“ wird betont, dass sich die Intersektionalität zu einem zentralen Konzept innerhalb der Frauen- und Geschlechterforschung entwickelt hat. Hier gehe es nicht einfach um eine Addition mehrerer Risikofaktoren, sondern um unterschiedliche Ungleichheitskategorien, die sich zu spezifischen Formen der Benachteiligung verbinden können. In der vorliegenden Publikation sollen intersektionalitätstheoretische Ansätze genutzt werden, um das Zusammenwirken von Geschlecht, Alter und ostdeutsche Herkunft als spezifische Differenz- und Ungleichheitsverhältnisse zu betrachten (S. 16). Die Leserschaft, die mit der Publikation erreicht werden soll, wurde nicht benannt.

Kapitel eins „Strukturelle Positionierungen – ostdeutsch, weiblich, alt“ setzt sich zunächst mit dem Prozess der Entwertung Ostdeutschlands in sozialstrukturellen und soziokulturellen Dimensionen auseinander, wodurch Ost- und Westdeutschland in ein binäres und hierarchisches Differenzverhältnis gestellt werden. Es wird auf die ideologische Aufwertung der Arbeit in der ehemaligen DDR zur westlich- dekadenten Konsumkultur im Westen hingewiesen sowie auf die nachholende Modernisierung am Maßstab Westdeutschlands. Fachliche Qualifikationen und ganze Berufsfelder seien einer radikalen Neubewertung ausgesetzt gewesen, die in den meisten Fällen mit einer Entwertung Ostdeutscher einhergingen. Im Folgenden werden die Phasen der Gleichstellungspolitik der DDR und die Rolle des Alters und der Älteren diskutiert (S. 38 bis 54).

Theoretische Perspektiven auf Geschlecht und Alter(n)“ ist der Titel des folgenden Kapitels, das sich mit verschiedenen Ansätzen des Geschlechts, der gesellschaftlichen Konstruktion dieses und der Geschlechterdifferenz beschäftigt, um die Multidimensionalität von Alter und Geschlecht näher bestimmen zu können. Das Geschlechterverhältnis sei als männlich dominiertes Herrschaftsverhältnis zu charakterisieren, die Älteren als politisch und ökonomisch marginalisierte Gruppe (S. 86 ff).

Im dritten Kapitel „Intersektionalität und Anerkennung“ steht die Debatte um die Intersektionalität im Mittelpunkt der Betrachtungen. Dieser in den USA entwickelte Begriff verwendet die Metapher einer Straßenkreuzung, um die Diskriminierungsformen, die sich überkreuzen können, zu diskutieren.

Im nächsten Kapitel „Methodologische Überlegungen und methodisches Vorgehen“ wird ein Perspektivwechsel von Anerkennungsverhältnissen, in denen Subjektpositionen konstituiert würden, hin zu zugewiesenen Positionen im Lebenslauf und Selbstdeutungen sowie zu spezifischen Differenz- und Ungleichheitskonstruktionen der Befragten vollzogen (S. 124 ff). Es wurden qualitative Interviews erzählgeneriert bei ostdeutschen Frauen, die aus der Erwerbsarbeit bereits ausgeschieden waren, den größten Teil ihres Lebens aber in der DDR verbracht haben, durchgeführt.

Kapitel fünf steht unter dem Titel „Narrative Identität und die Aneignung von Subjektpositionen“. Es werden zunächst die verschiedenen Lebensverläufe und -geschichten von vier Frauen dargestellt und anhand von transkribierten Interviewstellen tiefgründig analysiert, um sie dann einzeln entsprechend dem Kategoriensystem zu bewerten.

Im sechsten Kapitel „Raum der Positionierungen“ werden weitere acht, nicht so ausführlich dargestellte Frauen in die Betrachtungen aufgenommen, um sie entsprechend ihrer Selbstpositionierungen vergleichend analysieren zu können. In den folgenden Ausführungen werden Aspekte der Entwertung ostdeutscher Bioraphien, der materiellen Ungleichheit, die als Mangel an Anerkennung interpretiert werden und geschlechtsspezifische Benachteiligungen herausgearbeitet (S. 287 ff).

Mit „Ostdeutsche Herkunft, Geschlecht und Alter aus intersektionaler und anerkennungstheoretischer Perspektive“ ist das siebente und damit letzte Kapitel überschrieben. Hier sollen die soziale Zuweisung strukturell abgewerteter Positionen im höheren Alter bei ostdeutschen Frauen analysiert werden. Es zeige sich, dass ostdeutsche Zugehörigkeit und die folgende Systemtransformation zentral seien und eine übergreifende Identität, geprägt von Erfahrungen der Entwertung biographischer Leistungen, Zuschreibung negative Attribuierungen und die daraus resultierende eingeschränkte soziale Zugehörigkeit zur Folge haben. Sozialstrukturell seien die Effekte nicht so eindeutig – es gäbe Verlierer und Gewinner. Eine übergreifende weibliche Identität und eine des höheren Alters lassen sich dagegen nicht rekonstruieren.

Fazit

Die vorliegende Publikation ist keine, die auf eine breite Leserschaft hoffen kann. Es ist eine tiefgründige theoretische Auseinandersetzung mit unterschiedlichen positionellen und strukturellen Aneignungen ostdeutscher älterer Frauen, deren Ungleichheiten klar rekonstruiert werden und die einen wissenschaftlichen Beitrag zur Erweiterung der Intersektionalitätsforschung leisten. Positiv hervorzuheben ist die durchdachte, tiefgründige und dadurch sehr interessante Analyse der Fallvignetten, die die spezifischen Lebensgeschichten der Zielgruppe narrativ sehr gut nachzeichnen vermögen.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 16.02.2018 zu: Anna Sarah Richter: Intersektionalität und Anerkennung. Biographische Erzählungen älterer Frauen aus Ostdeutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3762-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23783.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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